Vision (Religion)

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Die Nonne Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Eingebung (Miniatur in einer Handschrift des 12. Jahrhunderts).

Als Vision (von lateinisch visio „Erscheinung, Anblick“) wird im religiösen Sinne ein subjektives bildhaftes Erleben von etwas sinnlich nicht Wahrnehmbarem bezeichnet, das aber dem Erlebenden (dem Visionär) als real erscheint und von ihm auf die Einwirkung einer jenseitigen Macht zurückgeführt wird. Zusätzlich treten oft Höreindrücke (meist als gesprochene Worte) auf.

Mitunter erhält der Visionär auch Eindrücke, die von anderen Sinnesorganen zu stammen scheinen. Wenn es sich um ein reines Hörerleben handelt, spricht man in der Religionswissenschaft von „Audition“ (von lateinisch audire „hören“), aber im umgangssprachlichen Sprachgebrauch wird der Unterschied zwischen bildlosen inneren Wahrnehmungen und bildhaften Erlebnissen kaum berücksichtigt.

Begriff und Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Der Begriff visio war im Mittelalter in der lateinischen hagiographischen Literatur (Lebensbeschreibungen von Heiligen) geläufig und es gab auch eine Visionsliteratur als eigene literarische Gattung. Im frühen 14. Jahrhundert wurde das Wort aus der (mittel)lateinischen Sprache ins Deutsche übernommen. Teils wurde es eingedeutscht (visiôn, visiûn, visiûne), teils beließ man es in seiner ursprünglichen Form als visio und deklinierte es auch in deutschen Texten lateinisch, was bis Ende des 17. Jahrhunderts vorkam. Der älteste Beleg für Eindeutschung findet sich bei Meister Eckhart († 1327/1328).[1] Ein bereits im Mittelhochdeutschen gebräuchliches Synonym war „Gesicht“ (Plural „Gesichte“, im Sinne von „Gesehenes“).

Da in der Frühen Neuzeit die Zahl der grundsätzlichen Skeptiker und der Gegner des Glaubens an Visionen stark zunahm, erhielt der Begriff Vision auch die Konnotation „Trugbild“, „Wahnbild“, „(Fieber-)Traumbild“, „Phantasievorstellung“, „Einbildung“.

Wegen des Zukunftsbezugs vieler Visionen erhielt der Begriff außerhalb religiöser Zusammenhänge die Bedeutung „Zukunftsvorstellung“ im Sinne von „Wunschvorstellung“ (seltener „Befürchtung“) oder von „realer Utopie“. Man spricht von „Zukunftsvisionen“. Gemeint sind meist kühne, in manchen Fällen phantastisch wirkende Konzepte, Entwürfe und Ideale, deren Verwirklichung geplant wird und die in dafür empfänglichen Kreisen Begeisterung auslösen.

Die Vielschichtigkeit des Begriffs zeigt sich am deutlichsten im Wortspiel „Das sind keine Visionen, sondern ist eine Vision“ (d. h. hier: es geht nicht um Phantasieentwürfe, sondern um ein begeistert zu entwickelndes Zukunftskonzept).

Der Ausdruck „Visionär“ wurde ebenso wie auch das zugehörige Adjektiv „visionär“ aus dem Französischen (visionnaire) ins Deutsche übernommen. Das Wort wurde im 18. Jahrhundert eingedeutscht. Dabei war von Anfang an die Konnotation „Träumer“, „Schwärmer“, „Phantast“ präsent. Heute wird der Begriff oft nichtreligiös zur Bezeichnung von Personen verwendet, die – etwa als Politiker oder Erfinder – mutige, bahnbrechende Ideen formulieren und verwirklichen.[2] Gelegentlich hat der Begriff auch eine negative Konnotation im Sinne von Visionär als jemand ohne besondere Ausbildung, der sich seinen Unterhalt mit einem vermeintlichen Blick in die Zukunft verdient.[3]

Religiöse Deutung[Bearbeiten]

Im religiösen Kontext wird eine Vision, wenn sie als „echt“ (also nicht als Halluzination) betrachtet wird, auf einen realen äußeren Verursacher zurückgeführt. Dabei handelt es sich bei positiver Interpretation des Erlebnisses um eine Gottheit oder eine im Namen der Gottheit handelnde Instanz (beispielsweise einen Engel oder Heiligen), bei negativer Interpretation um einen Dämon oder Teufel. Man nimmt an, der Urheber der Vision wolle auf diesem Wege dem Visionär und über ihn auch einem bestimmten Personenkreis oder der Menschheit eine Mitteilung zukommen lassen. Eine solche religiöse Deutung eines Visionserlebnisses wird oft damit begründet, dass in der Vision eine Botschaft übermittelt worden sei, deren außergewöhnlicher und außerordentlich beeindruckender Inhalt den Wissensstand und Alltagshorizont des Visionärs übersteige und kaum auf normale Weise erklärbar sei, was für die Authentizität spreche. Außerdem beschreiben Visionäre die Art der Wahrnehmung während der Vision als so mitreißend, ergreifend und erschütternd, dass aus ihrer Sicht als Urheber nur eine Macht mit übermenschlichen Fähigkeiten in Betracht kommt.

Berichte über Visionen dienen oft der Legitimierung oder Bestätigung religiöser Weltbilder oder der Beglaubigung und Bekräftigung einzelner religiöser Lehraussagen und Anweisungen. Skeptiker und Gegner dieser Weltbilder halten die Visionen für krankhafte Sinnestäuschungen, Wahnbilder oder Erfindungen zum Zweck vorsätzlicher Täuschung.

Visionsarten[Bearbeiten]

Eine Vision kann auch im Traum empfangen werden, dann spricht man von einer Traumvision. Deren Unterscheidung von gewöhnlichen Träumen wird im religiösen Kontext analog der Unterscheidung zwischen Wachvisionen (Visionen im Wachzustand) und Halluzinationen vorgenommen.

Eine Sonderform der Vision stellt die Offenbarung („Revelation“ im Sinn von lateinisch revelatio) dar. Bei einem visionären Offenbarungserlebnis meint der Visionär eine Botschaft zu empfangen, mit der göttliche Wahrheit enthüllt wird, meist mit der Anweisung sie zu verkünden. Bei manchen Visionen glaubt der Visionär, vergangene, künftige oder räumlich entfernte Ereignisse optisch und akustisch wahrzunehmen, als würden sie sich in seiner Gegenwart abspielen. Wenn der Anspruch erhoben wird, in der Vision werde etwas Zukünftiges enthüllt, handelt es sich um eine prophetische (seherische) Vision, die verbal als Weissagung Ausdruck findet. Von gewöhnlicher Wahrsagung unterscheidet sich die Weissagung durch das spezifisch religiöse Anliegen, das den Kern der Botschaft ausmacht; es geht dabei nicht nur um Einzelschicksale, sondern um die ganze Menschheit oder bestimmte Völker.

In der Regel ist von einer Vision nur eine Person, der Visionär, unmittelbar betroffen, alle anderen haben keinen direkten Zugang zu dem Erlebnis. In manchen Fällen behaupten aber ganze Gruppen, die bildlichen Phänomene der Vision gleichzeitig wahrgenommen zu haben.

Erforschung[Bearbeiten]

Da es sich bei religiösen Visionen um subjektive Erlebnisse handelt, die ausschließlich aus den nachträglich gegebenen Beschreibungen der Visionäre bekannt sind, entziehen sie sich weitgehend einer naturwissenschaftlichen Untersuchung. Möglich ist allerdings ein Vergleich der beschriebenen Erlebnisse und begleitender körperlicher und mentaler Symptome mit optischen und akustischen Wahnvorstellungen psychisch Erkrankter und mit Phänomenen bei vorsätzlich erzeugten Ausnahmezuständen (Rausch, Ekstase). Auf solchen Vergleichen fußen Deutungsversuche aus medizinischer und psychologischer Sicht. Vertreter einer religiösen Interpretation der Visionen halten dem entgegen, allfällige Ähnlichkeiten seien nur scheinbar oder äußerlich und es handle sich in Wirklichkeit um Unvergleichbares, da bei den Visionären keine psychische Erkrankung vorliege.

Als sehr verbreitete kulturgeschichtliche Phänomene sind Visionen und ihre traditionellen religiösen Deutungen ein bedeutender Gegenstand religionswissenschaftlicher, ethnologischer, historischer und nicht zuletzt auch literaturgeschichtlicher Forschung. Historiker fragen insbesondere, inwieweit religiöse oder auch politische Vorstellungen, Wünsche, Befürchtungen und Ziele der Visionäre und ihres Umfelds die überlieferten Darstellungen und Deutungen der Visionserlebnisse beeinflusst haben. Sie untersuchen auch, wie Visionen für politische und religiöse Zwecke instrumentalisiert wurden.

Nicht zu übersehen ist auch die Vision als spezielle literarische Ausdrucksform. Sie wird vor allem dann von Bedeutung, wenn bestimmte Personen anders nicht Gehör finden können oder wenn bestimmte Inhalte anders nicht zu vermitteln sind. So ergriffen etwa religiös interessierte Frauen zielbewusst die Form der Vision als Möglichkeit, ihre theologischen und gesellschaftskritischen Vorstellungen zu vermitteln, die über lange Zeiträume hin einzig auf diese Weise zu Wort gebracht werden konnten.[4]

Nach C. G. Jung können Inhalte visionärer Erfahrung als Archetypen gedeutet werden.

Religiöse Traditionen[Bearbeiten]

Hinduismus[Bearbeiten]

Der Begriff des Rishi hat im Hinduismus eine große Bedeutung. Ein Rishi ist ein Seher, Heiliger und Yogi, dem in einer göttlichen Vision Wahrheiten geoffenbart werden. So sollen die heiligen Schriften des Hinduismus, die Veden den Rishis in der Zeit von 1200 bis 500 v. Chr. geoffenbart worden sein.

Judentum und Christentum[Bearbeiten]

Im Tanach und im Neuen Testament wird von Visionen berichtet, z. B. im Buch Daniel (Dan 7–12 EU), im Matthäusevangelium (Mt 2,13 EU) und in der Offenbarung des Johannes (Offb  EU). Im Ersten (Alten) Testament werden die Visionäre auch „Seher“ genannt (s. 1 Sam 9,9), da sie das schauen, was anderen verborgen ist.[5]

Für die christliche Visionsgeschichte grundlegend ist der Apostel Paulus mit dem, was er selbst und die Apostelgeschichte über seine Visionen schreiben (2 Kor 12,1-6; Apg 9,3-9). Es geht bei ihm in den Visionen darum, in konkreten Lebensproblemen eine Wirklichkeit wahrzunehmen, die nicht offen zutage liegt. In solchem Sinn führen Visionen nicht weg in jenseitige Bereiche, sondern thematisieren das Jenseits in Hinblick auf real existierende Lebensprobleme. So bringt die Vision eine verborgene Lebenswirklichkeit zur Sprache und eröffnet die Zukunft.[6]

Bekannte christliche Visionäre und Visionärinnen sind Baba Wanga, Bernadette Soubirous, Dominikus, Gertrud von Helfta, Hildegard von Bingen, Julian von Norwich, Juliana von Lüttich, Lutgard von Tongern, Margareta Maria Alacoque, Mechthild von Hackeborn, Mechthild von Magdeburg, Mirjam von Abelin, Katharina von Siena und Teresa von Ávila. Zu den bekanntesten christlichen Visionen gehören die Marienerscheinungen.

Christliche Asketen wie Makarios der Ägypter, Nilus der Ältere oder Gregor vom Sinai rieten in ihren Schriften davon ab, Visionen zu begehren und warnten auch vor der Annahme geschauter Visionen als „Wahrheit“. Es sei immer zu bedenken, dass es sich um Eingebungen von Dämonen handeln könne.[7] Gemäß Paulus verstellt sich der Satan als „Engel des Lichts“ (2 Kor 11,14 EU). Die Annahme von Visionen kann laut Ignati Brjantschaninow zur Verblendung des Verstandes führen. Der Grund für ihre Annahme sah er in menschlichem Hochmut.[8]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Marco Frenschkowski, Norbert Mette: Vision. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 35, de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017781-1, S. 117–150 (behandelt werden Visionen in einer Reihe von Religionen, hauptsächlich im Judentum und im Christentum)
  • Ernst Benz: Die Vision. Erfahrungsformen und Bilderwelt. Klett-Verlag, Stuttgart 1969
  • Peter Dinzelbacher: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Hiersemann, Stuttgart 1981
  • Ulrich Niemann, Marion Wagner: Visionen – Werke Gottes oder Produkt des Menschen? Theologie und Humanwissenschaft im Gespräch. Pustet, Regensburg 2005, ISBN 3-7917-1954-8
  • Karl Rahner: Visionen und Prophezeiungen. Zur Mystik und Transzendenzerfahrung. (Hrsg. Josef Sudbrack) Freiburg i. Br. 1989 (Erstveröffentlichung 1958, Quaestiones disputatae Bd. 4)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Visionen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Schulz u. a. (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, Bd. 6, Berlin 1983, S. 217−220.
  2. Hans Schulz u. a. (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, Bd. 6, Berlin 1983, S. 221f. (mit Belegen)
  3. siehe The New Yorker vom 11. Juli 2011. Jennifer Kahn: The Visionary. „...visionary, a word that manages to convey both a capacity for mercurial insight and a lack of practical job skills.“
  4. Vgl. Siegfried Ringler: Gnadenviten aus süddeutschen Frauenklöstern des 14. Jahrhunderts - Vitenschreibung als mystische Lehre. In: Dietrich Schmidtke (Hrsg.): Minnichlichiu gotes erkennusse. Studien zur frühen abendländischen Mystiktradition. (Mystik in Geschichte und Gegenwart I 7) Stuttgart - Bad Cannstatt 1990, S. 89-104, hier S. 96f., mit Beispielen aus den Visionen der Christine Ebner S. 95f. und 99-101.
  5. Nach Hildegund Keul: Verschwiegene Gottesrede. Die Mystik der Begine Mechthild von Magdeburg. Innsbruck, Wien 2004 (Innsbrucker theologische Studien 69), S. 97.
  6. Nach Hildegund Keul: Verschwiegene Gottesrede. Die Mystik der Begine Mechthild von Magdeburg. Innsbruck, Wien 2004 (Innsbrucker theologische Studien 69), S. 97; 100; 102; 488; 486.
  7. Makarios, Nilus und Gregor vom Sinai
  8. Von der Verblendung des Verstandes