Anna Sorokin

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Anna Sorokin (gebürtig russisch Анна Вадимовна Сорокина Anna Wadimowna Sorokina,[1] auch bekannt als Anna Delvey; * 23. Januar 1991 in Domodedowo, Oblast Moskau, Russische SFSR, Sowjetunion) ist eine russisch-deutsche Hochstaplerin, die am Leben der wohlhabenden Schichten New Yorks teilnahm. Im Jahr 2019 wurde sie wegen Betrugs an reichen Geschäftsbekannten und mehreren Hotels angeklagt und schuldig gesprochen.[2][3]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anna Sorokin wurde in der Nähe von Moskau geboren.[4] Ihr Vater war zunächst als LKW-Fahrer, später als leitender Angestellter und Unternehmer tätig.[5][6] Die Familie zog 2007, als Sorokin 16 Jahre alt war, nach Deutschland. Sie besuchte das Bischöfliche Liebfrauengymnasium in Eschweiler und wurde von ehemaligen Klassenkameraden als ein ruhiges, aber markenversessenes Mädchen beschrieben.[7] Sorokin zog nach ihrem Abitur nach London, angeblich um die Kunstschule Central Saint Martins, an der sie angenommen war, zu besuchen, trat aber nicht zum Studium an; stattdessen kehrte sie 2012 nach Deutschland zurück.[8] Sorokin begann, bei einer PR-Agentur in Deutschland zu arbeiten, und zog später nach Paris, um als Praktikantin für das französische Mode-, Kunst- und Kulturmagazin Purple tätig zu sein.[8][9]

Sie änderte ihren Namen in Anna Delvey und begann unter diesem Pseudonym mit der gezielten Täuschung und Hochstapelei. Sorokin gab sich dabei glaubhaft als deutsche Tochter eines Millionärs aus und erarbeitete sich so eine unwahre Reputation, um als Teil der wohlhabenden Gesellschaft Manhattans zu gelten. Hotels, Geschäftsbekannte und vermeintliche Freunde ließen sich dabei über einen längeren Zeitraum – hauptsächlich von November 2016 bis August 2017 – von ihr täuschen.[10][11] Sie wurde im Herbst 2017 verhaftet und wegen mutmaßlichen Betrugs an wohlhabenden New Yorker Geschäftsbekanntschaften und mehreren Hotels sowie wegen Diebstahls vor einem New Yorker Gericht angeklagt und später für schuldig befunden.[12][13] Laut dem Bezirksstaatsanwalt von Manhattan beläuft sich die maximale Schadenshöhe auf 275.000 US-Dollar.[14] Am 9. Mai 2019 wurde das Strafmaß von vier bis zwölf Jahren Haft bekanntgegeben. Nach dem Ende ihres Gefängnisaufenthaltes in den USA muss sie wegen ihres dann abgelaufenen Visums mit einer Abschiebung nach Deutschland rechnen.[15][9][16] Am 11. Februar 2021 wurde Sorokin nach 20 Monaten Haft auf Bewährung entlassen.[17]

Haltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sorokin gab in einem Magazin-Interview zu, dass sie Fehler gemacht habe, erklärte jedoch: „das mindert aber nicht die hundert Dinge, die ich richtig gemacht habe“.[8]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sorokins Verhalten und Vorgehen führten zu einer weltweiten Berichterstattung.[5] Insbesondere fand auch die Tatsache Beachtung, dass sie vor Gericht in Designer-Kleidung auftrat.[3][18] Der US-amerikanische Streamingdienstanbieter Netflix sicherte sich die Nutzungsrechte an der Geschichte Sorokins und will mit der Drehbuchautorin Shonda Rhimes eine eigene Serie mit dem Titel Inventing Anna produzieren. Dafür erhielt Sorokin 320.000 Dollar, die sie zur Bezahlung von Anwaltskosten, Strafkosten und Rückerstattungen an ihre Opfer benutzte.[19] Auch der Sender HBO plant (Stand Februar 2021) eine Verfilmung.[20]

Die Redakteurin Rachel Williams, die 62.000 Dollar an Sorokin verlor,[16] schrieb über Sorokin das Buch „My Friend Anna: The True Story of the Fake Heiress Who Conned Me and Half of New York City“,[21] das im Juli 2019 veröffentlicht wurde und seit September 2019 in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

Die New-York-Times-Journalistin Ginia Bellafante verfasste einen Artikel über diese Vorgänge und stellte die These auf, dass Sorokins Verfolgung und Verurteilung ein Beispiel dafür sei, dass Frauen härter für Wirtschaftsverbrechen bestraft würden als Männer.[22]

Die BBC-Journalistin Vicky Baker, gemeinsam mit der Dramatikerin und Drehbuchautorin Chloë Moss, zeichnen Sorokins Geschichte in dem BBC Podcast Fake Heiress („Falsche Erbin“) nach. Das sechsteilige Dokudrama schildert ihren Aufstieg und Fall anhand von Gerichtsunterlagen, Medienberichten und Interviews mit Betroffenen.[23]

Im Guardian beschreibt Hadley Freeman Sorokin als Teil von Gesellschaftskreisen, die ihren Alltag für die eigenen Auftritte in den sozialen Medien optimieren – „welcher andere Beweis wurde gebraucht?“ – und schlussfolgert: „Von der Fake-Erbin bis Donald Trump: Wir leben in einer Ära des Schwindels“.[24]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Роман Лялин (Roman Ljalin): Дочь дальнобойщика обманула банки и бизнесменов в США на 17 миллионов рублей. Komsomolskaja Prawda, Ausgabe St. Petersburg, 11. April 2019, abgerufen am 9. Mai 2019 (russisch).
  2. Nicole Chavez CNN: Fake heiress Anna Sorokin found guilty after fooling banks and New York's elite. Abgerufen am 26. April 2019.
  3. a b Ihre (Moden-)Schau vor Gericht nützte nichts: Fake-Erbin Anna Delvey schuldig gesprochen. 26. April 2019, abgerufen am 26. April 2019.
  4. Falsche Millionenerbin Sorokin: Gericht urteilt „schuldig“
  5. a b Edward Helmore: 'Fake it until you make it': the strange case of New York's socialite scammer. In: The Guardian. 31. März 2019, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 20. April 2019]).
  6. Johanna Bruckner, New York: Die falsche Anna. In: sueddeutsche.de. 26. April 2019, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 9. Mai 2019]).
  7. Hamburger Abendblatt: Falsche deutsche Erbin trickst Highsociety in New York aus, 26 April 2019
  8. a b c Jessica Pressler: How an Aspiring ‘It’ Girl Tricked New York’s Party People — and Its Banks. 28. Mai 2018, abgerufen am 20. April 2019 (englisch).
  9. a b Marc Pitzke, New York: Deutsche in New York: Mehrjährige Haft für "falsche Erbin". In: Spiegel Online. 9. Mai 2019 (spiegel.de [abgerufen am 9. Mai 2019]).
  10. Anna Delvey gab sich jahrelang als reiche deutsche Erbin aus. Dann flog ihr falsches Spiel auf. In: stern.de. 27. März 2019, abgerufen am 27. April 2019.
  11. Deutsch-russische Hochstaplerin: Bald auf Netflix, jetzt vor Gericht. In: Spiegel Online. 27. März 2019 (spiegel.de [abgerufen am 9. Mai 2019]).
  12. Rachel DeLoache Williams: “She Paid for Everything”: How a Fake Heiress Made My $62,000 Disappear. Abgerufen am 20. April 2019 (englisch).
  13. Ruth Brown: Wannabe socialite claims Rikers isn’t that bad. In: New York Post. 29. Mai 2018, abgerufen am 20. April 2019 (englisch).
  14. DA Vance Announces Indictment of Repeat Scammer for Multiple Thefts Totaling $275,000. In: Manhattan District Attorney's Office. 26. Oktober 2017, abgerufen am 20. April 2019 (amerikanisches Englisch).
  15. Marc Pitzke, New York: Deutsche in New York: Mehrjährige Haft für "falsche Erbin". In: Spiegel Online. 9. Mai 2019 (spiegel.de [abgerufen am 9. Mai 2019]).
  16. a b Johanna Bruckner: Die falsche Anna. In: sueddeutsche.de. 26. April 2019, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 9. Mai 2019]).
  17. „Falsche deutsche Erbin“ aus Haft entlassen - Deal mit Netflix steht, WELT Online am 12. Februar 2021
  18. Katharina Kunath: Die Hochstaplerin tritt in Celine vor den Richter. In: www.welt.de. 2. April 2019, abgerufen am 26. April 2019.
  19. Jacob Shamsian: EXCLUSIVE: Netflix paid fake heiress Anna Sorokin $320,000 for its show about her, and she's already used the money to pay off her victims. Abgerufen am 12. Februar 2021.
  20. »Falsche Erbin«: Hochstaplerin Anna Sorokin auf Bewährung aus US-Haft entlassen. In: DER SPIEGEL. Abgerufen am 12. Februar 2021.
  21. Sadie Stein: True Life: I Got Conned by Anna Delvey. In: The New York Times. 23. Juli 2019, abgerufen am 2. Oktober 2019.
  22. Ginia Bellafante: Are Women Taking the Cosmic Fall for Male Greed? In: The New York Times. 3. Mai 2019, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 9. Mai 2019]).
  23. Fake Heiress. In: bbc.co.uk. Abgerufen am 25. Januar 2020.
  24. Hadley Freeman: From New York’s fake heiress to Donald Trump, we’re living in the age of the scam. In: The Guardian, 11. Mai 2019.