Anita Berber

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Anita Berber auf einer Modeaufnahme aus dem Jahr 1918 von Waldemar Titzenthaler

Anita Berber (* 10. Juni 1899 in Leipzig; † 10. November 1928 in Berlin) war eine deutsche Tänzerin, Schauspielerin und Selbstdarstellerin.

Leben[Bearbeiten]

Ihr Aufstieg[Bearbeiten]

Anita Berber wurde als Tochter des Violinvirtuosen Professor Felix Berber und der Kabarettistin und Chansonsängerin Lucie Berber, geb. Thiem, geboren. Bereits 1902 ließen sich die Eltern wegen „unüberbrückbarer charakterlicher Gegensätze“ scheiden. 1906 zog Anita zu ihrer Großmutter Luise Thiem nach Dresden, wo sie in gutbürgerlichen Verhältnissen aufwuchs und dort bis 1913 die höhere Töchterschule besuchte. Nachdem sie im April 1914 konfirmiert worden war, verbrachte sie einige Monate im Internat des Töchterbildungsinstituts von Curt Weiß in Weimar. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 zog sie zu ihrer Mutter nach Berlin-Wilmersdorf, wo sie dann zusammen mit ihrer Großmutter und ihren zwei unverheirateten Tanten, Else und Margarete Thiem, in einer Wohngemeinschaft in der Zähringerstraße lebte. Der Mutter war es zuvor gelungen, feste Engagements an Berliner Kabaretts wie dem Chat Noir zu erhalten.[1]

Ab 1915 nahm Anita Berber Schauspielunterricht bei Maria Moissi und schließlich auch Tanzunterricht bei Rita Sacchetto. Ihre ersten Auftritte als Tänzerin mit ihrer Tanzschule lassen sich in das Jahr 1916 datieren. Schon 1917 trennte sich Anita von ihrer Lehrerin Rita Sacchetto, da es zu Differenzen wegen Berbers Tanzstil gekommen war. Selbstständig geworden trat sie nun in Varietés wie dem Apollo Theater, dem Wintergarten und der Weißen Maus auf. Zu ihrem ersten Solotanzabend im Apollo-Theater Berlin zeigte sie ihren „Koreanischen Tanz“. Noch vor Ende des Ersten Weltkriegs war sie ein Star auf Berlins Bühnen.

Dinah Nelken, mit der sie die Tanzschule besuchte, beschrieb sie folgendermaßen: „Sie war ganz unschuldig und reizend. Sie war von Natur aus ein heiterer Mensch […] spontan und hemmungslos… Bei aller Vorliebe für Flirts hatte sie einen unglaublichen Liebreiz, ohne ordinär zu wirken.“ Das Modejournal Elegante Welt suchte ihren „eigenartigen Reiz“ mit ihrer „knabenhaften“ Statur und „herben Schlankheit“ zu begründen. Doch nicht nur die Modewelt wurde auf sie aufmerksam, Anita Berber prägte auch die Mode der Zeit. Sie war die erste Frau, die einen Smoking trug: „Eine Zeit lang machten ihr in Berlin die mondänen Weiber alles nach. Bis aufs Monokel. Sie gingen à la Berber.“ berichtet Siegfried Geyer.[2]

Pirelli wurde ihr neuer Ballettmeister, der mit ihr einen neuen Tanzstil erprobte und die Programme für die folgenden Gastspielreisen zusammenstellte. Ebenfalls 1918 unternahm Anita ihre erste Auslandsreise in die Schweiz, nach Ungarn und Österreich. Der österreichische Bildhauer Constantin Holzer-Defanti gestaltete für das Rosenthal Porzellanwerk in Selb zwei Anita Berber-Figuren (Koreanischer Tanz und Pierrette). Nach ihrer Rückkehr nach Berlin heiratete sie 1919 Eberhard von Nathusius (1895-1942), einen wohlhabenden Offizier und Antiquar, Enkel von Philipp von Nathusius-Ludom. Die Ehe blieb kinderlos.

Skandale[Bearbeiten]

„Anita Berber galt als verrucht, Vamp und Femme fatale, das Sinnbild des puren Exzesses und der neuen, begehrenden Frau zugleich und als die Verkörperung des weiblichen Bohèmiens. Ihre exzessive Lebensweise sorgte immer wieder für Anstoß und Aufsehen. Sie zog Skandale förmlich an, sie nahm Morphin und Kokain, trank pro Tag eine Flasche Cognac und prügelte sich mit jedem, der ihr quer kam. Ihre Hemmungslosigkeit verkörperte den wilden Drang ihrer Generation zu leben, ohne Gedanken an eine schon verlorene Zukunft. Sie war schon immer so, wie die Deutschen erst durch die Inflation wurden: verschwenderisch. Nicht aber aus Prasserei, sondern weil ihr das Wort Zukunft völlig egal war. Dadurch wurde sie zum Idol der Inflation, zu ihrer Todesgöttin. 1925 stand sie komplett nackt für Otto Dix Modell, der sie so alt malte, wie sie nie wurde: ausgezehrt, eingefallen, faltig, der Mund blutrot, der Teint blass und die Augen todesdunkel. Doch sie verkaufte ihren Körper nicht nur als Modell, sie bot ihn auch physisch feil. Martha Dix: „Jemand sprach sie an, und sie sagte ,200 Mark.’ Ich fand das gar nicht so furchtbar. Irgendwie musste sie ja Geld verdienen“. Ihre oft nackt dargebotenen Tänze [mit Titeln wie „Kokain“ oder „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“, Anm. Wikipedia] führten immer wieder zu tumultartigen Szenen während der Auftritte. Anita Berber machte Schluss mit jeder preußischen Disziplin und war berüchtigt für ihre Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit. So manches Mal fiel ein Auftritt aus, weil sie betrunken war oder von Morphium und Kokain benebelt.“

Ricarda D. Herbrand: Göttin und Idol[3]

Im Jahre 1922 verließ Anita ihren Ehemann und zog zu ihrer Freundin Susi Wanowsky, zu der sie eine lesbische Beziehung hatte. Nach einem ersten Gastspiel im Wiener Konzerthaus im November und Dezember 1920 gab sie mit ihrem Tanzpartner und zweiten Ehemann Sebastian Droste (mit bürgerlichem Namen Willy Knobloch) 1922 ein weiteres Gastspiel in Wien, wobei der erste Auftritt im November ebenfalls im Wiener Konzerthaus stattfand. Ihrer beider Tanzproduktion „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“ war restlos ausverkauft und von Skandalen überlagert. Die Presseberichte trugen dazu bei, dass jeder das Paar tanzen sehen wollte. Berber und Droste veröffentlichten 1923 unter dem Titel der Tanzproduktion im Wiener Gloriette Verlag ein bibliophiles Buch, in dem Gedichte, Texte, Zeichnungen und Fotografien zu ihren Choreographien präsentiert werden. Bei Madame d’Ora entstanden eine Reihe von ausdrucksstarken Aufnahmen, welche damals auch im Berliner Magazin und in Die Dame veröffentlicht wurden. Die Künstlerin wurde mehrfach von der Polizei aufgefordert die Stadt zu verlassen. In den Wochen nach der Aufführung kam es immer wieder zu Streit wegen unterschriebener, aber nicht eingehaltener Verträge. Droste wurde in Österreich wegen versuchten Betrugs verhaftet und am 5. Januar 1923 ausgewiesen. Anita Berbers Ausweisung nach Ungarn erfolgte am 13. Januar 1923.

Beide waren drogenabhängig; Anita stand offen zu ihrem Kokainkonsum. In Budapest traf sie Droste, mit dem sie zurück nach Berlin ging. Im Juni 1923 verließ Droste Anita Berber unter Mitnahme ihres Schmucks und ging nach New York, wo er als Amerika-Korrespondent für die B.Z. am Mittag arbeitete. Aus den USA zurückgekehrt starb er am 27. Juni 1927 in Hamburg.

Filmkarriere[Bearbeiten]

Im Film trat Anita Berber in der Zeit von 1918 bis 1925 als Darstellerin in Erscheinung. Für den Film entdeckt wurde sie durch Richard Oswald. Sie arbeitete mit Conrad Veidt, Paul Wegener, Reinhold Schünzel, Hans Albers, Emil Jannings, Alexander Granach, Albert Bassermann und Wilhelm Dieterle zusammen.

Das Ende[Bearbeiten]

Gedenktafel in Berlin-Wilmersdorf, Zähringerstraße 13

1924 lernte Anita Berber den amerikanischen Tänzer Henri Châtin Hofmann kennen, den sie noch im gleichen Jahr, am 10. September, heiratete. Beide traten zusammen in den Kabaretts „Die Rakete“, „Weiße Maus“ und „Die Rampe“ auf. Es folgten 1925 Tourneen in Europa und Deutschland, die immer wieder von Skandalen überschattet wurden. 1926 wurde Henri Châtin Hofmann im Sect-Pavillon in Prag wegen einer Schlägerei vorübergehend festgenommen. Mit einem neuen Programm traten er und Anita später in Hamburg im „Alkazar“ auf.[4]

1927 kam es zwischen Anita und ihrem Vater zu einem Bruch. Sie kehrte Deutschland den Rücken und begab sich mit Henri auf eine ausgedehnte Tournee durch den Nahen Osten. Am 13. Juni 1928 brach sie in Damaskus auf der Bühne zusammen. Geschwächt durch langjährigen Drogenmissbrauch erkrankte sie unheilbar an Tuberkulose. Die Erkrankung führte sie zurück nach Europa. In Prag ging dem Paar das Geld für die Weiterreise aus. Nur mit Hilfe von Spenden aus Berliner Künstlerkreisen kamen beide zurück nach Berlin.

Anita Berber starb im Alter von 29 Jahren am 10. November 1928 im Berliner Bethanien-Krankenhaus an den Folgen ihrer Tuberkulose.

Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Friedhof der St. Thomas-Gemeinde Berlin in der Hermannstraße. [5] Der Friedhof ist heute stillgelegt und das Grab aufgelöst.

Das Bildnis der Tänzerin Anita Berber von Otto Dix[Bearbeiten]

Anita Berber stand 1925 „komplett nackt für Otto Dix Modell, der sie so alt malte, wie sie nie wurde: ausgezehrt, eingefallen, faltig, der Mund blutrot, der Teint blass und die Augen todesdunkel.“[3]

Das Bild wurde im Dürerjahr 1928 von der Stadt Nürnberg für die Städtische Kunstsammlung angekauft. Nach 1933 wurde es als entartet entfernt. Heute ist es im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen. Es zeigt vor einem roten Hintergrund die Schauspielerin in einem roten, eng anliegenden und hochgeschlossenen Seidenkleid mit langen Ärmeln. [6]

Schriften[Bearbeiten]

  • mit Sebastian Droste: Die Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase. Gloriette Verlag, Wien 1923.
Englische Ausgabe: Dances of Vice, Horror, and Ecstasy. Übersetzt von Merrill Cole. Side Real Press, Newcastle upon Tyne 201, ISBN 978-0-9542953-7-0.

Literatur[Bearbeiten]

  • Charlotte Berend-Corinth: Anita Berber. 8 Original-Lithographien. Gurlitt, Berlin 1919.
  • Leo Lania: Der Tanz ins Dunkel. Anita Berber, ein biographischer Roman. Schultz, Berlin 1929.
  • Klaus Mann: Erinnerungen an Anita Berber. Mit einem Foto von Madame d’Ora. In: Die Bühne, Jahrgang 1930, Heft 275, S. 43–44.
  • Lothar Fischer: Anita Berber. Tanz zwischen Rausch und Tod. Haude & Spener, Berlin 1996, ISBN 3-7759-0410-7.
  • Ralf Georg Czapla: Getanzte Dichtung – gedichteter Tanz. Anita Berbers und Sebastian Drostes "Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase" zwischen poetischer Reflexion und tänzerischer Improvisation. In: Tanz im Kopf – Dance and Cognition. Jahrbuch Tanzforschung 15. Hg. im Auftrag der Gesellschaft für Tanzforschung von Johannes Birringer und Josephine Fenger. Lit, Münster u.a. 2005, ISBN 3-8258-8712-x, S. 63–79.
  • Lothar Fischer: Anita Berber. Göttin der Nacht. Edition Ebersbach, Berlin 2006, ISBN 3-938740-23-X.
  • Mel Gordon: The Seven Addictions and Five Professions of Anita Berber: Weimar Berlin's Priestess of Decadence. Feral House, Los Angeles 2006, ISBN 1-932595-12-0.
  • Johannes Strempel: Morgen früh ist Weltuntergang In: GEO-Epoche Nr. 27, Hamburg 2007.

Film[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe Joachim Kronsbein in Der Spiegel, 2 / 2007, S. 212.
  2. Ricarda D. Herbrand (rdh, 2003): Göttin und Idol. Anita Berber und Marlene Dietrich http://germanistory.de/wiss/drogen.htm
  3. a b Ricarda D. Herbrand (rdh, 2003): Göttin und Idol. Anita Berber und Marlene Dietrich http://germanistory.de/wiss/drogen.htm
  4. Hamburger Fremdenblatt Nr. 91, April 1926
  5. Willi Wohlberedt: Verzeichnis der Grabstätten bekannter und berühmter Persönlichkeiten in Groß-Berlin und Potsdam mit Umgebung. Selbstverlag, Berlin 1932, S. ?: Wahlstelle 2/21, kein Denkmal, Name steht auf der Rückseite der Bank, nicht mehr erhalten.
  6. Otto Dix: Anita Berber, Kunstmuseum Stuttgart, Abbildung.