Ismail Kadare

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Ismail Kadare (2002)

Ismail Kadare Zum Anhören bitte klicken! [ismaˈil kadaˈɾɛ] (* 28. Januar 1936 in Gjirokastra; selten auch Ismail Kadaré) ist ein albanischer Schriftsteller. Er hat zahlreiche Romane und daneben auch einige Novellen, Gedichte und Essays veröffentlicht.

Kadares Werk zählt zum Kanon der albanischen Literatur mit vielfältigen, anhaltenden Wirkungen. Es wurde in über 30 Sprachen übersetzt. 2005 wurde der Schriftsteller mit dem Man Booker International Prize geehrt.

Häufiges Thema seiner Romane ist das Leben in totalitären Regimen,[1] oft in einen historischen Kontext verwoben.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ismail Kadare wurde 1936 im südalbanischen Gjirokastra als Sohn eines in bescheidenen Verhältnissen lebenden Gerichtsboten geboren. Sein Großvater mütterlicherseits war ein gebildeter und wohlhabender Mann. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Albaniens wechselten die Besatzer seiner Heimatstadt beinahe jährlich. Über diese Erfahrungen in seiner Kindheit erzählt er in dem Roman Chronik in Stein, der 1971 erschien. Obwohl Kadare es nicht erwähnt, wird dieses Werk als autobiographisch bewertet.[2]

Kadare schloss die Grund- und Sekundarschule in seiner Geburtsstadt ab und ging nach Tirana, um an der Fakultät für Geschichte und Philologie der Universität Tirana Sprachen und Literatur zu studieren.[2] 1956 erhielt er das Lehrerdiplom. Kadare studierte zudem Literaturwissenschaft am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau, bis 1960 Albanien seine politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion abbrach. Den Aufenthalt hat er im autobiographischen Roman Die Dämmerung der Steppengötter verarbeitet.

In den 1960er-Jahren war Kadare vor allem als Lyriker populär, während er heute diesem Genre angesichts eines Überangebots mittelmäßiger Poeten im Osten und des geringen Interesses an Gedichten im Westen eher skeptisch gegenübersteht. Seinen literarischen Durchbruch hatte Kadare 1964 mit dem mehrfach (unter anderem mit Michel Piccoli und Marcello Mastroianni) verfilmten Roman Der General der toten Armee. Zahlreiche weitere Romane folgten, die auch im Ausland Beachtung fanden. Wenn er auch systembedingt in seinem Schaffen zahlreichen Einschränkungen und Zensurmaßnahmen unterworfen war, machte sein Ruhm im Ausland ihn für das Regime bis zu einem bestimmten Grad unantastbar, da es seine Reputation für sich nutzen wollte. Aus Protest gegen die Verschleppung der Demokratisierung durch den Übergangsmachthaber Ramiz Alia suchte und fand Kadare im Oktober 1990 mit seiner Familie politisches Asyl in Frankreich,[2][3] wo er sich schon zuvor mehrmals aufgehalten hatte. 1991 erschien der rechtfertigende Essay Printemps albanais.[1] Seit 1996 ist Kadare Membre associé étranger (Ausländisches assoziiertes Mitglied) der Académie des sciences morales et politiques in Paris.

1999 kehrte er in seine Heimat zurück. Kadare wechselt seinen Wohnort zwischen Tirana und Paris. Seine Frau, Helena Kadare, die 1943 als Elena Gushi in Fier geboren wurde, ist ebenfalls Schriftstellerin.[4]

2006 veröffentlichte Kadare einen Aufsatz über die kulturelle Identität der Albaner (Identiteti evropian i shqiptarëve/Die europäische Identität der Albaner), der in der albanischen Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erregte.[5] Kadare vertrat darin die Auffassung, die Albaner seien eine westliche Nation, deren geistig-kulturelle Basis das Christentum sei; den Islam charakterisierte der konfessionslose Schriftsteller als eine den Albanern während der osmanischen Herrschaft aufgedrängte Religion mit überwiegend negativen Folgen für sie. Der bekannte Autor und Literaturwissenschaftler Rexhep Qosja aus dem Kosovo widersprach dieser Auffassung vehement.[6]

Er ist wiederholt für den Nobelpreis für Literatur nominiert worden.[7][8]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritik an Kadare setzt sich nicht nur mit seinen Werken auseinander, sondern vor allem auch mit seiner politischen Haltung und seiner Einstellung zum kommunistischen System in Albanien.[1]

Vor der Wende in Albanien zu Beginn der 1990er-Jahre feierte die westliche Literaturkritik seine Werke fast überschwänglich als große, die Regeln des sozialistischen Realismus links liegen lassende Literatur. Später mehrten sich die Stimmen, die ihm seine Nähe zum stalinistischen Regime zum Vorwurf machten, was bis zum Vorwurf der „Hoxha-Kadare-Diktatur“ (Kasëm Trebeshina) ging.[1][2] Gegen Hoxhas stalinistisches Regime, von dem sich Kadare heute deutlich distanziert, begann er erst im Verlaufe des Jahres 1990 zu opponieren. Als Mitglied der Partei der Arbeit und des Direktoriums des Schriftstellerverbands, als Parlamentsabgeordneter (1970–1982) und Funktionär in weiteren Rollen war er lange ein Teil des Systems gewesen. Andererseits äußerte er mehr Kritik als sich das sonst jemand in Albanien erlauben konnte, geschützt durch seine internationale Bekanntheit und vermutlich auch von Enver Hoxha selber.[1][9] Seine Äußerungen und sein Verhalten geben ein widersprüchliches Bild. Ardian Klosi sah in ihm sowohl einen Kritiker als auch einen Unterstützer des kommunistischen Systems in Albanien.[1] Der Journalist, Balkanexperte und Literaturkritiker Cyrill Stieger sieht in Kadare einen Profiteur des kommunistischen Systems und bezeichnet seine rechtfertigende Publikation Printemps albanais, in der er sich als Dissident darstelle und sein Werk als antikommunistisch bezeichne, als „peinlich“.[10] Ulrich Enzensberger kritisierte Retuschen Kadares an früheren Werken, damit diese besser in einem antikommunistischen Licht erscheinen, und sich wenig selbstkritisch zeigte.[11]

Ismail Kadare wird weiter oft Nationalismus vorgeworfen.[2] Ein Kritiker hatte geschrieben: „Wenn es um sein Land geht, ist Kadare so blind wie Homer.“[12] Mit diesem und anderen Vorwürfen setzte sich Kadare in einem langen Interview mit Alain Bosquet auseinander, das in Frankreich als Buch erschienen ist.[13]

Ismail Kadare gilt als der führende Vertreter der antiislamischen Bewegung in Albanien, die Islam und Kommunismus auf eine Stufe stellt und den muslimischen Albanern eine Kollektivschuld zuweist, die nur durch eine Konversion zum Christentum getilgt werden könne. Viele Vertreter der politisch-kulturellen Elite des Landes teilen diese Meinung, wodurch die Zunahme von Islamophobie und Türkenfeindlichkeit in der albanischen Gesellschaft teilweise gefördert wird.[14]

Das Religionsverbot in der Sozialistischen Volksrepublik Albanien begrüßte Kadare öffentlich, da er darin eine Möglichkeit der Wiederbekehrung der muslimischen Albaner sah: „Ich war davon überzeugt, dass Albanien sich dem christlichen Glauben zuwenden würde, weil es mit ihr die Kultur, Erinnerung und Nostalgie für die vortürkische Zeit verbindet. Jahr für Jahr wird sich die im Gepäck der Osmanen importierte islamische Religion erschöpfen – zuerst in Albanien und dann im Kosovo. So wird sich die christliche Religion, oder genauer die christliche Kultur, im Land einprägen. Dadurch wird bald aus einem Übel – das Verbot der Religion 1967 – ein Gutes entstehen.“ (Ismail Kadare)[15]

Die Gedichte aus der jungen Zeit Kadares im Stil des Sozialistischen Realismus’ bezeichnete Kadare selber als „künstlerisch schwach“.[16][17]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die aktuellen Übersetzungen ins Deutsche stammen alle von Joachim Röhm.

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Die Literatur ist ein Königreich, das ich mit keinem Land der Welt eintauschen möchte, selbst mit einer Republik nicht.“

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Kacza: Ismail Kadare – verehrt und umstritten. Privatdruck, Bad Salzuflen 2013.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ismail Kadare – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Thomas Kacza: Ismail Kadare – verehrt und umstritten. Privatdruck, Bad Salzuflen 2013.
  2. a b c d e Joachim Röhm: Ismail Kadare, kurz vorgestellt. In: joachim-roehm.info. Abgerufen am 4. Januar 2017 (PDF).
  3. Ismail Kadare. In: Albanian Literature. Robert Elsie, abgerufen am 9. Oktober 2016 (englisch).
  4. Helena Kadare. In: Albanian Literature. Robert Elsie, abgerufen am 9. Oktober 2016 (englisch).
  5. Ismail Kadare: Identiteti evropian i shqiptarëve. Tirana 2006 (Die europäische Identität der Albaner. Deutsche Übersetzung).
  6. Rexhep Qosja: Realiteti i shpërfillur. Tirana 2006 (Qosjas Antwort auf Kadare)
  7. Nina Sabolik: Why Ismail Kadare Should Win the 2013 Nobel Prize in Literature. World Literature Today, 14. August 2013, abgerufen am 8. November 2016 (amerikanisches englisch).
  8. Ismail Kadare, a Candidate for the Nobel Prize in Literature. RTK Live, 8. September 2016, abgerufen am 8. November 2016 (englisch).
  9. Martin Ebel: Leben und Schreiben unter den Augen des Diktators. In: Tages-Anzeiger . 19. Februar 2009, abgerufen am 31. Mai 2012.
  10. Cyrill Stieger: ZündOrte: Ismail Kadare – peinliche Umdeutung seiner Rolle in der Diktatur. In: orte. Schweizerische Literaturzeitschrift. Lyrik aus Albanien, Nr. 189, 2016, ISBN 978-3-85830-183-3, S. 87–90.
  11. Ulrich Enzensberger: Der albanische Nationaldichter Ismail Kadare: Tirana schweigt. In: Die Zeit. 11. September 1992, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 4. Januar 2017]).
  12. Carolina Bădițescu: Le recours à l’autre – hypostases de l’isolement et de l’ouverture chez Ismail Kadaré. Abgerufen am 31. Mai 2012 (PDF; 146 kB, französisch).
  13. Ismail Kadare, Alain Bosquet: Dialogue avec Alain Bosquet. Fayard, Paris 1995, ISBN 978-2-213-59519-1.
  14. Ervin Hatibi: Die Sonne, die im Westen aufgeht. Islam und Muslime in der Perzeption der albanischen Eliten. In: Ost-West Europäische Perspektiven. 2007, abgerufen am 26. Juli 2014.
  15. Ismail Kadare Printemps Albanais, 2. Aufl. 1995, ISBN 2-2539324-8-5
  16. Andreas Breitenstein: Gespräch mit Ismail Kadare über Politik und Literatur, Anpassung und Macht, Schreiben und Angst: «Ein Schriftsteller, nichts sonst». In: Neue Zürcher Zeitung. 20. März 2009, ISSN 0376-6829 (NZZ Online [abgerufen am 4. Januar 2017]).
  17. Cyrill Stieger: Lyrik aus Albanien. Eine faszinierende Welt der Poesie. In: orte. Schweizerische Literaturzeitschrift. Lyrik aus Albanien, Nr. 189, 2016, ISBN 978-3-85830-183-3, S. 6.
  18. Ordre national de la Légion d’Honneur – Décret du 31 décembre 2015 portant promotion. In: Journal officiel de la République Française. Présidence de la République, 1. Januar 2016, abgerufen am 1. Januar 2016 (PDF, französisch).