Ernst Paul Dörfler

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Ernst Paul Dörfler

Ernst Paul Dörfler (* 15. Mai 1950 in Kemberg) ist ein deutscher Autor und Umweltschützer und war Mitbegründer der Grünen Partei in der DDR.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ernst Paul Dörfler wuchs in Meuro bei Bad Schmiedeberg auf und absolvierte in Pretzsch an der Elbe das Abitur. Er studierte 1968 bis 1973 Chemie an der Technischen Hochschule „Otto von Guericke“ in Magdeburg, war danach vier Jahre in Forschung und Lehre tätig. Dörfler wurde zum Dr. rer. nat. promoviert. Nach einer Saison als Rettungsschwimmer an der Ostseeküste im Jahr 1977 arbeitete er als Operativtechnologe für Mikroelektronik im Werk für Fernsehelektronik in Berlin-Oberschöneweide. Von 1978 bis 1982 war er als Ökochemiker am Institut für Wasserwirtschaft in Berlin und Magdeburg beschäftigt.[1] 1979 unterbrach er seine Berufstätigkeit für ein Babyjahr mit seiner Tochter Anne.

1983 verließ Dörfler er seine Stelle am Institut, um sich als freier Schriftsteller verschiedenen Umweltthemen umfänglich zu widmen. Hatte er bereits zuvor an mehreren Studien zur ökologischen Situation in der DDR (darunter an der Nitrat- und der Pestizidstudie) mitgearbeitet, die vor 1989 unveröffentlicht bleiben mussten[2], so schrieb der auf einem Bauernhof aufgewachsene Dörfler in seinem international Aufsehen erregenden und mehrfach aufgelegten Bestseller „Zurück zur Natur?“[3] über die Zusammenhänge zwischen Natur und menschlichen Aktivitäten in Wald, Acker und Wasser und auch über die Grenzen des Wachstums und die Notwendigkeiten von Technikfolgenabschätzung unter Bedingungen von Komplexität.

So problematisiert er 1986 in „Zurück zur Natur?“[3] nach einer historischen Einordnung des Ackerbaus z. B. die Schwierigkeiten bei den neuartigen Belastungen durch den Einsatz von Düngemitteln. Demzufolge spiegelt sich im Mineraldüngereinsatz ein ökologisches Gesetz von Eilhard Alfred Mitscherlich vom abnehmenden Ertragszuwachs durch den Düngereinsatz bei landwirtschaftlichen Kulturpflanzen wider, da für den dreifachen Anstieg der Ernte von 1910 bis in die 1980er der Aufwand „im gleichen Zeitraum um das Fünf- bis Zehnfache erhöht“ werden musste. Diese Vermutung wurde 2009 im Science Journal[4] bestätigt. Das entstehende Lachgas ist dabei schädlicher als FCKW und wirkt sich auch auf den Klimawandel aus[5], auch im Kraftstoffvergleich hat es eine schlechte Bilanz[6]. Dörfler zitiert im Buch einen Nitrat-Grenzwert von 45 mg/l als Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation. In einer Studie des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2017 zu den Kosten der Trinkwasserbeeinträchtigung durch Überdüngung wird ein Zielwert von 37,5 mg Nitrat pro Liter Trinkwasser angegeben und es werden die Kosten für das Minimierungsgebot aus § 6 der Trinkwasserverordnung für Zielwerte von 25 bzw. 10 mg Nitrat pro Liter berechnet.[7]

Als einer der ersten ostdeutschen Natur- und Umweltschützer hielt Dörfler zahlreiche Vorträge über Umweltprobleme und wurde deshalb vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR mit Abhöranlagen auch im Privatleben überwacht.[8] „Zurück zur Natur?“[3] – von den öffentlichen DDR-Medien totgeschwiegen – wurde zu einem Kultbuch der ostdeutschen Umweltbewegung.[2]

Im November 1989 waren er und seine Frau Marianne Dörfler Mitbegründer der Grünen Partei in der DDR[9] und bis März 1990 Vertreter der Grünen am Zentralen Runden Tisch (er und seine Frau abwechselnd). Er war Gründungsmitglied der Stiftung Umwelt und Naturschutz und von April bis Oktober 1990 als Abgeordneter der Fraktionsgemeinschaft von Grünen und Bündnis 90 in der Volkskammer Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz, Energie und Reaktorsicherheit. Bis Dezember 1990 war er Abgeordneter des Bundestages.

Gemeinsam mit Arnim Bechmann vom Zukunftsinstitut Barsinghausen bei Hannover arbeitete er 1991 eine Studie zu Arbeitsplatzeffekten bei der Umstellung auf ökologischen Landbau am Beispiel der Länder Brandenburg und Sachsen-Anhalt aus. Ende der 1990er war für den German Marshall Fund zum Studienaufenthalt in den USA und bereiste Afrika und Asien.

Seit Beginn der 1990er Jahre setzt er sich gegen den geplanten Ausbau der Elbe zur Wasserstraße und für den Erhalt der naturnahen Flusslandschaft ein. Dafür und für sein Engagement zum Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen wurde er mit dem Euronatur-Preis 2010 ausgezeichnet.[10]

Ernst Paul Dörfler lebt im UNESCO-Biosphärenreservat Mittelelbe, wo sich die bedrohten Rückzugsräume von bestandsgefährdeten Arten wie Elbe-Biber[11], Fisch- und See-Adler[12][13], Kranich, Weiß- und Schwarzstorch[14] und Wolf[15][16] befinden, und beschreibt als Autor die komplexen Beziehungen zwischen dem Menschen, der bedrohten Artenvielfalt und den Lebensräumen der Natur. Mit Artensterben[17], Selbstversorgung[18], Wildtieren, Stauden, Laub und Kompost, aber auch mit den Themen seiner Bücher[19] wie den Vögeln[20][21], Insekten[22], den Flüssen[23] und Auen[24] ist er ein gefragter Referent und Naturführer, der die Nähe zur Natur emotional verstehbar macht und damit früh einen Trend der natürlichen Wissensvermittlung durch Naturerleben gesetzt hat.[24]

Zitat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Ich vermisse die Balz der Großtrappen auf den Feldern. Ich vermisse die Rufe des Braunkehlchens, das Trällern der Feldlerchen und der Goldammern. Ihnen fehlen die Insekten als Nahrung. Die Küken sterben einen leisen Tod, und niemand bemerkt diese Tragödie. Nur die Stille auf den Feldern wirkt bedrückend.“

Ernst Paul Dörfler: Wo ist das Braunkehlchen? Kurzinterview (2019)[25]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beiträge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerald Munier, Burghard Duhm (Hrsg.): Vom Bauhaus nach Bitterfeld. Ein Streifzug durch das „Industrielle Gartenreich“: Dessau – Bitterfeld – Wittenberg. AJZ, Bielefeld 1991, ISBN 3-921680-97-2.
  • Literatur und Umwelt, Beitrag zur geistig-kulturellen Vereinigung Deutschlands. Kolloquium in Klingenthal/Elsass, 17.–21. Mai 1993 (= Publikationen der Katholischen Akademie Hamburg. Band 12). Hamburg 1993, ISBN 3-928750-36-4.
  • querbeet. Das Sachsen-Anhalt-Lesebuch. Hrsg. von Dorothea Iser und Heinz Kruschel. Ziethen, Oschersleben 1993, ISBN 3-928703-24-2.
  • Warnsignale aus Flüssen und Ästuaren. Wissenschaftliche Fakten. José L. Lozán, Hartmut Kausch (Hrsg.), unter Mitw. von Hans H. Bernhart. Parey, Berlin 1996, ISBN 3-8263-3085-4.
  • Binnenschiffsverkehr und Wasserstraßenausbau. In: Elemente der Gastfreundschaft. Dessau 2004, ISBN 3-934388-23-X, S. 182–187.
  • Dieter Lehmann, Rocco Buchta u. a.: Wann kommt die nächste Flut? Projekte-Verlag 188, Halle (Saale) 2005, ISBN 3-86634-012-5 (Aufsatzsammlung).

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (mit Marianne Dörfler) Zurück zur Natur? Mensch und Umwelt aus ökologischer Sicht. Leipzig, Frankfurt (Main) 1986, ISBN 3-87144-935-0.
  • (mit Marianne Dörfler) Zwischen Flucht und Anpassung. Tiere neben Menschen (= Akzent-Reihe. Band 88). Leipzig 1989, ISBN 3-332-00309-7.
  • Neue Lebensräume. Mehr Artenvielfalt in Landschaft und Garten. Leipzig/Frankfurt (Main) 1990, ISBN 3-8171-1175-4.
  • Der Weiher. Berlin 1991, ISBN 3-358-01539-4.
  • Bedroht: Tiere und Pflanzen unserer Heimat. Urania-Verlag, Leipzig/Jena/Berlin 1995, ISBN 3-332-00548-0.
  • (Hrsg.) Ökologie und Hochwasserschutz. Verlag Natur und Umwelt, Bonn 1998, ISBN 3-924749-18-3.
  • Wunder der Elbe. Begegnungen mit einer lebendigen Flußlandschaft. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2000, ISBN 3-89812-025-2.
  • Wunder der Elbe. Biografie eines Flusses. Hrsg. vom Bund für Umwelt und Naturschutz e. V. (BUND), Landesverband Sachsen-Anhalt in Verbindung mit dem Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e. V., Stekovics, Halle an der Saale 2000, ISBN 3-932863-40-2; 5. Auflage. Ebenda 2013, ISBN 978-3-932863-40-0.
  • Die Liebe der Vögel. Vom ersten Lustgeträller bis zur Reise in den Süden. 2009, ISBN 978-3-89923-220-2.
  • Was Vögel futtern. Speisekarte und Tischsitten. 2010, ISBN 978-3-89923-263-9.
  • (Hrsg.) Biber auf Weltreise. Geschichten, Gedichte und Bilder der Grundschulschreiber 2010 von der Grundschule An der Klosterwuhne in Magdeburg. Dorise Verlag, Erfurt 2011, ISBN 978-3-942401-18-0.
  • Mehr Raum für Flüsse, mehr Raum für Wasser. In: Mit den Fluten leben – aus den Fluten lernen! BücherKammer, 2013, ISBN 978-3-940-63539-6.
  • Liebeslust und Ehefrust der Vögel. 2013, ISBN 978-3-943444-19-3.
  • Reiseführer Biosphärenreservat Mittelelbe. Publicpress, 2014, ISBN 978-3-89920-832-0.
  • Lebensraum großer Strom. Tierwelten im Biosphärenreservat Mittelelbe. Gemeinsam mit Thomas Hinsche. Verlag J. Stekovics, 2016, ISBN 978-3-899-23353-7.
  • Die Elbe. Vom Elbsandsteingebirge bis nach Geesthacht. Trescher Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-89794-326-1.
  • Wertewandel im Umgang mit der Elbe. Von der Wasserstraße zum Ökosystem Flusslandschaft. In: Norbert Fischer, Andreas Martin: Die Elbe – Über den Wandel eines Flusses vom Wiener Kongress (1815) bis zur Gegenwart. Landschaftsverband Stade, 2018, ISBN 978-3-931-87971-6.
  • Nestwärme. Was wir von Vögeln lernen können. Hanser Verlag, München 2019, ISBN 978-3-446-26185-3.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ernst Paul Dörfler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ernst Paul Dörfler: Bücher. In: elbeinsel.de. Abgerufen am 28. Mai 2020.
  2. a b Zeitzeugenbüro: Detailansicht. In: zeitzeugenbuero.de. Abgerufen am 20. Mai 2018.
  3. a b c Ernst Dörfler: Zurück zur Natur? Mensch und Umwelt aus ökologischer Sicht. Urania-Verlag, Leipzig 1986, ISBN 3-332-00027-6.
  4. A. R. Ravishankara, John S. Daniel, Robert W. Portmann: Nitrous Oxide (N2O): The Dominant Ozone-Depleting Substance Emitted in the 21st Century. In: Science. 27. August 2009, ISSN 0036-8075, doi:10.1126/science.1176985, PMID 19713491 (sciencemag.org [abgerufen am 21. Mai 2018]).
  5. hda/ddp: Bedrohte Ozonschicht: Lachgas ist größeres Problem als FCKW. In: Spiegel Online. 28. August 2009, abgerufen am 21. Mai 2018.
  6. Daniel Lingenhöhl: Klimatologie: Biotreibstoffe schaden der Ozonschicht. 1. Juni 2012 (spektrum.de [abgerufen am 21. Mai 2018]).
  7. Elke Örtl: Quantifizierung der landwirtschaftlich verursachten Kosten zur Sicherung der Trinkwasserbereitstellung. Umweltbundesamt, 24. Mai 2017 (umweltbundesamt.de [abgerufen am 21. Mai 2018]).
  8. Umweltschutz in der DDR: „Meine Überwachung war nahezu perfekt“. In: ZEIT ONLINE. 4. Oktober 2010, abgerufen am 21. Mai 2018.
  9. Thomas Gerlach: Umweltschutz in der Wende-Ära: Der Immer-Grüne. In: taz. 27. Mai 2020 (taz.de [abgerufen am 28. Mai 2020]).
  10. Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt. 47. Auflage. Band 1+2, 2010, ISSN 0940-6638.
  11. Pressemitteilung Nr.: 073/2018. In: sachsen-anhalt.de. Abgerufen am 21. Mai 2018.
  12. Biosphärenreservat Mittelelbe – Sachsen-Anhalt – Agrarticker Ost. (Nicht mehr online verfügbar.) In: bauernzeitung.de. BauernZeitung – Deutscher Bauernverlag, archiviert vom Original am 22. Mai 2018; abgerufen am 21. Mai 2018.
  13. Henrik Klemm: Biosphärenreservat „Mittelelbe“: Alles klar bei den Adlern an der Elbe. In: Mitteldeutsche Zeitung. 7. Oktober 2014 (mz-web.de [abgerufen am 21. Mai 2018]).
  14. Landesrecht Sachsen-Anhalt NatSGmElbeV ST | Landesnorm Sachsen-Anhalt | Gesamtausgabe | Verordnung über die Festsetzung von Naturschutzgebieten und einem Landschaftsschutzgebiet von zentraler Bedeutung als Biosphärenreservat Mittlere Elbe in der Fassung der Bekanntmachung vom 1. Januar 1997 | gültig ab: 01.01.1997. juris GmbH, abgerufen am 21. Mai 2018.
  15. Antje Weber, Martin Trost: Wolfsmonitoring Sachsen-Anhalt. Bericht zum Monitoringjahr 2016/2017. Hrsg.: Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. Wolfskompentenzzentrum Iden. November 2017.
  16. Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt. Biosphärenreservatsverwaltung Mittelelbe, Referenzstelle Wolfsschutz. Verwaltung am Standort Arneburg (Hrsg.): Wölfe in Sachsen-Anhalt. Informationen für Nutztierhalter. Arneburg 29. November 2010 (alpakas-lamas.org [PDF; 230 kB] geändert am 31. März 2011).
  17. Der Nachhaltige Monat. In: ag-nachhaltigkeit.de. Abgerufen am 21. Mai 2018.
  18. Überleben durch Selbstversorgung bei knapper Kasse. In: Stadtmagazin DATEs. 12. Mai 2015 (dates-md.de [abgerufen am 21. Mai 2018]).
  19. Silvia Bürkmann: Umfangreicher Reiseführer: Dessau-Roßlauer führt die gesamte Elbe entlang. In: Mitteldeutsche Zeitung. 12. Mai 2016 (mz-web.de [abgerufen am 21. Mai 2018]).
  20. Karina Blüthgen: Naturkunde mit Ernst Paul Dörfler: Vielstimmiges Vogelkonzert. In: Mitteldeutsche Zeitung. 10. April 2017 (mz-web.de [abgerufen am 21. Mai 2018]).
  21. „Liebeslust und Ehefrust der Vögel“ – Eine Plauderei – nicht nur über Vögel mit Dr. Ernst Paul Dörfler Abschlussveranstaltung des 1. Dresdener Tages der Stadtnatur | Dresden im Wandel. (Nicht mehr online verfügbar.) In: dresden-im-wandel.de. 30. Mai 2015, archiviert vom Original am 15. April 2016; abgerufen am 21. Mai 2018.
  22. Artensterben bei den Insekten. In: Ostthüringer Zeitung. 13. März 2018 (otz.de [abgerufen am 21. Mai 2018]).
  23. Die Elbe – die deutsche Loire? In: Stadtmagazin DATEs. 11. August 2016 (dates-md.de [abgerufen am 21. Mai 2018]).
  24. a b Regina Voss: Umweltaktivist Ernst Paul Dörfler – Ein Leben für den Naturschutz. In: Deutschlandfunk Kultur. Studio 9. 11. März 2017, abgerufen am 21. Mai 2018.
  25. jst: Wo ist das Braunkehlchen? Kurzinterview mit Buchautor Ernst Paul Dörfler. In: Der Spiegel. Nr. 25, 15. Juni 2019, S. 52 (spiegel.de [14. Juni 2019, abgerufen am 28. Mai 2020]).
  26. Michaela Maak: BDV 2015. (Nicht mehr online verfügbar.) In: bund-intern.net. Archiviert vom Original am 22. Mai 2018; abgerufen am 21. Mai 2018.