O-Antiphonen

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Die Verkündigung des Herrn, Meister der Braunschweig-Magdeburger Schule um 1275

O-Antiphonen sind in der katholischen Liturgie seit sehr früher Zeit (mindestens seit dem 7. Jahrhundert) die Antiphonen zum Magnificat in der Vesper der letzten sieben Adventstage vor dem Heiligen Abend, also vom 17. bis 23. Dezember.

Hintergrund[Bearbeiten]

Die O-Antiphonen beginnen jeweils mit einer dem Alten Testament entnommenen bildhaften Anrede des erwarteten Messias preisen sein ersehntes Wirken und münden in den Ruf „Veni!“, „Komm!“. Die Bezeichnung der Antiphonen leitet sich von der Anrufung „O“ her, mit der jede der Antiphonen beginnt.

O Schlüssel Davids
und Zepter des Hauses Israel,
du öffnest und niemand kann schließen,
du schließest und niemand vermag wieder zu öffnen.
Komm, o Herr, und befreie aus dem Kerker die Gefangenen,
die da sitzen in Finsternis
und im Schatten des Todes.

In den Heiligen Messen vom 17. bis 23. Dezember wird seit der letzten Liturgiereform eine verkürzte Fassung der O-Antiphon des jeweiligen Tages als Vers im Ruf vor dem Evangelium gesungen.

Die O-Antiphonen wie auch die Schriftlesungen der letzten Adventswoche bringen in besonderer Weise den freudigen Charakter der Adventszeit zum Ausdruck, die seit ältester Zeit (mit regional unterschiedlichen Akzenten) neben einer Buß- und Fastenzeit auch eine schon weihnachtlich geprägte Zeit der Vorfreude war.

Antiphonen[Bearbeiten]

Die Antiphonen O sapientia, O Adonai und O radix Jesse im Antiphonale von Poissy
  • 17. Dezember: O sapientia (O Weisheit)
  • 18. Dezember: O Adonai (O Herr)
  • 19. Dezember: O radix Jesse (O Wurzel Jesse)
  • 20. Dezember: O clavis David (O Schlüssel Davids)
  • 21. Dezember: O oriens (O Morgenstern)
  • 22. Dezember: O rex gentium (O König der Völker)
  • 23. Dezember: O Emmanuel (O Immanuel, Gott mit uns)

Gelegentlich wird darauf hingewiesen, dass sich die Anfangsbuchstaben der sieben Messiasanreden rückwärts als zwei lateinische Wörter lesen lassen: Ero cras, „ich werde (da) sein – morgen“. Dieses sprachlich etwas gewaltsame und sicher nicht von einem „Verfasser“ beabsichtigte Akrostichon ist eine gute Eselsbrücke.

Bearbeitungen und Vertonungen[Bearbeiten]

Neben den althergebrachten gregorianischen Melodien zu den Antiphonen existieren auch eigenständige Vertonungen in der neueren Kunstmusik, so beispielsweise von Marc-Antoine Charpentier (Antiennes “O” de l’Avent H. 534) oder Arvo Pärt (Sieben Magnificat-Antiphonen, 1988/91).

Der Hymnus Veni, Veni, Emmanuel besteht aus fünf Strophen, die jeweils gekürzte, metrische Fassungen von fünf der O-Antiphonen darstellen. Als seine Entstehungszeit wird traditionell das 12. Jahrhundert vermutet; die früheste nachweisbare Quelle des Textes stammt aber aus dem Jahr 1710. Der Hymnus wird regelmäßig auf die Melodie eines franziskanischen Prozessionsgesangs gesungen, die in einem französischen Manuskript des 15. Jahrhunderts dem Libera me unterlegt ist.

Aus der Paraphrase dieses Hymnus sind verschiedene bekannte Adventslieder entstanden, die teilweise in verschiedenen Fassungen vorliegen:

  • O komm, o komm, Emmanuel (Text: Köln 1722; Melodie: Schmidts Gesangbuch Düsseldorf 1836 oder Kölner Gesangbuch 1852)
  • Herr, send herab uns deinen Sohn (Text: Heinrich Bone in Cantate 1847; Melodie: Kempten um 1000 oder Andernacher Gesangbuch, Köln 1608; mit bearbeitetem Text abgedruckt im Gotteslob (1975) Nr. 112)
  • O komm, o komm, du Morgenstern (Text: Otmar Schulz 1975 nach dem englischen O come, o come Emmanuel von John Mason Neale 1851/61 und Henry Sloane Coffin 1916; Melodie: Frankreich 15. Jh.; abgedruckt im EG Nr. 19)

Die O-Antiphon vom 21. Dezember O Oriens wurde von Cynewulf im 9. Jahrhundert in der adventlichen Dichtung Christ paraphrasiert. Die Lektüre dieser Zeilen inspirierten J. R. R. Tolkien zu einem Gedicht und waren mit ein Anlass seine Erzählungen über Mittelerde zu schreiben.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Egert Ballhorn: Die O-Antiphonen. Israelgebet der Kirche. In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie. Band 37. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISSN 0075-2681, S. 9–34.
  • Thomas Brunnhuber: Der Heiland wird geboren. Gestaltungen zu den adventlichen O-Antiphonen: Anregungen zu einer ganzheitlichen, sinnorientierten Pädagogik. RPA Verlag religionspädagogischer Arbeitshilfen, Landshut 2006, ISBN 3-86141-193-8.
  • Lili Fuchs: Adventbesinnung: Betrachtungen zu den O-Antiphonen. Verlag Stiftung Klosterneuburg, Klosterneuburg 2008, ISBN 978-3-902177-33-9.
  • Theresia Hainthaler: Die O-Antiphonen: Eine Einführung und Auslegung der Großen Antiphonen im Hohen Advent. Patristisches Zentrum Koinonia-Oriens, Köln 2004, ISBN 3-936835-05-5.
  • Daniel Hörnemann: Das große Staunen: Mit den O-Antiphonen zum Höhepunkt der Adventszeit. Dialog-Verlag, Münster 2009, ISBN 978-3-941462-14-4.
  • Maria Pfister: Die O-Antiphonen. Communität Casteller Ring, Rödelsee 1982; DNB 830193057
  • Bernd Seel: Die Herolde von Weihnachten: Die O-Antiphonen. Sadifa Media, Kehl 2008, ISBN 978-3-88786-355-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: O-Antiphonen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael Hageböck: O-Antiphone als Initialzündung zu Tolkiens „Hobbit“. Artikel auf kath.net vom 21. Dezember 2012.