Segmentäre Gesellschaft

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Als segmentäre Gesellschaft wird in der Politikethnologie und Ethnosoziologie eine ethnische oder indigene Gesellschaft bezeichnet, die nicht von zentralen politischen Institutionen geprägt wird, sondern von gleichartigen und untereinander gleichrangigen Abstammungsgruppen (Lineages oder Clans). Von segmentären Gesellschaften unterscheiden sich solche mit Klassen, Kasten, Ständen oder Schichten.

Merkmale[Bearbeiten]

Die Bezeichnung segmentäre Gesellschaft wurde 1893 vom französischen Ethnologen Émile Durkheim in De la division du travail social geprägt und 1940 von den britischen Sozialanthropologen Edward Evans-Pritchard und Meyer Fortes zur Beschreibung afrikanischer Gesellschaften übernommen. Bei Durkheim heißt es:[1]

„Wir bezeichnen als Klan eine Horde, die nicht länger unabhängig ist, um stattdessen zum Element einer erweiterten Gruppe zu werden, und nennen segmentäre Gesellschaft auf der Grundlage von Klanen jene Völker, die aus der Assoziation zwischen Klanen gebildet sind. Wir nennen diese Gesellschaften segmentäre, um aufzuzeigen dass sie aus der Wiederholung von untereinander ähnlichen Aggregaten gebildet sind, analog den Ringen des Ringelwurmes, und wir bezeichnen jenes elementare Aggregat als Klan, weil dieses Wort sehr gut dessen gemischte, sowohl familiäre wie politische Natur zum Ausdruck bringt.“

Solche Gesellschaften bestehen aus einer Anzahl von gleichartigen und gleichrangigen Segmenten, die über sogenannte Lineages organisiert sind (einlinige Familienverbände) und weiter in Subsegmente unterteilt sein können; neben diesen auf Abstammung und Verwandtschaft basierenden Segmenten können auch Gruppen unterschiedlicher Größenordnung auf religiös-kultischer oder territorialer Grundlage (Dörfer) bestehen. Die Verschachtelung dieser Segmente gewährleistet die weitgehende Selbstregulierung von Kooperations- und Konfliktbeziehungen ohne eine dauerhafte zentrale politische Autorität. Dies ermöglicht die größtmögliche Flexibilität und Dezentralisierung der politischen Organisation. Auf diese Weise können auch größere Gesellschaften akephal funktionieren, entgegen der früheren Annahme, dass nur kleine Gruppen „herrschaftslos“ sein könnten.

Typischerweise sind in segmentären Gesellschaften die Älteren gegenüber den Jüngeren übergeordnet (Seniorität). Solche Gesellschaften sind zudem meist egalitär (ohne größere soziale Unterschiede), da die dauerhafte Anhäufung von persönlichem Reichtum für einzelne Mitglieder kaum möglich ist. Die Rolle der Frauen ist nur scheinbar untergeordnet.[2]

In den 1930er Jahren wuchs das Interesse von Kolonialmächten an der Erforschung solcherart organisierter Gesellschaften. Eines der wichtigsten Werke, das auf der Theorie der segmentären Gesellschaft basiert, ist African Political Systems von Edward Evans-Pritchard und Meyer Fortes. Sie untersuchten vor allem die Lineage-Strukturen, welche die Grundlage für die politische Struktur darstellen. Sie betonten die Gleichheit der Segmente und das Fehlen einer Zentralinstanz. Bekannt geworden sind die Ethnografien über die Nuer und die Tallensi. Weitere Gesellschaften, deren Systeme in dieser Hinsicht untersucht wurden, sind die afrikanischen Dinka, Somali und Tiv.

Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann benutzte die Bezeichnung der segmentären Gesellschaft zur Differenzierung von Gesellschaften. Als Beispiel nennt er einfache, kleine, räumlich voneinander getrennte und gleiche Gesellschaften mit face-to-face Kommunikation (Stämme, Dörfer und andere).

In seiner Arbeit Regulierte Anarchie griff der deutsche Ethnologe Christian Sigrist 1967 das Thema der herrschaftsfreien Gesellschaften auf und entwickelte die Theorie weiter (siehe Akephalie: Herrschaftsfreiheit).

Beispiele für segmentäre indigene Kulturen[Bearbeiten]

Mapuche auf einer Lithographie aus Chile (1899)

Das südafrikanische San-Volk zählt zu den egalitären Gesellschaften, die sich ohne ein übergeordnetes politisches Führungssystem organisieren. Auch wird keine formale Rechtsprechung ausgeübt. Verstöße gegen die moralischen Grundsätze der San werden schlimmstenfalls mit einem Ausschluss aus der Gemeinschaft geahndet. Nomadisierende Kleingruppen von oft 40 bis höchstens 200 San setzen sich – neben verwandtschaftlichen Beziehungen – nach persönlichen Vorlieben flexibel zusammen. Über Gruppenbelange wie Jagd oder Ortswechsel wird gemeinsam im Konsens entschieden; Frauen sind gleichberechtigt. Die Wirtschaft der San ist eine Schenkökonomie, gründend auf regelmäßigen Schenkungen statt auf Handel und Kauf von Gegenständen und Dienstleistungen.

Das südamerikanische Volk der Reche-Mapuche hatte nach Darstellungen einiger Autoren bis zum Auftauchen der spanischen Kolonisatoren eine gesellschaftliche Organisation ohne zentrale Herrschaft oder festgezogenen Grenzen zwischen gesellschaftlichen Schichten und Territorien entwickelt. Ordnung sei vor allem durch soziale Strukturen, Verwandtschaften und Allianzen geregelt gewesen.[3] Die Definition der Gruppe sei nicht von der Abstammung, sondern Ausdrucksfähigkeit als Gruppe abhängig gewesen. Zumeist seien in der politischen Anthropologie (heute Politikethnologie), die sich keine Gesellschaft ohne Herrschaft vorstellen konnte, die herrschaftsfreien Gesellschaften des amerikanischen Doppelkontinents nur mit Blick auf die „Häuptlinge“, den Ionco genannten Friedens­schlichter und Gruppen­mediatoren, sowie den zusätzlich vorhanden temporären Kriegshäuptling und den am Rande der Gesellschaft stehenden Schamanen untersucht. Diese verfügten sicher über Macht, nicht aber über zu Herrschaft nötigen Erzwingungsstab und Zwangsgewalt. Die spanischen Konquistadoren urteilten so über die Reche-Mapuche in antagonistischer Art zum eigenen straff hierarchischen System: „Sie haben kein Oberhaupt, sie kennen keine Obrigkeiten an, sie haben keine Sprache, sie haben kein Gesetz, ihnen fehlen Glaube und Ansehen.“[4]

Die ethnozentristische Betrachtung der indigenen Bevölkerung als Mangel­gesellschaft ohne Staat, ohne Schrift, ohne Geschichte und ohne Markt blendet dabei aus, dass diese Gesellschaften die Beherrschung der natürlichen Umwelt nach ihren Bedürfnissen ohne den herkömmlichen Entwicklungs­diskurs der Parallelität von ökonomischer Entwicklung und Entwicklung politischer Macht vollbracht haben. Zudem gab es bei den Reche-Mapuche keine universelle Gottesfigur. Anders als bei Maya und Azteken gab es keine Gottheiten und zentrale Repräsentations­instanzen in der religiösen Sphäre.[3] Ihr Land verwalten die Mapuche noch heute in Gemeineigentum.[5]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  • Gabriele Rasuly-Paleczek: Exkurs Segmentary Theory. In: Einführung in die Formen der sozialen Organisation. Vorlesungsunterlagen Teil 2/5, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, 2011, S. 77–78, archiviert vom Original am 21. Oktober 2013, abgerufen am 31. März 2014 (PDF; 1,9 MB, 58 Seiten).
  • Gabriele Rasuly-Paleczek: Exkurs ad. segmentäres Lineage-Modell als Basis der Stammesorganisation. In: Einführung in die Formen der sozialen Organisation. Vorlesungsunterlagen Teil 5/5, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, 2011, S. 192–193, archiviert vom Original am 4. Oktober 2013, abgerufen am 31. März 2014 (PDF; 221 kB, 39 Seiten).
  • Brian Schwimmer: Segmentary Lineages. In: Tutorial: Kinship and Social Organization. Department of Anthropology, University of Manitoba, Kanada, 1995, abgerufen am 31. März 2014 (englisch, Teil eines umfangreichen Verwandtschaftstutorials).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Émile Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Suhrkamp, Frankfurt 1996, ISBN 3-518-28605-6, S. 230 (Original 1893: De la division du travail social).
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatHannelore Vonier: Segmentäre Gesellschaft. In: matriarchat.info. Eigene Webseite, Florida, ohne Datum, abgerufen am 31. März 2014 (die Hobbyforscherin bezieht sich hier ohne Seitenangabe auf Makilam: Zeichen und Magie der kabylischen Frauen. Erotik in der Kunst der Berber-Frauen. Lit, Münster u. a. 2003, ISBN 3-8258-6921-0).
  3. a b Olaf Kaltmeier: Auf der Suche nach Anarchie. In: Jürgen Mümken (Hrsg.): Anarchismus in der Postmoderne. Beiträge zur anarchistischen Theorie und Praxis. Edition AV, Frankfurt 2005, ISBN 3-936049-37-8.
  4. Holdenis Casanova Guarda: La Araucania Colonial. Discursos y Esteriotipos (1550–1800). 1998 (spanisch); zitiert nach Olaf Kaltmeier: Auf der Suche nach Anarchie. In Jürgen Mümken (Hrsg.): Anarchismus in der Postmoderne. Beiträge zur anarchistischen Theorie und Praxis. Edition AV, Frankfurt 2005, ISBN 3-936049-37-8, S. 99–100.
  5. Spiegel-Redaktion: Chile: Die Rauchzeichen der Indianer. In: Der Spiegel. Nr. 4, Hamburg 21. Januar 2008, S. 91 (online auf spiegel.de).