Pulchri Studio

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Straßenansicht von dem Pulchri Studio - Lange Voorhout 15.
Innenhofsituation mit Atrium und Reiterstandbild.

Pulchri Studio, (Latein für: Aus Eifer für das Schöne), ist ein Künstlerverein aus Den Haag in den Niederlanden.

Der Verein hat seit 1893 seinen Sitz in einer weißen, vornehmen Villa am Lange Voorhout 15 in Den Haag. Es werden künstlerisch Arbeitende Mitglieder (Maler, Bildhauer und Fotografen) und Kunstinteressierte als (Sozietäts-)Mitglieder aufgenommen. Für eine Künstlermitgliedschaft muss man sich zunächst bewerben, was auch ausländischen Künstlern möglich ist. Die Mitglieder werden dann von einem durch die Generalversammlung bestimmten Komitee ausgewählt.

Eine Künstlermitgliedschaft ermöglicht es, seine eigenen Werke in den Galerien der Gesellschaft auszustellen. Diese sogenannten Verkaufsausstellungen sind seit der Gründung des Vereins bis heute wesentlichen Bestandteil dieser Einrichtung! Kunstliebhaber müssen von anderen Mitgliedern eingeladen werden. Der Verein vermietet seine Liegenschaften auch an Nichtmitglieder.

Ursprung[Bearbeiten]

Paul Gabriël: Windmühle in einer Pfütze.

Die unberührte Landschaft um die schon damals recht reiche Küstenstadt Den Haag[1] mit ihrem ländlichen Umfeld und der Unberührtheit von Landschaft und Natur sowie dem nahe gelegenen Fischereidorf Scheveningen zog viele junge Künstler an.[2] Sie wollten fernab von den staatlich gelenkten Vorgaben der Kunst (Neoklassizismus) ihren eigenen Weg gehen, so wie in der Schule von Barbizon südlich von Paris schon lange vorgelebt.

Hier spielte das seit Jahrhunderten unberührte Leben der Bevölkerung und die urwüchsige Polderlandschaft und die Nordseeküste fernab von der auch schon in den Niederlanden einsetzenden Industrialisation in Amsterdam und Rotterdam eine wesentliche Rolle.

Geschichte[Bearbeiten]

Diligentia.
Kunstausstellung mit Blick auf den Vorraum.

Nach dem Wegfall der Schirmherrschaft für Künstler wurde nach einer neuen Möglichkeit gesucht. Im Jahre 1847 entstand mit der Gründung des Vereins Pulchri Studio ein neuer Weg. Diese Künstlervereinigung ist eine typische niederländische Entwicklung.[3] Sie steht in der Fortsetzung der Tradition der alten Akademien des 17. und 18. Jahrhunderts.[4][5]

Eine besondere Rolle spielten Zusammenkünfte, die als Kunstbetrachtungen (Kunstbeschouwingen) bezeichnet wurden und den Künstlern die Möglichkeit boten, ihre eigenen Werke den anderen Mitgliedern zu präsentieren und sich mit ihnen auszustauschen. Es dient auch als Studio bzw. Werkstatt. Anfangs standen dieser Genossenschaft keine Ausstellungsräume zur Verfügung. Man nahm an der alle zwei bzw. drei Jahre stattfindenden Ausstellung Lebender Meister teil.[6] Im Jahre 1882 nahm Vincent van Gogh an solch einer Kunstbetrachtung zusammen mit Bosboom und Henkes teil.

Darüber hinaus kam der Örtlichkeit die Funktion des sozialen Kontakts zu der einheimischen Bevölkerung zu. Sie war nicht nur eine Stätte der sozialen Begegnung, sondern bot zugleich auch die Kontaktaufnahme zu Sammlern und Händlern.

Zu den Gründungsmitglieder von Pulchri zählten Lambertus Hardenberg, Willem Roelofs, Johan Hendrik Weissenbruch und Bartholomeus Johannes van Hove; Van Hove war 1847 auch der erste Vorsitzende dieser Künstlervereinigung. König Wilhelm II. übernahm die Schirmherrschaft. Bald darauf schlossen sich Johannes Bosboom, Jozef Israëls, Hendrik Willem Mesdag, Jan Weissenbruch und einige weniger bekannte Künstler der Gesellschaft an. Spätere bedeutende Mitglieder sind darüber hinaus Jan Sluyters, Paul Citroen und Willy Sluiter.

Viele Maler, die heute der Haager Schule zugerechnet werden, bekleideten Vorstandfunktionen bei Pulchri Studio und machten diese Genossenschaft so zu einem Bollwerk dieser Schule: Bosboom war Vorsitzender von 1852 bis 1853, Israëls von 1875 bis 1878, Mesdag sogar von 1898 bis 1907. Aber auch Jacob und Willem Maris, Anton Mauve, Roelofs und Weissenbruch waren Mitglieder des Vorstandes oder als Kommissionsmitglieder verantwortlich für den Zeichensaal, die Kunstbetrachtungen oder die Geselligen Zusammenkünfte.

Gegenströmungen[Bearbeiten]

Während ihrer wechselvollen Geschichte gab es auch Versuche der Abspaltung bzw. Gegenvereinigungen, wie die des Haagse Kunstkring.[7] Diese Genossenschaft wurde im Jahre 1891 von dem Maler Théophile de Bock und dem Architekten Paul du Rieu ins Leben gerufen.[8] Sie hat bis heute Bestand und wurde zu ihrem hundertjährigen Jubiläum mit der Medaille der Stadt Den Haag ausgezeichnet.

In Den Haag gab es neben dieser Genossenschaft noch eine kleinere Künstlervereinigung - Arti et Industriae. Sie blieb ohne weitere Bedeutung.

Liste der wichtigsten Mitglieder im 19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Johan Hendrik Doeleman: Radspuren in Drenthe
Jacob Maris: Fährboot (1870).
Hendrik Willem Mesdag: Abend an der See (1870)
Bartholomeus Johannes van Hove: Winterliches Stadtbild am gefrorenen Fluß

Wiederaufleben nach dem Kriege[Bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Pulchri Studio einige Zeit in Verruf: Der Verein hatte 1943 dem Befehl der Nazis gehorcht, sich der Kulturkammer anzuschließen, was in niederländischen Künstlerkreisen allgemein als Kollaboration betrachtet wurde. - Der damalige Vorsitzende Willy Sluiter wurde darauf hin entlassen.

Erst 1996 nahm Königin Beatrix die Würde einer Schirmherrin dieser Künstlervereinigung wieder an und verhalf ihr dadurch wieder zur Anerkennung und Bedeutung in Künstlerkreisen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Damals galt Den Haag galt als das schönste Dorf Europas.
  2. Die kleinen Flecken wie Loosduinen, Voorburg und Wassenar waren gerade wegen ihrer Unberührtheit recht beliebt.
  3. In den Niederlanden bediente man sich des Begriffes der Sociëtät bzw. der Genossenschaft.
  4. Seit der Herrschaft Napoleons standen diese Akademien ganz unter staatlicher Kontrolle und der dortigen Lehrauffassung. Und genau diese neuen Genossenschaften bedeuteten den von den Künstlern gewollten Ausbruch, verbunden mit der Freiheit, Bildgattung, Farbpalette und damit zugleich die Ausdruckskraft der Farben selbst zu bestimmen.
  5. Pulchri Studio entfaltete für die dort ansässigen Künstlerkolonien von Den Haag, Laren und dem Landgut Oosterbeek das Zentrum und war zugleich die Drehscheibe zum Schaffen und dem Kontakt untereinander sowie nach außen.
  6. Diese Ausstellung war besonders bei noch unbekannten Malern die einzige Möglichkeit, in den Niederlanden bekannt zu werden und sich einen Namen zu machen.
  7. Sie sollte niemals die Bedeutung von Pulchri Studion erlangen, ist allerdings ein Indiz dafür, daß die Politik dieser Genossenschaft nicht immer auf breite Zustimmung traf.
  8. Haagse Kunstkring bedeutet sinngemäß übersetzt Haager Kunstzirkel.

Quellen[Bearbeiten]

  • Silveris, John (1987): Die Haager Schule, Meisterwerke der holländischen Malerei des 19. Jahrhunderts aus Haags Gemeentemuseum, Edition Braus, ISBN 3-925835-08-3
  • Leeuw, Ronald de; Sillevis, John und Dumas, Charles (1983): The Hague School - Dutch Masters of the 19th Century, Royal Academy of Arts, ISVN 0-297-78069-7
  • Dom, Ronald (1996): Van Gogh und die Haager Schule, Aust.-Kat. Wien, ISBN 88-8118-072-3

Weblinks[Bearbeiten]

www.pulchri.nl (nl) Officiële website