Weiß Ferdl

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Weiß Ferdl (1937)
Weiß Ferdl (1924)
Weiß-Ferdl-Brunnen auf dem Münchner Viktualienmarkt

Weiß Ferdl (* 28. Juni 1883 in Altötting; † 19. Juni 1949 in München; eigentlich Ferdinand Weisheitinger) war ein deutscher Humorist. Er zählt zu den bekanntesten bayerischen Volkssängern und Volksschauspielern. Berühmt bleibt er mit seinem Gesangsvortrag Ein Wagen von der Linie 8, eine Satire auf die Münchner Trambahn, die zur Hymne vieler Trambahnfreunde wurde.

Leben[Bearbeiten]

Telefunken-Schellackplatte mit dem Lied „Ein Wagen von der Linie 8“
Grabstätte des Weiß Ferdl auf dem Waldfriedhof Solln

Als Kind einer alleinstehenden Kellnerin wurde er vorwiegend von seiner Großmutter erzogen. In Salzburg war er eine Zeit lang Domsingknabe. In Altötting absolvierte er eine Ausbildung zum Schriftsetzer. Nach der Lehre zog es ihn nach München, wo er im Bannkreis von Volkssängern seine Neigung zur Bühne entdeckte.

Das Münchner Platzl, ein Szenelokal für volkstümliche Unterhaltung, gewährte ihm 1907 sein erstes Engagement. Bereits sieben Jahre später wurde er dessen Direktor. Aufgrund seiner immer größeren Erfolge beim Publikum blieb Weiß Ferdl dem Platzl bis zum Ende seiner Bühnentätigkeit treu.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde der Gesangshumorist als Unteroffizier der Reserve eingezogen. Sein Regiment rückte an die Westfront in die Nähe von Arras. Zur Aufheiterung der Soldaten im ebenso strapaziösen wie stupiden Grabenkrieg betätigte sich Weiß Ferdl bald darauf als Alleinunterhalter. Die Ablenkung vom Kriegsalltag wurde im Hinterland unter anderem in Fronttheatern gesucht. Im März 1916 war Weiß Ferdl Chef der zwölfköpfigen Singspieltruppe der 1. baierischen Reservedivision und erwies sich in der Truppenbetreuung als Talent. Von ihm vor Ort verfasste Texte versuchten dem mörderischen Alltag in heiteren Szenen und Heimatträumen entspannende Augenblicke abzugewinnen. Die nach Kriegsende heimkehrenden Soldaten schwärmten vom Platzl im Felde, wie Weiß Ferdls Truppe prägnant vom Publikum getauft worden war.

Der Künstler nahm seine Vorstellungen im Platzl in München wieder auf und wurde 1921 Direktor der Gast- und Vergnügungsstätte. Die Schauspielerei prädestinierte Weiß Ferdl aber auch für Filmauftritte. Nach zwei Stummfilmstreifen (1928 und 1929) kam sein Talent der spitzen Zunge im Tonfilm bestens zur Geltung. In den 1930er Jahren spielte er in rund 20 (Heimat-)Filmen mit. Hierdurch wurde er im ganzen damaligen Reich bekannt und zu einem vermögenden Mann.

Weiß Ferdl war früh Sympathisant der Nationalsozialisten, pflegte Umgang mit ihren Parteigrößen in München und trat ab 1922 bei Unterhaltungsabenden der NSDAP auf.[1] Mitglied wurde er aber erst 1940. Viele seiner Gstanzln bedienten verbreitete antisemitische Klischees. Mit besonders gehässigem Spott bedachte er dabei die assimilierten Juden und brachte damit die Doktrin von der biologischen Determiniertheit in populärer Form zum Ausdruck,[2] wie z.B. in dem Vers:

„Der Kohn, der lässt sich taufen, nur weg'n die bösen Leut,
Er nimmt den Namen Schmid an, was ihn besonders freut,
Doch kann er sich nicht merken den Namen «Julius Schmid»
Und fragt man ihn: Wie heißen S', dann sagt er «Schmulius Jüd».“

Weiß Ferdl[3]

Während des Hitler-Ludendorff-Prozesses ergriff Weiß Ferdl im Hofbräuhaus pathetisch Partei für die angeklagten Putschisten:

„Sagt, was haben die verbrochen?
Soll es sein gar eine Schand,
Wenn aus Schmach und Not will retten,
Man sein deutsches Vaterland?“

Weiß Ferdl: aus einem Gstanzl von 1924[4]

In der Zeit des Nationalsozialismus und besonders während des Krieges gerierte er sich auch kritisch, z. B. wenn er seinem Publikum erzählte, er wisse zwar sicher, dass 98 Prozent der Bevölkerung fest hinter dem Regime stünden, habe aber aus irgendwelchen Gründen das Pech, auf der Straße immer nur die übrigen zwei Prozent zu treffen.[5] 1943 machte er im Reichsfunk den „Vorschlag” die kriegführenden Parteien könnten ja ihre eigenen Städte bombardieren – das spare Kraftstoff. Ebenso war er kurz im Gefängnis, weil er eine Schweinefamilie vorstellte: „Sohn Mann, Tochter Mann, Frau Mann, Herr Mann“ (eine Anspielung auf Hermann Göring). Als er wiederkam, stellte er sie wieder vor: „Sohn Mann, Tochter Mann, Frau Mann − und wegen dem Schwein da saß ich im Gefängnis!“ In einem seiner Programme machte er sich mit folgendem Vers über die Massenorganisationen der Nazis lustig:

„Die kleinen Bäumchen im kühlen Grund
die sind im NS-Bäumchenbund
damit ihnen nichts passiert.“

Weiß Ferdl[3]

Als er deswegen Ärger bekam, sagte er in der nächsten Vorstellung:

„Die kleinen Bäumchen im kühlen Grund
sind NICHT im NS-Bäumchenbund
damit MIR nichts passiert.“

Weiß Ferdl[3]

Wegen seiner Kritiken war auch ständig ein Polizist anwesend. So kam er mit einem Koffer auf die Bühne und erklärte „Da ist unsere Regierung drin!“ Der Polizist befahl zu öffnen. Bei der Durchsuchung rief er „Das sind ja alles Lumpen!“ Darauf Ferdl: „Das haben Sie gesagt.“ Im Entnazifizierungsverfahren am 27. Oktober 1946 wurde er von einer Spruchkammer als Mitläufer zu einem Sühnebetrag von 2.000 Reichsmark verurteilt.[6]

Wegen eines Herzleidens musste der Komiker 1943 seine Bühnentätigkeit aufgeben. Weiß Ferdl verstarb 1949 und wurde auf dem Münchner Waldfriedhof Solln bestattet (Grabstätte Nr. 3-W-3).

Auf dem Münchner Viktualienmarkt erinnert seit 1953 ein Brunnendenkmal von Josef Erber an ihn. Die Brunnensäule trägt die Inschrift Münchner Bürger ihrem Volkssänger.

Wirken[Bearbeiten]

Weiß Ferdl verfügte über die Gabe der spitzen Zunge und war in der Denk- und Gefühlswelt der kleinen Leute bestens bewandert. Ihre Wünsche, Sehnsüchte und Träume setzte er in deftig-kritische Verse um. Viele seiner Sketche und Lieder wurden über Bayern hinaus bekannt, waren doch die Preißn eine beliebte Zielscheibe seines Vortrags. Er verfasste mehrere Bühnenstücke und schrieb auch Bücher. Neben seinen Filmprojekten bewältigte er zeitweilig bis zu neun Vorstellungen pro Woche auf der Theaterbühne des Platzl.

Als bekanntestes Stück auf Humorschallplatten findet sich Ein Wagen von der Linie 8. Zahlreiche weitere Tondokumente und Mitschnitte von Auftritten sind auch heute noch von ihm zu hören.

Filme[Bearbeiten]

  • 1928: Hinter Klostermauern (Stummfilm)
  • 1929: Links der Isar – rechts der Spree (Stummfilm)
  • 1930: Der unsterbliche Lump
  • 1931: Das Lied der Nationen
  • 1931: Die Mutter der Kompagnie
  • 1932: Wenn dem Esel zu wohl ist
  • 1932: Der Schützenkönig
  • 1933: Meisterdetektiv
  • 1934: Die beiden Seehunde
  • 1934: Der Meisterboxer
  • 1935: Konjunkturritter
  • 1935: Alles weg’n dem Hund
  • 1936: Der müde Theodor
  • 1936: Befehl ist Befehl
  • 1937: Gordian, der Tyrann
  • 1937: Der Lachdoktor
  • 1939: Der arme Millionär
  • 1940: Wunschkonzert (Auftritt)

Schriften[Bearbeiten]

  • Ich bin kein Intellektueller. Ein heiteres Buch. Hugendubel, München 1941.
  • Bayerische Schmankerl. Hrsg. von Bertl Weiss. dtv, München 1982, ISBN 3-4230-1752-X.

Literatur[Bearbeiten]

  • Sabine Sünwoldt (Bearb.): Weiß Ferdl. Eine weiß-blaue Karriere. Hugendubel, München 1983, ISBN 3-8803-4219-9.
  • Robert Eben Sackett : Popular entertainment, class, and politics in Munich, 1900-1923. Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts, USA, 1982, ISBN 0-674-68985-2. (Study of Munich popular theatre, focusing on Karl Valentin and Weiß Ferdl.)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Weiß Ferdl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Matthias Rösch: Die Münchner NSDAP 1925−1933. Eine Untersuchung zur inneren Struktur der NSDAP in der Weimarer Republik (= Studien zur Zeitgeschichte. Band 63). Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-56670-9, S. 294 (Fußnote 27), (Digitalisat, abgerufen am 27. August 2012).
  2.  David Clay Large: Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung. Beck, München 1998 (Originaltitel: Where ghosts walked, übersetzt von Karl Heinz Siber), ISBN 3-406-44195-5, S. 26, DNB 3406441955.
  3. a b c  Ludwig M Schneider: Die populäre Kritik an Staat und Gesellschaft in München 1886−1914 (= Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München. Bd.81). München 1975, ISBN 3-87913-061-2, S. 196, DNB 760513902 (zitiert nach  Large: Hitlers München. 1998, S. 26.).
  4.  Reinhard Bauer und Ernst Piper: München. Ein Lesebuch. Insel, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-458-32527-1, S. 323 (zitiert nach  Large: Hitlers München. 1998, S. 247.).
  5.  Ian Kershaw: Popular Opinion and Political Dissent in the Third Reich: Bavaria 1933−1945. Clarendon Press, Oxford 1983, ISBN 0-19-821922-9, S. 149, DNB 369151038 (zitiert nach  Large: Hitlers München. 1998, S. 375.).
  6. Stadtchronik 1946. Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches aus der Münchner Stadtchronik. In: muenchen.de. Das offizielle Stadtportal. Landeshauptstadt München, abgerufen am 7. Januar 2013: „Weiß Ferdl wird entnazifiziert“