Sprachwandel

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Sprachwandel oder Sprachdynamik bezeichnet die Veränderung oder Entwicklung einer Sprache und wird in der Historischen Linguistik und der Soziolinguistik erforscht. Als wesentliche Triebkräfte des Sprachwandels werden Zweckmäßigkeit, Evolution, aber auch Analogie, Entlehnung und Lautgesetz angesehen.

Aus der Sicht des Strukturalismus ist unter Sprachwandel die Geschichte (Diachronie) eines Elements einer synchronen Sprachstufe zu verstehen oder aber das Verhältnis zweier synchroner Sprachstufen zueinander.

Aus der Sicht der Quantitativen Linguistik sind vor allem zwei Aspekte des Sprachwandels bedeutsam: der Verlauf des Sprachwandelprozesses in der Zeit (Sprachwandelgesetz, Piotrowski-Gesetz) und die Wirkung der vielen Einflussfaktoren, die Sprachwandel auslösen und kontrollieren (linguistische Synergetik/Köhlers Regelkreis).

Faktoren für Sprachwandel[Bearbeiten]

Peter von Polenz[1] benennt als Faktoren für Sprachwandel:

  1. Ökonomie: Veränderungen, die entstehen, weil Sprecher oder Schreiber aus Gründen der Zeitersparnis und Bequemlichkeit eine reduzierte Sprache verwenden. (In der neuesten Literatur wird „Ökonomie“ im Zusammenhang allerdings verstanden als (Ergebnis einer) Kosten-Nutzen-Analyse, also: wie muss ich mich ausdrücken, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Vgl. dazu das unten genannte Werk von Rudi Keller)
  2. Innovation: Veränderungen, die entstehen, weil das gewohnte Inventar der Sprache für kreative und nonkonformistische Tätigkeiten nicht hinreichend geeignet ist und entwicklungsbedürftig zu sein scheint. Wichtige Kräfte bei der Entstehung und Ausbreitung von Innovationen sind also die Maximen „Rede nicht so wie die anderen, damit du herausstichst“ und „Rede so wie die anderen, damit du dazugehörst“.
  3. Variation: Die Sprachbenutzer sind flexibel in Bezug auf die Wahl sprachlicher Mittel, je nach kommunikativen Bedingungen und Zwecken.
  4. Evolution: Sprachgebrauch und die Beeinflussung des Sprachgebrauchs durch gesellschaftliche Kräfte bewirken Sprachwandel.

Sonderfall Fachsprache[Bearbeiten]

In Fachsprachen werden Fachwörter neu normiert. So heißt es im Handwerk heute Schraubendreher statt Schraubenzieher und in der Elektrotechnik in einigen Bereichen Spannungsfall statt Spannungsabfall. Diese Änderungen entstehen, um eine präzisere Aussage zu erreichen, können aber auch die Verständigung erschweren. Es können dabei neue Homonyme entstehen: Spannungsfall ist auch eine Bezeichnung für die Vorstufe des Verteidigungsfalls in der Bundesrepublik. In der Umgangssprache bleiben die ehemaligen Fachwörter noch lange erhalten.

Modelle des Sprachwandels[Bearbeiten]

Es bestehen unterschiedliche Auffassungen über Sprachwandel:

Unsichtbare Hand[Bearbeiten]

Sprachwandel wird als Ergebnis des Wirkens einer unsichtbaren Hand gesehen. Wichtigster Vertreter dieser Theorie ist Rudi Keller von der Universität Düsseldorf. Der Sprachwandel wird hier weder als Naturphänomen noch als Artefakt verstanden, sondern entsteht aus den Einzelhandlungen der Individuen als ungewollte und ungeplante Struktur. Unkoordiniertes Verhalten führt zu einer koordinierten Struktur als eine quasi-Koordination. Sprache als spontane Ordnung ist dabei ein Effekt des Wirkens der unsichtbaren Hand. Sprache und Sprachwandel ist nach Keller ein Phänomen der 3. Art, also weder vom Menschen gemacht (Artefakt) noch ein Naturphänomen, dagegen die kausale Konsequenz (Makroebene) einer Vielzahl individueller, intentionaler Handlungen (Mikroebene). Sprachwandel vollzieht sich im Einzelnen durch den Gebrauch der Sprache selbst. Ein Spezialfall von Sprachwandel ist der Bedeutungswandel. Nach Rudi Keller ändern sich Wortbedeutungen durch Veränderung der Gebrauchsregeln, denn nach Ludwig Wittgenstein ist die Bedeutung eines Wortes sein regelhafter Gebrauch innerhalb eines Sprachsystems. Beim Bedeutungswandel verändern die Sprecher die Gebrauchsregeln eines Wortes (durch Wirken der unsichtbaren Hand) dadurch, dass die Sprecher einen zunächst okkasionellen Sinn so häufig erzeugen, dass in der Sprachgemeinschaft mit der Zeit ein Umlernen erfolgt. Morphologischer Wandel entsteht in der Regel durch Regelverletzungen, Bedeutungswandel als Sinnspezifizierung durch regelkonforme Spezialverwendung unter Wirken der unsichtbaren Hand.

Präferenzmodell[Bearbeiten]

Sprachwandel ist aus dem Sprachsystem bis zu einem gewissen Grad vorhersehbar, da von Veränderungsprozessen besonders merkmalhafte Elemente betroffen sind, also Unregelmäßigkeiten in der Regel dazu neigen, abgebaut zu werden. Das Neuentstehen von Unregelmäßigkeiten ergibt sich als Nebenprodukt von Regularisierungen in anderen Bereichen.

Grammatikalisierungsmodell[Bearbeiten]

Sprachwandel wird als gerichtet angesehen, denn in der Regel werden Lexeme zu grammatischen Elementen. Eine Entwicklung von Grammemen zu Lexemen ist hingegen selten oder sogar auszuschließen.

Soziolinguistisches Modell[Bearbeiten]

Sprachwandel ist abhängig von sozialen Faktoren: Formen und Strukturen, die ein höheres Prestige haben, neigen dazu, sich im Sprachwandel durchzusetzen.

Funktionsmodell (Köhlers Regelkreis)[Bearbeiten]

Die linguistische Synergetik ermöglicht es, den Einfluss der Bedürfnisse, die die Sprecher/ Hörer an ihre Sprache stellen, und deren Auswirkung auf die Gestaltung der Sprache mathematisch zu modellieren. Das Modell sieht eine ganze Reihe solcher Bedürfnisse vor und ist offen für weitere. Neben dem Bedürfnis nach Ökonomie ist z.B. auch mit einem Bedürfnis nach Spezifikation zu rechnen, etwa, wenn Begriffe möglichst präzise definiert werden sollen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl-Heinz Best: Spracherwerb, Sprachwandel und Wortschatzwachstum in Texten. Zur Reichweite des Piotrowski-Gesetzes. In: Glottometrics 6, 2003, ISSN 1617-8351, S. 9–34.
  • Karl-Heinz Best, Jörg Kohlhase (Hrsg.): Exakte Sprachwandelforschung. Theoretische Beiträge, statistische Analysen und Arbeitsberichte. edition herodot, Göttingen 1983, ISBN 3-88694-024-1, (Göttinger Schriften zur Sprach- und Literaturwissenschaft 2).
  • Wolfgang Desnizza: Neurowissenschaftliche Theorie des Sprachwandels. Eine interdisziplinärer Beitrag zur Theorie des Sprachwandels. P. Lang, Frankfurt am Main [u.a.] 2001, ISBN 3-631-37273-6. (Angewandte Sprachwissenschaft 7)
  • Rudi Keller: Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der Sprache. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Francke, Tübingen u. a. 2003, ISBN 3-8252-1567-9, (UTB für Wissenschaft - Uni-Taschenbücher - Linguistik 1567).
  • Reinhard Köhler: Zur linguistischen Synergetik. Struktur und Dynamik der Lexik. Brockmeyer, Bochum 1986, ISBN 3-88339-538-2, (Quantitative linguistics 31), (Zugleich: Bochum, Ruhr-Univ., Diss., 1985).
  • Damaris Nübling, Antje Dammel, Janet Duke, Renata Szczepaniak: Historische Sprachwissenschaft des Deutschen. Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels. 3. Auflage, Narr, Tübingen 2010, ISBN 978-3-8233-6615-7.
  • Nabil Osman: Kleines Lexikon untergegangener Wörter. Wortuntergang seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. 11. unveränderte Auflage. Beck, München 1999, ISBN 3-406-45997-8, (Beck'sche Reihe 487).
  • Hermann Paul: Prinzipien der Sprachgeschichte. Niemeyer, Halle 1880, Text im Projekt Gutenberg.
  • Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band 1: Einführung. Grundbegriffe. Deutsch in der frühbürgerlichen Zeit. de Gruyter, Berlin u. a. York 1991, ISBN 3-11-012458-0, (Sammlung Göschen 2237), (Auch: 2. überarbeitete und ergänzte Auflage. ebenda 2000, ISBN 3-11-016478-7, (De-Gruyter-Studienbuch)).
  • Gerold Schmidt: Sprachwandel und Sprachneubildung durch die Vereinigung Europas. In: Muttersprache 84, 1974, ISSN 0027-514X, S. 409–419.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Sprachwandel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Quellen[Bearbeiten]

  1. Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band 1: Einführung. Grundbegriffe. 14. bis 16. Jahrhundert. 2. überarbeitete und ergänzte Auflage. de Gruyter, Berlin/York 2000, ISBN 3-11-016478-7, Seite 21ff.