Paul B. Preciado

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Preciado (2017)

Paul B. Preciado (geb. als Beatriz Preciado 1970 in Burgos) ist ein spanischer Philosoph und Queer-Theoretiker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Preciado studierte Philosophie an der Päpstlichen Universität Comillas in Madrid, der New School for Social Research in New York und der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

2001 veranstaltete er an der Université Paris Drag King-Workshops, wo die performative Konstruktion von Männlichkeit, ihre sozialen und körperlichen Vorteile und Möglichkeiten politischer Praxis erforscht wurden. Teilnehmerinnen sollten lernen, Männlichkeit darzustellen, und einen anderen Zugang zu öffentlichem Raum und öffentlichem Sprechen erfahren.[1] 2004 hielt Preciado einen Vortrag im Rahmen eines Symposiums an der Universität Paris VIII. 2005 absolvierte er mit einem französischen Stipendium einen fünfmonatigen Studienaufenthalt in Princeton, und 2006 war er an der Abteilung für Tanz im Sommersemester für einen Kurs über Gender, Körper und Performance zuständig.

2012–15 leitete Preciado das Independent Studies Program am Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA)[2] und unterrichtet an der Universität Paris VIII.

Ausgehend von Ansätzen von Jacques Derrida, Judith Butler und Michel Foucault entwickelte Preciado Kritiken herrschender Sexualitätsformen im Kontext von Macht, normativen Körperinszenierungen und sexuellen Praktiken.

Kontrasexuelles Manifest[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem 2000 erschienenen Kontrasexuellen Manifest versucht Preciado, neue Formen von Sexualität als Gegenentwurf zur Heterosexualität theoretisch zu entwickeln, indem er die sexuelle Ladung von Penis und Vagina dezentriert und eine Sexualität konstituiert und proklamiert, in der Anus und Dildo – wobei jedes Körperorgan ein Dildo sein/werden kann – im Zentrum sexuellen Handelns stehen.

Preciados Manifest entwirft ein gesellschaftliches System, das Gendernormen und Rollenvorstellungen loslässt und versucht, die Gesellschaft völlig neu zu ordnen. Kontrasexualität ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem „heterozentrischen Sozialvertrag“,[3] welcher Heterosexualität als Norm ansieht und jegliche Abweichung davon nicht akzeptiert. Er spricht von „normativen Performanzen, die sich als biologische Wahrheiten in den Körper einschreiben“.[3] Ähnlich wie Judith Butler klagt er hier die Fremdbestimmung des Subjekts an. Was Frau und Mann ist, wird von der Kultur bestimmt und automatisch auf das Subjekt projiziert. Preciado will mit dem heterosexuellen Sozialvertrag brechen und ihn durch einen kontrasexuellen ersetzen; damit einher geht eine „systematische Dekonstruktion sowohl der Naturalisierung der sexuellen Praktiken als auch der Gesellschaftsordnung“.[3] Genau wie Butler gebraucht auch Preciado den Begriff „Performanz“. Nach Preciado funktioniert das heterosexuelle System durch kulturelle Codes. Unter diesen Codes versteht er den Kreislauf von Performance, Imitieren, Produzieren und Reproduzieren, durch den als natürlich präsentierte Gendervorstellungen geschaffen werden. Preciado definiert Kontrasexualität wie folgt:

„Kontrasexualität ist eine Theorie des Körpers, die sich außerhalb der Opposition maskulin/feminin, Männchen/Weibchen, heterosexuell/homosexuell stellt. Er definiert Sexualität als Technologie und betrachtet die unterschiedlichen Elemente des Systems Sex/Gender (…) ebenso wie deren Praktiken und sexuellen Identitäten.“[4]

Preciado wehrt sich dagegen, dass Sexualität das Individuum in einer Gesellschaft bestimmt, und erhofft sich mit seiner alternativen kontrasexuellen Gesellschaft die Befreiung des Individuums. Diese kontrasexuelle Gesellschaft beruht auf einem kontrasexuellen Vertrag, der zwischen zwei oder mehreren Individuen geschlossen wird. Dieser Vertrag regelt bis ins kleinste Detail den sexuellen Umgang beider Personen. Ergänzt wird der Vertrag durch schriftlich festgehaltene Grundsätze im Sinne von Paragraphen, mit denen sich die Mitglieder der Gesellschaft einverstanden erklären. Die Unterzeichner des Vertrages geben jegliche sexuelle Identität in dem Sinne auf, dass sie auf die „natürliche“ Position Mann/Frau verzichten und damit jegliche Privilegien und Verpflichtungen, die damit einhergehen, aufgeben. Des Weiteren wird die zwischenmenschliche Beziehung genau definiert. Der Vertrag kommt keiner Heirat gleich und ist auch nicht als eine Lebensgemeinschaft zu verstehen. Fortpflanzung ist in dem Vertrag nicht enthalten und darf auch nur dann stattfinden, wenn beide Partner einverstanden sind. Der Vertrag bezieht sich allein auf den sexuellen Akt. Um die Abschaffung von Gendervorstellungen zu verdeutlichen, wird der Anus das neue „universale(s) kontrasexuelle(s) Zentrum“.[5] Der Anus diskriminiert nicht und schafft keine Kategorien, denn das weibliche wie das männliche Geschlecht besitzen ihn. Somit wird der Anus zur Metapher für Sexlosigkeit im Sinne von Gender.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kontrasexuelles Manifest. b books, Berlin 2003, ISBN 3-933557-38-0 (Rezension unter: http://www.taz.de/pt/2004/06/19/a0302.nf/text).
  • Sex Works 1979–2005. From Love Bites to Postporn. Tübingen 2006, ISBN 3-88769-346-9 (gemeinsam mit Del LaGrace Volcano).
  • Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im „Playboy“. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012, ISBN 978-3-8031-5182-7 (spanisch: Pornotopía. Arquitectura y sexualidad en „Playboy“ durante la guerra fría. Original erschienen bei: Anagrama, Barcelona 2012).[6]
  • Testo junkie. Sex, Drogen und Biopolitik in der Ära der Pharmapornographie. b books, Berlin 2016, ISBN 978-3-942214-18-6 (englisch: Testo junkie: sex, drugs, and biopolitics in the pharmacopornographic era. Original erschienen bei: The Feminist Press, City University of New York 2013).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Paul B. Preciado – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://jungle-world.com/artikel/2004/50/14247.html
  2. http://www.macba.cat/en/pei
  3. a b c Beatriz Preciado: „Was ist Kontrasexualität” (S.9-32), und “Kontrasexuelle Leseübung” (Deleuze), in: diess: Kontrasexuelles Manifest. Berlin: b_books, 2003, 10.
  4. Preciado (2003), 11.
  5. Preciado (2003), 25.
  6. Lass uns zu mir gehen! in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 29. Januar 2012, S. 25