Scheich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Scheich (Begriffsklärung) aufgeführt. Shaykh ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zur libanesischen Autorin und Feministin siehe Hanan al-Shaykh.
Klassisches Bildnis eines 'Scheichs': Der Scheich Sattam de Haddadin von Palmyra, vom russischen Maler Alexander Evgenievich Iacovleff um 1931 gezeichnet.

Der Begriff Scheich (arabisch ‏شيخ‎ Schaich, DMG šaiḫ, Plural Schuyūchشيوخ‎ / šuyūḫ oder Maschāyichمشايخ‎ / mašāyiḫ) ist ein arabischer Ehrentitel, der schon seit vorislamischer Zeit für Männer von Rang und Namen verwendet wird. Er wird sowohl in weltlichen als auch in religiösen Zusammenhängen benutzt. Allerdings ist auch ein gewisses Alter Voraussetzung für die Führung des Titels. Ibn Manzūr definierte in seinem arabischen Lexikon Lisān al‑ʿArab den Scheich als jemanden, "dessen Alter fortgeschritten ist und dessen Haar weiß geworden ist."[1]

Als weltlicher Titel[Bearbeiten]

Schon in der vorislamischen arabischen Stammesgesellschaft bezeichnete „Scheich“ das Oberhaupt eines Stammes oder Clans. Später wurde er auch für die Oberhäupter von anderen Gruppen verwendet, so zum Beispiel von Zünften oder den Männerbünden der Futuwwa, oder für den Vorsteher eines Ortes, den Schaich al-Balad (šaiḫ al-balad). Auch auf politischer Ebene kam der Begriff bald zum Einsatz. So wurde zum Beispiel bei den Hafsiden der Wesir als „Scheich der Almohaden“ (šaiḫ al-muwaḥḥidīn) bezeichnet, in Anbetracht der Tatsache, dass sich die Hafsiden als Erben der Almohaden betrachteten.[2] Ibn Battuta berichtet, dass zu seiner Zeit die Bewohner von Mogadischu ihren Sultan als Scheich titulierten. Die Osmanen verwendeten den Titel Schaich al-Balad im 18. Jahrhundert für den mächtigsten Bey in Kairo.[3] Noch heute gibt es in der Golfregion verschiedene Herrschaftsgebiete, deren Oberhäupter als Scheich tituliert werden.[4]

Als religiöser Titel[Bearbeiten]

Der Scheich-Titel findet darüber hinaus schon früh in verschiedenen religiösen Zusammenhängen Verwendung. So wurden zum Beispiel die beiden ersten Kalifen Abū Bakr und Umar ibn al-Chattab häufig als „die beiden Scheiche“ (aš-šaiḫāni) bezeichnet. Der gleiche Ausdruck wurde auch für die Autoren der beiden bedeutendsten Hadith-Sammlungen, al-Buchārī und Muslim ibn al-Haddschādsch verwendet. Die syrischen Nizāriten, die in Europa unter dem Namen Assassinen bekannt waren, bezeichneten ihr Oberhaupt Raschid ad-Din Sinan als Schaich al-Dschabal („der Alte vom Berge“). Im Osmanischen Reich nannte man den Mufti von Istanbul, der an der Spitze der religiösen Hierarchie des Staates stand, als Schaich al-Islām. In ähnlicher Funktion begegnet der Begriff auch heute noch in Ägypten. Hier bezeichnet der Titel Schaich al-Azhar den Imam der al-Azhar-Moschee, der auch gleichzeitig Rektor der al-Azhar-Universität ist und damit die wichtigste religiöse Autorität im Staat darstellt.

Eine besonders große Bedeutung hat das Scheich-Konzept in der Sufik erhalten. Er bezeichnet hier den spirituellen Meister, der den Menschen auf den mystischen Pfad (Tarīqa) führt.[5] Gegenpart zum Scheich ist in der sufischen Terminologie der Murīd (wörtlich „der Wollende“). Damit wird derjenige bezeichnet, der den Willen hat, unter Anleitung eines Scheichs den Pfad der Erkenntnis zu beschreiten. Der richtige Umgang des Murīd mit seinem Scheich gehört zu den wichtigsten Regeln der Sufik. Um in seinen Bemühungen erfolgreich zu sein, muss sich der Murīd ganz der Autorität seines Scheichs unterwerfen. Zur Begründung dieser Lehre wird in den sufischen Handbüchern meist auf die koranische Erzählung über Mose und den Gottesknecht (Sure 18:60-82) verwiesen, der in der islamischen Tradition mit al-Chidr identifiziert wird.[6] Im persischen Sprachbereich wird für den sufischen Scheich häufig der im Prinzip gleichbedeutende Begriff Pīr verwendet.

Noch heute gibt es in vielen Sufi-Orden die Institution des Scheichs. Der Stand der Scheiche bildet zum Beispiel die religiöse Elite innerhalb des senegalesischen Ordens der Muridiyya. Nur wer Adepten um sich geschart hat, darf sich hier als Scheich bezeichnen. Um 1970 gab es in der Muridiyya circa 300 bis 400 Scheiche. Viele von ihnen waren mit ihren Adepten als Unternehmer in der Landwirtschaft tätig.[7] Sufische Scheiche fungieren in der Gegenwart an vielen Orten nicht mehr so stark als spirituelle Führer, sondern als Vermittler von Baraka und „göttlicher Energie“ (faiḍ).[8]

Als „Scheiche“ (mašāyiḫ) werden auch die religiösen Würdenträger der Alawiten bezeichnet. Scheich kann bei den Alawiten allerdings nur werden, wer selbst aus einer Familie von Scheichen stammt, sich einer Initiation unterzogen hat und für mehrere Monate bei einem Scheich seine religiöse Ausbildung vervolllkomnet hat. Eine wichtige Aufgabe der meist in Astrologie kundigen Scheiche ist es, günstige Termine für Erntebeginn, Heiraten und Kaufabschlüsse zu wählen. Daneben sind sie für die Unterhaltung der alawitischen Ziyāra-Heiligtümer zuständig und sorgen sich für die Einhaltung der Sitten in ihrer Gemeinde. Schließlich obliegt ihnen noch die Regelung von Eheschließungen, Scheidung und Erbangelegenheiten. Dafür genießen sie umgekehrt nicht nur ein hohes Ansehen, sondern auch ein beträchtliches Einkommen in Form der ihnen zukommenden Zakat.[9]

Bei den Jesiden, die aus einem sufischen Orden, der ʿAdawīya, hervorgegangen sind, bilden Scheiche, Pīrs und Murīden drei Erbkasten. Die Kaste der Scheiche ist dabei noch einmal in drei endogame Untergruppen aufgeteilt, die Schamsānīs (Nachkommen von Ēzdīna Mīr), die Ādanīs (Nachkommen von Scheich Hesen) und die Qatanīs (Nachkommen von Scheich Adīs Brüdern).[10]

Schon früh gab es in den Sufi-Orden die Tendenz zur Herausbildung einer geistlichen Hierarchie. Das Oberhaupt des Ordens wurde dann als Schaich at-Tarīqa bezeichnet. In Ägypten führte Anfang des 19. Jahrhunderts Muhammad Ali Pascha im Zuge seiner Zentralisierungspolitik das Amt eines „Scheichs der Scheiche“ (šaiḫ aš-šuyūḫ) ein, der für die Aufsicht über alle Sufi-Orden zuständig war. Auf diese Weise hoffte Muhammad Ali, die Orden besser kontrollieren zu können.[11]

Verwendung im deutschen Sprachraum[Bearbeiten]

Laut dem etymologischen Wörterbuch von Pfeifer etablierte sich im deutschen Sprachraum Scheich für ‘arabischer Stammesfürst, Machthaber, Herrscher’ vom 17. Jahrhundert an durch Reiseliteratur zunächst in unterschiedlicher Schreibweise Schich, Schegh, Scheikh, Schaich. Ein pejorativ übertragener Gebrauch für ‘schlechter Soldat’ entwickelt sich in der Soldatensprache im 20. Jahrhundert, danach auch allgemein für ‘unangenehmer Kerl’.[12] Ein Scheich oder eine Person, die im orientalischen Raum durch die Förderung von Erdöl zu Reichtum gekommen ist, wird umgangssprachlich auch als Ölscheich bezeichnet.[13] Entsprechend als Scheichtum wird oft ein Territorium mit einem Scheich als Oberhaupt genannt.[14]

Literatur[Bearbeiten]

  • Arthur F. Buehler: Sufi Heirs of the Prophet. The Indian Naqshbandiyya and the Rise of the Mediating Sufi Shaykh. Columbia: University of South Carolina Press 1998.
  • E. Geoffroy: Art. "Shaykh" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. IX, S. 397a-398a.
  • Andrew Shyrock: Art. "Shaykh" in John L. Esposito (ed.): The Oxford Encyclopedia of the Islamic World. 6 Bde. Oxford 2009. Bd. V, S. 132a-133b.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Scheich – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Chaumont 397a.
  2. Vgl. Chaumont 397b.
  3. Vgl. M. Winter: Art. "Shaykh al-Balad" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. IX, S. 398b.
  4. Scheich in duden.de, abgerufen am 4. Mai 2013
  5. Vgl. Chaumont 397b.
  6. Vgl. Patrick Franke: Begegnung mit Khidr. Quellenstudien zum Imaginären im traditionellen Islam. Beirut/Stuttgart: Steiner 2000. S. 233-237.
  7. Vgl. Donal B. Cruise O'Brien: The Mourides of Senegal. The political and economic organization of an Islamic brotherhood. Oxford: Clarendon Press 1971. S. 101-121, 199-230.
  8. Vgl. dazu Buehler 168-189.
  9. Vgl. Laila Prager: Die 'Gemeinschaft des Hauses'. Religion, Heiratsstrategien und transnationale Identität türkischer Alawi-/Nusairi-Migranten in Deutschland. Münster 2010. S. 51-64.
  10. Vgl. Philip G. Kreyenbroek: Yezidism - Its Background, Observances and and Textual Tradition. Lewiston u.a. 1995. S. 38.
  11. Vgl. Chaumont 397b.
  12. Scheich Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, online im DWDS, abgerufen am 5. Mai 2013
  13. Ölscheich in duden.de, abgerufen am 4. Mai 2013
  14. Scheichtum in duden.de, abgerufen am 4. Mai 2013