Steadicam

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Dieser Artikel beschreibt die Kamerahalterung; zu der gleichnamigen deutschen Filmzeitschrift siehe steadycam (Filmzeitschrift).
Steadicam mit Tragekonstruktion

Die Steadicam, auch Schwebestativ oder (nicht-lizenziert) Steadycam genannt, ist ein komplexes Halterungssystem für tragbare Film- und Fernsehkameras, das verwacklungsarme Bilder von einem frei beweglichen Kameramann ermöglicht.

Steadicam ist eine eingetragene Marke der Tiffen Company, LLC, New York.

Aufbau und Funktionsprinzip[Bearbeiten]

Vorläufer[Bearbeiten]

Die Fachzeitschrift Filmtechnik empfahl 1926 ein „Bruststativ“, gewissermaßen ein Vorläufer der Steadicam.[1]

Einfache Stabilisierungsstative nutzen Trägheit, Kipp- und Neigestabilität (Trägheitsmoment) einer großen, an ihrem Schwerpunkt gehaltenen Masse. Physikalisch gesehen stellen sie einen senkrecht angeordneten, zweiseitigen Hebel dar. An der einen Seite (Lastarm) ist die Kamera befestigt, an der anderen Seite (Kraftarm) das Ausgleichsgewicht. In der Mitte der Verbindung von Last- und Kraftarm, dem Drehzentrum des zweiseitigen Hebels, befindet sich der Handgriff. Das Ausgleichsgewicht besteht aus Akkus, Kontrollmonitor und eventuell Zusatzgewichten und ist so dimensioniert, dass der gemeinsame Schwerpunkt von Kamera, Steadicam und Ausgleichsgewicht im Handgriff der Steadicam liegt.

Auf diese Weise wird einerseits ein schmerzhaftes Drehmoment auf das Handgelenk des Kameramanns vermieden, andererseits (und wichtiger) das System aus Kamera und Stabilisierung weitgehend von einem Teil der Bewegungen des Kameramanns isoliert. Lineare Bewegungen der Hand des Kameramanns (in allen drei Dimensionen) führen kaum zu Drehbewegungen des Systems und damit der Kamera. Das „Wackeln“ der Aufnahmen (vor allem durch kleine Winkeländerungen der Kamera hervorgerufen) wird durch die weit auseinander angeordneten Massen und das damit einhergehende hohe Trägheitsmoment deutlich reduziert. Schwenkbewegungen der Hand werden allerdings kaum kompensiert, und der Kameramann muss das komplette Systemgewicht mit einer Hand bewältigen.

Steadicam[Bearbeiten]

Steadicam im Einsatz

Bei der Steadicam bewirkt neben der Trägheit (statische Trägheitskraft und dynamisches Trägheitsmoment) auch die Entkoppelung der direkten Verbindung Kameramann/System eine Stabilisierung. Hierbei ist das Stativsegment knapp oberhalb des Schwerpunkts nur über eine Kardanische Aufhängung mit dem Kameramann verbunden. Dadurch werden unbeabsichtigte Drehbewegungen des Kameramanns weitgehend vom Kamerasystem ferngehalten. Beabsichtigte, aber zu schnelle Schwenks werden durch größere Radien in der Anordnung der Gegengewichte kompensiert (statt einer nur senkrecht angeordneten Massenverteilung wird ein Teil der Masse nach vorn und ein dazu passender Teil nach hinten verlagert.)

Das (meist erhebliche) Zusatzgewicht des Systems wird mittels eines speziellen, beweglichen Tragarms mit einer den ganzen Rumpf umschließenden Tragweste verbunden (Rig), die das Gewicht aufnimmt. Der Tragarm besteht meist aus zwei parallelstatischen Gelenkarmen (Parallelogrammführung), die mittels starker auf das Gewicht der Kamera abgestimmter Federn die Kamera auf halber Höhe der Armauslenkung halten. Durch den gefederten, isoelastischen Tragarm wird – zusätzlich zur einfachen Bauart – auch die vor allem auftretende senkrechte Komponente der Laufbewegung des Kameramanns weitgehend entkoppelt. Steigt der Kameramann beispielsweise auf eine Stufe, so folgt die Kamera der Bewegung mit gleitend weicher Verzögerung.

Durch den Tragarm kann die Steadicam auch seitlich, parallel zur Rumpfachse des Kameramanns, ausgeschwenkt werden, was auch Kamerapositionen weit vom Körperschwerpunkt entfernt ermöglicht. Das dabei auftretende Drehmoment wird über die Weste auf die Wirbelsäule des Kameramanns übertragen. Das Drehmoment ist umso größer, je weiter der Kameramann die Steadicam seitlich von seinem Rumpf weg ausschwenkt. Mit der Steadicam werden störende Drehungen der Kamera als solche vermieden, und die Höhe der Kamera über Grund kann durch die bequeme (für die Arme und Hände des Kameramanns kräftefreie und damit schmerz- und ermüdungsarme) Handhabung nahezu konstant gehalten werden. Eine Belastung der Wirbelsäule des Kameramanns ist allerdings unvermeidlich. Ein neuartiger Westentyp, auch „Walter Klassen Harness“ genannt, setzt den Tragepunkt hinten am Körper an und vermeidet damit die Belastung der Wirbelsäule.

Bei beiden Ausführungen kann die Kamera nicht mehr direkt bedient werden, schließlich soll die Kamera ruhiger sein als der Körper des Kameramannes. Daher sind die wichtigsten Funktionen der Kamera (Schärfe, Blende etc.) über eine Fernsteuerung bedienbar. Zur Bildkontrolle wird ein am Rig montierter sehr lichtstarker Monitor eingesetzt. Das Bild kann aber auch live auf einen Monitor (etwa für den Regisseur oder bei Live-Sendungen) übertragen werden.

Geschichte und Bedeutung[Bearbeiten]

Die Steadicam wurde in den 1970er-Jahren von dem Kameramann Garrett Brown entwickelt. Brown drehte einen zehnminütigen Demofilm, den er einigen Regisseuren vorführte (u. a. Stanley Kubrick und John G. Avildsen). In Dieses Land ist mein Land (1976) von Hal Ashby fand das System erstmals in einem Kinofilm Verwendung, berühmter allerdings ist bis heute Avildsens Rocky (1976) für einen der ersten Einsätze. Kurz darauf folgte John Schlesingers Marathon-Mann (1976).

1979 hatte die Steadicam im deutschen Spielfilm Premiere. Nahezu komplett wurde damit der Kinofilm Der Willi-Busch-Report von Niklaus Schilling realisiert. (Kamera/Operator Wolfgang Dickmann)

Seitdem gehört die Steadicam bei größeren Produktionen zur Standardausrüstung. Mit ihr sind verwacklungsfreie Aufnahmen auch in linearer (nicht krangebundener) und abschwenkbarer Bewegungsrichtung möglich, weil kein Schienensystem (Dolly) sichtbar ist. Bei Live-Übertragungen wird den Akteuren ein erweiterter Bewegungsspielraum gewährt, und spontane Aktionen werden möglich. Für die Entwicklung der Steadicam erhielt Garrett Brown 1978 einen Oscar.

Filmbeispiele[Bearbeiten]

Ein Exempel für die Leistungsfähigkeit der Steadicam ist in dem Film The Shining von 1980 zu sehen: Hier verfolgt die Steadicam die rennenden Schauspieler durch ein verschneites Heckenlabyrinth vorwärts und rückwärts – zwischen den hohen Hecken hätte etwa ein Kamerakran keinen Platz gefunden. Garrett Brown, der die Steadicam hier selbst führte, trat bei den Rückwärtsbewegungen in vorhandene Fußspuren und beeinträchtigte so nicht die filmische Illusion.

In Aliens (1986) taucht die Steadicam selbst im Filmgeschehen auf; die im Film gezeigten sog. „Smart Guns“ (Roboterkanonen) sind Maschinengewehre, die anstelle einer Kamera auf ein Steadicam-System montiert wurden.

Eine Besonderheit stellt der Film Russian Ark von Alexander Sokurov aus dem Jahr 2002 mit dem Kameramann Tilman Büttner (Lola rennt) dar: Während wegen des Kraftaufwandes im Umgang mit der Steadicam die meisten so gedrehten Sequenzen nur wenige Minuten lang sind, wurde dieser in einer einzigen 92-minütigen Steadicam-Einstellung gedreht, die durch alle Ausstellungsräume der Sankt Petersburger Eremitage führte.

In der Eingangsszene von Kill Bill (2003) wird durchgängig mit Steadicams gearbeitet. Die Kamera scheint durch die Luft zu „schweben“. Dazu betritt während der Einstellung der Steadicam-Operator mehrfach die Plattform eines im Studio installierten Kamerakrans, so dass schwebende Bewegungen durch den Raum im Anschluss an Kameraführungen durch enge Gänge realisiert werden können.

Weitere Beispiele sind die Eröffnungsszene und das Betreten des Nachtclubs durch die Küche durch Henry und Karen in Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia (1990) und die Verfolgungssequenz im Gangsystem bei Alien³ (1992).

Steadicam-Hersteller[Bearbeiten]

Der erste Hersteller von Steadicams nach dem Patent von Brown war die Cinema Products Corporation, USA. Mit der Schließung des Unternehmens im Jahr 2000 wurde die Steadicam-Lizenz an die Tiffen Company verkauft.

Der Preis für das Steadicam-System „UltraCine“, komplett mit Batteriepack, Monitor (mit eingeblendetem künstlichem Horizont), diversem Anschlussmaterial, PDA zum Berechnen der Schwerpunktjustage und Hardcase lag im Jahr 2006 bei 66.000 US-$.

Sachtler hat 2001 gemeinsam mit Operator und Kameramann Curt O. Schaller das Kamera-Stabilisierungs-System artemis auf den Markt gebracht. Die Systempalette ist modular aufgebaut und besteht aus drei Basis-Modellen: die artemis DV Pro (Einsteigersystem für (H)DV), die artemis EFP HD sowie die artemis Cine HD. Das neu entwickelte Kamera-Stabilisierungs-System basiert auf fünf Patenten, die die Handhabung von HD-Videosignalen optimiert und die Balance perfektioniert. Für das Kamera-Stabilisierungs-System stellt Sachtler u.a. einen Federarm aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff her, der kompatibel zu allen Westen mit amerikanischem Standard-Industrie-Anschluss und zu Gimbals mit 5/8“ Arm-Post Friktion ist. artemis war das erste HD-fähige Kamera-Stabilisierungs-System. Die neuste Entwicklung ist die artemis EFP HD SE, ein spezielles System, das für digitale Kameras, wie die RED ONE™ Kamera, konzipiert ist.

Am unteren Ende des Spektrums sind inzwischen auch Systeme für leichte Videokameras der Unterhaltungselektronik verfügbar (ab ca. 500 Gramm Kameragewicht). Das System wiegt dann nur noch ca. 1 Kilogramm (plus Kameragewicht), und man benötigt deshalb meist weder Tragarm noch Weste. Je nach Hersteller bewegen sich die Preise im Bereich von 50 bis 1500 Euro.

Weiterentwicklungen[Bearbeiten]

Garrett Brown hat später auch schienen- (GoCam) und seilgeführte (SkyCam) Kamerasysteme entwickelt, deren Bilder auch häufig bei Sportübertragungen zu sehen sind. All diese Systeme wenden aber im Wesentlichen das Stabilisierungsprinzip der Steadicam auf andere, nichtmenschliche Träger an.

Eine weitere technische Neuerung wurde von der Firma Steadydrive mit der Progressionsverstellung eingeführt. Bei diesen Systemen lässt sich während des Betriebs nicht nur die Vorspannung, sondern auch die Federungscharakteristik verstellen.

Als wirkliche Weiterentwicklung zur Steadicam ist wohl nur die SpaceCam zu sehen; bei ihr wird nicht mechanisch durch Massenträgheit stabilisiert, sondern elektronisch unterstützt durch ein Kreiselinstrument (Gyroskop). Die Aufhängung ist aber so groß und schwer, dass sie meist nur für Flugaufnahmen verwendet wird (z. B. die Überflugbilder aus Tom Tykwers Heaven).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Harro Segeberg: Medien und ihre Technik: Theorien, Modelle, Geschichte. Schüren 2004