Wajdi Mouawad

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Wajdi Mouawad OC (* 16. Oktober 1968 in Dair al-Qamar, Libanon) ist ein kanadischer Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur libanesischer Herkunft. Er lebt derzeit (2014) in Frankreich.

Leben[Bearbeiten]

Die maronitische Familie Mouawad wanderte 1976 aus dem Libanon zunächst nach Frankreich aus und von dort 1983 nach Québec (Kanada). Hier erhielt Wajdi Mouawad eine Schauspielausbildung an der École Nationale de Théâtre du Canada. Er gründete und leitete ein Theater in Montréal und avancierte zu einem der führenden neuen Talente im frankokanadischen Sprachraum. Unter dem Titel „Incendies“ wurde Verbrennungen 2003 in Montréal uraufgeführt. Als zweiter Teil einer geplanten Tetralogie ist es jetzt ins Deutsche übersetzt worden. Für den ersten Teil („Littoral“ – „Küstengebiet“) erhielt Mouawad 2005 den Prix Molière als bester frankophoner Autor. Europäische Theaterfestivals wie das Festival d’Avignon oder die Bonner Biennale haben Wajdi Mouawad schon vor Jahren als impulsgebenden jungen Autor wahrgenommen. Mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Verbrennungen wurde er auch in der deutschen Theaterszene bekannt. Wajdi Mouawad wurde zum künstlerischen Berater für das Festival d'Avignon 2009 ernannt.

Verbrennungen[Bearbeiten]

Nach dem Tod ihrer Mutter machen sich Jeanne und Simon auf die Suche nach ihrem Vater und ihrem Bruder. Nie hat die Mutter viel von sich erzählt und fünf Jahre vor ihrem Tod ist sie zum Unverständnis der Kinder vollständig verstummt. Jeanne beginnt, das Leben der Mutter in einem ihr fremden Land zu rekonstruieren.

„Die Suche nach Wahrheit führt direkt ins Zentrum des sorgsam gehüteten Geheimnisses der eigenen Herkunft und deckt auf, wer diese Mutter wirklich war, und wer die Zwillinge wirklich sind. Nach und nach erkennen die ahnungslosen Nachgeborenen ihre eigene Verstrickung in eine von Bürgerkrieg und sinnloser Gewalt geprägte unbekannte Vergangenheit, die alle bisherigen Sicherheiten über den Haufen wirft und zu neuer Orientierung zwingt“ (Programmheft Akademietheater Wien).

„Ohne dass es uns bewusst war, hat uns dieser Krieg beschädigt, hat uns das Exil beschädigt.“

Verbrennungen wurde 2009 in Kooperation von Hessischem Rundfunk und Deutschlandfunk als Hörspiel adaptiert. Im Oktober 2009 wurde es das Hörspiel des Monats. Regie führte Ulrich Gerhardt.

Die deutsche Theaterinszenierung unter der Regie von Lydia Bunk (in einer der Hauptrollen: Cornelia Dörr) erhielt am 17. Oktober 2011 den Inthega-Preis "Neuberin" 2011.[1]

Verfilmt wurde das Theaterstück 2010 vom kanadischen Regisseur Denis Villeneuve in französischer Sprache unter dem Titel Incendies, wovon es eine deutsche OmU Fassung gibt: Die Frau die singt – Incendies. Der Film wurde für den Oscar 2011 in der Rubrik Bester fremdsprachiger Film nominiert.

Werke[Bearbeiten]

Theaterstücke
  • Hochzeit bei den Cromagnons. (frz. Journée de noces chez les Cromagnons.) Urauff. Théâtre d’Aujourd’hui, Montréal 1992. Regie Wajdi Mouawad. Deutschspr. EA Staatstheater Kassel 10. April 2015, Regie Gustav Rueb[2]
  • Alphonse. Leméac, Montréal 1993 ISBN 9782760999268
  • Willy Protagoras enfermé dans les toilettes. 1998
  • Les mains d'Edwige au moment de la naissance. 1999
  • Le songe. Kurzstück, 1996
  • Couteau. Kurzstück, 1997
  • Küste. (frz. Littoral) W. M. in Zusammenarbeit mit Isabelle Leblanc. Übers. Uli Menke. Urauff. Théâtre Ô Parleur - Festival de théâtre des Amériques, Montréal 1997. Regie Wajdi Mouawad. Deutschspr. EA Staatstheater Mainz, 19. Februar 2011. Regie André Rößler[3]
  • Rêves. („Träume“, 1999)
  • Pacamambo. 2000
  • La orte est un cheval. Kurzstück, 2002
  • Un Obus dans le cœur. („Eine Granate im Herzen“, 2005) nach seinem Roman „Visage retrouvé“
  • Verbrennungen. (frz. Incendies.) Übers. Uli Menke. Urauff.: Théâtre de Quat’Sous - Festival de théâtre des Amériques und Théâtre Ô Parleur - Théâtre Hexagone, Meylan, 14. März 2003. Regie Wajdi Mouawad. Bundesdeutsche Erstaufführungen am 13. Oktober 2006, Deutsches Theater Göttingen und Staatstheater Nürnberg. Inszenierung Georg Schmiedleitner. Österreichische Erstauff. am 28. September 2007 am Akademietheater (Wien)[4]
  • Lettre d'amour d'un jeune garçon (qui dans d'autres circonstances aurait été poète, mais qui fut poseur de bombes), à sa mère morte depuis peu. Kurzstück, 2005
  • John. 2005
  • Die Durstigen. W. M. unter Mitarbeit von Benoît Vermeulen. Übers. Uli Menke. Jugendtheater. (frz. Assoiffés.) Urauff. Théâtre Le Clou, Montréal, 12. Oktober 2006; Regie Benoît Vermeulen. Deutschspr. EA: Staatstheater Mainz, 5. November 2009, Regie André Rößler[5].
  • Wälder. Übers. Uli Menke. (frz. Forêts.) Urauff. Au Carré de l’hypoténuse - Abé carré cé carré, Espace Malraux, Chambéry, 7. März 2006. Regie Wajdi Mouawad. Deutschsprachige EA: Staatstheater Darmstadt, 9. Oktober 2009. Regie Axel Richter[6].
  • Der Sonne und dem Tod kann man nicht ins Auge sehen. Übers. Uli Menke (frz. Le soleil ni la mort ne peuvent se regarder en face.) UA: Théâtre national de Bordeaux en Aquitaine, 2008, Regie Dominique Pitoiset. Deutschspr. EA: Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin, 24. Oktober 2008, Regie: derselbe[7].
  • Temps. ("Zeit") Uraufführung am 3. März 2011, Theaterfestival F.I.N.D. in der Schaubühne am Lehniner Platz
Prosa

Regiearbeit[Bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 2002: Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres durch den französischen Kultusminister für sein Gesamtwerk
  • 2005: Molière als bester frankophoner Autor in der Sparte Theater
  • 2009: Officer des Order of Canada
  • 2012: Le Grand Prix SGDL Thyde Monnier für 'Anima'[12]
  • 2013: Prix Méditerranée für 'Anima'[13]
  • 2013: Prix Littéraire du 2ème Roman für 'Anima', siehe in Französisch
  • 2013: Prix Phénix für 'Anima'; dieser Preis wird verliehen für auf den Libanon bezogene francophone Literatur[14]
  • 2013: Auf der Auswahlliste (mit 5 Titeln) des Prix des Libraires du Québec für 'Anima', in der Kategorie Erwachsene/Romane aus Quebec[15]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. inthega.de
  2. Inmitten fallender Bomben feiert Familie Cromagnon eine Hochzeit. Sie tun so, als ginge das Leben weiter seinen Gang. Doch der Krieg ist längst in das Innere der Familie vorgedrungen: Die Eltern lieben und hassen einander; der ältere Sohn ist in die Schlacht gezogen, gegen wen auch immer; der Jüngere erwartet sehnlichst die Rückkehr des geliebten Bruders. Und die Tochter? Ist sie verrückt, zurückgeblieben, oder schlicht die Einzige, die sich nicht hat anstecken lassen von der allgegenwärtigen Gewalt? Jedenfalls soll es ihr großer Tag werden, die Hochzeitsvorbereitungen sind in vollem Gange, die Gäste müssen jeden Moment eintrudeln. Doch einer fehlt ebenfalls: der Bräutigam. Mit dieser bitteren Komödie legte Mouawad den Grundstein für seine späteren Arbeiten. Schon hier finden sich seine zentralen Themen: der Krieg; äußere und innere Emigration; die Gewalt, die sich wie ein Erbe in die Familien einschreibt
  3. Ausgerechnet in der aufregendsten Liebesnacht, die Wilfried je hatte, erfährt er vom Tod seines Vaters. Der Vater, den er als Lebenden kaum kannte, wird als Toter für ihn höchst lebendig und sogar zum Problem. Es wird unmöglich, ihn zu begraben. Die Familie der Mutter verweigert eine Aufnahme in die Familiengruft. Die Überführung der Leiche in die alte, kriegsversehrte Heimat des Vaters gerät zur Odyssee. Aufgrund der verlustreichen Kriege sind die Toten im Land längst in der Überzahl und haben alle Grabstellen belegt. Allmählich wird es höchste Zeit, den Vater loszuwerden. Als es Wilfried nach einem beschwerlichen Weg durchs Land endlich gelingt, ihn im Meer zu versenken, hat er Vieles neu erfahren: den Vater, sich selbst und seine eigene von Exil und Entwurzelung geprägte Geschichte
  4. Mit "eindrucksvoller Sprachgewalt", wie Die Welt schreibt, nimmt Mouawad den Zuschauer mit auf eine lange Reise, auf der schonungslos von den Anlässen für Gewalt und Blutvergießen berichtet wird. Mouawad erzählt, wie die Geschwister Jeanne und Simon die Vergangenheit ihrer Mutter Nawal erkunden, die vor dem Krieg im Nahen Osten in den sicheren Westen geflohen war, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Nawals letzter Wille überträgt den Zwillingen die Aufgabe, zwei Briefe zu übermitteln: einen an ihren tot geglaubten Vater, den anderen an einen unbekannten Bruder. Widerwillig nehmen die beiden die Reise in die Heimat ihrer Mutter auf sich. Die Suche nach den eigenen Wurzeln führt sie in die kollektive Tragödie des Krieges zurück
  5. Der Gerichtsanthropologe Boon wird beauftragt, zwei Leichen zu identifizieren, die in einem Fluss gefunden wurden. In einem der beiden Toten erkennt er seinen Jugendfreund Murdoch wieder, der 15 Jahre zuvor auf geheimnisvolle Weise verschwunden war. Offen bleibt zunächst das Geheimnis des jungen Mädchens, das mit Murdoch zusammen geborgen wird, und das all die Jahre fest umschlungen mit ihm auf dem Grund des Flusses gelegen hatte. Boon begibt sich auf die Suche: nach der Identität des Mädchens, nach der Vergangenheit seines rebellischen Jugendfreundes, und er findet dabei nicht zuletzt auch den Jugendlichen wieder, der er selber einmal gewesen ist: ein Heranwachsender, ebenso durstig nach Sinn, nach Leben und Liebe, wie seine Altersgenossen. Ein raffiniert gebautes Stück über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, über Enttäuschungen und Aufbegehren, aber auch über die Liebe und die Kraft der Phantasie
  6. Montréal, 1989: Während ihrer Geburtstagsfeier verkündet Aimée ihren Freunden stolz, dass sie ein Kind erwartet. Doch die Feier wird jäh unterbrochen durch einen epileptischen Anfall, den Aimée erleidet. In ihrem Kopf wird ein Tumor entdeckt, verursacht durch einen Fremdkörper, der sich im Gehirn festgesetzt hat. Die Ärzte stellen sie vor die Wahl: Sie muss zwischen dem Leben des Ungeborenen und ihrem eigenen abwägen. Aimée entscheidet sich für das Kind. Sechzehn Jahre später: Nach Aimées Tod begibt sich deren Tochter Loup widerwillig auf eine Reise in die Vergangenheit. Denn der Fremdkörper, der im Gehirn ihrer Mutter gefunden wurde, führt auf die rätselhafte Spur einer anderen Verstorbenen. Unversehens gerät Loup in einen Strudel von Ereignissen, der für die 16-Jährige mehr und mehr zur Suche nach den eigenen Wurzeln, nach der Geschichte ihrer Familie wie der eines ganzen Kontinents wird: eine Geschichte von verbotenen Liebschaften und Verrat, von Krieg und Gewalt, aber auch die Geschichte einer Freundschaft zweier Frauen, die den Tod überdauert. Mit großer Fabulierlust entrollt Mouawad eine Familiensaga, die zugleich ein Kondensat aus 150 Jahren europäischer Geschichte ist
  7. Zeus, als Stier getarnt, entführt die schöne Europa am Strand des heutigen Libanon. Europas Brüder werden vom Vater fort geschickt, um sie zu suchen. Allein der jüngste Bruder bleibt zurück. Doch als der Vater stirbt, zieht Kadmos ebenfalls aus, die Schwester zu finden. Auch er sucht Europa vergebens und gründet schließlich eine Stadt, Theben. Drei Generationen später ist Theben vom Krieg zerstört. Kadmos’ Urenkel Laios muss fliehen, seine Feinde wollen ihn töten. König Pelops gewährt ihm Exil, doch Laios verliebt sich in dessen Sohn, entführt den Jungen und flieht zurück nach Theben. Es entbrennt ein neuer Krieg, an dessen Ende ein Fluch steht: Kein Kind für Laios. Dennoch wird ihm ein Sohn geboren: Ödipus. - Hier hat Mouawad Teile der großen griechischen Tragödien von Sophokles, Aischylos und Euripides ineinander montiert. Er erzählt die Geschichte der Stadt Theben: den Niedergang einer Utopie, die Zerstörung einer Zivilisation und die vielfache Schuldverstrickung der Vorfahren
  8. als Theaterstück siehe oben
  9. Weitere Versionen in Spanisch ISBN 842334777X und Katalanisch ISBN 8494049097
  10. Mouawad (wendet sich) einmal mehr mit philosophischer Ernsthaftigkeit und handwerklicher Virtuosität dem Rätsel menschlicher Gewalt zu.... Detailverliebt und einfallsreich teilt er jedem Tier eine eigene Sprechweise zu, welche die Übersetzerin Sonja Finck behutsam und sorgfältig ... übertragen hat...In den großen Gesten des Romans liegt eine ebenso große Demut, eine unerschöpfliche Zuneigung zur Welt, zu ihren vielgestaltigen Bewohnern und ganz besonders zum gewalttätigsten, vielleicht verlorensten unter ihnen.
  11. "Anima" ... beginnt wie ein Thriller: Ein Mann namens Wahsch Dibsch findet seine Frau im gemeinsamen Wohnzimmer in Montreal, unfassbar brutal ermordet. Von seinem Entsetzen, seinem Schmerz und seiner Suche nach dem Mörder, die ihn immer weiter in die nordamerikanische Wildnis und in seine Vergangenheit treibt, erfahren wir, und das ist der Kunstgriff, der diesem Roman seinen besonderen Charme verleiht bis fast zum Schluss, ausschließlich aus der Sicht von Tieren. Ob Kartäuserkatze, Haussperling, Spürhund, Goldfisch, Kolkrabe, Grauhörnchen, Wanderratte oder Schwarze Wegameise, sie alle haben ihren eigenen Blick auf diesen Mann und auf den Mann im Allgemeinen, in all seiner Einsamkeit, ungreifbaren Trauer und Bestialität ... Ein ungewöhnlicher Roman mit einem einzigartigen Klang voller Melancholie und Poesie und einer meist distanzierten, ehrlichen Sicht von oben oder unten auf die Spezies Mensch.
  12. siehe frz. Wikipédia: Société des gens de lettres
  13. siehe frz. Wikipédia: Prix Méditerranée
  14. siehe Prix Phénix
  15. siehe die Auswahlliste