Brandrodung

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Brandrodung in Eno in Finnland 1893

Die Brandrodung ist eine seit Jahrtausenden verbreitete Technik, Primär- oder Sekundärwaldflächen unter Einsatz von Feuer zu schwenden (nicht zu roden, da die Wurzeln im Boden verbleiben), meist zur Vorbereitung landwirtschaftlicher Produktion.

Begriffsabgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brandrodung wird häufig im Rahmen der so genannten Subsistenzwirtschaft bei traditionellen Wirtschaftsformen eingesetzt, die allein oder weit überwiegend der Produktion für den Eigenbedarf, nicht aber zur Vermarktung der Produkte dient. Weiterer Einsatzbereich ist z. B. die Anlage von Weideflächen, die wegen mangelnder Tragfähigkeit meist extensiv unter geringem Viehbesatz genutzt werden.

Wurden früher im Rahmen des Wanderfeldbaus die Flächen nach Erschöpfung der vorhandenen Nährstoffreserven im System oft gänzlich zugunsten neuer, unberührter Primärwaldflächen aufgegeben, ist dies heute vor dem Hintergrund rechtlich verbindlich geregelter Besitzverhältnisse meist nicht mehr ohne weiteres möglich. Weitere Einsatzbereiche der Brandrodung sind auch heute noch z. B. Infrastruktur-Maßnahmen wie das Freilegen von Trassen für den Straßenbau oder das Entfernen von Bewuchs unter Freileitungen.

Siedlungsgeschichte in Europa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Telkkämäki Brandrodungen Gebiet (2013) in Kaavi, Finnland.

Brandrodung lässt sich, im Zusammenhang mit Ringelung, schon ab dem Neolithikum vermuten. In verschiedenen Phasen der Landgewinnung in Europa war Brandrodung üblich. In das Hochmittelalter datieren lassen sich etwa Toponyme auf brant, brende oder senge(n), singe(n), sang. Im 15. Jahrhundert aber steht Brandrodung schon unter Strafe, und die beginnende kleine Eiszeit verbietet nutzlose Vernichtung von Brennholz. Im waldreichen Skandinavien wurde die Methode noch bis ins 19. Jahrhundert von den so genannten Waldfinnen praktiziert.

Siehe auch: Rodung

Moderne Situation und Problematik in den Tropen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gerodete Waldfläche in Panama
Rauchentwicklung bei Brandrodung am Rio Xingu in Brasilien
Feuer durch Shifting Cultivation in Sumatra und Borneo[1] Satellitenfoto Oktober 2006.

Die erfolgreiche Einführung von Cash Crops zur Vermarktung verschiedenster Agrarprodukte setzt geregelte Besitzstrukturen, eine bessere Ausbildung der Kleinbauern, Zugang zu Finanzmitteln und entsprechende Absatzmärkte voraus. Oft in Ermangelung anderer effektiver Werkzeuge wird Brandrodung z. T. auch heute in äquatorialen Regionen wie z. B. Nordbrasilien oder dem Kalimantan genannten indonesischen Teil Borneos genutzt. Brandrodung wird z. B. im nordbrasilianischen Staat Pará von Kleinbauernfamilien auf 25 Hektar großen Parzellen betrieben, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts besiedelt wurden; die Besitzverhältnisse wurden im beginnenden 20. Jahrhundert staatlich garantiert. Die Anlage von Rinderfarmen am südlichen Rand Amazoniens ist Ursache für ein Drittel der weltweiten Verluste an Regenwaldflächen durch Brandrodung.

Verfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine für landwirtschaftliche Produktion vorgesehene Fläche wird zu Beginn der Trockenzeit oft manuell z. B. mit Macheten gerodet, was bei 40 Tonnen Trockenmasse je Hektar bis über 80 Arbeitsstunden kosten kann. Sollen mehrjährige Pflanzen wie Maracujá oder Pfeffer angebaut werden, kommt zur Entfernung der oberirdischen Vegetation die Rodung der Wurzeln hinzu. Der Schlagabraum wird über mehrere Wochen zum Trocknen liegen gelassen und schließlich angesteckt. Nicht selten geraten dabei die Feuer außer Kontrolle und verwüsten ganze Landstriche: Im Frühjahr 1998 wurde im nordbrasilianischen Staat Roraima eine Fläche von der Größe Belgiens zum Raub der Flammen. Im südostasiatischen Raum kommt es in den Monaten Mai bis Oktober häufig zu gesundheitlichen Problemen durch Rauchwolken, die im Rahmen von indonesischer Brandrodung entstehen. Die Regierungen von Malaysia und Singapur veröffentlichen im Stundentakt Messwerte zur Luftverschmutzung im Internet. Im Juni 2013 erreichten die Messwerte in beiden Ländern aufgrund von über 130 Feuern in Indonesien erstmals den Bereich gefährlich. Vorher lag die Höchstmarke aus dem Jahr 1997 im Bereich sehr ungesund. Durch die Luftverschmutzung entwickeln sich in den betroffenen Ländern außenpolitische Spannungen gegenüber Indonesien. Auch Tiere werden durch die Brände bedroht. Im tropischen Regenwald besteht jedoch nur eine geringe Gefahr, dass es zu größeren Waldbränden kommt, da insgesamt ein sehr feuchtes Klima herrscht und überall Flüsse dem Feuer den Weg versperren würden.

Demografischer Faktor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brandrodung in Arunachal Pradesh, Indien

Brandrodung war unter der Vorbedingung dünner Besiedelung bis ins 19. und beginnende 20. Jahrhundert eine durchaus nachhaltige Technik, da nach Rodungs- und Anbauzyklus eine ausreichend lange Brachephase von ca. 15 Jahren folgte. Dies gab dem Sekundärwald, in Brasilien Capoeira genannt (wie auch die gleichnamige Kampfkunst Capoeira), Gelegenheit zu ausreichender Regeneration, da im Laufe der Zeit Nährstoffe wie z. B. Stickstoff, aber auch mineralische Nährstoffe wie Kalium oder Magnesium u. a. durch atmosphärische Einträge wieder aufgefüllt und in der Vegetation festgelegt wurden. Mit massivem Bevölkerungswachstum seit dem 19. Jahrhundert wurden die Böden jedoch vielerorts durch zu schnelle Produktionszyklen erschöpft, da die Brachezeit bis unter 5 Jahre verkürzt wurde.

Wirkung auf den Nährstoffkreislauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundproblem der Brandrodung ist die Nährstoffverteilung in tropischen Ökosystemen. In den Böden der gemäßigten europäischen Breiten sind ca. 80 % der Nährstoffe im Boden und nur 20 % in der Vegetation gespeichert. In den roten Tropenböden (Ultisol, Ferralsol, Latosol) ist dieses Verhältnis umgekehrt: Sie sind seit Zehntausenden von Jahren sehr hoher Sonneneinstrahlung, hohen Jahresmitteltemperaturen und dazu extrem hohen Niederschlägen ausgesetzt und deshalb nahezu vollständig verwittert. Das bedeutet, dass in den Böden selbst kaum noch Nährstoffe enthalten sind. Durch die hohen Temperaturen und die ständige Feuchtigkeit jedoch können in den unteren Stockwerken des Waldes und in der Humusschicht Klein- und Mikroorganismen (Destruenten) abgestorbene Biomasse in rasanter Geschwindigkeit zersetzen und die dabei gebildeten anorganischen Nährstoffe (meist über eine Mykorrhiza) den Wurzeln der Urwaldpflanzen direkt wieder zuführen. Hierdurch hat sich ein kurzgeschlossener Nährstoffkreislauf oberhalb des Bodens entwickelt: Durch Verrottung freigesetzte Nährstoffe werden sofort wieder von Pflanzen aufgenommen und dadurch nicht ausgewaschen.

Die Böden der gemäßigten Breiten dagegen wurden z. B. von der letzten Eiszeit neu geschichtet und mit nährstoffreichen Lockersedimenten wie Löss angereichert; zudem sind sie vergleichsweise niedrigen Temperaturen und geringeren Niederschlägen ausgesetzt, so dass sie sehr langsam verwittern und auch nur langsam ausgewaschen werden (B-Horizont). Die meisten Böden der gemäßigten Zone sind daher relativ reich an Nährstoffen, die sie auch nach einer Umwandlung in Ackerboden nach und nach freisetzen. Sie sind daher durch Rodung und Brandrodung nicht gefährdet im Gegensatz zu den stark verwitterten Tropenböden.

Brandrodung mobilisiert das in der Biomasse gespeicherte Nährstoffkapital und macht es der landwirtschaftlichen Produktion verfügbar. Das Feuer setzt nicht nur den zuvor gebundenen Kohlenstoff frei und trägt so zum Treibhauseffekt bei. Es verfliegen beim Brennen laut Studien auch bis über 90 % des in der Biomasse enthaltenen Stickstoffes und bis über 40 % der mineralischen Nährstoffe wie Kalium oder Magnesium. Die verbleibende Asche dient als Dünger für die Produktion z. B. von Mais oder Maniok. Für Kleinbauern stellt diese Asche-Düngung meist den einzigen erschwinglichen Input dar, um ihre Produktion zu fördern. Der Einsatz von Dünger oder eigenen Maschinen kommt für sie in der Regel nicht in Frage, jedoch existiert zum Teil ein Mietsystem für Maschinen.

Kritisch wird die Brandrodung durch die Erschöpfung der ausgelaugten Böden und die anschließende Abwanderung der Kleinbauern auf neue, unverbrauchte Flächen. Dadurch wächst der Druck auf bislang unberührte Waldflächen, die ökologisch wichtige Funktionen z. B. zur Sicherung der Biodiversität erfüllen, da Wälder den meisten terrestrischen Arten Lebensraum bieten, aber auch als Kohlenstoffsenke zur Festlegung des Treibhausgases Kohlendioxid dienen. Wo der Wald den Viehweiden von Großgrundbesitzern weichen muss, wird der Boden durch Viehtritt verwundet und schwerer Bodenerosion ausgesetzt, so dass eine Rückkehr des Waldes unmöglich werden kann. Die traditionelle Brandrodung richtete dagegen kaum Schäden an Wäldern an, das Abbrennen kleiner Flächen verringerte sogar die Waldbrandgefahr in betroffenen Gebieten. Erst der massive und großflächige Einsatz der Brandrodung ohne nachfolgende ausreichende Brache, wie zur Gewinnung von Weideland (siehe auch Fazenda), verursacht irreversible Schäden an Natur und Umwelt, die sich auch auf den Wasserhaushalt der Landschaft und die ITC auswirken und damit auch auf die Regenzeiten der wechselfeuchten Tropen.

Alternative Verfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Grund sozialer Bedingungen kann die Brandrodung nicht ohne weiteres eingestellt bzw. verboten werden, ohne Millionen Menschen ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Es wird daher nach Möglichkeiten geforscht, das Brandrodungssystem durch verbesserte Produktivität und Umweltverträglichkeit sozialverträglich zu optimieren, Ansätze sind:

  • Verbesserung des Bodensubstrates z. B. mit Holzkohle, um Nährstoffe besser zu binden (siehe auch Terra preta).
  • Anreicherung der nachwachsenden Sekundärvegetation mit schnellwachsenden Baumarten, die in kurzer Zeit ein hohes Biomassevolumen erreichen, und Leguminosen, die Stickstoff aus der Luft binden und auf der Fläche anreichern.
  • Ersetzen des Brennens durch Mulchen, d. h. maschinelles Zerkleinern der Biomasse und Belassen auf der Fläche, damit die im Verlauf der Verrottung freigesetzten Nährstoffe auf der Fläche bleiben. Einen Gehölzmähhäcksler für diesen Zweck entwickelt das Institut für Agrartechnik der Universität Göttingen.
  • Beim Etagenanbau wird der Wald nicht zerstört. In der oberen Etage werden große Bäume, z. B. Kokosnüsse oder Paranüsse, genutzt. In der darunterliegenden Etage ernten die Bauern Bananen, Zitrusfrüchte, Papayas oder Mangos. Auf dem Boden wächst Gemüse und im Boden Maniok oder Yamswurzeln (siehe auch Stockwerkanbau).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Diekmann, Ulrich: Biologische und chemische Bodencharakteristika zur Beurteilung der nachhaltigen Produktivität von Landnutzungssystemen in der Zona Bragantina, Ost-Amazonien; Diss., Göttingen 1997 (online)
  • Hölscher, Dirk; Möller, M.R.F.; Denich, M.; Fölster, H.: Nutrient input-output budget of shifting cultivation in Eastern Amazonia; In: Nutrient cycl. agroecosyst., Vol. 47, 1997, p. 49–57
  • Mackensen, Jens; Hölscher, D.; Klinge, R.: Nutrient transfer to the atmosphere by burning of debris in Eastern Amazonia; In: Forest Ecology and Management, Vol. 86, 1996, p. 121–128
  • Wiesenmüller, Jan: (1999) Einfluß landwirtschaftlicher Flächenvorbereitung auf die Dynamik des Wurzelsystems und die oberirdische Regeneration der Sekundärvegetation Ostamazoniens, Pará, Brasilien. Diss., Göttingen (online)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Spencer, J. E. (1966), Shifting cultivation in southeastern Asia (Vol. 19), University of California Press, ISBN 978-0520035171.