Wilhelm Pinder

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Wilhelm Pinder (* 25. Juni 1878 in Kassel; † 13. Mai 1947 in Berlin) war ein deutscher Kunsthistoriker, der antisemitisch eingestellt war und sich für den Nationalsozialismus engagierte.

Leben und Wirken bis 1933[Bearbeiten]

G. M. Wilhelm Pinder wurde 1878 als Sohn von Eduard Pinder und dessen Ehefrau Elisabeth Kunze in Kassel geboren. Der Vater Eduard Pinder war Direktor am Museum Fridericianum (Kassel). Wilhelm Pinder hatte die Töchter des Malers Johann Friedrich August Tischbein zu Urgroßmüttern. Sein Großvater Moritz Pinder war Numismatiker und Bibliothekar an der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Wilhelm Pinder studierte Jura, Archäologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Göttingen, Berlin, München und Leipzig. 1896 wurde er Mitglied der Burschenschaft Alemannia Göttingen.[1] Er promovierte 1903 zum Dr.phl. bei August Schmarsow in Leipzig und wurde 1905 Privatdozent an der Universität Würzburg, wo er sich zuvor habilitiert hatte. 1910 wird er als Nachfolger von Rudolf Kautzsch Ordinarius für Kunstgeschichte an der Technischen Hochschule Darmstadt. Am 30. September 1916 wechselt er für ein Jahr an die Universität Breslau und 1918 für ein weiteres Jahr an die Universität Straßburg, um 1919 wieder in Breslau zu lehren. Von 1920 bis 1927 leitete er das Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig. Es folgten ein Lehrstuhl am Kunsthistorischen Institut der Universität München und ab 1935 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin.

1927 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt, ab 1937 war er korrespondierendes Mitglied. Die Preußische Akademie der Wissenschaften wählte ihn 1937 zu ihrem Mitglied. Pinder war außerdem Mitglied der Mittwochsgesellschaft. Seine Lehrtätigkeit und Forschungsarbeit galt besonders der deutschen Kunst und Architektur und ihrer Stellung in der europäischen Kunstentwicklung.

Dabei war er extrem antisemitisch eingestellt und schreckte auch nicht davor zurück, „jüdische“ Kollegen direkt anzugreifen. So lieferte er 1930 in einem Vortrag in der Münchner Pinakothek mit völlig unbegründeten Vorwürfen den Auftakt einer Kampagne der Hetze und Verfolgung gegen den als „Kunstjuden“ diffamierten August Liebmann Mayer, mit dem er lange zusammengearbeitet hatte. Im nationalsozialistischen Deutschland endete für Mayer diese Kampagne mit dem Verlust seiner beruflichen Existenz, seines Vermögens, der sich anschließenden Flucht nach Frankreich und schließlich 1944, nach weiterer Verfolgung im von den Deutschen besetzten Frankreich, mit der Deportation und dem Tod in Auschwitz.

Pinder in der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

In der Zeit des Nationalsozialismus machte sich Pinder, der auch von „germanischem Blut- und Geschichtserbe“ schrieb, sogleich zum Sprachrohr der Ideologie des NS-Regimes, dem er begeistert huldigte und das sich seinerseits mit der Berufung auf den renommiertesten kunstgeschichtlichen Lehrstuhl Deutschlands, den an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, und die Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften erkenntlich zeigte.

Am 11. November 1933 war Pinder einer der Redner auf der Veranstaltung für das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. In dieser Rede sagte er nach neun Monaten Gewaltpolitik des Nationalsozialismus gegenüber seinen Opfern, den Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten, Mitgliedern konservativer Parteien, Angehörigen der Kirchen, Freimaurern und vielen anderen, unter anderem: „Das ist Politik aus Sittlichkeit, das ist Politik aus dem Herzen, aus einem geradezu religiösen Untergrund her “. Er beschloss seine Rede mit dem Satz: „…jeder Deutsche hat hinzugehen, jeder ist verantwortlich, damit unser Volk vor seinem Führer seine Schuldigkeit tue und vor der Geschichte bestehen kann“.[2] Ähnliche Töne schlug er im Vorwort seiner an ein breiteres Laienpublikum gerichteten „Kunst der deutschen Kaiserzeit“ von 1935 an: „Die deutsche Geschichte, auch jene der Kunst, wird zur Zeit umgeschrieben. Das ist unvermeidlich und nur zu wünschen.“

Den Osten Europas sah er als natürlichen Lebensraum des deutschen Volkes an, der, „oft formlos wogendes europäisches Neuland“, „nie eine deutsche Mehrheit, aber auch nie eine andere Kultur als die deutsche gesehen“ habe. Die Kämpfe um „die Zurückeroberung der (im Frühmittelalter „von unseren germanischen Vorfahren“) verlassenen (und von Slawen eingenommenen) östlichen Wohnsitze,“ betrachtet er als geschichtliche deutsche Mission im europäischen Auftrag. Sie seien „noch heute nicht zu Ende.“ [3] Damit trug Pinder als Geistes- und Kulturwissenschaftler seinen Teil dazu bei, dem Vernichtungs- und Lebensraumkrieg gegen die angeblich kulturlosen slawischen Völker Mittel- und Osteuropas zur Legitimation zu verhelfen. Selbst die Nahziele der NS-Außenpolitik Österreich, Tschechoslowakei und Polen werden bereits klar fokussiert.

Sein Rassismus und Antisemitismus wird besonders deutlich in seinem Beitrag zu einer Festschrift zu Hitlers 50. Geburtstag. Hier pries er die Kunstgeschichte als Rassengeschichte .[2] Weiter schrieb er in der Festschrift: Das Ausscheiden der jüdischen Kunstgelehrten aus Forschung und Lehre befreit von der Gefahr eines allzu begrifflichen Denkens, dessen Richtung – dem Wesen unserer Kunst so fremd wie dem unserer Wissenschaft – der Auswirkung rein deutscher Forschung hinderlich sein könnte.[4] In einer Beurteilung vom Amt Rosenberg vom 11. September 1942 hieß es: „kann eingesetzt werden“.[2]

Pinder nach 1945[Bearbeiten]

In der DDR wurden Pinders Reden aus der Zeit (Seemann, Leipzig 1934) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[5]

In der Bundesrepublik wurden Pinders Arbeiten bis weit in die fünfziger Jahre unverändert und ohne jegliche Distanzierung der Herausgeber nachgedruckt, z. B. von der Buchgemeinschaft Wissenschaftliche Buchgesellschaft WBG. Seine wahre Rolle während der NS-Zeit wurde erst mit der Aufarbeitung nationalsozialistischer Einflüsse und Strömungen in der deutschen Kunst-Wissenschaft ab 1990 kritischer gesehen. Viele Vorfälle wurden erst 2008 bekannt. [6]

Werke[Bearbeiten]

  • 1910: Deutsche Dome des Mittelalters (Die blauen Bücher), Königstein im Taunus [u.a.]; zahlreiche veränderte Auflagen bis 1969 (26. Aufl.)
  • 1912: Deutscher Barock: Die großen Baumeister des 18. Jahrhunderts (Die blauen Bücher). Königstein am Taunus [u.a.]; 14. u. letzte Auflage 1965
  • 1913: Deutsche Burgen und feste Schlösser (Die blauen Bücher). Königstein am Taunus [u.a.]; zahlreiche veränderte Auflagen bis 1968
  • 1914: Bürgerbauten deutscher Vergangenheit (Die blauen Bücher), Königstein im Taunus [u.a.]; zahlreiche veränderte Auflagen bis 1957
  • 1924–29: Die deutsche Plastik vom ausgehenden Mittelalter bis zum Ende der Renaissance. 1.2. Wildpark-Potsdam 1924–1929 (Handbuch der Kunstwissenschaft)
  • 1925: Die deutsche Plastik des vierzehnten Jahrhunderts. München
  • 1925: Der Deutsche Park. Vornehmlich des 18. Jahrhunderts (Die blauen Bücher). Königstein am Taunus [u.a.], 3. u. letzte Aufl. 1938
  • 1925: Der Naumburger Dom und seine Bildwerke, aufgenommen von Walter Hege, beschrieben von Wilhelm Pinder. Berlin
  • 1926: Das Problem der Generation in der Kunstgeschichte Europas. Berlin
  • 1934: Vom Wikingertum unserer Kultur im Spiegel der neueren deutschen Kunstentwicklung. Berlin. In: Forschungen und Fortschritte. 10. S. 178–230
  • 1934: Deutsche Kunstgeschichte: Eine Auswahl ihrer schönsten Werke (Wolfgang Graf von Rothkirch). Mit einem Geleitwort von Wilhelm Pinder (S. 5–6)
  • 1935: Architektur als Moral, Dresden. In: Heinrich Wölfflin: Festschrift zum siebzigsten Geburtstage, S. 145–151
  • 1937: Die Bildwerke des Naumburger Doms. Insel Verlag, Leipzig 1937 (Insel-Bücherei 505)
  • 1937: Georg Kolbe: Werke der letzten Jahre. Mit Betrachtungen über Kolbes Plastik. Berlin 1937.
  • 1938: Gesammelte Aufsätze aus den Jahren 1907–1935. Dem Verfasser dargebracht zu seinem 60. Geburtstag, 25. Juni 1938. Hrsg. von Leo Bruhns. Leipzig
  • 1939: Wilhelm Pinder, Deutsche Kunstgeschichte in Wilhelm Pinder; Alfred Stange Hrsg., Deutsche Wissenschaft: Arbeit und Aufgabe. Dem Führer und Reichskanzler legt die deutsche Wissenschaft zu seinem 50. Geburtstag Rechenschaft ab über ihre Arbeit im Rahmen der ihr gestellten Aufgabe. Leipzig 1939
  • 1940: Deutsche Wasserburgen. Aufnahmen von Albert Renger-Patzsch. (Die blauen Bücher), Königstein im Taunus [u.a.], 8. u. letzte Auflage 1968
  • 1943: Sonderleistungen der deutschen Kunst: Festvortrag. Berlin, In: Jahrbuch der Preußischen Akademie der Wissenschaften. 1942. S. 121–133
  • 1943: Rembrandts Selbstbildnisse. (Die blauen Bücher), Königstein im Taunus [u.a.], 3. u. letzte Auflage 1956
  • 1944: Vom Strahlungsbereich der deutschen Kunst, Berlin. In: Forschungen und Fortschritte. 19. S. 149–115
  • 1944: Sonderleistungen der deutschen Kunst, München
  • 1948: Von den Künsten und der Kunst. Berlin [u.a.]
  • 1951–57: Vom Wesen und Werden deutscher Formen: geschichtliche Betrachtungen. 1–4 [versch. Aufl.]. Frankfurt
  • 1951: Holbein der Jüngere und das Ende der altdeutschen Kunst. Text und Taf. 2. Aufl. Frankfurt
  • 1952: Die Kunst der deutschen Kaiserzeit bis zum Ende der staufischen Klassik. Text (5. Aufl.) und Bilder (2. Aufl.). Frankfurt
  • 1952: Die Kunst der ersten Bürgerzeit bis zur Mitte des 15.Jahrhunderts. 3. Auflage, Frankfurt
  • 1953–1957: Die deutsche Kunst der Dürerzeit. Text. (2. Aufl.) und Bilder (1. Aufl.). Frankfurt

Literatur[Bearbeiten]

  • Marlite Halbertsma: Wilhelm Pinder und die Deutsche Kunstgeschichte. Worms 1992. ISBN 3884620622
  • Heinrich Dilly: Deutsche Kunsthistoriker 1933–1945. DKV, München/Berlin 1988. ISBN 3-422-06019-7
  • Hamann: Nachruf auf Wilhelm Pinder. Berlin 1950, in: Jahrbuch der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. 1946-1949. S. 213–216
  • Hans Jantzen: Wilhelm Pinder. Nekrolog. München 1948, in: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 1944–48. S. 178–179
  • Christian Fuhrmeister und Susanne Kienlechner: Tatort Nizza. Kunstgeschichte zwischen Kunsthandel, Kunstraub und Kunstverfolgung. Zur Vita von August Liebmann Mayer. In: Ruth Heftrig (Hg.): Kunstgeschichte im "Dritten Reich". Theorien, Methoden, Praktiken. Berlin 2008, S. 405–429.
  • Udo Kultermann Geschichte der Kunstgeschichte, Prestel Verlag 1996, S.198f
  • Robert Suckale Wilhelm Pinder spricht über Kunstgeschichte- Grundzüge seiner Methodologie und Lehre, Göttingen 1957
  • Derselbe: Wilhelm Pinder und die deutsche Kunstwissenschaft nach 1945, Kritische Berichte - Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaft, 1986, Heft 4
  • Klaus-Heinrich Meyer: Der Deutsche Wilhelm Pinder und die Kunstwissenschaft nach 1945. Antwort auf Robert Suckale „Wilhelm Pinder und die deutsche Kunstwissenschaft nach 1945“ (Kritische Berichte 4/1986). Im Dickicht der Methoden, Kritische Berichte, 1987, Heft 1, S.41
  • Hans Belting Stil als Erlösung. Das Erbe Wilhelm Pinders in der deutschen Kunstgeschichte, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. September 1987
  • Magdalena Bushart: Pinder, Georg Maximilian Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 448–450 (Digitalisat).
  • Christa Wolf und Marianne Viefhaus: Verzeichnis der Hochschullehrer der TH Darmstadt, Darmstadt 1977, S. 156.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ernst Elsheimer (Hrsg.): Verzeichnis der Alten Burschenschafter nach dem Stande vom Wintersemester 1927/28. Frankfurt am Main 1928, S. 388.
  2. a b c Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer TB Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 462 , Text insgesamt in Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat Überreicht vom Nat.-soz. Lehrerbund Deutschland/ Gau Sachsen, o. J. (1933) Dresden-A. 1, Zinzendorfstr. 2; 136 S. Mit Übersetzung in engl., ital., franz. u. span. Sprache.
  3. Die Kunst der deutschen Kaiserzeit (s. unten Literatur) S. 12–16
  4. s. Daniela Bohde, Kulturhistorische und ikonographische Ansätze in der Kunstgeschichte, S. 191 in Ruth Heftrig, Olaf Peters, Barbara Schellewald (Hrsg.):Kunstgeschichte im Dritten Reich. Theorien, Methoden, Praktiken. Berlin 2008, ISBN 3050044489,
  5. http://www.polunbi.de/bibliothek/1948-nslit-p.html
  6. s. a. auch den Sammelband Kunstgeschichte im „Dritten Reich“: Theorien, Methoden, Praktiken. Herausgegeben von Ruth Heftrig, Olaf Peters, Barbara Schellewald, Akademie, Berlin 2008, ISBN 3050044489