Carl Theodor Protzen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Carl Theodor Protzen (* 17. Oktober 1887 in Stargard; † 13. September 1956 in München[1]) war ein deutscher Maler. Er ist insbesondere für seine Bilder vom Bau der Reichsautobahn bekannt, die als Inbegriff nationalsozialistischer Kunst gelten.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Carl Theodor Protzen wurde am 17. Oktober 1887 in Stargard geboren. Er studierte zunächst in Leipzig und Paris Graphik. Während des Ersten Weltkrieges hielt er sich auf Korsika auf, wo er sich erstmals als Maler betätigte.[2] Zwischen 1919 und 1925 studierte Protzen bei Ludwig von Herterich an der Akademie der Bildenden Künste in München.[3] Er engagierte sich im Allgemeinen Studierendenausschuss der Akademie, im Kunstverein München, im Künstlerbund München, im Wirtschaftsverband Bildender Künstler, in der Deutschen Gesellschaft für Christliche Kunst und in der Münchner Künstlergenossenschaft. Er unternahm zudem verschiedene Studienreisen.[2] Protzen präsentierte sich mit Stillleben, Landschaften und Porträts in der Öffentlichkeit.[4] Bereits vor 1933 war er ein etabliertes Mitglied des Münchner Kunstbetriebs.[5] Im Jahr 1921 heiratete Protzen die Malerin Henny Protzen-Kundmüller (1896–1967).[2]

Straßen des Führers
vor 1940
Öl auf Leinwand
169 × 257 cm
Deutsches Historisches Museum, Berlin

Link zum Bild
(Bitte Urheberrechte beachten)

Protzen behandelte in seinen Werken insbesondere Industriethemen. Während diese in den 1920er-Jahren noch kubistisch und expressionistisch beeinflusst waren und den arbeitenden Menschen zum Thema hatten wie etwa in dem Gemälde Industrie I von 1919/1929, verlagerte sich der Schwerpunkt seiner Darstellung in den 1930er-Jahren auf Konstruktionsweise und Monumentalität. Diese Entwicklung wird in der kunsthistorischen Forschung zumindest als tendenzielle Nazifizierung gedeutet.[6] Protzen war neben Künstlern wie Erich Mercker, Albert Birkle und Karl Hubbuch an der medialen Begleitung des Autobahnbaus im Dritten Reich beteiligt. Von Juni bis September 1934 wurde in München die Ausstellung Die Straße veranstaltet, die in der Folge auch in weiteren deutschen Städte gezeigt wurde. Eine von acht monumentalen Fresken, die dort zu sehen waren, stammte von Protzen.[7] Auch an der Ausstellung Die Straßen Adolf Hitlers aus dem Jahr 1936 war er beteiligt. Er schuf Ende der 1930er-Jahre das Gemälde Straßen des Führers, das die im August 1939 auf der Strecke Nürnberg-München fertiggestellte Talbrücke Holledau während ihres Baus zeigt. Das Gemälde wurde auf der Großen Deutschen Kunstausstellung 1940 in München ausgestellt und dort von Adolf Hitler erworben. Während die mediale Begleitung des Baus der Autobahnen im Verlauf der 1930er-Jahre abnahm, versuchte Protzen mit diesem Gemälde noch einmal in monumentaler und heroisierender Form seiner Autobahnmalerei Geltung zu verschaffen. Es geht in seiner ideologischen Anlage noch über die Werke hinaus, die Mitte der 1930er-Jahre entstanden waren, indem nun der an dem monumentalen Bauwerk arbeitende Mensch wieder Teil der Darstellung wird und die Perspektive zugunsten der Aufnahme einer örtlichen Kirche verfremdet wird, die dem Betrachter eine regionale Zuordnung des Werkes ermöglichen sollte.[6] Den Titel des Bildes überhöhte Protzen mit Verweis auf Hitler vom eigentlich technischen Bildgegenstand, womit er ein typisches Mittel der Nazifizierung, das Berthold Hinz als „Substantialisierung durch verbale Prädikate“ bezeichnet hat, verwendete.[8] Dies unterstrich noch einmal die bereits mit dem großen Format angelegte Erhebung der Baustelle zum Monument.[9] Insgesamt verblieben die Autobahn-Bilder Protzens stilistisch der Neuen Sachlichkeit verpflichtet. Für Bernhard Maaz liegt die Ambivalenz der Bilder darin begründet, dass sie einerseits die technischen Neuerungen dokumentierten, andererseits einen Bildgegenstand zeigten, der insbesondere aus heutiger Perspektive in Verbindung zur Aufrüstung und Kriegsvorbereitung steht.[10]

Insgesamt konnte Carl Theodor Protzen 19 Werke auf den Großen Deutschen Kunstausstellungen in München zeigen. Jedoch erlebte er auch Zurückweisungen. So gehörte er zu den Künstlern, von denen Hitler 1941 bei seiner Vorbesichtigung der Ausstellung Werke entfernen ließ.[11] 1944 war er in der Ausstellung Deutsche Künstler und die SS in Breslau vertreten.[12]

Nach Kriegsende nahm Protzen weiterhin am kulturellen Leben teil. So war er Mitbegründer der neuen Münchner Künstlergenossenschaft 1945 und stellte 1947 auf deren erster Ausstellung im Lenbachhaus nach dem Fall des Nationalsozialismus aus.[13][4] 1949 war er zudem Mitbegründer der Ausstellungsleitung des Hauses der Kunst. 1976 fand eine Gedächtnisausstellung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus statt.[2]

Rezeption und Nachlass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Protzen gilt als zurecht vergessener Künstler, wie im Rahmen von Rezensionen der Ausstellung „Artige Kunst“. Kunst und Politik im Nationalsozialismus (2016–2017 in der Situation Kunst in Bochum, der Kunsthalle Rostock und dem Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg) betont wurde. Sein Werk Straßen des Führers wurde beispielsweise von Max Florian Kühlem für Die Tageszeitung als „ein einziges Nazi-Klischee“ klassifiziert und mit folgender Beschreibung bedacht: „Winzig kleine, in Demut für den Führer erstarrte, entindividualisierte Arier-Männchen (obwohl ihr Haarschopf dafür etwas zu dunkel wirkt) mit starken Oberkörpern arbeiten freudig vor der im warmen Sonnenlicht leuchtenden, gigantischen Baustelle einer Talbrücke. Ein erhebendes Sprüchlein ziert den breiten, vergoldeten Rahmen: ‚Rodet den Forst – Sprengt den Fels – Überwindet das Tal – Zwinget die Ferne – Ziehet die Bahn durch Deutsches Land‘.“[14] Kunsthistorische Forschung zu Carl Theodor Protzens Leben und Werk existiert nicht.

Der Nachlass von Carl Theodor Protzen und seiner Ehefrau befindet sich im Deutschen Kunstarchiv, das am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg angesiedelt ist.[15] Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen verwahren über hundert Werke Protzens.[10] Ein Aquarell Protzens gehört zum rund vierhundert Werke umfassenden Restbestand der German War Art Collection im Centre for Military History in Washington, D.C.[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Annika Wienert, Artige, bösartige Kunst, in: Jörg-Uwe Neumann, Silke von Berswordt-Wallrabe und Agnes Tieze (Hrsgg.), "Artige Kunst". Kunst und Politik im Nationalsozialismus, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-7356-0288-6, S. 49-57.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Horst Ludwig: Münchner Maler im 19. Jahrhundert. Band 6. Bruckmann, München 1994, ISBN 3-7654-1633-9, S. 194
  2. a b c d Gerhard Finckh, Carl Theodor Protzen, in: Christoph Stölzl (Hrsg.), Die Zwanziger Jahre in München, München 1979, 760.
  3. Matrikeldatenbank
  4. a b Bernhard Maaz, Angepasst, aufrecht oder "entartet". Geschichte (in) der Kunst in der Pinakothek der Moderne, in: Aviso, Nr. 3 (2016), 38-43, 40f.
  5. Ines Schlenker, Hitler's Salon. The Große Deutsche Kunstausstellung at the Haus der Deutschen Kunst in Munich 1937-1944, Bern 2007, 157.
  6. a b Annika Wienert, Artige, bösartige Kunst, in: Jörg-Uwe Neumann, Silke von Berswordt-Wallrabe und Agnes Tieze (Hrsgg.), "Artige Kunst". Kunst und Politik im Nationalsozialismus, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-7356-0288-6, 49-57, 53.
  7. Erhard Schütz und Eckhard Gruber, Mythos Reichsautobahn. Bau und Inszenierung der „Straßen des Führers“ 1933-1941, Berlin 2000, ISBN 3-86153-117-8, 105 und 114f.
  8. Berthold Hinz, Die Malerei des deutschen Faschismus. Kunst und Konterrevolution, München 1974, ISBN 3-446-11938-8, 98-101.
  9. Christina Uslular-Thiele, Autobahnen, in: Frankfurter Kunstverein (Hrsg.), Kunst im 3. Reich. Dokumente der Unterwerfung, Frankfurt am Main 1975, 68-85, 80.
  10. a b Bernhard Maaz, Angepasst, aufrecht oder "entartet". Geschichte (in) der Kunst in der Pinakothek der Moderne, in: Aviso, Nr. 3 (2016), 38-43, 41.
  11. Sabine Brantl, Haus der Kunst, München. Ein Ort und seine Geschichte im Nationalsozialismus, München 2007, ISBN 978-3-86520-242-0, 100.
  12. Deutsche Künstler und die SS. Limpert, Berlin 1944 (Katalog zur Ausstellung in Breslau 1944)
  13. Anonym, Große Nachfrage nach Kunst, in: Der Spiegel, Nr. 34/1947, 23. August 1947, abgerufen am 17. Januar 2017.
  14. Max Florian Kühlem, Ausstellung über „artige“ Kunst. Was dem Führer gefiel, in: Die Tageszeitung, 9. Januar 2017, abgerufen unter taz.de am 17. Januar 2017.
  15. Bestandsliste des Deutschen Kunstarchivs, abgerufen am 16. Januar 2017.
  16. U.S. Army Documents Concerning Holdings of WW2-era Nazi/German Artworks, 1993–2002, 11, abgerufen am 17. Januar 2017.