Viktimologie

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Die Viktimologie (lat. victima, „Opfer“), auch bekannt als Opferforschung, ist eine Unterdisziplin der Kriminologie, die sich mit den Opfern von Straftaten befasst. Gegenstand der Forschung sind die Opferpersönlichkeitsstrukturen, der Prozess, in dem jemand zum Opfer eines Täters wird (Viktimisierung), die Beziehungsstrukturen zwischen Opfer und Tätern und die Folgen für die Opfer einer Straftat.

Siehe auch: Stockholm-Syndrom

Allgemeines[Bearbeiten]

Viktimisierung ist ein Fachbegriff, der in den Disziplinen Kriminologie, Psychologie und den Sozialwissenschaften gebraucht wird. Seine Verwendung in den Sozialwissenschaften ist nicht ausführlich definiert. Zumeist steht das Wort in Verbindung mit struktureller Benachteiligung, das heißt, es beschreibt den Vorgang der Zuschreibung einer Opferrolle an einzelne Mitglieder oder Gruppen der Gesellschaft, zumeist durch Mitglieder dominanter gesellschaftlicher Gruppen, Institutionen oder Ideologien. Menschen können durch Gewalterfahrungen wie Diskriminierung, Missbrauch, Rassismus oder Krieg zum Opfer werden. Hierbei ist das Konzept der erlernten Hilflosigkeit von erheblicher Bedeutung. Durch das Stigmatisieren kann eine Opferrolle, ein Opferstatus oder ein Opfermythos entstehen.[1]

Die Viktimologie ist eine Teildisziplin der Kriminologie und beschäftigt sich sowohl mit der Opferwerdung und den daraus resultierenden Reaktionen als auch mit deren prozesshaften Voraussetzungen. Die Interaktion zwischen Opfer und Täter sowie zwischen Opfer und sozialen Kontrollinstitutionen (Justiz), sozialer Umwelt und Einrichtungen stehen im Fokus der Viktimologie. In der Psychologie wird der Terminus sekundäre Viktimisierung verwendet und bezieht sich auf die Reaktionen (Teilnahmslosigkeit, ablehnende Äußerungen, moralische Vorwürfe usw.) der sozialen Umgebung des Opfers. Auch die wiederholte Begegnung mit dem Täter kann zur sekundären Viktimisierung führen. Das Opferhilfegesetz soll dem Prozess der sekundären Viktimisierung entgegenwirken.[1]

Bezug zur Kriminologie[Bearbeiten]

In wissenschaftlichen Diskussionen bleibt es weiterhin ungeklärt, ob die Viktimologie eine eigenständige Wissenschaft ist oder eine Teildisziplin der Kriminologie. Allerdings geht man davon aus, dass es sich um ein wichtiges Teilgebiet der Kriminologie mit der Verknüpfung bzw. Interaktion zwischen den Variablen Täter, Opfer und Tatsituation, unter Berücksichtigung der Entstehungs- und Kontrollprozesse im Zusammenhang mit Straftaten, handelt.

In den 1960er Jahren hatte sich, vor allem in den USA, die Opferbefragung zu einem regelmäßig und vielerorts eingesetzten Erhebungsinstrument entwickelt (vgl. [2] [3] [4]). Dieser Boom von Opferbefragungen führte zu einer Verlagerung des Forschungsinteresses vom Täter auf das Opfer. Durch Befunde der Opferbefragungen stimuliert, hat sich heute die Viktimologie zu einer eigenständigen kriminologischen Disziplin entwickelt. Aufgabe und Ziel der Viktimologie ist es, alle individuellen, sozialen und gesellschaftsstrukturellen Prozesse aus der Perspektive des Opfers zu ermitteln und aus diesen Erkenntnissen vorbeugende Strategien zu erstellen.

Geschichte der Viktimologie[Bearbeiten]

Erste Ansätze einer systematischen Betrachtung des Opfers kamen von dem deutschen Kriminologen Hans von Hentig (1887-1974). Hentig stellte die jeweiligen Opfergruppen in den Vordergrund. Auch Benjamin Mendelsohn legte 1947 den Fokus auf die Opferwissenschaft, er berücksichtigt dabei die rechtlichen Gesichtspunkte. Henri Ellenberg machte auf die soziale Isolation aufmerksam, die als Risikofaktor für die Opferwerdung anzusehen ist. 1963 wurde in Neuseeland das erste Gesetz zur Opferentschädigung erlassen, erst 13 Jahre später wurde dieses Gesetz auch in Deutschland implementiert. Im selben Jahr 1976 wurde der Verein Weisser Ring zur Unterstützung von Opfern gegründet. 1979 wurde in Münster die World Society of Victimology ins Leben gerufen und 1983 wurde die Europäische Konvention über die Entschädigung für Opfer von Gewalttaten durch den Ministerrat des Europarates in Straßburg anerkannt.[5]

Viktimisierungstheorien[Bearbeiten]

Fokus aller Opfertypologien ist die Frage nach der Ursache der Opferwerdung. Der Grundgedanke hierfür ist die Tatsache der Disposition, mit anderen Worten, es ist anzunehmen, dass manche Menschen eher Opfer von Straftaten werden als andere. Opfertypologien sollen nicht etikettieren und noch weniger stigmatisieren, sondern vielmehr die möglichen Opfer auf ihre Disposition hinweisen, um somit präventiv handeln zu können. Es geht darum, Wege der Gefahrenvermeidung aufzuzeigen.

Opfertypologien[Bearbeiten]

Hentig versuchte die Opferneigungen zu erfassen, indem er zwischen „familiäre“ (Kindesmisshandlung, Elternmord), „räumlich-zeitliche“ (Wochenenden sind opferträchtiger als Wochentage) und „Altersgesichtspunkten“ unterschied. Unter anderem erkannte Hentig, dass die berufliche Stellung für die Typologie von Wichtigkeit ist, so sind z. B. Taxifahrer und Prostituierte eher disponiert. Des Weiteren postuliert Hentig eine Opferwerdung aufgrund von „Gewinn-Lebensgier“, „eigenen aggressiven Verhaltens“, „rassischer, völkischer oder religiöser Minderheitensituation“, „reduziertem Widerstandes“ und „biologischer Konstitutionen“.

Mendelsohn hingegen stellt das Verhalten des Opfers in den Vordergrund, die Opfergruppierung erfolgt unter schuldorientierten und rechtlichen Ansätzen. Er differenziert zwischen drei Opfergruppen: „Unschuldige oder ideale Opfer“, „zum Delikt beitragende Opfer“ − hierbei unterscheidet er zwischen provozierendem, willigem oder unvorsichtigem Opfer oder auch dem Opfer aus Unwissenheit. Unter die dritte Gruppe („Opfer, das selbst ein Delikt verübt“) lassen sich jene Opfer subsumieren, welche das Delikt selbst begehen, als Beispiel ist dabei die vorgetäuschte Notwehr zu nennen.

Ezzat Abdel Fattah bezieht sich in seiner Opfertypologie auf die Interaktion zwischen Opfer und Täter und teilt die Opfer nach ihren jeweiligen Beteiligungssituationen ein. Demnach unterscheidet er zwischen:

  • Teilnehmendes Opfer, wirkt bei der Tat selber mit, z. B. der betrogene Betrüger
  • Nichtteilnehmendes Opfer, unschuldiges Opfer
  • Latentes oder prädisponiertes Opfer, z. B. durch Leichtgläubigkeit, Naivität, Aberglauben, Isolation, Schwäche
  • Provozierendes Opfer, „aktiv provozierend“, z. B. Tötung auf Verlangen; „passiv provozierend“ z. B. durch Sorglosigkeit oder Aggressivität
  • Falsches Opfer, durch eigenes Verhalten: z. B. Selbsttötung, selbstverschuldeter Unfall

Die Amerikaner Thorsten Sellin und Marvin E. Wolfgang brachten zum Ausdruck, dass nicht nur natürliche Personen (primäre Opfer), sondern auch juristische Personen (sekundäre Opfer) und der Staat, sowie die Regierung und die Gesellschaft (tertiäre Opfer) Ziele von Straftaten werden können.

Neuere viktimologische Konzepte bauen auf die traditionellen Theorien auf und ergänzen diese. Die Tat und der Täter werden als Bestandteil einer Handlung gesehen und aus Sicht des Opfers untersucht, des Weiteren wird die Beziehung zwischen Täter und Opfer analysiert und der Opferbeitrag der Tat erarbeitet.

Zu den besonders disponierten Opfergruppen gehören: alte Menschen, wegen ihres psychischen und physischen Zustandes sind sie oftmals nicht in der Lage, sich zur Wehr zu setzen, auch leben diese Menschen häufig in einer isolierten Umgebung. Minderjährige werden aufgrund ihrer Naivität und Hilflosigkeit häufig zur Zielgruppe von Tätern. Durch ihre körperliche Unterlegenheit zählen auch Frauen zu den potenziellen Opfern. Wegen unzureichender Sprachkenntnisse und Unerfahrenheit mit den hiesigen Lebensumständen gehören auch Ausländer und Minderheiten zu den disponierten Opfergruppen.[5][1]

Das Karrieremodell[Bearbeiten]

Die Reaktion auf die Opferwerdung löst eine Reihe von weiteren Viktimisierungen aus. Dies kann durch die Berichterstattung, formelle Reaktionen, oder durch das Verfahren selbst, informelle Reaktionen, stattfinden. Es lassen sich primäre, sekundäre und tertiäre Viktimisierung unterscheiden.

Primäre Viktimisierung[Bearbeiten]

Darunter versteht man die Opferwerdung direkt durch eine strafbare Handlung. Sie kann von materieller Art (Sachschaden, Eigentumsschäden), physischer Art (körperliche Schädigung) oder psychischer Art (Ängste, Depressionen, Schuldgefühle) sein. Die Schädigung bezieht sich nicht nur auf das Opfer, sondern auch auf das soziale Umfeld.

Sekundäre Viktimisierung[Bearbeiten]

Durch die nachfolgenden Reaktionen des sozialen Umfelds, von Polizisten, Anwälten, Ärzten und anderen, kann eine Intensivierung des direkten Opferwerdens erfolgen, dieser Prozess wird als sekundäre Viktimisierung bezeichnet. Oftmals wird das Wiedergeben des Tathergangs als psychische Belastung und als äußerst entwürdigend empfunden. Scheu und/oder Misstrauen verhindern oftmals eine Reintegration in die eigene Umwelt.

Tertiäre Viktimisierung[Bearbeiten]

Die Selbstdefinition als Opfer wird zum Bestandteil der Persönlichkeit. Die tertiäre Viktimisierung ist das Produkt der ersten beiden Viktimisierungsprozesse. Dies führt nicht selten zur „Erlernten Hilflosigkeit“. Allerdings kann die tertiäre Viktimisierung auch positive Auswirkungen haben: (Sekundärer Krankheitsgewinn, Mitleid als Gewinn). Die Viktimisierung kann dazu führen, dass beim Opfer die Überzeugung entsteht, dass trotz gezielten und überlegten Handelns die Opfersituation nicht verhindert werden kann, bei drohender Gefahr reagieren diese Menschen eher passiv.

Spezielle rechtsgeschichtliche Aspekte[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

  • Ezzat A. Fattah und Vincent F. Sacco: Crime and victimization of the elderly. Springer, New York 1989, ISBN 0-387-96973-X
  • Michael Gottfredson: Victims of crime. The dimensions of risk. Stationery Office Books, London 1984, ISBN 0-11-340775-0.
  • Thomas Hillenkamp: Der Einfluß des Opferverhaltens auf die dogmatische Beurteilung der Tat. Gieseking, Bielefeld 1983
  • Reimer Hinrichs: Chronische Verbrechensopfer. Thieme, Stuttgart 1987, ISBN 3-13-711901-4
  • Walter Kiefl: Soziologie des Opfers. Fink, München 1986
  • Gerd Ferdinand Kirchhoff (Hrsg.): Das Verbrechensopfer. Ein Reader zur Viktimologie. Studienverlag Brockmeyer, Bochum 1979, ISBN 3-88339-071-2
  • Wolfgang Mitsch: Rechtfertigung und Opferverhalten. Kovac, Hamburg 2004, ISBN 3-8300-1153-9
  • Lena Stadler: Viktimologie des Stalking. Shaker, Aachen 2006, ISBN 978-3-8322-4973-1
  • Hans-Jürgen Kerner (Hrsg.) und Thomas Feltes: Kriminologie Lexikon. 4. Aufl., Kriminalistik Verlag, Heidelberg 1991, ISBN 3-7832-0989-7
  • H.-J. Kerner: Verbrechensfurcht und Viktimisierung. In: W. Haesler (Hrsg.): Viktimologie. Rüegger, Grüsch (Schweiz) 1986
  • Hans Joachim Schneider: Viktimologie. Mohr, Tübingen 1975, ISBN 3-16-636511-7
  • Wolfgang Gappmayer: Opferbegriff und juristische Prozessbegleitung in der StPO Manz, Wien 2013, ISBN 978-3-214-03101-5

Zeitschriften[Bearbeiten]

Viktimologie und Opferrechte (VOR). Schriftenreihe der Weisser Ring Forschungsgesellschaft. Studienverlag, Innsbruck, Wien 2004

Artikel[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Viktimologie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c  Wolfgang Lebe: Viktimologie - Die Lehre vom Opfer - Entwicklung in Deutschland. Phänomenologische Entwicklung des Opferbegriffes. In: Berliner Forum Gewaltprävention. Nr. 12, 2003, S. 8–19 (PDF).
  2. Ezzat A. Fattah und Vincent F. Sacco: Crime and victimization of the elderly. Springer, New York 1989, ISBN 0-387-96973-X
  3. Michael Gottfredson: Victims of crime. The dimensions of risk. Stationery Office Books, London 1984, ISBN 0-11-340775-0.
  4. Mike Hough: The impact of victimisation. Findings of the British Crime Survey. In: Victimology. 10, 1985, S. 488-497.
  5. a b Michael Heller: I. Viktimologie – Das Opfer im Mittelpunkt. In: Sozialabweichendes Verhalten. 9. Sitzung: Kriminologische Aspekte abweichenden Verhaltens. 2007, abgerufen am 4. Dezember 2008 (Vortrag).