Waldemar Hoven

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Waldemar Hoven während der Nürnberger Prozesse

Waldemar Hoven (* 10. Februar 1903 in Freiburg im Breisgau; † 2. Juni 1948 in Landsberg am Lech) war ein deutscher SS-Hauptsturmführer und Lagerarzt im KZ Buchenwald.

Biografie[Bearbeiten]

Hoven wuchs in Freiburg als Sohn des Oberpostassistenten, Peter Hoven[1], auf. Er arbeitete nach dem Abschluss seiner Schulausbildung in Dänemark, Schweden und den USA im landwirtschaftlichen Bereich. Nach der 1925 erfolgten Rückkehr nach Freiburg unterstützte Hoven seinen Bruder als Angestellter in dessen Sanatorium und verrichtete dort Bürotätigkeiten. Ab 1930 war Hoven als Gesellschaftsreporter in Paris für einen Baron de Maier in Paris für ein hohes Monatseinkommen tätig. Im Zuge der Machtergreifung kehrte Hoven nach Deutschland zurück, da sein Bruder verstorben war. Hoven holte 1935 die Reifeprüfung nach und studierte anschließend in Freiburg Medizin. Mit dem Studium verband Hoven das Ziel perspektivisch das Sanatorium übernehmen zu können, er wurde später zumindest Manager der profitablen Heilanstalt. Das Medizinstudium schloss Hoven mittels einer Notprüfung 1939 ab.[2]

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erhielt Hoven, ab 1934 Mitglied der SS (SS-Nr. 244.594) und ab 1937 der NSDAP, eine Infanterieausbildung. Ab Oktober 1939 war Hoven als Hilfssanitätsoffizier und 1940 schließlich als Sanitätsoffizier der Waffen-SS im SS-Lazarett des KZ Buchenwald eingesetzt. Ab Juli 1942 fungierte Hoven, nun SS-Hauptsturmführer, als Standortarzt im KZ Buchenwald und übernahm ab Januar 1943 zusätzlich die stellvertretende Leitung der Abteilung für Fleckfieber- und Virusforschung des Hygiene-Instituts der Waffen-SS in Buchenwald unter Erwin Ding-Schuler.[3] Die Vertretung Hovens wiederum übernahm zeitweise der Leiter der Pathologie in Buchenwald Heinrich Plaza. Der leitende Häftlingspfleger auf der Fleckfieberversuchsstation war Arthur Dietzsch.[4]

Hoven, im Lager „der schöne Waldemar“ genannt,[5] führte gemeinsam mit Ding-Schuler Gasödemstudien sowie Fleckfieber- und andere Versuche mit Impfstoffen an ausgesuchten Häftlingen durch. Zudem selektierte er kranke Häftlinge, die in der Aktion 14f13 getötet wurden, und ermordete persönlich Häftlinge mittels Evipan- und Phenolinjektionen. Hunderte angeordnete und auch selbst durchgeführte Tötungen wurden Hoven nach Kriegsende nachgewiesen.[6]

Gleichzeitig griff er zugunsten politischer Häftlinge in die lagerinternen Machtkämpfe ein. Buchenwald-Häftling Benedikt Kautsky schrieb 1946 über Hoven:

„Ich bin, ehrlich gestanden, nie recht aus ihm klug geworden. Einerseits machte er bedenkenlos alle Abspritzungen, Experimente mit Fleckfieber usw. mit, denen Tausende von Häftlingen zum Opfer fielen, andererseits verbündete er sich ganz offen mit den das Revier beherrschenden politischen Häftlingen, setzte sich für ärztliche und hygienische Verbesserungen im Lager ein, nahm sich mißhandelter Häftlinge an und spielte in der Inneren Lagerpolitik eine ausschlaggebende Rolle. In dem Kampf der Häftlingsgruppen untereinander stand er eindeutig auf Seiten der Politischen und half ihnen im Kampf gegen die Kriminellen, wo er nur konnte. Er ging so weit, sich als Vollstrecker von Femeurteilen gegen Kriminelle zu betätigen. Mancher Spitzel und Zinker, mancher Quäler und Schieber, der sein Gewerbe auf Kosten seiner Mithäftlinge betrieben hatte, starb von seiner Hand, zumindest mit seiner Hilfe.“[7]

Hoven promovierte im Juli 1943 an der Universität Freiburg zum Dr. med. mit einer Dissertation über die Behandlung von Tuberkulose: Versuche zur Behandlung der Lungentuberkulose durch Inhalation von Kohlekolloid. Für diese Forschungsarbeit betrieb Hoven pseudomedizinische Versuchsreihen an KZ-Häftlingen, von denen mindestens fünf an den Folgen der Versuche starben. Die durch Hermann Dold[8] mit „sehr gut“ bewertete Arbeit wurde, wie sich nach Kriegsende herausstellte, von zwei KZ-Häftlingen verfasst.[9]

Hoven wurde im Zuge der Buchenwalder Korruptionsaffäre um Karl Otto Koch im September 1943 verhaftet und mit weiteren Beschuldigten vor einem SS-Gericht angeklagt.[10] Ihm wurden Mord, Körperverletzung mit Todesfolge und weitere Straftaten nachgewiesen. Hoven soll einen inhaftierten SS-Offizier namens Köhler, der potentieller Zeuge im Korruptionsverfahren gegen Karl Otto Koch und Ilse Koch war, durch die Injektion von Aconitin getötet haben, um Ilse Koch zu schützen, mit der er angeblich eine Affäre hatte. Der SS-Richter Konrad Morgen verurteilte Hoven wahrscheinlich noch im Frühjahr 1945 zum Tode. Hoven blieb 18 Monate in Buchenwald inhaftiert, bis er aufgrund des herrschenden Ärztemangels begnadigt und am 2. April 1945 aus der Haft entlassen wurde.[11]

Waldemar Hoven während des Nürnberger Ärzteprozesses

Nach der Befreiung des KZ Buchenwald wurde Hoven verhaftet und im Nürnberger Ärzteprozess angeklagt. Da sich herausstellte, dass seine Doktorarbeit nicht von ihm selbst verfasst worden war, erkannte ihm 1947 die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg die Doktorwürde ab. Hoven wurde wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, der SS, am 20. August 1947 zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 2. Juni 1948 durch Erhängen im Landsberger Gefängnis vollstreckt.[12]

Zitat[Bearbeiten]

„Es dürfte allgemein und insbesondere in deutschen wissenschaftlichen Kreisen bekannt gewesen sein, daß die SS über nennenswerte Wissenschaftler nicht verfügte. Es ist offensichtlich, daß es sich bei den in den Konzentrationslagern mit I.G.-Präparaten durchgeführten Versuchen nur um das Interesse der I.G. handelte, die mit allen Mitteln bestrebt war, die Wirksamkeit ihrer Präparate festzustellen beziehungsweise die – ich möchte sagen – Schmutzarbeit in Konzentrationslagern durch die SS machen zu lassen. Die I.G. war darauf bedacht, diese Tatsache nach außen hin nicht in Erscheinung treten zu lassen, sondern die näheren Umstände ihrer Versuche zu verschleiern, um aber dann […] den Gewinn daraus für sich zu ziehen. Nicht die SS, sondern die I.G. hatte die Initiative bei diesen Versuchen in den KZ.“[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. taeter-Buchenwald.de
  2. Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer., Frankfurt am Main, 1997, S. 40
    Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, 1974, S. 352f.
  3. Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer., Frankfurt am Main, 1997, S. 40
    Volker Klimpel: Ärzte-Tode: Unnatürliches und gewaltsames Ableben in neun Kapiteln und einem biographischen Anhang, 2005, S. 32
  4. Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer., Frankfurt am Main, 1997, S. 40
  5. Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, 1974, S. 296f.
  6. Volker Klimpel: Ärzte-Tode: Unnatürliches und gewaltsames Ableben in neun Kapiteln und einem biographischen Anhang; Würzburg 2005, S. 33
  7. Benedikt Kautsky, Teufel und Verdammte - Erfahrungen und Erkenntnisse aus sieben Jahren in deutschen Konzentrationslagern, Wien 1961 (original Zürich 1946), S. 120.
  8. Hermann Dold auf www.catalogus-professorum-halensis.de
  9. Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. München, 1979, S. 302. Zitiert nach: Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer., Frankfurt am Main, 1997, S. 40f.
    Volker Klimpel:
    Ärzte-Tode: Unnatürliches und gewaltsames Ableben in neun Kapiteln und einem biographischen Anhang, 2005, S. 32
  10. David A. Hackett: Der Buchenwald-Report: Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, C.H.Beck, 2002, S. 250
  11.  Das Spiel ist aus – Arthur Nebe. In: Der Spiegel. Nr. 8, 1950, S. 23 (23. Februar 1950, online).
    Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, 1974, S. 305f.
  12. Volker Klimpel: Ärzte-Tode: Unnatürliches und gewaltsames Ableben in neun Kapiteln und einem biographischen Anhang, 2005, S. 32
  13. Eidesstattliche Erklärung Waldemar Hovens vom 3. Oktober 1947 (Nürnberger Dokumente NI-12182, zitiert nach: AStA TU Berlin (Hrsg.): … von Anilin bis Zwangsarbeit – Der Weg eines Monopols durch die Geschichte. Zur Entstehung und Entwicklung der deutschen chemischen Industrie, Eine Dokumentation des Arbeitskreises I.G. Farben der Bundesfachtagung der Chemiefachschaften, 1994 (PDF-Datei; 4,4 MB) – Fleckfieberversuche, S. 85 und Ernst Klee, 1997, S. 305

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. 3. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1997, ISBN 3-596-14906-1.
  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007. ISBN 978-3-596-16048-8
  • Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager; Frechen: Komet, 2000; ISBN 3-89836-107-1 (= München: Heyne, 199531; ISBN 3-453-02978-X; Reinbek bei Hamburg: Kindler, 1974)
  • Volker Klimpel: Ärzte-Tode: Unnatürliches und gewaltsames Ableben in neun Kapiteln und einem biographischen Anhang, Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3826027698
  • David A. Hackett: Der Buchenwald-Report: Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, C.H.Beck, 2002, ISBN 3406475981.
  • Harry Stein, Gedenkstätte Buchenwald (Hrsg.): Konzentrationslager Buchenwald 1937–1945, Begleitband zur ständigen historischen Ausstellung, Wallstein Verlag, Göttingen 1999, ISBN 978-3-89244-222-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Waldemar Hoven – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Buchenwald typhus experiments documents – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien