Thomas von Trattner

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Johann Thomas von Trattner. Stich von J. E. Mansfeld nach einem Gemälde von J. Hickel, 1770

Johann Thomas von Trattner (* 20. Dezember 1717[1] in Jormannsdorf; † 31. Juli 1798 in Wien) war ein österreichischer Buchdrucker, Buchhändler und Verleger.

Leben[Bearbeiten]

Trattner stammte aus einfachen Verhältnissen und war der Sohn eines Landwirts evangelischen Glaubens. Seine Mutter starb bei seiner Geburt, sein Vater zwei Jahre später. Trattner wurde danach von einer Tante in Wiener Neustadt aufgezogen und lernte in der Schule nur die elementaren Kenntnisse des Lesens, Schreibens und Rechnens. Nachdem er einige Jahre auf einem Bauernhof gearbeitet hatte, konnte er 1735, mit 16 Jahren, beim Buchdrucker Samuel Müller in die Lehre gehen.

Auf Empfehlung seines Lehrherrn erhielt Trattner nach seiner Lehre 1739 eine Anstellung als Schriftsetzer beim Hofbuchdrucker Peter van Ghelen in Wien, dessen große Bibliothek er eifrig zur Weiterbildung benützte. Nach einigen Jahren konnte sich Trattner als Verleger selbstständig machen, indem er 1748 die Druckerei von Johann Jakob Jahn erwarb. Durch sein kaufmännisches Geschick schuf er daraus bald ein blühendes Unternehmen. Mittels Billigangeboten gelang es Trattner, dass der Orden der Jesuiten beinahe alle seine Lehrbücher und Traktate bei ihm drucken ließ.

Auf Fürsprache von Gerard van Swieten, dem Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia, wurde Trattner 1752 zum Hofbuchdrucker ernannt. Dieses Amt trat er noch im selben Jahr als Nachfolger seines Lehrherrn Ghelen an. Verbunden mit diesem Amt war das kaiserliche Privileg, alle in Österreich benötigten Schul- und Lehrbücher herstellen zu dürfen. In den nächsten Jahren konnte Trattner seine Firma zu einem "Konzern" ausbauen, da er Papiermühlen, Bleigießereien, Buchbindereien als Filialen im ganzen Kaiserreich aufkaufte oder selbst gründete.

Schon zuvor hatte Trattner, bedingt durch die politische Lage in den deutschsprachigen Ländern, kostengünstig die Werke deutscher und schweizerischer Schriftsteller, wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder, Gotthold Ephraim Lessing, Christoph Martin Wieland u.a nachgedruckt. Nicht nur, dass diese Autoren keinerlei Tantiemen bekamen (was derzeit aber auch in Deutschland noch nicht üblich war), viele dieser Werke wurden von Trattner nach der österreichischen Zensur „entschärft“ und damit z.T. erheblich entstellt. Dadurch machte sich Trattner besonders in den norddeutschen Gebieten erbitterte Feinde unter den dortigen Buchhändlern und Verlegern, die durch Trattners Nachdrucke deutliche finanzielle Verluste hinnehmen mussten. Zu seinen schärfsten Gegnern gehörte der Leipziger Verleger Philipp Erasmus Reich, der Mitte des 18. Jahrhunderts gegen den Nachdruck seiner und anderer erfolgreicher sächsischer Werke vorging. Im weiteren gehörte Trattner den Reichsbuchhändlern an, die gegen die Einführung des in Leipzig durch Reich initiierten Nettohandels im deutschen Buchwesen des 18. Jahrhunderts aktiv vorgingen, indem sie die nun deutlich teureren, aber auch begehrteren Werke der norddeutschen Verleger nachdruckten und eine neue Handelsform für den Buchhandel forderten.

Vignette auf dem Titelblatt von Alois Blumauers „Aeneis“, Band 2, 1785

Kritikern gegenüber verwies Trattner immer auf die spezielle Rechtslage in Österreich, welche ihm den Nachdruck erlaube, bzw. eben nicht unter Strafe stellte.

Der Nachdruck eines Werkes ist eben nur eine Sache des Handels (Kauf und Verkauf), also ein ... bloßes Negotium, das keinem braven Drucker verwehrt werden könne.

Darüber hinaus konnte er sich durch seine Privilegien der Protektion des Hofs in Wien sicher sein. Als mit der Zeit auch österreichische Schriftsteller unter diesem Missbrauch zu leiden begannen, ließ Aloys Blumauer auf das Titelblatt seiner Travestirten Aeneide eine Vignette setzen, welche ein Rudel Hunde zeigt, das sich über einen menschlichen Kopf hermacht. Einer der Hunde trägt ein Halsband mit den Buchstaben „T.v.T.“. Im Text der Aeneide wird das Bild erläutert: die Hunde seien Nachdrucker, die sich an einem Dichterhaupt vergehen.

1764 wurde Trattner in den Reichsritterstand erhoben und nannte sich seitdem Johann Thomas, Edler von Trattner. Seit 1773 verlegte er in Varaždin, und von 1776 bis 1793 in Zagreb, wo er auch die deutschsprachige Zeitung Kroatische Korrespondent verlegte. [2]

An die Kirche angebaut (rechts im Bild) die Grabstätte von Johann Thomas von Trattner.

Privates[Bearbeiten]

Trattner heiratete seine erste Frau Anna von Retzenheim am 9. August 1750. Sie starb am 16. Mai 1775 und wurde in der Schottenkirche beigesetzt und später in die Gruft in Wienerherberg umgebettet. Seine zweite Frau heiratete er am 17. September 1776 Maria Theresia Nagel (1758–1793) in der Pfarrkirche von Wienerherberg.

Am Graben in der Wiener Innenstadt kaufte Trattner 1773 den Freisingerhof und ließ ein Gebäude erbauen, das unter dem Namen Trattnerhof bekannt wurde und bis 1911 bestand. Nach dem Abriss des Trattnerhofs wurde an dessen Stelle 1912 zwischen zwei Neubauten die Gasse Trattnerhof angelegt.

Thomas von Trattner verstarb 1798 im Alter von 81 Jahren in Wien. Seine letzte Ruhe fand er in der Ortskirche von Wienerherberg in Niederösterreich. Er war in Österreich neben Joseph Gerold und Peter van Ghelen einer der großen Verleger seiner Zeit.

Literatur[Bearbeiten]

  • Christof Capellaro: „Durch Arbeit und Gunst“. Zu den Geschäftsstrategien des typographischen Großunternehmers Johann Thomas von Trattner (18. Jahrhundert). Hausarbeit, Humboldt-Universität zu Berlin 2004, (PDF-Datei; 1,14 MB).
  • Hermine Cloeter: Johann Thomas Trattner. Ein Großunternehmer im Theresianischen Wien. Böhlau, Graz 1952, (mit falschem Geburtsdatum).
  • Ursula Giese: Johann Thomas Edler von Trattner. Seine Bedeutung als Buchdrucker, Buchhändler und Herausgeber. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens (AGB) 3, ISSN 0066-6327, 1961, Sp. 1013–1454, (mit falschem Geburtsdatum, mit - lückenhafter aber brauchbarer - Bibliographie der Trattnerdrucke).
  • Ingeborg Jaklin: Das österreichische Schulbuch im 18. Jahrhundert. Aus dem Wiener Verlag Trattner und dem Schulbuchverlag. Edition Praesens, Wien 2003, ISBN 3-7069-0213-3, (Buchforschung 3).
  • Mark Lehmstedt: Ein Strohm der alles überschwemmet. Dokumente zum Verhältnis von Philipp Erasmus Reich und Johann Thomas von Trattner. Ein Beitrag zur Geschichte des Nachdrucks in Deutschland im 18. Jahrhundert. In: Bibliothek und Wissenschaft 25, 1991, ISSN 0067-8236, S. 176–267.
  • Anton Mayer: Trattner, Johann Thomas Edler von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 38, Duncker & Humblot, Leipzig 1894, S. 499–501.
  • Reinhard Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels. Ein Überblick. Beck, München 1991, ISBN 3-406-35425-4.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Datum nach: Polster, Gert: Die Familien der heutigen Großgemeinde Bad Tatzmannsdorf in genealogischer, sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Sicht. Staatsprüfungsarbeit am Institut für Österreichische Geschichtsforschung. Wien 2001, S.151 (basierend auf: Pfarramt Pinkafeld, Taufbuch Bd.III, 1712-1743). Die Angaben in der Sekundärliteratur (11. November oder 20. Dezember 1717) sind fehlerhaft. Vergleiche auch den Trattner-Aufsatz von Christof Capellaro unter den Weblinks
  2. HRT - Kultura Trattneriana

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Thomas von Trattner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien