Benjamin Ferencz

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Benjamin Ferencz 2012 im Gerichtssaal 600, wo von 1945 bis 1949 die Nürnberger Prozesse stattfanden

Benjamin Berell Ferencz (* 11. März 1920 in Șomcuta Mare, Kreis Maramureș, Rumänien, damals Ungarn) ist ein US-amerikanischer Jurist. Er war Chefankläger im Einsatzgruppen-Prozess, einem der zwölf Nachfolgeprozesse im Rahmen der Nürnberger Prozesse nach dem Zweiten Weltkrieg. Er ist der letzte noch lebende Chefankläger aller damaligen Prozesse.[1] Ferencz lebt in Florida, seine Frau Gertrud starb dort 2019, er hat vier erwachsene Kinder.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Benjamin Ferencz wurde in einem kleinen Dorf im damals noch ungarischen Siebenbürgen als Sohn jüdischer Eltern geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg musste das Königreich Ungarn das Gebiet gemäß dem am 4. Juni 1920 unterzeichneten (Vertrag von Trianon) an das Königreich Rumänien abgeben; der ungarischen jüdischen Bevölkerung ging es ab dann immer schlechter (→ Näheres hier).[3][4] Seine Familie emigrierte in die USA, als er zehn Monate alt war. Ferencz wuchs in einem von der Kriminalität gezeichneten Problemviertel von Manhattan und in der Bronx auf. Er besuchte die Townsend Harris High School für begabte Jungen,[5] studierte am City College of New York und erhielt 1943 den Jura-Abschluss bei Sheldon Glueck an der Harvard Law School.[3]

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Benjamin Ferencz (1947)
Benjamin Ferencz (Mitte) im Einsatzgruppen-Prozess (1947/48)

Ferencz wurde als einfacher Soldat eingezogen und kämpfte 1944 in einer Flak-Einheit in Frankreich, als er den Befehl erhielt, in der „Judge Advocate Section“ einen „War Crimes Branch“ einzurichten. Er sammelte Beweismaterial für Kriegsverbrechen der Deutschen. „So weit ich weiß, war ich der Erste in der amerikanischen Armee, der sich mit Kriegsverbrechen beschäftigte“,[6] sagte Ferencz selbst rückblickend. Er untersuchte Lynchmorde an alliierten Piloten[7] und ermittelte unmittelbar nach der Befreiung in deutschen Konzentrationslagern. So in Ohrdruf, in Buchenwald, in Flossenbürg, in Mauthausen-Gusen und in Ebensee.[8]

In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden in Dachau unter seiner Mitwirkung Verfahren wegen Kriegsverbrechen von einem improvisiert eingerichteten Militärgericht in Schnellverfahren durchgeführt.[3]

Ferencz beobachtete 1945 im KZ-Außenlager Ebensee nach dessen Befreiung, wie Häftlinge einen KZ-Wärter zusammenschlugen und ihn bei lebendigem Leibe im Krematorium verbrannten.[9]

Ende 1945 nahm er im Rang eines Sergeant seinen Abschied von der Armee. Er kehrte nach New York zurück, um dort als Jurist zu arbeiten.

Einsatzgruppen-Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurz darauf wurde er von Telford Taylor zur Rückkehr nach Deutschland bewogen, um als ziviler Leiter einer Gruppe von fünfzig Personen, zumeist Flüchtlinge vor dem Nationalsozialismus, Beweismaterial für die Anklage der Nürnberger Prozesse zu finden. Einer seiner Mitarbeiter entdeckte die Leitz-Ordner mit den SS-Ereignismeldungen aus der UdSSR.[3] Als Ferencz bei Taylor insistierte, den in diesen Meldungen belegten Massenmord zum Gegenstand eines weiteren Verfahrens zu machen, wurde er, damals 27 Jahre alt, zum Chefankläger im Einsatzgruppen-Prozess ernannt. Alle 22 Angeklagten wurden schuldig gesprochen.

Der Einsatzgruppen-Prozess, offiziell The United States of America vs. Otto Ohlendorf, et al., war der neunte der zwölf „Kriegsverbrecherprozesse“, die die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg im besetzten Deutschland abhielten.

Im Jahr 2002 erstellte Lutz Hachmeister gemeinsam mit dem Landsberger Historiker Anton Posset einen Dokumentarfilm[10][11] rund um die historische Bedeutung der Justizvollzugsanstalt Landsberg und das lokal in Landsberg emotional viel diskutierte Thema der Kriegsverbrecher. Hierbei wurde Benjamin Ferencz erstmals nach vielen Jahren interviewt und äußerte sich zum Prozess von Alfried Krupp.

Weitere Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ferencz blieb auch danach noch in Deutschland und arbeitete in Wiedergutmachungsfragen im 'Legal Aid Department' bei der Jewish Restitution Successor Organization als ihr Generaldirektor, und nach deren Vereinigung 1955 mit der United Restitution Organization für diese. Er nahm für die JRSO an den Reparationsverhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland, dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference teil; am 10. September 1952 wurde das Luxemburger Abkommen unterzeichnet.

Nach seiner Rückkehr in die USA im Jahr 1957 eröffnete er mit seinem Partner Telford Taylor eine Anwaltskanzlei, in der er bis 1970 tätig war.[12] Daneben lehrte er an der Pace University in New York und schrieb Bücher über das Völkerrecht.

Ferencz nahm 1997 und 1998 an den Verhandlungen zum Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs teil, die in die Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs mündeten. Auch in den Folgejahren setzte er sich intensiv für diesen ein.[6]

Auf Einladung des Chefanklägers eröffnete Ferencz im Januar 2009 symbolisch das erste Plädoyer der Anklage vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und stellte damit die Arbeit des Gerichts in die direkte Tradition der Nürnberger Prozesse.[13] Für Ferencz ist es ein aus seiner persönlichen Kriegserfahrung heraus gewachsenes Anliegen, dass der Einsatz von Waffengewalt zum Erreichen politischer Ziele egal durch wen „als internationales und nationales Verbrechen bestraft wird.“[6]

Er äußerte 2007 in einem ZDF-Interview, dass „Guantánamo mit Folter durch die Amerikaner genauso verbunden sein wird wie Auschwitz mit Deutschland“.[14] Am 20. November 2020 wurde er von Ingo Zamperoni in den ARD Tagesthemen interviewt.[15]

Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Benjamin Ferencz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Deutschlandfunk 11. März 2020: Der unermüdliche Advokat für den Frieden.
  2. benferenz.org
  3. a b c d Daniel Stahl, Annette Weinke: Frieden durch Recht. In: Süddeutsche Zeitung. 18. Januar 2014, S. V2 9.
  4. questia.com
  5. Philipp Gut: Jahrhundertzeuge Ben Ferencz. Piper Verlag, 2020, ISBN 978-3-492-05985-5, S. 21.
  6. a b c Lebensgeschichtliches Interview mit Benjamin Ferencz. In: Quellen zur Geschichte der Menschenrechte. Arbeitskreis Menschenrechte im 20. Jahrhundert, 12. Dezember 2013, abgerufen am 20. Dezember 2016.
  7. Philipp Gut: Jahrhundertzeuge Ben Ferencz. Piper Verlag, 2020, ISBN 978-3-492-05985-5, S. 57–60.
  8. Philipp Gut: Jahrhundertzeuge Ben Ferencz. Piper Verlag, 2020, ISBN 978-3-492-05985-5, S. 64–85.
  9. Sebastian Gubernator: Nürnberg wurde sein Schicksal. In: Welt am Sonntag. 7. Oktober 2018, S. 6.
  10. Das Gefängnis. Landsberg und die Entstehung der Republik
  11. http://www.hmr-produktion.de/filme/das-gefaengnis.html
  12. B. Ferencz: Telford Taylor: Pioneer of International Criminal Law. In: Columbia Journal of Transnational Law. 37, Nr. 3, 1999, S. 661–664.
  13. Der Chefankläger. Deutscher Dokumentarfilm 2013.
  14. Frontal21 20. März 2007: Ehemaliger US-Ankläger bei den Nürnberger Prozessen: Folter in Guantanamo – Kriegsverbrechen im Regierungsauftrag? / „Im Krieg gegen den Terror wird das Völkerrecht gebrochen“.
  15. tagesschau.de: Chefankläger der Nürnberger Prozesse: "Sie bereuten nichts". Abgerufen am 21. November 2020.
  16. Leidenschaftlicher Kämpfer für das Völkerrecht. Auswärtiges Amt, 27. Mai 2010, abgerufen am 22. März 2011.
  17. Ankläger der Nürnberger Prozesse erhält Ehrendoktorwürde in Köln. Abgerufen am 12. Februar 2021 (deutsch).
  18. sueddeutsche.de / Knud von Harbou: Rezension