Erich Auerbach

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Erich Auerbach (* 9. November 1892 in Berlin; † 13. Oktober 1957 in Wallingford, Connecticut, Vereinigte Staaten) war ein deutscher Literaturwissenschaftler und Romanist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auerbach wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren. Sein Vater war der aus Posen stammende Kommerzienrat Hermann Auerbach (1845–1914), der im Zuckerhandel tätig war und Rosa Block (1858–1925) geheiratet hatte.[1] Erich Auerbach wuchs als Kind des deutschen Bildungsbürgertums auf und wurde im September 1900 in das Französische Gymnasium aufgenommen, das er 1910 mit dem Abitur abschloss. Er studierte dann Jura an der Universität Heidelberg und promovierte 1913 bei dem Strafrechtler Karl von Lilienthal.

Am Ersten Weltkrieg nahm Auerbach als Kriegsfreiwilliger teil. Im April 1918 wurde er in Nordfrankreich schwer verwundet und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Nach der Entlassung aus dem Lazarett studierte er Romanische Philologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und promovierte ein zweites Mal 1921 an der Universität Greifswald bei Erhard Lommatzsch mit einer Dissertation über die italienische und deutsche Novelle der Frührenaissance.

1929 habilitierte er sich bei Leo Spitzer an der Universität Marburg mit der Schrift Dante: Poet der weltlichen Welt, die er während seiner Tätigkeit als Bibliothekar in der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin erarbeitet hatte. Er erhielt den Lehrstuhl für romanische Philologie von Leo Spitzer, der nach Köln gewechselt war.

1935 wurde Auerbach von den Behörden Deutschlands unter Berufung auf das nationalsozialistische „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und die Nürnberger Gesetze von seinem Amt suspendiert. Seine Lehrverpflichtung übernahm sein Schüler Werner Krauss. Es gelang ihm, Deutschland zu verlassen, und er emigrierte mit seiner Frau Marie geb. Mankiewitz und seinem Sohn Clemens nach Istanbul, wo er ab 1936 wieder als Nachfolger von Leo Spitzer als Professor für europäische Philologie an der Universität Istanbul lehrte. Dort erschien das in der Türkei verfasste Hauptwerk Mimesis 1946.

1947 ging Auerbach in die Vereinigten Staaten, um an der Pennsylvania State University zu unterrichten. Später arbeitete er am Institute for Advanced Study und wurde 1950 auf den Lehrstuhl für romanistische Philologie an der Yale University berufen, den er bis zu seinem Tode 1957 innehatte.

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auerbach führte 1938 in Anlehnung an einen antiken, von Augustinus gebrauchten rhetorisch-theologischen Begriff (Fleischwerdung des Wortes) den modernen Begriff der Figuration ein, der eng zusammenhängt mit dem Problem des Wechselverhältnisses von Wort und Bild als Darstellungsformen von (geschichtlicher) Wirklichkeit Mimesis. Dieser Frage widmet sich sein zweites, in Istanbul im Exil geschriebenes Hauptwerk. Dort zeigt er, wie die „tragische Fallhöhe“ durch den Alltagsrealismus eines Stendhal oder Balzac überwunden wird. Hier liegen auch die Grundlagen des Filmdramas.

Auerbach arbeitete ausgesprochen interdisziplinär und vereinte unterschiedliche methodologische Ansätze beispielsweise aus dem Warburg-, Troeltsch- und George-Kreis sowie aus der Wiener Schule der Kunstgeschichte.[1] Fachübergreifend wurde er als bedeutender Romanist und Kulturphilosoph anerkannt.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Figura In: Archivum Romanicum Jg. 22, 1938, S. 436–489
  • Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur 9. Auflage. Francke, Bern 1994 (Erstausgabe 1946; erweiterte Aufl. seit 1959). Die letzte Auflage erschien bei Francke 2001, ISBN 3-7720-2174-3. Übersetzungen in derzeit 28 Sprachen (2009)
  • Literatursprache und Publikum in der lateinischen Spätantike und im Mittelalter ebd. 1958
  • Gesammelte Aufsätze zur romanischen Philologie 1967 (darin: Schriftenverzeichnis, S. 365–369)[2]
  • Dante. Poet of the Secular World, übersetzt von Ralph Manheim, NYRB Classics, New York 2007, ISBN 978-1-59017-219-3
  • Kultur als Politik: Aufsätze aus dem Exil zur Geschichte und Zukunft Europas 1938-1947,[3] Hrsg. von Christian Rivoletti; aus dem Türkischen von Christoph Neumann, Konstanz University Press, Konstanz 2014
  • Zur Technik der Frührenaissancenovelle in Italien und Frankreich. Dissertation. Heidelberg 1921, Carl Winter's Universitätsbuchhandlung.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karlheinz Barck, Martin Treml (Hrsg.): Erich Auerbach. Geschichte und Aktualität eines europäischen Philologen. Kulturverlag Kadmos, Berlin 2007
  • Markus Bauer: Die Wirklichkeit und ihre literarische Darstellung. Form und Geschichte: Der Essayist E.A. beschäftigt weiterhin seine Exegeten in: NZZ 2. Februar 2008
  • Kader Konuk: East-West Mimesis. Auerbach in Turkey. Stanford University Press, 2010, ISBN 978-0-8047-6974-7[4]
  • Hans-Jörg Neuschäfer: Servo humilis. Oder: was wir mit E. A. vertrieben haben. In: Deutsche und österreichische Romanisten als Verfolgte des Nationalsozialismus Hg. Hans Helmut Christmann & Frank-Rutger Hausmann. Stauffenburg, Tübingen 1989, ISBN 3-923721-60-9, S. 85–106 und passim, siehe Reg. (Reihe: Romanica et comparatistica Bd. 10)
  • Sigrid Nökel: Said, Orientalismus, Exil. Die Ambivalenz des Exil–Daseins zwischen Bruch und Re-Fundamentalisierung des Eigenen in: Georg Stauth & Faruk Birtek (Hgg.): "Istanbul". Geistige Wanderungen aus der "Welt in Scherben" Bielefeld, Transcript 2007, ISBN 3-89942-474-3 (S. 131–155) Über die Wirkung E. A.s auf Said
  • Sebastian Sobecki: Erich Auerbach. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 26, Bautz, Nordhausen 2006, ISBN 3-88309-354-8, Sp. 55–71.
  • Martin Vialon: Philologie als kritische Kunst. Ein unbekanntes Vico-Typoskript von E. A. über Giambattista Vicos Philosophie (1948) im Kontext von "Mimesis" und im Hinblick auf "Philologie der Weltliteratur" In: Helga Schreckenberger (Hg.): Die Alchemie des Exils. Exil als schöpferischer Impuls Edition Praesens, Wien 2005, S. 227–251
    • türkische Fassung in: Litera. Istanbul Üniversitesi Edebiyat Fakültesi Batı Dilleri ve Edebiyatatları Dergisi, Sayi 17, Istanbul Üniversitesi Basım ve Yayınevi Müdürlüğu 2005, S. 177–210
    • ebenfalls in türkischer Sprache: Martin Vialon (Hrsg.): Erich Auerbach. Yabanın Tuzlu Ekmeği. Erich Auerbach'tan Seçme Yazılar (dt.: Das salzige Brot der Fremde), Verlag Metis Seçkileri, Istanbul 2010, ISBN 978-975-342-782-1[5]
  • Martin Vialon (Hrsg.): Ein Exil-Brief E. A.s aus Istanbul an Freya Hobohm in Marburg, versehen mit einer Nachschrift von Marie Auerbach (1938). Transkription und Kommentar In: Trajekte. Zeitschrift des Zentrums für Literaturforschung, Nr. 9, 5. Jg., Oktober 2004, S. 8–17
  • Martin Vialon: Artikel "Auerbach-Adressen"; "Einzelphänomen"; "Fascismus"; "Had we but time enough and world"; "Istanbul"; "Romantik und Realismus". In: Bernhard Dotzler/Robert Stockhammer (Hrsg.): Auerbach-Alphabet. Karlheinz Barck zum 70. Geburtstag Trajekte. Zeitschrift des Zentrums für Literaturforschung. Sonderheft 2004 (Beilage zu Heft Nr. 9, 5. Jg., Oktober 2004) Oktoberdruck, Berlin 2004, S. 5, 6–7, 8, 13–15, 22–23
  • Martin Vialon: The Scars of Exile. Paralipomena concerning the Relationship between History, Literature and Politics, demonstrated in the Examples of E. A., Traugott Fuchs and their Circle in Istanbul In: Yeditepe'de Felsefe 2. A refereed Yearbook, Istanbul: T. C. Yeditepe Üniversitesi Yayinlari, July 2003, S. 191–246
  • Hans Ulrich Gumbrecht: Vom Leben und Sterben der großen Romanisten. Carl Hanser Verlag, München 2002
  • Martin Vialon: Über Bilder, Mimesis, ein Gespräch über den Roman und den Film. E. A. und Siegfried Kracauer In: Michael Ewert & Martin Vialon (Hg.): Konvergenzen. Studien zur deutschen und europäischen Literatur. Festschrift für E. Theodor Voss Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, S. 157–167
  • Martin Vialon: 50 Jahre "Mimesis". Wahrnehmen, Lesen, Deuten. E. A.s Lektüre der Moderne In: Literatur um elf. Jahrbuch, Heft XIV, 1997, S. 181–184
  • Martin Vialon: Walter Benjamin – Erich Auerbach. Persönliche Bekanntschaft und Ausarbeitung einer Theorie der menschlichen Wahrnehmung für die Kunstmedien Literatur und Film In: Jörg Leinweber (Hrsg.): Walter Benjamin-Sammlung J. Leinweber Vorwort Iring Fetscher. Richard Mayr, Würzburg 1996, S. 121–126
  • Martin Vialon: E. A. Zu Leben und Werk des Marburger Romanisten in der Zeit des Faschismus In: Jörg Jochen Berns (Hrsg.): Marburg-Bilder. Eine Ansichtssache Bd. II, Rathaus-Verlag, Marburg 1996, S. 383–408 (auch in: Lendemains. Etudes comparées sur la France/ Vergleichende Frankreichforschung, Heft 75/76, 1994, S. 135–155)
  • Martin Vialon: Ein Marburger Gelehrter im Exil am Bosporus. Zum 100. Geburtstag des Romanisten E. A. In: Marburger Universitätszeitung, 17. Dezember 1992, Nr. 230, S. 5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Martin Vialon: Erich Auerbachs verborgenes Judentum und sein Istanbuler Nachruf auf den Orientalisten Karl Süssheim. Kalonymos 18 Heft 2 (2015), S. 3–9.
  2. ein anderes Schriftenverzeichnis, incl. Briefe, bei Georg Stauth und Faruk Birtek, im bio-bibliographischen Anhang ihres Buches bei Transkript, siehe unten bei Literatur
  3. Essays : „Archäologie der Gegenwart“ Erich Auerbach: Kultur als Politik, Rezension von Carsten Hueck im Deutschlandradio Kultur vom 21. April 2014, abgerufen 21. April 2014
  4. auch als E-Book ISBN 978-0-8047-7575-5. In google books lesbar
  5. Auerbach und Goethe endlich auf Türkisch, FAZ vom 10. November 2010, S. N4