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Erich Lawall

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Erich Heinrich Ludwig Lawall (* 28. Juni 1899 in Saarbrücken; † 16. September 1973 ebenda) war ein deutscher Richter. Er war von 1956 bis 1964 Präsident des Oberlandesgerichts Saarbrücken und von 1959 bis 1964 Präsident des Verfassungsgerichtshofs des Saarlandes.

Jugend und Erster Weltkrieg

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Lawall wurde als Sohn eines Seminaroberlehrers geboren und wurde 1905 an der Volksschule in Saarbrücken eingeschult. Ab 1909 besuchte er das städtische Ludwigsgymnasium, drei Jahre später wechselte Lawall an das Realgymnasium, wo er im Juni 1917 sein Notabitur ablegte. Nachdem er als Fahnenjunker in das Deutsche Heer eingetreten war, kämpfte Lawall bis zum Ende des Ersten Weltkrieges an der Front.

Für seinen Einsatz wurden Lawall das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse, das Friedrich-August-Kreuz II. Klasse, das Ehrenkreuz für Frontkämpfer sowie das Schlesische Bewährungsabzeichen II. Klasse verliehen. Im Mai 1920 schied er als Leutnant aus der Reichswehr aus.

Weimarer Republik und Saargebiet

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Zum Sommersemester 1920 immatrikulierte sich Lawall an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Fach Rechtswissenschaften. Während des Studiums wurde er 1920 Mitglied der Burschenschaft Saxo-Silesia Freiburg.[1] Mit dem Freikorps Oberland nahm er 1921 an der Niederschlagung der Aufstände in Oberschlesien teil. Nach drei Semestern wechselte Lawall im Wintersemester 1921/22 an die Philipps-Universität Marburg und legte im Mai 1923 in Kassel sein erstes Staatsexamen mit der Note „ausreichend“ ab. Nur 13 Tage später wurde er an der Marburger Universität zum Doktor der Rechte promoviert; seine Dissertation „Ein Beitrag zum Begriff des körperlichen Gegenstandes (§ 90 B.G.B.)“ wurde mit „rite“ bewertet.

Nach der Vereidigung im Staatsdienst begann Lawall im Juli 1923 das Rechtsreferendariat im Bezirk des Oberlandesgerichts Köln. Im Juni 1926 legte er in Berlin sein zweites Staatsexamen wiederum mit der Note „ausreichend“ ab.

Anschließend arbeitete er im Justizdienst des Saargebiets, das damals vom Deutschen Reich getrennt war und als Völkerbundmandat unter internationaler Verwaltung stand. Nach zwei Jahren als Hilfsrichter wurde er 1928 zum Amtsgerichtsrat in Lebach und 1931 zum Landgerichtsrat am Landgericht Saarbrücken ernannt.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

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Noch vor der Rückgliederung des Saargebiets ans Deutsche Reich trat Lawall 1934 dem Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen bei (ab 1936 Nationalsozialistischer Rechtswahrerbund, NSRB). Nach der Volksabstimmung im Saargebiet 1935 und der darauffolgenden Eingliederung in den NS-Staat wurde er zum Gemeinschaftsleiter der Referendare des Landgerichts Saarbrücken ernannt. Auf Veranlassung des Präsidenten des Reichsjustizprüfungsamts Otto Palandt war Lawall von 1936 bis 1938 Abteilungsleiter und stellvertretender Lagerkommandant im Gemeinschaftslager „Hanns Kerrl“ für Referendare in Jüterbog.[2] Dieses Lager wurde zwischen 1933 und 1939 von 20.000 Referendaren im Rahmen eines achtwöchigen Pflichtaufenthalts durchlaufen. Im Rahmen seiner späteren Beförderungen fand die Rolle Lawalls im Nationalsozialismus zwar Erwähnung, wurde jedoch nicht weiter problematisiert.[3]

Nach Lockerung der Aufnahmesperre wurde Lawall 1937 Mitglied der NSDAP, sein Beitrittsdatum wurde auf den 1. Juni 1933 rückdatiert (Mitgliedsnummer 2.683.575).[4] Er wurde 1938 zum Landgerichtsdirektor am Landgericht Berlin ernannt, aber im Oktober desselben Jahres auf eigenen Wunsch an das Landgericht Bonn versetzt.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Lawall im Oktober 1940 zum Vorsitzenden des Deutschen Obergerichtshofs in Den Haag in den von NS-Deutschland besetzten Niederlanden berufen. Er meldete sich 1941 freiwillig zum Russlandfeldzug, wurde zum Major d.R. befördert und erhielt das Deutsche Kreuz in Gold. Zum 1. Juli 1942 wurde er formal zum Senatspräsidenten am Oberlandesgericht Köln ernannt, nahm diese Funktion aber wegen seines fortgesetzten Fronteinsatzes nicht wahr. Im selben Jahr wurde er Kommandeur des Gebirgs-Jäger-Regiments 98. Nach der Schlacht bei Tuapse im russischen Nordkaukasus wurde er mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet.

Von Juni 1943 bis 1944 war er Präsident des Oberlandesgerichtes Köln. An der Amtseinführung nahm der damalige Reichsjustizminister Otto Georg Thierack teil. Zusätzlich bestellte Gustav Simon, der Chef der Zivilverwaltung im besetzten Luxemburg, Lawall Ende Juli 1943 zum Kommissar der Justizverwaltung. Auf eigenen Wunsch wurde Lawall im September 1944 als Oberstleutnant und Kommandeur des Gebirgsjägerregiments 99 erneut zum Kriegsdienst einberufen. Er geriet 1945 in jugoslawische Kriegsgefangenschaft, wurde zu 10 Jahren Haft verurteilt, 1950 aber amnestiert und konnte ins Saarland zurückkehren.

Entnazifizierung und Amtszeit als Oberlandesgerichtspräsident

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Im Juli 1950 wurde Lawall in einem Sühneverfahren als „Mitläufer“ eingestuft. Ein Jahr später wurde ein Entlastungszeugnis ausgestellt, sodass er erneut in die Justiz aufgenommen werden konnte.[5] Anschließend war er wieder als Landgerichtsdirektor am Landgericht Saarbrücken tätig. Das Saarland war damals von der Bundesrepublik Deutschland getrennt und hatte einen Sonderstatus als autonomes Land unter französischem Protektorat. 1952 wurde Lawall zum Spruchkammervorsitzenden des Versorgungsgerichts Saarbrücken bestellt.

Nachdem die Bevölkerung des Saarlands ein Europäisches Saarstatut in der Volksabstimmung im Oktober 1955 mehrheitlich abgelehnt hatte, trat die bisherige autonomistische, pro-französische Regierung unter Johannes Hoffmann zurück. Im Kabinett Welsch, das in der Übergangszeit bis zur Neuwahl des Landtags die Regierungsgeschäfte führte, leitete Lawall als Direktor das Justizministerium (offiziell war Übergangs-Ministerpräsident Heinrich Welsch in Personalunion auch Justizminister).

Vom 1. August 1956 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1964 war Lawall Präsident des Oberlandesgerichtes Saarbrücken.[6] Von 1959 bis 1964 war er zudem Präsident des Verfassungsgerichtshofes des Saarlandes.

Der elfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland Joachim Gauck ist über den aus dem Saarland stammenden Ehemann seiner Tante mit Lawall verschwägert gewesen.[7]

Einzelnachweise

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  1. Unsere Toten. In: Burschenschaftliche Blätter, 88. Jg. (1973), H. 8, S. 257.
  2. Lothar Gruchmann: Justiz im Dritten Reich 1933–1940. Anpassung und Unterwerfung in der Ära Gürtner (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. 28). 3., verbesserte Auflage. Oldenbourg, München 2001, ISBN 978-3-486-53833-5, S. 306.
  3. Folker Schmerbach: Das „Gemeinschaftslager Hanns Kerrl“ für Referendare in Jüterbog 1933–1939 (= Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts. 56). Mohr Siebeck, Tübingen 2008, ISBN 978-3-16-149585-4, S. 257–259.
  4. Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/25091029
  5. Folker Schmerbach: Das „Gemeinschaftslager Hanns Kerrl“ für Referendare in Jüterbog 1933–1939 (= Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts. 56). Mohr Siebeck, Tübingen 2008, ISBN 978-3-16-149585-4, S. 257–259.
  6. Lawall Erich Heinrich Ludwig. Saarland Biografien, abgerufen am 30. Dezember 2023.
  7. Joachim Legner: Joachim Gauck - Träume vom Paradies - Biografie, 2014