Berentzen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Berentzen-Gruppe Aktiengesellschaft
Rechtsform Aktiengesellschaft
ISIN DE0005201602
Gründung 1758
Sitz Haselünne, Niedersachsen, DeutschlandDeutschland Deutschland

Leitung

Mitarbeiter 487 (31. Dezember 2016)[1]
Umsatz 170,0 Mio. Euro (2016, ohne Branntweinsteuer)[1]
Branche Nahrungs- und Genussmittelindustrie
Website www.berentzen-gruppe.de

Die Berentzen-Gruppe Aktiengesellschaft ist ein börsennotiertes Unternehmen mit Hauptsitz in Haselünne im Emsland, das nach 250 Jahren in Familienhand von 2008 bis 2016 mehrheitlich dem Finanzinvestor Aurelius AG gehört hat. Seit 2016 ist der Großteil der Aktien in Streubesitz verteilt. Den größten Anteil mit rund 10 Prozent hält aktuell die niederländische Investmentgesellschaft Monolith.[2] Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit sind Herstellung und Vertrieb von Spirituosen, alkoholfreien Getränken sowie Frischsaftsystemen. Die Gruppe beschäftigt knapp 500 Mitarbeiter an Standorten in Deutschland sowie in Österreich und der Türkei.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehemalige Kornbrennerei Berentzen in Haselünne
Eigenwerbung der Marke Berentzen auf dem Korn- und Hansetag Haselünne 2012

Die Kornbrennerei Berentzen 1758–1988[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die heutige Berentzen-Gruppe geht auf mehrere Familienunternehmen zurück. Das älteste, die Kornbrennerei „I. B. Berentzen“ („J. B. Berentzen“), wurde 1758 von dem Ratsherrn Johann Bernhard Tobias Berentzen (* 2. April 1718, † 18. Dezember 1798) im emsländischen Haselünne gegründet. Damals gab es bereits 25 weitere „Fuselbrenner“ in Haselünne, wie aus dem Protokoll einer gerichtlichen Visitation des Jahres 1758 hervorgeht.

Die markenrechtliche Sicherung des Familiennamens erfolgte 1899 durch die Eintragung des Kornbrand „Berentzen vom alten Faß“ als Marke. 1958 gelang durch die Gründung der Emsland-Getränke GmbH der Einstieg in den Vertrieb alkoholfreier Getränke. Im Jahr 1960 konnte die Pepsi-Cola-Konzession für Deutschland erworben werden.

Einen Durchbruch in der Unternehmensgeschichte markierte die Einführung des Apfelkorns (Mischgetränk aus Weizenkorn und Apfelsaft) im Jahr 1976 durch die Brüder Friedrich und Hans Berentzen. Berentzen Apfelkorn gilt als erfolgreichste Neueinführung einer Spirituose in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg und wird seit 1979 auch in das Ausland exportiert.

Gründung der Berentzen-Gruppe und Börsengang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1988 entstand die Berentzen-Gruppe durch Fusion mit der Weinbrennerei Pabst & Richarz und wurde zum zweitgrößten Spirituosenunternehmen Deutschlands. Die Wurzeln von Pabst und Richarz liegen im 19. Jahrhundert: 1861 begann Wilhelm Josef Richarz in Königswinter, Wein zu brennen; 1898 gründete Hermann Pabst in Düsseldorf eine Weinhandlung, der später eine Brennerei folgte. Die beiden Familienunternehmen schlossen sich 1969 zusammen.

1994 wagte die Berentzen-Gruppe als bis dahin einziger deutscher Spirituosenhersteller einen Börsengang. In der Folge kaufte Berentzen zahlreiche Unternehmen der Spirituosenbranche, darunter Strothmann (1996) und Dethleffsen (1999). Während sich die stimmberechtigten Stammaktien in den Händen der Eigentümerfamilien befanden, erwarben zahlreiche Anleger an der Börse die stimmrechtslosen Vorzugsaktien. Diese waren auch als „Eintrittskarte“ zu den Hauptversammlungen beliebt, die bis 2005 in Haselünne „wie ein Volksfest“[3][4] gefeiert wurden und auf denen die Produkte der Unternehmensgruppe als Naturaldividende großzügig ausgeschenkt wurden.

Nach anfänglichen Kurserfolgen büßte die Aktie jedoch gegenüber ihrem Allzeithoch von 1996 (über 35 Euro resp. knapp 70 Deutsche Mark) bis 2003 (3 Euro) über 90 % ihres Wertes ein. Trotz mehrerer Umstrukturierungen, verschiedener Wechsel an der Unternehmensspitze und einer Übernahme hat sich die Aktie bis 2009 nicht von diesem Kursrutsch erholen können.

Probleme gab es vor allem im Kerngeschäft Spirituosen. Innerhalb von zehn Jahren schrumpfte der Inlandsumsatz in diesem Bereich trotz zwischenzeitlicher Zukäufe und dem Erwerb von Lizenzmarken von über 200 Mio. Euro im Jahr 1996 (damals knapp 400 Mio. Deutsche Mark) auf nur noch 104 Mio. Euro im Jahr 2006. Der Konzernumsatz (ohne Branntweinsteuer) betrug im Jahr 2006 nur noch 180 Mio. Euro. Davon entfielen gut ein Viertel auf alkoholfreie Getränke.

Rückzug der Eigentümerfamilien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2006 schied Jan Berentzen aus dem Vorstand aus. Erstmals lag das operative Geschäft nun in den Händen eines familienfremden Managements.[5] 2007 kündigte Berentzen einen Konsolidierungskurs an. Mit einer umfangreichen Marketingkampagne sollte die Position des Unternehmens auf dem insgesamt rückläufigen Spirituosenmarkt in Deutschland gestärkt werden. Das erste Umsetzungsjahr 2007 schloss mit einem Verlust von 11,8 Mio. Euro ab.

Im Sommer 2008, dem Jahr des 250-jährigen Bestehens des Unternehmens, zogen sich die bisherigen Eigentümerfamilien Berentzen, Pabst, Richarz und Wolff größtenteils aus dem Unternehmen zurück und verkauften etwa 75 % der Stammaktien an eine Tochtergesellschaft des Münchner Finanzinvestors Aurelius AG.[6] Die übrigen 24,9 Prozent der Stammaktien verblieben bei ca. 20 Aktionären, darunter die Familienstämme um Jan Bernd Berentzen, Christian Berentzen und Friedrich Berentzen. Die Familien Pabst und Richarz verkauften ihre Anteile dagegen vollständig.[7] Infolge eines Übernahmeangebotes nach WpÜG wechselten bis Ende 2008 weitere Stammaktien und ein Teil der Vorzugsaktien[8] zu Aurelius. Vor diesem Hintergrund wurde das 250-jährige Firmenjubiläum im Jahr 2008 nicht gefeiert.

Entwicklung nach der Übernahme durch die Aurelius AG[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Geschäftsjahr 2008 entstand ein Verlust von 22,5 Mio. Euro. Die vom neuen Eigentümer bestellte Geschäftsleitung beschloss Sanierungsmaßnahmen, darunter eine Verschlankung der Verwaltung, Ausgliederung von Vertrieb, Marketing und Logistik und die Schließung der Destillerie am historischen Standort in der Haselünner Altstadt. Die Spirituosenherstellung wurde von dort an den bestehenden Standort Minden verlagert. Nach wie vor befindet sich in Haselünne die Verwaltung und eine Abfüllanlage für Softdrinks und Mineralwasser.

Seit 1. April 2009 sind zwei bekannte Importmarken, Licor 43 aus Spanien und Linie Aquavit aus Norwegen, nicht mehr im Vertrieb von Berentzen; die Hersteller hatten die Verträge nach dem Verkauf an Aurelius gekündigt. Für das Geschäftsjahr 2009 wurde, bei weiter rückläufigem Umsatz, erstmals seit mehreren Jahren wieder ein Jahresüberschuss ausgewiesen.[9]

Im Juni 2013 teilte der Soft Drinks-Konzern Pepsico mit, den bis Jahresende 2015 laufenden Konzessionsvertrag nicht erneut zu verlängern. In der über 50 Jahre dauernden Zusammenarbeit mit der Berentzen-Gruppe hatte sich das Tochterunternehmen Vivaris zum größten der zum Schluss vier Pepsi-Konzessionäre entwickelt. Im Januar 2014 verständigte sich die Berentzen-Gruppe laut Ad hoc-Mitteilung [10] innerhalb eines Tages erst mit dem PepsiCo-Konzern, den Vertrag vorzeitig zum Jahresende 2014 zu beenden, und anschließend mit der Deutsche Sinalco GmbH Markengetränke & Co. KG auf einen neuen Konzessionsvertrag im direkten Anschluss. Seit 2015 wird Sinalco in Konzession vertrieben.

Anfang September 2014 teilte die Berentzen-Gruppe mit, dass für einen Kaufpreis zwischen 15,50 und 17,45 Mio. Euro der Erwerb sämtlicher Anteile an der TMP Technic-Marketing-Products GmbH mit Sitz in Linz (Österreich) vereinbart wurde. Das Unternehmen ist ein international tätiger Systemanbieter für frischgepressten Orangensaft (Marke: Citrocasa).[11]

Im Laufe des Jahres 2016 verkaufte Aurelius den eigenen Aktienbesitz komplett. Den höchsten Aktienanteil hält derzeit die niederländische Investmentgesellschaft Monolith mit rund 10,4 Prozent. Der Großteil der Aktien befindet sich im Streubesitz.[2] Bereits 2015 hatte die Berentzen-Gruppe alle stimmrechtslosen Vorzugsaktien in stimmberechtigte Stammaktien umgewandelt. Damit wurden Stammaktien zur einzigen Aktiengattung bei der Berentzen-Gruppe.[12]

Eigentümer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Teile dieses Abschnitts scheinen seit 2009 nicht mehr aktuell zu sein: Besitzverhältnisse nicht mehr aktuell, siehe Diskussionsseite.
Bitte hilf mit, die fehlenden Informationen zu recherchieren und einzufügen.

Das Grundkapital von knapp 25 Millionen Euro verteilt sich seit 2015 auf 9,6 Millionen Stammaktien. Zuvor gab es je 4,8 Millionen Stammaktien und Vorzugsaktien. Die Stammaktien und damit alle Stimmrechte wurden bis 2008 von mehreren Eigentümerfamilien gehalten. Ab 2008 wurden etwa 80 % von ihnen von der BGAG Beteiligungs GmbH gehalten, einer Tochter der Münchener Beteiligungsgesellschaft Aurelius AG. Die Vorzugsaktien wurden an der Börse gehandelt und befanden sich überwiegend (2009: 73 %[9]) in Streubesitz, darunter Mitarbeiter des Unternehmens und Anleger aus der Region, weitere knapp 13 % kontrollierte Aurelius. Im Jahr 2015 wurden die Vorzugsaktien allesamt in Stammaktien umgewandelt.[12] Im Jahr 2016 entschied sich die Aurelius AG nach der erfolgreichen Sanierung für einen Exit. Seitdem befindet sich der überwiegende Anteil der Aktien im Streubesitz.[2] Berentzen ist im niedersächsischen Aktienindex Nisax20 notiert.

Tochterunternehmen und Beteiligungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Berentzen-Gruppe gehören folgende Unternehmen (soweit nicht anders angegeben: Beteiligung zu 100 %):

  • Haselünne: Berentzen Distillers International GmbH, Der Berentzen Hof GmbH, Kornbrennerei Berentzen GmbH, Medley's Whiskey International GmbH, Puschkin International GmbH, Strothmann Spirituosen Verwaltung GmbH, Turoa Rum International GmbH, Vivaris Getränke GmbH & Co. KG, Winterapfel Getränke GmbH, Berentzen Distillers Asia GmbH, Berentzen Distillers Turkey GmbH, Berentzen North America GmbH, Die Stonsdorferei W. Koerner GmbH & Co. KG, Vivaris Getränke Verwaltung GmbH
  • Flensburg: DLS Spirituosen GmbH
  • Norden: Doornkaat AG
  • Minden: LANDWIRTH's GmbH, Pabst & Richarz Vertriebs GmbH
  • Grüneberg: Grüneberger Spirituosen und Getränkegesellschaft mbH
  • Istanbul (Republik Türkei): Berentzen Alkollü İçkiler Ticaret Limited Sirketi
  • Shanghai (Volksrepublik China): Berentzen Spirit Sales (Shanghai) Co., Ltd.
  • Jelenia Góra (Polen): Sechsämtertropfen G. Vetter Spolka z o.o.
  • Linz (Österreich): TMP Technic-Marketing-Products GmbH

Produkte und Marken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Citrocas Saftpresse

Die bekanntesten Eigenmarken der Gruppe sind Berentzen und Puschkin. Weiterhin stellt Berentzen norddeutsche Erzeugnisse wie Weizenkorn und Bommerlunder her und vertreibt als Importeur auch internationale Lizenzmarken. Das Tochterunternehmen Vivaris produziert alkoholfreie Getränke (z. B. Mineralwasser und Softdrinks), die in zwölf von sechzehn Bundesländern (Nord- und Ostdeutschland sowie Teile von Hessen und NRW) abgesetzt werden. Das österreichische Tochterunternehmen TMP bietet unter dem Marke Citrocasa Frischsaftsysteme an. Dazu gehören Fruchtsaftpressen, Orangen und Flaschen.

Die Fruchtspirituosen des Unternehmens werden aus Weizenkorn gewonnen und haben einen Alkoholgehalt zwischen 15 und 20 % . Sie werden in verschiedenen Geschmacksrichtungen produziert, darunter Apfel, Saurer Apfel, Wildkirsch, Maracuja, Waldfrucht und Waldmeister. Weitere Produkte sind Berentzen Traditionskorn (32 %  vol), Berentzen Doppelkorn (38 % vol) und der in Eichenfässern gereifte Berentzen Edelkorn (38,5 % vol).

Im Sommer 2017 hat die Berentzen-Gruppe zudem eine neue Hof-Destillerie eröffnet, in der sie einen Premium-Doppelkorn herstellt.[13]

Weitere Marken der Gruppe sind:

Alkoholfreie Getränke aus dem Produktsortiment sind:

Ehemalige Produkte sind unter anderem

  • Kiwisala (Kiwilikör)
  • Lufthansa Cocktail (Aprikosen-Orangenlikör mit 30 % vol, Lizenzproduktion 2005–2014)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Berentzen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Geschäftsbericht 2016 (PDF)
  2. a b c Pressemitteilung Berentzen-Gruppe 26.09.2016. Abgerufen im 13. November 2017.
  3. Noch einen auf die Krise. In: taz.de. 13. Mai 2005, abgerufen am 29. Januar 2015.
  4. Ingo Reich: Halbjahr endet mit Gewinn - Berentzen zielt auf jüngeres Publikum. In: handelsblatt.com. 11. September 2009, abgerufen am 29. Januar 2015.
  5. Durchgreifen mit Demut, in: Handelsblatt vom 23. Oktober 2006, aufgerufen am 2. April 2010.
  6. Pressemitteilung der Berentzen-Gruppe vom 4. September 2008, aufgerufen am 2. April 2009.
  7. Nach Einstieg von Finanzinvestor: Vorstandschef Axel Dahm verlässt Berentzen. In: handelsblatt.com. Abgerufen am 29. Januar 2015.
  8. Ad-hoc-Mitteilung
  9. a b Geschäftsbericht 2009 (PDF-Datei; 2,68 MB), aufgerufen am 2. April 2010.
  10. Ad hoc-Mitteilung vom 20. Januar 2014 (PDF), aufgerufen am 29. Januar 2015.
  11. Pressemitteilung vom 1. September 2014
  12. a b Pressemitteilung Berentzen-Gruppe 30.09.2015. Abgerufen im 13. November 2017.
  13. Berentzen -Korn2Korn. Abgerufen am 13. November 2017.