Durchgangsstraße IV

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Durchgangsstraße IV (abgekürzt DG IV oder Dg. 4, auch bekannt als Rollbahn Süd oder Straße der SS) war die Bezeichnung für eine 2175 km lange Fernverkehrsstrecke, die nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion von Berlin durch die besetzten Gebiete der Sowjetunion bis in den Kaukasus führen sollte. Wie die anderen Durchgangsstraßen diente sie zur Sicherung des von der Wehrmacht besetzten Gebietes und zur Sicherstellung des Nachschubes für die Front.

Die DG IV führte über Winnitza und Kirowograd bis nach Stalino und sollte über Taganrog in den Kaukasus führen. Die Bauleitung oblag der Organisation Todt, die private Firmen mit der Durchführung beauftragte. Als Arbeitskräfte waren zunächst sowjetische Kriegsgefangene vorgesehen, bald nach Beginn der Arbeiten im Sommer 1941 wurden aber auch Zwangsarbeiter, vor allem jüdische Einwohner Galiziens herangezogen.

Zur Sicherung der Strecke und zur Bewachung der Zwangsarbeiter richtete der Höhere SS- und Polizeiführer Rußland-Süd ein eigenes Kommando für die DG IV ein. Einheiten der Ordnungspolizei und sogenannte Schutzmannschaften, bestehend aus lettischen, litauischen und ukrainischen Hilfspolizisten, wurden dafür abkommandiert. Entlang der Strecke wurden zahlreiche kleinere und größere Zwangsarbeitslager errichtet, die der Kontrolle der SS unterlagen. Die DG IV war Bestandteil des Programms Vernichtung durch Arbeit; mehr als 25.000 jüdische Zwangsarbeiter wurden zwischen 1942 und 1944 im Bereich der Streckenführung ermordet.

Auf dem Abschnitt zwischen Gaissin und Uman kam die Bewachung der Zwangsarbeitslager der SS-Bauabschnittsleitung von Gaissin zu. Vorsteher dieser SS-Bauabschnittsleitung von Mai bis Oktober 1942 war der SS-Hauptsturmführer Franz Christoffel[Anmerkung 1], anschließend bis April 1943 der SS-Untersturmführer Oskar Friese.[Anmerkung 2] Christoffel und Friese gehören mit Maas zu den „Hauptakteuren der Ausrottung“ der Juden am Abschnitt von Gaissin.[1]

Im Falle der Zwangsarbeitslager für Juden an der Durchgangsstraße IV ermittelte ab den 1960er Jahren die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg 70 Beschuldigte, von denen in 39 Fällen der Aufenthaltsort ausfindig gemacht werden konnte. [2] Die Staatsanwaltschaft Lübeck bereitete 1967 einen Prozess beim Landgericht Itzehoe vor, für den 1.500 Zeugen verhört (davon 100 überlebende Juden in Israel) und 39 Beschuldigte ermittelt wurden, einer davon war Christoffels Stellvertreter Oskar Friese. [3] Gegen 10 weitere Personen führten ab 1970 verschiedene Staatsanwaltschaften die Verfahren weiter. Die Ermittlung gegen die Hauptverantwortlichen, wie den Leiter des Einsatzstabes Walter Gieseke, wurde dagegen eingestellt.[4] Der Lagerführer in Michailowka war der SS-Unterscharführer Walter Mintel. Dort kam auch die Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger ums Leben. Das Verfahren gegen Mintel wurde 1973 eingestellt. Als Beschuldigter sagte er aus, er sei nie in Michailowka gewesen.[5]

Als Fazit der strafrechtlichen Verfolgung dieser Art von nationalsozialistischen Verbrechen stellt Bennett die These auf, dass deutsche Gerichte in den 1950er und 60er Jahren bei Angeklagten mit prominentem Hintergrund (wie Gieseke) zurückhaltend waren, während die Verfahren gegen Männer „vom Rande der deutschen Gesellschaft“ (wie Friese[6] und Mintel) mit einer gewissen Beharrlichkeit durchgeführt wurden.[7]

Die ukrainische Fernstraße M 12 nutzt den Streckenverlauf der vormaligen DG IV.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mykhaililivka: Camp to village. By Marie Moutier. S. 2. http://www.yahadinunum.org/mykhailivka-camp-to-village//
  2. Mario Wenzel: Zwangsarbeitslager für Juden in den besetzten polnischen und sowjetischen Gebieten. S. 147. In: Der Ort des Terrors, Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 9. C.H. Beck, München 2009. ISBN 978-3-406-57238-8.
  3. SPD-Pressedienst. Hrsg. Sozialdemokratischer Pressedienst Bonn. P/XXII/60, 29. März 1967 http://library.fes.de/spdpd/1967/670329.pdf
  4. Mario Wenzel: Zwangsarbeitslager für Juden in den besetzten polnischen und sowjetischen Gebieten. S. 147. In: Der Ort des Terrors, Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 9. C.H. Beck, München 2009. ISBN 978-3-406-57238-8.
  5. Jürgen Serke: Geschichte einer Entdeckung. In: Selma Meerbaum-Eisinger. Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte. Hrsg. Jürgen Serke. Hamburg: Hoffmann und Campe 1980, S. 5–33. ISBN 3455047904.
  6. https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/GRATJVXKW7NEHLUPPSRYEDKUZ5IQU242
  7. George Henry Bennett: The Nazi, the painter, an the forgotten story of the SS road. Reaktion Books, London 2012, ISBN 978-1-86189-909-5, S. 163

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Franz Christoffel (1898–1965), gebürtig aus Mittel-Lowitz, Pommern, Deutsches Reich. Sohn eines Gutsinspektors, Landwirt, kämpfte freiwillig im Ersten Weltkrieg bei den deutschen Truppen und wurde dreimal verletzt. 1930 NSDAP- und SS-Eintritt; 1937 Zollinspektor in Danzig, von März 1940 an Kommandant des Außenlagers Westerplatte des KZ Stutthof, im März 1942 in die Waffen-SS berufen. (Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Bd. 8. Sowjetunion mit annektierten Gebieten II. Bearbeitet von Bert Hoppe. Mitarbeit: Imke Hansen, Marin Holler. Oldenbourg, Berlin/Boston 2016, ISBN 978-3-486-78119-9. Und Einzelnachweis 1.)
  2. Oskar Friese, 1896 als Sohn eines Maschinisten in Danzig (heute Gdansk, Polen) geboren. 1915 an die Front geschickt, kämpfte er im Westen und in Makedonien. In der Zwischenkriegszeit wurde er Einkäufer einer Firma. Er trat 1932 in die NSDAP ein und 1933 in die SS. 1938 hatte er den Dienstgrad eines SS-Untersturmführers. Er wurde zum selben Zeitpunkt wie Christoffel zum HSSPF (Höherer SS- und Polizeiführer, siehe auch SS- und Polizeiführer) Russland-Süd. [1]