St. Petri (Soest)

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St. Petri in Soest

St. Petri (lokal auch als „Alde Kerke“ bekannt) ist die älteste Pfarrkirche in Soest und eine der ältesten Kirchengründungen in Westfalen überhaupt. Bereits Ende des 8. Jahrhunderts wurde im Zusammenhang der Sachsenmission Karls des Großen an dieser Stelle ein Kirchbau errichtet.

St. Petri ist die Hauptkirche der evangelischen St.-Petri-Pauli-Kirchengemeinde in Soest.

Geschichte und Architektur[Bearbeiten]

Historische Ansicht von 1905
historische Ansicht von 1905, Blick durch das Schiff auf den Altarbereich
Seitenansicht der Kirche, Zustand 2006
Gewölbesystem, Zeichnung aus dem Jahrbuch der kaiserl. königl. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale III, 1859
Wandmalerei
Portal mit Bronzetür von Viegener
Portal, Detailansicht

Eine Vorgängerkirche aus der Zeit um 800 war eine einschiffige Saalkirche mit eingezogenem Chor. Sie wurde im Zusammenhang mit den Bemühungen Karls des Großen gegründet, den Norden Deutschlands zu christianisieren. St. Petri gehört zu den Urpfarreien in Westfalen.[1] Infolge des Wachstums der Stadt in den folgenden Jahrhunderten wurde die Kirche zu klein; es mussten neue Kirchen gebaut oder die alten erweitert werden. Die heutige Kirche wurde 1150 geweiht. Ihr ursprünglicher Charakter als dreischiffige romanische Basilika ist innen wie außen deutlich erkennbar. Kaiser Barbarossa besuchte die Kirche im Jahr 1152.[2] Um 1180 wurde an der Nordseite eine zweigeschossige Vorhalle, das sogenannte Paradies, angefügt.[3] Im 13. Jahrhundert wurde anstelle der ursprünglichen kleinen Apsis ein großer gotischer Chor angefügt. Es folgten mehrfache Umbauten, unter anderem der Einbau von Emporen in die Seitenschiffe. Der Turm erhielt zum Ende des 14. Jahrhunderts ein weiteres Geschoss, das mit einer gotischen Spitzhaube bekrönt war.[4] 1709 bekam die Kirche nach einem Turmbrand die dreistöckige barocke Haube, die für sie heute kennzeichnend ist. Die Kirchenfenster aus der Zeit von 1876 bis 1881 fielen den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs zum Opfer. Entsprechend dem damaligen Zeitgeschmack wurde die ehemals ornamentale, romanische Ausmalung der Gewölbe aufgedeckt und in intensiver Farbgebung rekonstruiert. Gleichzeitig wurden die gotischen Wandbilder, dem Geschmacksempfinden entsprechend, überstrichen. Diese Maßnahmen wurden bei der Renovierung in den Jahren von 1930 bis 1933 teilweise rückgängig gemacht; die gotischen Tafelbilder wurden aufgedeckt und die romanische Bemalung weiß überstrichen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 detonierte zwischen den Kirchen St. Patrokli und St. Petri eine Luftmine, die den Chorraum und den barocken Hochaltar zerstörte. Wandmalereien, Gemälde, Kirchenbänke und Abendmahlsgeräte wurden teilweise stark beschädigt. 1948 wurde eine provisorische Wand hochgezogen, die den zerstörten Chor vom Hauptschiff trennte. Ein erster Gottesdienst in der nun verkürzten Kirche konnte im August 1948 stattfinden; der Chor wurde ab 1949 wieder aufgebaut und 1958 eingeweiht.[5]

Der älteste Teil des Gebäudes ist die Turmhalle. In den Säulen sind teilweise tiefe Wetzrillen zu sehen; sie entstanden durch das Wetzen von Schwertklingen. Die früher in der Kirche verteilten Grabplatten fanden 1945 ihre jetzigen Plätze. Das sogenannte Paradies ist die Eingangshalle des Nordportals; es wurde früher, als die Kirche noch von einem Friedhof umgeben war, als Trauerhalle genutzt. Ein um 1400 entstandenes Bild aus der Werkstatt des Conrad von Soest zeigt auf einem auffälligen roten Hintergrund die Kreuzigung Christi. Unter dem Kreuz stehen Maria, Johannes und eine Gruppe von Frauen. Darunter ist zu sehen, wie die Soldaten Christus entkleiden und um seine Kleider würfeln.[6] Typisch für die Kirche ist, dass jede Zeit in ihr Spuren hinterlassen hat. Die alte Romanik des Westteils kontrastiert mit der Gotik des Chorraums und den geschwungenen Formen des Barock. Die Kirchenkunst des 20. Jahrhunderts ist ebenfalls stark repräsentiert, da nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs vieles neu erschaffen werden musste. So stammen Kirchenfenster und Portale aus den 1950er und 1960er Jahren, der gläserne Hauptaltar aus dem Jahr 1994.

Sehenswert im Innern sind insbesondere die romanische Deckenbemalung, die gotischen Wandmalereien (Conrad von Soest), der Klepping- bzw. Barbara-Altar (ein Antwerpener Retabel, um 1520), ein Triumphkreuz aus dem 14. Jahrhundert, die Apostelfenster Petrus und Paulus (um 1300), die Barockkanzel (1693) und der Glasaltar (1994). Am 1. Advent 2006 wurde die neue Orgel der Kirche (47 Register, drei Manuale) eingeweiht. Über die Grenzen von Soest hinaus ist die Petrikirche auch deshalb bekannt, weil von ihrem Turm aus an jedem Heiligabend das sogenannte Soester Gloria gesungen und gespielt wird.

Das Gebäude ist durch zwei Portale je in der Wand des nördlichen und südlichen Seitenschiffes erschlossen. Früher war das Nordportal, das dem Rathaus gegenüber liegt, der Haupteingang. Hier zogen die Ratsherren feierlich in Kirche. Die von dem Bildhauer Thomas Walter Casanova 1968 gestaltete Eingangstür zeigt Szenen aus der Soester Reformationsgeschichte. Die Bronzetür im Südportal ist eine Arbeit Fritz Viegeners von 1958 und zeigt Darstellungen aus der Apokalypse des Johannes. Aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts stammt das Tympanon; es zeigt die Siedung des Apostel Johannes vor Kaiser Domitian. Daneben ist ein bärtiger Engel zu sehen.[7] Ein kleiner Raum auf der linken Seite – im Volksmund „Herrenchörchen“ genannt – diente den Ratsherren als Platz während der Gottesdienste. Die beiden Fenster zeigen die Apostel Petrus und Paulus. Auf einer Säule gegenüber ist eine auf den Baumeister hinweisende Inschrift erhalten: HERRENFRIDUS ME FECIT (Herrenfrid hat mich gemacht).[8]

Kirchenfenster[Bearbeiten]

Die Kirchenfenster wurden von 1958 bis 1971 erneuert; die Entwürfe zu den Fenstern im Chor stammen von Vincenz Pieper, die der Seitenchöre von Claus Wallner. Die Türen des Viegenerportals, des Paradiesportals und des Reformationsportals wurden von 1958 bis 1968 ausgetauscht. Von 1960 bis 1962 wurde eine Innenrenovierung vorgenommen, bei der der romanische Charakter im Vordergrund stand. Bei der Neugestaltung des Altarraumes in den Jahren 1985 bis 1994 bekam der Taufstein einen neuen Standort beim nördlichen Seitenaltar; der Kleppingaltar wurde einer Restaurierung unterzogen; der neue Altar aus Glas bekam seinen Platz in der Vierung.[9]

  • Die Fenster von Claus Wallner am Taufstein entstanden 1958; sie zeigen Szenen aus dem Alten Testament, wie die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies, den zehn Geboten und der Arche Noah.
  • Die Fenster von Vincent Pieper wurden 1960 angefertigt; sie zeigen Darstellungen aus dem neuen Testament: die Geburt Jesu, das Leben Jesu, die Passion, das Osterfest, das Pfingstfest.
  • Die Fenster im sündlichen Chor stammen ebenfalls von Wallner; sie zeigen Szenen aus dem Leben der Apostel Petrus und Paulus.[10]
  • Das gotische Fenster an der Südseite mit dem Thema „neue Schöpfung“ und die blaue Rosette an der Nordseite mit dem Thema „erste Schöpfung“ schuf Frère Marc aus Taizé.

Orgel[Bearbeiten]

Die Orgel auf der Westempore der Petrikirche wurde 2006 von der Freiburger Orgelbaufirma Hartwig Späth erbaut. Sie ersetzte die vormalige Steinmeyer-Orgel, die aus der St.-Sebaldus-Kirche in Nürnberg übernommen worden war. Die Orgel hat 47 Register auf drei Manualen und Pedal.[11]

I Hauptwerk C–g3

1. Bordun 16'
2. Prinzipal 8'
3. Rohrflöte 8'
4. Flûte harmonique 8'
5. Viola da Gamba 8'
6. Oktave 4'
7. Gedecktflöte 4'
8. Oktave 2'
9. Mixtur major III 2'
10. Mixtur minor II 2/3'
11. Cornett V 8'
12. Fagott 16'
13. Trompete 8'
Tremulant
II Positiv C–g3
14. Holzprinzipal 8'
15. Holzgedeckt 8'
16. Salizional 8'
17. Prinzipal 4'
18. Flöte 4'
19. Sesquialter I 13/5'
20. Sesquialter II 22/3'
21. Doublette 2'
22. Octävlein 1'
23. Scharff IV 11/3'
23. Quinte (aus Nr. 23) 11/3'
24. Cromorne 8'
Tremulant
III Schwellwerk C–g3
25. Flûte traversière 8'
26. Cor de nuit 8'
27. Gambe 8'
28. Voix céleste 8'
29. Prestant 4'
30. Flûte octaviante 4'
31. Nazard 22/3'
32. Octavin 2'
33. Tierce 13/5'
34. Plein jeu 22/3'
35. Trompette harm. 8'
36. Hautbois 8'
37. Voix humaine 8'
38. Clairon 4'
Tremulant
Pedal C–f1
39. Prinzipalbaß 16'
40. Subbaß 16'
41. Echobass (Nr. 1) 16'
42. Quintbass 102/3'
43. Octavbass 8'
44. Violon (Nr. 5) 8'
45. Bordun 8'
46. Octavbass 4'
47. Mixturbass IV 22/3'
48. Bombarde 16'
49. Fagott (Nr. 12) 16'
50. Trompetbass 8'
  • Koppeln:
    • Normalkoppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P
    • Superoktavkoppel: III/P
    • Suboktavkoppel: III/III
  • Nebenregister: Cymbelstern

Glocken[Bearbeiten]

Bäckerglocke von 1711

Im Turm hängen sechs Glocken, von denen die vier großen geläutet werden; die beiden kleinen dienen als Uhrschlagglocken. Beim Brand des Turmes 1702 wurde das alte Geläut vernichtet. Die 1711 gegossene Bäckerglocke ersetzte eine städtische Glocke, die von St. Patrokli überwiesen worden war. Die vierte Glocke von 1991 ersetzte die Lutherglocke von 1933, welche ihrerseits die sogenannte Leineweberglocke von 1801 als Vorgänger hatte. Beide Glocken mussten in den Weltkriegen abgeliefert werden. Das Geläut von St. Petri führt Glocken von Meister de la Paix und Schüler Stule zusammen.[12][13] Zum Betläuten erklingt Glocke 4, das reguläre Sonntagsgeläut bilden die Glocken 4, 3 und 2.

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Durchmesser
(mm)
Masse
(kg, ca.)
Schlagton
(HT-1/16)
1 Feuerglocke 1702 Johann Georg de la Paix & Bernhard Wilhelm Stule 1.610 2.600 h0 –4
2 Bäckerglocke 1711 Bernhard Wilhelm Stule 1.396 1.650 cis1 –1
3 1702 Johann Georg de la Paix & Bernhard Wilhelm Stule 1.227 1.100 e1 –7
4 Taufglocke 1991 Karlsruher Glocken- und Kunstgießerei 990 690 gis1
I Stundenglocke 1711 Bernhard Wilhelm Stule 663 d2 –7
II Viertelstundenglocke 1956 Glocken- und Kunstgießerei Rincker e2

Ausstattung[Bearbeiten]

  • Ein acht Meter hoher barocker Hauptaltar kam 1647 in die Kirche; er wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.[14]
  • Der Klepping-Altar wurde um 1525 in Antwerpen gebaut; er trägt die Zeichen der Lukasgilde und ist eine Stiftung einer Familie Klepping. Der mittlere Teil ist mit Schnitzfiguren besetzt und mit einer Figur der Barbara bekrönt; die beiden Außenflügel sind bemalt. Während der Passionszeit wird der Altar verhüllt.[15]
  • Die reich geschmückte barocke Kanzel wurde von 1692 bis 1693 von Johann Sasse aus Attendorn erschaffen. Sie trägt Figuren der vier Evangelisten, des Apostels Petrus und die allegorischen Gestalten Glaube, Liebe, Hoffnung und Stärke. Petrus wird nicht mit einem Schlüssel, sondern mit einem krähenden Hahn gezeigt. Der Hahn krähte laut Neuem Testament, als Petrus Jesus verleugnete. Der Schalldeckel ist mit einer großen Christusfigur bekrönt.[16]
  • Das Triumphkreuz zeigt den gekreuzigten Christus, flankiert von Maria und Johannes. In der Fassung aus Metall im Korpus des Christus befand sich einst ein Bergkristall. Die vier Medaillons an den Enden der Kreuzbalken zeigen die Evangelistensymbole. Die flankierenden Figuren sowie das Kreuz stammen aus dem 14. Jahrhundert; der Corpus ist eine Arbeit des 15. Jahrhunderts.[17]
  • Der Taufstein in Form eines Kelches ist eine Arbeit des 15. Jahrhunderts; er ist an der Außenseite mit einer Szene der Taufe Jesu und mit den Heiligen drei Königen verziert.
  • Da der barocke Altar dem letzten Weltkrieg zum Opfer fiel, wurde 1994 ein neuer schlichter Altar aus Stahl, Glas und Stein aufgestellt; das dazu gehörende Kreuz fand 2001 seinen Platz.[18]
  • Der älteste und wertvollste Abendmahlskelch ist der Nesterkelch, auf dem drei Vogelnester abgebildet sind. Auf einem nährt ein Pelikan seine Jungen mit seinem Blut, auf dem zweiten steigt ein Phönix aus der Asche auf, auf dem dritten breitet ein Adler seine Flügel aus. Diese Bilder symbolisieren den Opfertod, die Auferstehung und die Himmelfahrt Christi. Die Stifter des Kelches, deren Namen nicht überliefert sind, sind am Fuß abgebildet. Zu sehen sind eine Frau und ein Mann, die vor dem gekreuzigten Christus knien; auf dem Spruchband ist zu lesen: miserere m(e)i d(omi)ne.[19]
  • Eine kleine Petrusstatue ist eine Arbeit aus den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts; sie wurde in der Werkstatt des Zigefridus von Soest aus vergoldetem Kupfer hergestellt und diente ursprünglich als Reliquiar.[20]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Urpfarrei St. Petri
  2. Besuch des Kaisers
  3. Paradies
  4. Umbauten im Mittelalter
  5. Kriegswirren
  6. Malerei
  7. Portale
  8. Herrenchörchen
  9. [1]
  10. Fenster
  11. Nähere Informationen zur Geschichte der Orgeln und heutigen Orgel auf der Website der Gemeinde
  12. Claus Peter: Die Deutschen Glockenlandschaften. Westfalen. Deutscher Kunstverlag, München 1989, ISBN 3-422-06048-0, S. 55.
  13. Soest, St. Petri: Vollgeläut im Turm
  14. Barockaltar
  15. Kleppingaltar
  16. Kanzel
  17. Triumphkreuz
  18. [2]
  19. Nesterkelch
  20. Reliquiar

Literatur[Bearbeiten]

  • Ludwig Prautzsch: Das Soester Gloria und die Turmmusik auf St. Petri. Soest, Westfälische Verlags-Buchhandlung Mocker & Jahn, 1958.
  • Bernd-Heiner Röger: Die St. Petrikirche in Soest. DKV-Kunstführer Nr. 397/4, München 2004.
  • Hubertus Schwartz: St. Petrikirche. Soest, Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St. Petri, 1961.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: St. Petri – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

51.5715277777788.1069444444444Koordinaten: 51° 34′ 18″ N, 8° 6′ 25″ O