Altweltmäuse

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Altweltmäuse
Waldmaus (Apodemus sylvaticus)

Waldmaus (Apodemus sylvaticus)

Systematik
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Überfamilie: Mäuseartige (Muroidea)
Eumuroida
Familie: Langschwanzmäuse (Muridae)
Unterfamilie: Altweltmäuse
Wissenschaftlicher Name
Murinae
Illiger, 1811

Die Altweltmäuse (Murinae) sind eine Unterfamilie der Langschwanzmäuse (Muridae). Zu dieser Gruppe werden an die 600 Arten gezählt, die bekanntesten Gattungen sind die Mäuse (Mus) und die Ratten (Rattus).

Körpermerkmale[Bearbeiten]

Allgemeiner Körperbau[Bearbeiten]

Altweltmäuse sind kleine und grazile bis große, robuste und schwere Mäuseartige. Ihre Kopf-Rumpf-Länge beträgt 55 oder 60 Millimeter (Zwergmaus und Zwergbaummäuse) bis 40 Zentimeter oder mehr (Riesenbaumratten). Große Formen sind relativ häufig und etliche Formen werden als Riesenratten bezeichnet (Riesenbaumratten, Weißohr-Riesenratten, Coryphomys, Flores-Riesenratten und Riesenborkenratten).[1]

Die Vielfalt im Körperbau ist ebenso groß wie bei den Neuweltmäusen.[1] Laut Carleton und Musser (1984) spiegelt der Körperbau der Altweltmäuse ähnliche Spezialisierungen wider wie bei Wasser- und Otterspitzmäusen (Schwimmratten und Monckton-Schwimmratte), kleinen bodenlebenden Spitzmäusen (Neuguinea-Moosmäuse, Shaw-Mayer-Maus und Microhydromys), großen bodenlebenden Spitzmäusen (Kleine und Große Sulawesi-Spitzmausratten), Rüsselspringern (Sulawesi-Stachelratten und Nasenratten), Kängururatten (Australische Hüpfmäuse), Rennmäusen (Komodo-Ratte), Wühlmäusen (Australische Breitzahnratte, Kusuratten und Lamellenzahnratten), Taschenratten (Pestratten), Hörnchen (Borkenkletterer), Bilchen (Pinselschwanz-Baummäuse und Chiruromys) sowie Zwergbeutelratten (Affenfußratten).[1][2][3]

Die Ohrmuscheln der Altweltmäuse sind gewöhnlich auffällig. Ihr Schwanz ist kürzer als, so lang wie oder länger als die Kopf-Rumpf-Länge. Bei Affenfußratten ist das hintere Drittel des Schwanzes oberhalb (dorsal) als Greifschwanz ausgebildet, der das Körpergewicht tragen kann. Bei der Zwergmaus, bei Pogonomelomys, bei den Greifschwanzratten und bei Chiruromys ist nur die Schwanzspitze dorsal als Greifschwanz ausgebildet und unfähig, das Körpergewicht zu tragen. Die Schwanzschuppen der meisten Formen sind in sich überlappenden Reihen angeordnet, bei einigen Formen überlappen sie sich jedoch nicht sondern bilden mosaikartige Muster (zum Beispiel Mosaikschwanzratten).[2]

Gliedmaßen[Bearbeiten]

Der Vorderfuß der Altweltmäuse weist einen stummelartigen Daumen mit Nagel und vier weitere Zehen mit Krallen auf. Bei einigen Formen ist die fünfte Zehe zu einem Stummel verkleinert, so dass der Vorderfuß nur drei Zehen zu besitzen scheint (zum Beispiel Furchenzahn-Bachratten).[2]

Der Hinterfuß spiegelt meist die Anpassung an eine laufende Lebensweise wider. Bei einigen Formen ist er kurz und breit (zum Beispiel Graue Baumratte), bei vielen anderen lang und schmal (zum Beispiel Afrikanische Langohrmaus und Afrikanische Wasserratte), bei wenigen groß und mit Schwimmhäuten versehen (Schwimmratten und Monckton-Schwimmratte). Er weist fünf Zehen auf, von denen die erste und die fünfte stark verkleinert und die mittleren drei bei einigen bodenlebenden Formen (Asiatische Weichratten und Furchenzahn-Bachratten) verlängert sind. Meist besitzen alle Zehen des Hinterfußes Krallen. Ausnahmen sind die der Langschwanz-Klettermäuse (mit flachen Nägeln an der ersten und fünften Zehe), der Pinselschwanz-Baummäuse, der Asiatischen Kletterratten und der Fea-Baumratte (mit flachem Nagel an der ersten Zehe), der Sody-Baumratte (mit konvexem Nagel mit stumpfem Rand an der ersten Zehe), der Luzon-Breitzahnratte (mit spitzem Nagel an der ersten Zehe) sowie der Affenfußratten (mit nagelartiger Kralle an der ersten Zehe).[2] Bei einigen baumlebenden Formen sind die erste und die fünfte Zehe semi-opponierbar (Pinselschwanz-Baummäuse, Langschwanz-Klettermäuse und Asiatische Kletterratten).[2][4]

Die Sohlen der Vorder- und Hinterfüße sind nackt. Die Hinterfüße weisen gewöhnlich sechs Sohlenballen auf, die bei einigen Formen klein und in der Anzahl verringert (Rajah-Ratten und Asiatische Weichratten), bei baumlebenden Formen dagegen groß und mit tiefen Riefen versehen sein können (zum Beispiel Pinselschwanz-Baummäuse und Margareta-Ratten).[4]

Fell und Farbe[Bearbeiten]

Das Fell der Altweltmäuse ist am Kopf und Rumpf seidig, dicht und wollig, samtartig, grob und dünn, mit stacheligen Haaren durchmischt oder dicht und stachelig (Sulawesi-Stachelratten, Ryukyu-Stachelratten und eine Art der Margareta-Ratten). Oberseits ist es braun, gelbbraun oder gräulich bis schwärzlich. Einige Formen weisen einen markanten Aalstrich auf (Streifenmäuse sowie einige Arten der Furchenzahn-Bachratten, der Waldmäuse und der Streifengrasmäuse) oder mehrere Striche mit verschiedenen Farben (Luzon-Streifenratten, Afrikanische Striemen-Grasmäuse und die meisten Arten der Streifengrasmäuse). Davon abgesehen ist eine Musterung der Oberseite selten. Die Rotnasenratten haben eine rostrote Nase und einen rostroten Steiß und einige Formen der Altweltmäuse weisen ockerfarbene Flankenlinien auf. Büschel vor oder hinter den Augen sind selten. Sie kommen bei Jungtieren und Nestlingen (Sody-Baumratte), nicht jedoch bei adulten Tieren vor. Unterseits ist das Fell weiß, gelbbraun oder gräulich. Gewöhnlich kontrastiert es auffallend mit dem Fell der Oberseite, es kann jedoch auch dieselbe Farbe wie die Oberseite haben.[2]

Die Ohrmuscheln der Altweltmäuse sind dünn bis dicht behaart. Der Schwanz wirkt bei den meisten Formen nackt, bei einigen ist er jedoch dicht behaart (zum Beispiel Luzon-Baumratten, Graue Baumratte und Margareta-Ratten), buschig wie bei Hörnchen (eine Art der Borkenkletterer) oder mäßig behaart mit Quaste (baumlebende Formen wie zum Beispiel Pinselschwanz-Baummäuse). Er ist meist einfarbig, kann jedoch auch schwach oder auffallend zweifarbig sein (zum Beispiel Weißbauchratten und Rajah-Ratten). Das vordere Drittel oder die vordere Hälfte kann dunkel und der Rest weiß sein (Graue Baumratte und viele andere indoaustralische Formen) oder der Schwanz ist einfarbig bis auf eine weiße Spitze (zum Beispiel Greifschwanzratten). [2]

Gebiss[Bearbeiten]

Die beiden Schneidezähne der Altweltmäuse sind wie bei allen Nagetieren zu Nagezähnen umgebildet, dahinter klafft eine als Diastema bezeichnete Lücke. Eckzähne und Prämolaren fehlen stets, und pro Kieferhälfte haben sie nicht mehr als drei Molaren, manchmal jedoch nur mehr einen oder zwei.

Verbreitung und Lebensraum[Bearbeiten]

Das natürliche Verbreitungsgebiet der Altweltmäuse umfasst Eurasien, Afrika und Australien. Damit sind sie die einzigen landgebundenen Höheren Säugetiere, die vor der Besiedlung durch den Menschen in Australien und Neuguinea heimisch waren. Sie haben diese Länder sogar in zwei Radiationen besiedelt, zum einen die Ratten und zum zweiten die Hydromyini. Die größte Artenvielfalt herrscht in den tropischen Regionen Afrikas, in Südostasien und in Neuguinea.

Auf dem amerikanischen Doppelkontinent gibt es von Natur aus keine Altweltmäuse – sie sind dort durch die Neuweltmäuse vertreten. Drei Arten, die Hausmaus, die Hausratte und die Wanderratte haben mittlerweile im Gefolge des Menschen eine weltweite Verbreitung erreicht. Auch einige andere kulturfolgende Arten haben ihren Lebensraum ausdehnen können.

Altweltmäuse bewohnen verschiedenste Lebensräume, sie sind in Wäldern ebenso zu finden wie in Savannen und Grasländern, in Gebirgsregionen und in Trockengebieten.

Lebensweise[Bearbeiten]

Auch in Bezug auf die Lebensweise gibt es eine große Vielfalt. So gibt es neben Bodenbewohnern auch baumbewohnende Arten, neben tagaktiven auch nachtaktive und neben einzelgängerischen auch Arten, die in großen Gruppen leben.

Die Nahrung variiert ebenfalls, viele Arten sind jedoch vorwiegend Pflanzenfresser, die sich von Gräsern, Samen, Knollen und anderem pflanzlichem Material ernähren. Einige Arten fressen zusätzlich oder fast ausschließlich Insekten und andere Kleintiere oder sogar kleine Wirbeltiere.

Die Fortpflanzung der Altweltmäuse ist generell durch eine hohe Fruchtbarkeit, eine kurze Trächtigkeitsdauer und eine geringe Lebenserwartung charakterisiert.

Systematik[Bearbeiten]

Die Riesenborkenratten sind die größten Altweltmäuse
Die Australischen Mäuse (Pseudomys) zählen zu den Gattungen, die Australien besiedelt haben
Die Zwergmaus ist eine der kleinsten Arten
Die Streifengrasmäuse sind durch ihr gestreiftes Fell charakterisiert
Die Wanderratte hat eine weltweite Verbreitung erlangt
Die Lamellenzahnratten wurden früher als eigene Unterfamilie geführt, sind aber mittlerweile als Teil der Altweltmäuse anerkannt
Die Hausmaus ist weltweit verbreitet

Die Altweltmäuse umfassen knapp 600 Arten in rund 130 Gattungen. Auch aufgrund der großen Anzahl von Taxa ist die innere Systematik noch vielfach ungeklärt.

Nach Carleton & Musser[Bearbeiten]

Carleton & Musser (2005) teilen sie in rund 30 Gattungsgruppen (divisions), die hier in alphabetischer Reihenfolge wiedergegeben werden:

Nach Lecompte et al.[Bearbeiten]

Lecompte et al. (2008) teilen nach genetischen Untersuchungen die Altweltmäuse in 10 Tribus:

  • Die Phloemyini entsprechen der Phloeomys-Gruppe von Carleton und Musser. Es handelt sich um eine urtümliche, auf den Philippinen lebende Radiation, die die Schwestergruppe aller übrigen Altweltmäuse bildet.
  • Die Rattini sind eine in Südostasien, Neuguinea und Australien verbreitete Gruppe, die nach den Ratten benannt ist. Diese Tribus umfasst in etwa die Crunomys-, Dacnomys-, Maxomys-, Melasmothrix-, Micromys- und die Rattus-Gruppe aus obiger Liste. Die Eurasische Zwergmaus nimmt innerhalb der Rattini eine basale Stellung ein und ist das Schwestertaxon aller untersuchten Arten. Fabre und Kollegen fanden bei der Erstbeschreibung von Halmaheramys bokimekot eine monophyletische Klade indopazifischer Gattungen innerhalb der Rattini, die aus Bullimus, Bunomys, Halmaheramys, Paruromys, Sundamys und Taeromys besteht.[9]
  • Die Hydromyini sind ebenfalls in Südostasien, Neuguinea und Australien verbreitet und damit die zweite Gruppe neben den Ratten, die Australien besiedeln konnte. Diese Tribus umfasst vereinfachend die Chrotomys-, Hydromys-, Lorentzimys-, Pogonomys-, Pseudomys, Uromys- und die Xeromys-Gruppe aus obiger Liste.
  • Die Murini umfassen nur die Gattung der Mäuse, die demnach eine eigene Tribus bilden.
  • Die Praomyini stellen eine afrikanische Radiation dar, diese Tribus umfasst Tiere aus der Colomys- und der Stenocephalemys-Gruppe.
  • Die Malacomyini setzen sich nur aus den afrikanischen Großohr-Sumpfratten (Malacomys) zusammen, die schon bei Carleton & Musser eine isolierte Position einnehmen.
  • Die Apodemini bilden eine eurasische Tribus. Sie setzen sich wie die Apodemus-Gruppe zusammen.
  • Die Millardini umfassen die beiden untersuchten Gattungen der Millardia-Gruppe, Millardia und Cremnomys, und bilden demnach eine vorwiegend in Indien verbreitete Gruppe.
  • Die Otomyini umfassen die früher als Otomyinae als eigenständige Unterfamilie geführten Lamellenzahnratten und Verwandte, deren Zugehörigkeit zu den Altweltmäusen mittlerweile genetisch abgesichert ist.
  • Die Arvicanthini bilden eine vorwiegend in Afrika verbreitete Tribus. Sie setzen sich aus Arten der Aethomys-, der Arvicanthis-, der Dasymys-, der Golunda-, der Hybomys und der Oenomys-Gruppe zusammen.

Ein mögliches Kladogramm der Altweltmäuse nach Lecompte et al. sieht folgendermaßen aus:

Altweltmäuse (Murinae) 
 N.N. 

 Rattini


 N.N. 

 Hydromyini


 „Klade C“ 
 „Klade A“ 
 N.N. 

 Murini


     

 Praomyini



 N.N. 

 Malacomyini


     

 Apodemini




 „Klade B“ 

 Millardini


 N.N. 

 Otomyini


     

 Arvicanthini







     

 Phloeomyini



Verwendete Literatur[Bearbeiten]

  •  Michael D. Carleton, Guy G. Musser: Muroid Rodents. In: Sydney Anderson, J. Knox Jones Jr. (Hrsg.): Oders and Families of Recent Mammals of the World. John Wiley & Sons, New York u. a. 1984, ISBN 0-471-08493-X, S. 289–379.
  • Sharon A. Jansa, Marcelo Weksler: Phylogeny of muroid rodents: relationships within and among major lineages as determined by IRBP gene sequences. In: Molecular Phylogenetics and Evolution. Bd. 31, Nr. 1, April 2004, ISSN 1055-7903, S. 256–276, doi:10.1016/j.ympev.2003.07.002.
  • Emilie Lecompte, Ken Aplin, Christiane Denys, François Catzeflis, Marion Chades und Pascale Chevret: Phylogeny and biogeography of African Murinae based on mitochondrial and nuclear gene sequences, with a new tribal classification of the subfamily. In: BMC Evolutionary Biology. Bd. 8, 199, 2008, ISSN 1471-2148, S. 1–21, doi:10.1186/1471-2148-8-199, Fulltext.
  •  Guy G. Musser, Michael D. Carleton: Superfamily Muroidea. In: Don E. Wilson, DeeAnn M. Reeder (Hrsg.): Mammal Species of the World: A Taxonomic and Geographic Reference. 3. Auflage. The Johns Hopkins University Press, Baltimore 2005, ISBN 0-8018-8221-4, S. 894–1531.
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World. 2 Bände. 6. Auflage. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD u. a. 1999, ISBN 0-8018-5789-9.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. a b c Carleton und Musser, 1984 (S. 345)
  2. a b c d e f g Carleton und Musser, 1984 (S. 346)
  3. Carleton und Musser, 1984 (S. 361)
  4. a b Carleton und Musser, 1984 (S. 347)
  5. E. V. Buzan, M. Pages, J. Michaux & B. Krystufek: Phylogenetic position of the Ohiya rat (Srilankamys ohiensis) based on mitochondrial and nuclear gene sequence analysis. Zoologica Scripta, 40, S. 545–553, 2011 doi:10.1111/j.1463-6409.2011.00494.x
  6. Jacob A. Esselstyn, Anang S. Achmadi, Heru Handika, Kevin C. Rowe, 2015. A hog-nosed shrew rat (Rodentia: Muridae) from Sulawesi Island, Indonesia. Journal of Mammalogy 96 (5): 895-907; doi: 10.1093/jmammal/gyv093
  7. Jacob A. Esselstyn, Anang Setiawan Achmadi, Kevin C. Rowe: Evolutionary novelty in a rat with no molars. In: Biology Letters. Bd. 8, Nr. 6, 2012, ISSN 0003-0090, S. 990–993, doi:10.1098/rsbl.2012.0574.
  8. Kevin C. Rowe, Anang S. Achmadi & Jacob A. Esselstyn. 2014. Convergent Evolution of Aquatic Foraging in A New Genus and Species (Rodentia: Muridae) from Sulawesi Island, Indonesia. Zootaxa. 3815(4): 541–564. DOI: 10.11646/zootaxa.3815.4.5
  9. Pierre-Henri Fabre, Marie Pagès, Guy G. Musser, Yuli S. Fitriana, Jon Fjeldså, Andy Jennings, Knud A. Jønsson, Jonathan Kennedy, Johan Michaux, Gono Semiadi, Nanang Supriatna, Kristofer M. Helgen: A new genus of rodent from the Wallacea (Rodentia: Muridae: Murinae: Rattini) and its implication for biogeography and Indo-Pacific Rattini systematics. In: Zoological Journal of the Linnean Society. Bd. 169, Nr. 2, October 2013, ISSN 1055-7903, S. 408–447, doi:10.1111/zoj.12061.