Sahl at-Tustarī

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Sahl ibn ʿAbdallāh at-Tustarī (arabisch ‏سهل بن عبد الله التستري‎ geb. wahrscheinlich 818 in Tustar, gest. 896 in Basra) war ein irakischer Sufi und Koranexeget, der großen Einfluss auf die spätere Sufik hatte.

Leben[Bearbeiten]

At-Tustarī erhielt seine erste Ausbildung bei seinem mütterlichen Onkel Muhammad ibn Sauwār, der ein indirekter Schüler von Sufyān ath-Thaurī war, sowie in dem bekannten Ribat von ʿAbbādān bei dem Asketen Hamza al-ʿAbbādānī. Hier hatte at-Tustarī eine erste spirituelle Erfahrung, nämlich eine Vision von dem "größten Namen Gottes" (ism Allāh al-aʿzam), der mit grünem Licht von Ost nach West in den Himmel geschrieben war. Nachdem er etwa zwanzig Jahre mit asketischen Übungen in seiner Heimatstadt verbracht hatte, trat er um des Zeit des Todes des ägyptischen Sufis Dhū n-Nūn al-Misrī mit einer eigenen Lehre auf und versammelte Schüler um sich. Die bekanntesten seiner Schüler waren Abū ʿAbdallāh Muhammad ibn Ahmad ibn Sālim und al-Hallādsch, der sich bei ihm zwei Jahre aufhielt. Nachdem 877 die Zandsch Tustar besetzt hatten, wurde at-Tustarī zum Feldlager der Saffariden beordert, um deren Heeresführer, der ein Jahr zuvor bei einer Auseinandersetzung mit dem kalifalen Heer verwundet worden war, zu heilen. Kurz danach scheint er seinen Wohnsitz nach Basra verlegt zu haben, wo er mit dem Traditionarier Abū Dāwūd as-Sidschistānī zusammentraf und wegen seines Anspruchs, "Beweis Gottes" (huddschat Allāh) zu sein, bei zwei führenden schafiitischen Gelehrten aneckte.

Lehre[Bearbeiten]

Der zentrale Gedanke in at-Tustarīs Mystik, die sich stark am Koran orientierte, war das Gottesgedenken (Dhikr), das er als eine tägliche spirituelle Nahrung verstand. Darüber hinaus maß er dem koranischen Prinzip der Tauba ("reumütige Umkehr") große Bedeutung zu. Abū Nasr as-Sarrādsch (st. 988) überliefert von ihm den Ausspruch: "Die Tauba obliegt dem Menschen als Pflicht bei jedem Atemzug".[1]

Hinsichtlich der Koranexegese entwickelte at-Tustarī die Lehre von einem Vierfacher Schriftsinn. Jeder Vers hatte nach ihm 1. einen Literalsinn (ẓāhir), 2. einen esoterischen Sinn (bāṭin), 3. einen moralischen Sinn (ḥadd) und 4. einen anagogischen Sinn (maṭlaʿ). Die menschliche Seele Nafs fasste at-Tustarī als Schauplatz eines Kampfes zwischen der gottesorientierten "spirituellen Seele" (nafs ar-rūḥ) und der selbstbezogenen "Naturseele" (nafs aṭ-ṭabʿ) auf.

Werke[Bearbeiten]

Ibn an-Nadīm schreibt in seinem Fihrist at-Tustarī eine ganze Anzahl von Traktaten zu, von denen sich allerdings nur zwei erhalten haben. Daneben existiert ein Korankommentar und eine Sammlung von at-Tustarīs Aussprüchen in drei Bänden.

Postume Bedeutung[Bearbeiten]

At-Tustarīs Schüler teilten sich nach seinem Tod in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe wanderte nach Bagdad weiter, um sich dort entweder dem Kreis von Dschunaid oder den Hanbaliten anzuschließen. Die andere Gruppe verblieb in Basra und vermengte sich mit den dortigen Malikiten. Diese zweite Gruppe, die von Ahmad, dem Sohn von Muhammad ibn Ahmad ibn Sālim organisiert wurde, bildete den Nukleus der späteren Sālimīya, einer eigenen mystisch-theologische Richtung im Islam. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Richtung war Abū Ṭālib al-Makkī (st. 996), der in seinem Hauptwerk "Nahrung der Herzen" (Qūt al-qulūb) mehrfach at-Tustarī als "unseren Imam" erwähnt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhard Böwering: Art. "Sahl al-Tustarī" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. VIII, S. 840a-841b.
  • Gerhard Böwering: The mystical vision of existence in classical Islam. The Qur'ānic Hermeneutics of the Ṣūfī Sahl at-Tustarī (d. 283/896). Berlin-New York 1980.
  • C. Tunc: Sahl b. ʿAbdallāh at-Tustarī und die Sālimīya. Bonn 1970.

Belege[Bearbeiten]

  1. Zit. bei Böwering in EI² 841a.