Christine von Diez

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Christine von Diez

Christine von Diez (* 22. August 1571 in Siegen; † 1638 in Benfeld) war die jüngste Tochter der Anna von Sachsen (1544–1577). Als ihr Vater gilt der niederländische Rechtsgelehrte Jan Rubens. Somit ist Christine von Diez die Halbschwester des berühmten Malers Peter Paul Rubens.

Die Frage der Vaterschaft wurde in zwei Veröffentlichungen der deutsch-australischen Autorin Maike Vogt-Lüerssen[1] und des sächsischen Heimatforschers Hans-Joachim Böttcher[2] kritisch hinterfragt. Unter Historikern und Archivaren ist es jedoch unstrittig, dass Jan Rubens, der zur Zeit der Empfängnis eine Affäre mit Anna von Sachsen hatte, als Vater angesehen werden muss und nicht Annas damaliger Mann Wilhelm von Oranien. Zuletzt wurde dies in der umfangreichen Biographie „Anna of Saxony. The Scarlet Lady of Orange“, die die US-Historikerin Ingrun Mann 2016 vorlegte, bestätigt.[3]

Kindheit: Siegen und Beilstein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nassauische Residenz Schloss Siegen, später Oberes Schloss genannt.

Christine kam am 22. August 1571 auf Schloss Siegen zur Welt. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Mutter bereits des Ehebruchs mit ihrem engen Berater und Freund Jan Rubens angeklagt und unter Hausarrest gestellt worden.

Schloss Beilstein im Westerwald.

Aufgrund eines sich rapide verschlechternden sozialen Klimas auf dem Schloss, wo Anna unter anderem durch heftiges Fluchen gegen die Familie ihres Mannes Wilhelm von Oranien, übermäßiges Trinken und Gewalttätigkeiten gegen ihr Personal auffiel, wurde sie am 1. Oktober 1572 durch eine gemeinsame Entscheidung von Sachsen, Hessen und Nassau auf Schloss Beilstein, eine nassauische Nebenresidenz, gebracht, wo ihr Hausarrest fortdauerte.

Die kleine Christine begleitete ihre Mutter und lebte auf Schloss Beilstein, bis sie vier Jahre alt war. Für das Mädchen war hier eine eigene Magd zuständig.

Anna von Sachsen erwähnte in ihren vielen Briefen, die sie von Siegen und Beilstein aus schrieb, ihre Tochter Christine nur ein einziges Mal. Auch ihre anderen Kinder, die sie nicht mehr bei sich hatte, kamen in ihrem lebenslang geführten Schriftverkehr nur sehr selten vor. Anna machte in Beilstein immer mehr den Eindruck eines körperlich und psychisch schwer kranken Menschen.

Als Wilhelm von Oranien sich 1575 von Anna wegen ihres Ehebruchs scheiden ließ, wurde diese auf Anordnung ihres Onkels, Kurfürst August von Sachsen, in ihre Heimat zurückgeholt, wo sie 1577 unter jämmerlichen Umständen, quasi lebendig eingemauert, starb. Angebote ihres Schwagers, des Grafen Johann VI. von Nassau-Dillenburg, wieder zu ihm in seine Residenz zu kommen, hatte sie wiederholt abgelehnt.[4]

Kindheit: Dillenburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dillenburg um 1575

Als Christine 1575 nach Dillenburg geholt wurde, erhielt sie den Beinamen „von Diez“, denn die Grafschaft Nassau-Diez war ursprünglich als Bestandteil der Witwenversorgung ihrer Mutter vorgesehen.

Auf Schloss Dillenburg wuchs sie unter der Obhut der Hofdame Magdalena Kreutzer (der „alten Kreutzin“) heran. Christine spielte am liebsten mit Juliane, Maria, Anna Sibylla und „war besonders befreundet mit Philipp[5], den Kindern von Graf Johann VI. (dem Bruder Wilhelms von Oranien) und seiner Frau Elisabeth von Leuchtenberg, übrigens alle älter als sie. Christine wurde von dem Ehepaar mit Unterstützung der Großmutter Juliane von Stolberg „um Christi Barmherzigkeit willen“[6] wie ein eigenes Kind behandelt – nicht gerade selbstverständlich für einen Bastard.

Ob das kleine Mädchen zu dieser Zeit schon etwas von ihrer illegitimen Herkunft mitbekam, ist ungewiss. Mehr als ein Gerücht oder ein leises Flüstern wird es nach Ansicht der Historiker nicht gewesen sein, das ein unwissendes Kindes hätte beeinträchtigen können.

Die glücklichen Kindheitsjahre waren vorbei, als Christine 10 Jahre alt war. 1579 starb Elisabeth von Leuchtenberg, kurz darauf die Kreutzerin und 1580 die betagte Juliane von Stolberg. Daraufhin ließ Johann das „Frauenzimmer“ im Schloss auflösen. Die anderen Kinder wurden an befreundeten Grafenhöfen untergebracht, für Christine kam jedoch nur das Stift Keppel in Frage. Das war allerdings keine so schlechte Wahl.[7]

Keppel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stift Keppel

Stift Keppel bei Hilchenbach, etwa 20 km nördlich von Siegen, besteht noch heute. In den großzügigen, repräsentativen Gebäuden ist ein Gymnasium mitsamt Veranstaltungs- und Tagungsräumen untergebracht.

Ursprünglich war Keppel war ein Kloster der Prämonstratenser, welches Wilhelm der Reiche während der Reformation aufgelöst und in ein evangelisches Stift umgewandelt hatte. Neben „20 aufzunehmenden Jungfrauen“[8], die sich ganz für ein religiöses Leben entschieden hatten, wurde eine Schule für minderjährige Mädchen eingerichtet. Hier sollten sie entsprechend der protestantischen Arbeitsethik auf ein tatkräftiges, bürgerliches Leben vorbereitet werden,

„damit sie hernach, desto eher und besser, zu guten Heiraten, diensamen und anderen Gelegenheiten kommen, sich mit Gott und Ehren ernähren und also ihnen selbsten, der ihrigen und anderen die ganze Zeit ihres Lebens nützlich und befürderlich sein mögen.“

Ordnung des Gotteshauses Keppel[9]

Auf dem Unterrichtsplan standen dementsprechend neben der religiösen Erziehung sowie Lesen, Schreiben und Rechnen alle handwerklichen Fähigkeiten, einen Haushalt zu führen, angefangen bei Spinnen, Nähen und Stricken über Destillieren und Kochen bis hin zu Gartenarbeit und Versorgung des Viehs.[10] Diese Fertigkeiten, die ihrer Mutter Anna so verpönt gewesen waren, sollten Christine in ihrem späteren Leben noch enorm zugute kommen.

Der Aufenthalt in Keppel dauerte aber viel länger als zunächst geplant und schon in den Jahren 1586/87 mahnte die Vorsteherin erstmals, ihr Zögling aus Dillenburg habe bald das Ende seiner Studien erreicht[11].

Beschrieben wird die junge Frau als „feine Person“ mit „Gottesfurcht, Wohlverhalten, sonderbar gutem Verstand und Unschuld“[12].

Bemühungen um Christines Zukunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg

Während Christine in Keppel verblieb, entfachte Johann VI., der sich nach wie vor für sie verantwortlich fühlte, eine nie nachlassende Betriebsamkeit, um die anderen betroffenen Parteien, nämlich Hessen, Sachsen und die Oranier in den Niederlanden, dazu zu bewegen, für den Unterhalt des Kindes etwas beizutragen und auch für eine stattliche Aussteuer zu sorgen, so dass eine Heirat in den Adel möglich wurde.

Er verwies darauf, dass „dies arm unschuldig weißlin von jedermann allerdings verlassen ist“.[13] Er selbst war aufgrund des Freiheitskrieges der Niederlande gegen Spanien, den er bis zum Rande des Staatsbankrotts unterstützte[14], mit seinen finanziellen Möglichkeiten am Ende.

In der Korrespondenz wurde die Angelegenheit nach wie vor als so delikat empfunden, dass Christines Name chiffriert wurde. Meist war die Rede von „dem Kind“ oder „Christinus“.

Auch Christine selbst schrieb unentwegt Briefe an ihre Verwandten, fand jedoch ebenso wenig Resonanz. Hessen und Sachsen fühlten sich nicht zuständig und den Prinzen von Oranien, der gerade um sein Leben und die Existenz der Niederlande kämpfte, wagte niemand auf das uneheliche Kind seiner zweiten Frau anzusprechen.

Mehrere Heiratspläne, die man von der Dillenburger Residenz aus lancierte, versandeten aus den unterschiedlichsten Gründen wieder, obwohl man vom zukünftigen Ehemann keinen großen Besitz erwartete. Aber ein „feiner, frommer, junger Geselle“ sollte es schon sein.

Ähnlich wie ihrer Mutter Anna von Sachsen wurde Christine in dieser Phase klar, dass Johann VI., regierender Graf von Nassau-Dillenburg und einziger noch lebender Bruder von Wilhelm von Oranien, der einzige war, auf den sie bauen konnte. Umso mehr hatte sie Angst, dass sie völlig alleine wäre, wenn Johann sterben würde. An Wilhelm von Oranien konnte sie nicht mehr appellieren, denn dieser war 1584 ermordet worden.

Je älter Christine wurde, desto kritischer empfand sie ihre Lage. Sie selbst wusste seit dem Jahre 1590 über ihre wahren Eltern Bescheid, „worauf sie sich zum höchsten bekümmert und beklagt“ habe[15]. Mehr noch, auch im Stift drang ihre Herkunft durch, woraufhin sie sich beobachtet und geschnitten fühlte.

Im Jahre 1595, als sie 24 Jahre alt, der schulischen Ausbildung längst entwachsen war und insofern auch wegen ihrer äußeren Erscheinung sofort auffiel, berichtete Johann über sie:

„Sie empfinde es schmerzlich, daß sie ihr ganzes Leben wie eine Gefangene wäre eingeschlossen und nicht wie ihre Gesellinnen Freunde hätte, die sie ansprächen und besuchten. Sie selbst könne nirgendwo hingehen, oder jemanden ansprechen, ohne daß sie sich wegen ihres Herkommens und betrüblichen Zustandes willen einen großen Verweis zuziehe. Ihre Schande würde je länger je mehr ruchbar gemacht und weiter ausgebreitet.“

Johann VI. über Christine im Stift Keppel[16]

Hinzu kamen materielle Nöte. Einmal schrieb Christine an den Grafen, sie habe nicht mal mehr Geld für einen neuen Unterrock. Der alte sei nach zwei Jahren ständigem Flickens nicht mehr zu gebrauchen.

Der Brief an Moritz von Oranien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prinz Moritz von Oranien.

Die Dinge änderten sich, als Christine das tat, was sie eigentlich nicht sollte: sie schrieb im Mai 1595 direkt an Moritz von Oranien.

Moritz war der erstgeborene Sohn von Christines Mutter Anna und deren Mann Wilhelm von Oranien. Er hatte die Rolle seines Vaters im Unabhängigkeitskampf gegen Spanien eingenommen und sollte sich im Gegensatz zu diesem auch als bedeutender und erfolgreicher militärischer Führer erweisen.

Moritz entschied, Christine eine jährliche Rente von 594 Gulden auszuzahlen sowie im Falle ihrer Heirat eine Aussteuer von 16.000 Gulden zu zahlen. Als Garantie dafür verpfändete er die Einnahmen einer kleinen Herrschaft bei Den Haag. Als Gegenleistung musste Christine auf alle weiteren Ansprüche verzichten und sich bereit erklären, nicht mehr mit weiteren Eingaben an das Haus Oranien-Nassau heranzutreten.

16.000 Gulden waren eine durchaus beachtliche Summe. Der Historiker Hellmuth Gensicke bezeichnete sie als „recht reiche Abfindung“.[17][18]

Ehe und Nachkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hofhaus in Langendernbach war von 1602 bis 1630 Christines Domizil

Am 10. Dezember 1597 fand auf der Dillenburg die Hochzeit mit dem nassauischen Burgmann und Obristlieutnant Johann Wilhelm von Welschenengsten genannt Bernkott (1570–1636) statt, damals Burggraf und Kommandant der Festung Dillenburg, Herr zu Isenburg und Inhaber von Besitzungen bei Andernach und in der Gegend des späteren Neuwied. Die Ehe war glücklich und dauerte 40 Jahre, die Christine mit ihrem Mann zunächst in Welschen Ennest verbrachte, wo Bernkott als nassauischer Amtmann residierte. 1602 kaufte er den Volenhof in Langendernbach in der Herrschaft Diez. Ihre drei Kinder waren Hans Henrich, Anna Elisabeth und Katharina von Welschenengst-Bernkott.

Kriegswirren und Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1630 verbrachte Christine wegen der Kriegswirren in Andernach, 1632 in Bruch an der Wied auf Gütern ihres Mannes. Nach dem Prager Frieden wurde ihr Mann 1636 in den Dreißigjährigen Krieg hineingezogen und sein Besitz durch Ferdinand von Bayern, den Wittelsbacher Kurfürsten von Köln, beschlagnahmt, weil Bernkott bei Andernach mit den Schweden kooperiert haben soll. Er starb wohl noch im selben Jahr, die Dörfer und Besitzungen der Familie wurden von Soldaten verwüstet. Christine musste fliehen und lebte bis zu ihrem Tod zusammen mit ihrer Tochter Katharina vermutlich bei der Familie ihres Schwiegersohns Arnold von Quernheim im Elsass. Sie wurde im Dom von Meißen begraben.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ingrun Mann: Anna of Saxony. The Scarlet Lady of Orange. Winged Hussar Publishing, Point Pleasant (New Jersey) 2016, ISBN 978-1-945430-22-0 (vorletztes Kapitel: „Christine“).
  • Hans-Joachim Böttcher: Anna Prinzessin von Sachsen 1544–1577. Eine Lebenstragödie. Dresdner Buchverlag, Dresden 2013, ISBN 978-3-941757-39-4 (Inhaltsangabe).
  • Ilse-Marie Barton: Das einsame Kind von Keppel. In: Siegerländer Heimatkalender 2010, S. 99–104.
  • Hellmuth Gensicke: Die Bernkott von Welschenengsten. In: Nassauische Annalen 1991, S. 225–236.
  • Alfred Lück: Christine von Diez. In: Siegerland 1977. S. 108–114.
  • Alfred Lück: Siegerland und Nederland. Siegerländer Heimatverein, Siegen 1967.
  • Karl Wolf: Christine von Diez. In: Siegerland 1938. S. 104–107.
  • Hans Kruse: Christine von Diez. In: Siegerland 1937. S. 135–140.
  • Hans Kruse: Wilhelm von Oranien und Anna von Sachsen. Eine fürstliche Ehetragödie des 16. Jahrhunderts. In: Nassauische Annalen 1934, S. 1–184.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Maike Vogt-Lüerssen: Anna von Sachsen. Book on Demand, 2008.
  2. Hans-Joachim Böttcher: Anna Prinzessin von Sachsen 1544-1577. Eine Lebenstragödie. Dresdner Buchverlag, 2013. ISBN 978-3-941757-39-4.
  3. Siehe auch den Abschnitt Debatte über Ehebruch – Fakt oder „nassauische Verschwörung“? bei Anna von Sachsen.
  4. Literatur für diesen Abschnitt: Mann, S. 189–246, 300; Kruse, Ehetragödie, S. 84–132; Kruse, Christine, S. 135–136; Wolf, S. 104.
  5. Lück, S. 108
  6. Barton, S. 100
  7. Literatur für diesen Abschnitt: Mann, S. 300; Kruse, Christine, S. 135–136; Wolf, S. 104–105; Lück, S. 108–109; Barton, S. 100.
  8. Kruse, Christine, S. 136
  9. Zit. n. Kruse, Christine, S. 136
  10. Kruse, Christine, S. 136
  11. Mann, S. 302
  12. Wolf, S. 106
  13. Kruse, Christine, S. 137-38
  14. die Gesamtsumme, die Nassau-Dillenburg für die Niederlande aufbrachte, wird auf für die kleine, schon vorher hochverschuldete Grafschaft auf unfassbare 1,5 Millionen Gulden geschätzt
  15. Wolf, S. 106
  16. Kruse, Christine, S. 138
  17. Gensicke, S. 225
  18. Literatur zu diesem Abschnitt: Mann, S. 300–306; Kruse, Christine, S. 135–138; Wolf, S. 104–107; Lück, S. 108–109; De Dijn, S. 94–97; Barton, S. 99–102)