Wilhelm-Ernst-Gymnasium Weimar

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Südansicht des „Alten Gymnasiums“ am Herderplatz in Weimar (vor der Sanierung)

Das Wilhelm-Ernst-Gymnasium am Herderplatz 14 in Weimar wurde 1712 von Herzog Wilhelm Ernst gegründet und ist das älteste Schulgebäude der Stadt. Hier gaben u.a. die Schriftsteller Johann Gottfried Herder, Johann Heinrich Voß, Friedrich Wilhelm Riemer und Johann Karl August Musäus Schulunterricht. Das alte Gymnasium ist als Einzeldenkmal ausgewiesen und eines der wenigen erhaltenen profanen Bauwerke vorklassischer Zeit in Weimar. Es liegt an städtebaulich exponierter Lage in der Altstadt und ist als eine von drei Weimarer Herderstätten Teil des Ensembles „Klassisches Weimar“, das 1998 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

Geschichte[Bearbeiten]

Fechtmeister Weischner des Weimarer Gymnasiums posiert mit einem Schüler für eine Abbildung in seinem Fechtlehrbuch von 1765

Das Wilhelm-Ernst-Gymnasium wurde im Jahr 1712 auf Geheiß von Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar anstelle der alten Stadt- und Landschule von 1561 als neue herzogliche Schulanstalt für Begabte unter dem Namen „Wilhelminum Ernestinum“ gegründet. Als Lehrer wirkten hier unter anderem Johann Heinrich Voß, Friedrich Wilhelm Riemer und Johann Karl August Musäus. Nach mehreren Jahren der Schulnutzung übernahm 1776 der nach Weimar berufene Generalsuperintendent Johann Gottfried Herder die Direktorenschaft des Gymnasiums und erhielt als Ephorus zugleich die Oberaufsicht über alle Schulen des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Ab 1784 überließ der Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach den Festsaal der reformierten Gemeinde zum Gottesdienst. Um 1800 erhielt die Schule eine bis dahin lang entbehrte Schulbibliothek (Teilbestände davon gelangten um 1950 in das Stadtarchiv Weimar). Im 19. Jahrhundert diente der Bau weiterhin als humanistisches Gymnasium. Steigende Schülerzahlen führten am 10. Oktober 1887 zum Umzug in einen größeren Schulneubau in der Weimarer Amalienstraße 4 (seit September 1991 Goethegymnasium Weimar). Das alte Gebäude am Herderplatz diente ab 1910 als Großherzoglich-Sächsische Baugewerkenschule. Das Wilhelm-Ernst-Gymnasium wurde nur bis 1945 als solches bezeichnet. In der DDR wurde in dem ehemaligen Gymnasium 1953 ein Museum für Naturkunde eingerichtet. Außerdem nahm der Bau das „Polytechnische Zentrum“ der Weimarer Schulen mit Lehrklassen und Produktionsräumen auf.

Bauwerk[Bearbeiten]

Der Herderplatz von Südosten um 1840, rechts das Wilhelm-Ernst-Gymnasium mit Freitreppe, Stahlstich von L. Oeder
Südeingang der Schule mit steinerner Freitreppe, davorliegend der gusseiserne „Herderbrunnen“ von C. W. Coudray

Das Schulgebäude im Barockstil, das bis heute die Inschrift „Soli deo gloria“ trägt (lateinisch für „Einzig Gott zur Ehre“), wurde in den Jahren 1712 bis 1716 direkt neben der Stadtkirche St. Peter und Paul errichtet und nach seiner Fertigstellung von Landbaumeister Christian II Richter eingeweiht. Es handelt sich um einen dreigeschossigen Bau mit hohem, ausgebautem Mansarddach und Dachhäuschen. Die Fassade wird durch einen dreiachsigen Mittelrisalit betont, der von einem zweigeschossigen Zwerchhaus bekrönt wird. Vor der Fassade erstreckt sich eine ausladende, zweiläufige Freitreppe, die den gesamten Vorplatz beherrscht. An der Nordseite ist risalitartig ein Treppenhaus angebaut, durch das die Geschosse erschlossen werden. Die ursprünglich vermutlich steinerne Treppenanlage wurden 1860 durch eine Holztreppe ersetzt. 1976 wurde das einst großzügige Foyer, das das Erdgeschoss mit dem Obergeschoss verband, zugunsten eines weiteren Klassenraumes geschlossen und ein massiver Treppenhauskern als Stahlkonstruktion mit Betonblockstufen eingebaut. Das Gebäude verfügt im Erdgeschoss und 1. Obergeschoss über sechs große Klassenräume und einen Saal, dessen Stuckdecke noch weitgehend erhalten ist. Im zweiten Ober- und im Dachgeschoss waren einst die Lehrerwohnungen untergebracht. Von den originalen Türen und Fenstern sind noch einige wenige zweiflügelige Türen und Fenster erhalten, der Rest wurde in späterer Zeit ausgetauscht. Zu DDR-Zeiten brachte man im Eingangsbereich ein politisch geprägtes Wandbild aus bemalten Fliesen an.

Herderbrunnen[Bearbeiten]

Vor der steinernen Freitreppe des Wilhelm-Ernst-Gymnasiums, Richtung Herderplatz, steht seit 1832 ein achteckiger, gusseiserner Brunnen nach dem Entwurf des Architekten und Oberbaudirektors Clemens Wenzeslaus Coudray, der dem Standort angemessen den Namen „Herderbrunnen“ erhielt. Gegossen wurde er vermutlich in Lauchhammer. Sein Erscheinungsbild ähnelt dem ersten gusseisernen Brunnen in Weimar, dem „Goethebrunnen“, der 1822 auf dem Frauenplan aufgestellt wurde (siehe: Brunnen in Weimar). Auch hier ist der Einlauf in den Brunnen über einem Obelisken mit einem bekrönenden Krater zu sehen. Der Wasserspeier hat die Form einer Teufelsfratze. Eine stilisierte Schlange ziert eine der Platten des Brunnens in deren Mitte. Die Plattenränder dagegen säumt jeweils ein fortlaufendes Mäanderband. Der Sockel, die Absatzsteine sowie die Hundetränke sind im Kontrast zum gusseisernen Becken aus Travertin gefertigt.

Heutige Nutzung[Bearbeiten]

Die Räumlichkeiten des heute auch unter dem Namen „Altes Gymnasium Weimar“ geführten Gebäudes wurde nach 1990 durch das nicht kommerzielle Lokalradio „Lotte“ (bis ins Jahr 2008) sowie durch die benachbarte Volkshochschule Weimar genutzt, letztere gebraucht diese bis heute. Das UNESCO-Ensemble „Klassisches Weimar“ aus dem ehemaligen Gymnasium, dem Herderhaus und der Stadtkirche St. Peter und Paul, bekannt als „Herderkirche“, wird derzeit mit 5,4 Millionen Euro aus dem „Investitionsprogramm Nationale UNESCO Welterbestätten“ der Bundesregierung restauriert. Für die anschließende Nutzung wurde noch keine Einigung erzielt. Im Januar 2010 wurde vom Freundeskreis des Goethe-Nationalmuseums die Idee angeregt, in dem ehemaligen Schulgebäude ein „Herder-Museum“ einzurichten, um an das Wirken des Dichters, Übersetzers, Philosophen und Theologen am Ort seiner früheren Wirkungsstätte zu erinnern.

Direktoren[Bearbeiten]

Leitende Direktoren und Konrektoren des Gymnasiums (geordnet nach Amtszeit):

  • Johann Matthias Gesner (1691–1761), klassischer Philologe und Bibliothekar - Konrektor von 1715 bis 1729
  • Johann Friedrich Hirt (1719–1783), evangelischer Theologe, Orientalist, Philosoph - Konrektor von 1748 bis 1758
  • Johann Gottfried Herder (1744–1803), Dichter, Übersetzer, Theologe, Philosoph, etc. - Direktor von 1776 bis 1791
  • Karl August Böttiger (1760–1835), Philologe, archäologischer Schriftsteller - Direktor von 1791 bis 1806
  • Johann Friedrich Röhr (1777–1848), Theologe, Schriftsteller, Goethes Grabredner - Ephorus ab 1820
  • Hermann Sauppe (1809–1893), klassischer Philologe, Pädagoge und Epigraphiker - Direktor von 1845 bis 1856
  • Gustav Weiland, Direktor von 1856 bis 1860
  • Hermann Rassow (1819–1907), Gräzist und Aristotelesforscher - Direktor von 1860 bis 1881
  • Hugo Ilberg (1828–1883), angesehener Gymnasialpädagoge - Konrektor von 1861 bis 1862
  • Ludwig Weniger, Direktor von 1881 bis 1908

Professoren[Bearbeiten]

Bekannte Lehrer und Professoren des Gymnasiums (geordnet nach Lehrzeit):

  • Johann Karl August Musäus (1735–1787), Schriftsteller, Philologe, Märchensammler - ab 1769 Prof. für alte Sprachen und Geschichte
  • Johann Traugott Leberecht Danz (1769–1851), deutscher Kirchenhistoriker und Theologe - Lehrer bis 1798
  • Johann Heinrich Voß (1751–1826), Dichter, Homer-Übersetzer und Freund Goethes - Professor von 1804 bis 1806
  • Franz Passow (1786–1833), klassischer Philologe - von 1807 bis 1810 Professor für Griechisch
  • Ferdinand Gotthelf Hand (1786–1851), klassischer Philologe - ab 1810 Prof. der Philosophie und griechischen Literatur
  • Johannes Schulze (1786–1869), preußischer Theologe, Philologe, Pädagoge und Kulturbeamter - Professor von 1808 bis 1812
  • Friedrich Wilhelm Riemer (1774–1845), Philologe, Schriftsteller, Bibliothekar, Goethes Sekretär - Professor von 1812 bis 1821
  • Heinrich Graefe (1802–1868), deutscher Pädagoge - geistlicher Lehrer des Gymnasiums
  • Christian Gottlob Tröbst (1811–1888), Theologe, Philosoph und Mathematiker - Professor ab 1847
  • Otto Apelt (1845–1932), klassischer Philologe und Übersetzer - von 1869 bis 1898 Oberlehrer bzw. Professor

Schüler und Absolventen[Bearbeiten]

Bekannte Schüler und Absolventen des Gymnasiums (geordnet nach Geburtsjahr):

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Walter, Karl: Herders Typus lectionum für das Wilhelm-Ernst Gymnasium in Weimar. Hof-Buchdruckerei, 1905.
  • Walter, Karl: Herder und Heinze: aus der Geschichte des weimarischen Gymnasiums. B.G. Teubner, Leipzig 1908.
  • Francke, Otto: Geschichte des Wilhelm-Ernst-Gymnasiums in Weimar. H. Böhlau, Weimar 1916.
  • Dempe, Hellmuth: Das Wilhelm-Ernst-Gymnasium in Weimar um 1820 und sein Ephorus Johann Friedrich Röhr. Dietrich Pfaehler, Bad Neustadt 1982.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wilhelm-Ernst-Gymnasium Weimar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

50.98139111.329769Koordinaten: 50° 58′ 53″ N, 11° 19′ 47″ O