Filmfabrik Wolfen

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1909 gründete die Agfa AG in Wolfen (jetzt Bitterfeld-Wolfen, Landkreis Anhalt-Bitterfeld) die Filmfabrik Wolfen, die später mit der Marke ORWO (Abk. für Original Wolfen) das Monopol auf die Filmherstellung in der DDR hatte. Neben Filmen für die Fotografie wurden Kinefilme, Reprografie- und Röntgenfilmmaterial, technische Filme und Platten sowie Magnetbänder hergestellt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Geschichte der Agfa AG siehe auch: Agfa

Gründungszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Agfa-Filmfabrik Wolfen 1929
Gebäude 041: Ehemaliges Verwaltungsgebäude

Die Filmfabrik Wolfen gehörte seit ihrer Gründung im Jahr 1909 zur Aktien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation (Agfa) und war ab 1925 Teil der I.G. Farben. Die Agfa Filmfabrik Wolfen wurde 1929 innerhalb der I.G. Farben Leitbetrieb der Sparte III und war somit verantwortlich für das Agfa Kamerawerk München (vormals A. Hch. Rietzschel), das Fotopapierwerk Leverkusen sowie die Faserwerke Wolfen, Premnitz und Landsberg/Warthe. 1936 stellte die Filmfabrik Wolfen den ersten praktikablen Mehrschichtenfarbfilm der Welt, den Agfacolor Neu, her, für dessen Entwicklung Gustav Wilmanns, Wilhelm Schneider und John Eggert verantwortlich zeichneten.[1] Im gleichen Jahr wurde in Wolfen mit Mitteln des Deutschen Reiches das zu diesem Zeitpunkt größte Faserwerk der Welt errichtet. Dort wurde auf Basis des einheimischen Rohstoffes Holz Cellulose hergestellt, die dann zu synthetischen Fasern weiterverarbeitet wurde. Bekannteste Kunstfaser dieser Zeit aus Wolfen ist Vistra. Der Autor Hans Dominik schrieb im Rahmen einer Werbekampagne für das neue Produkt das Buch „Vistra, das weiße Gold Deutschlands“. 1943 nahm die Filmfabrik Wolfen die Magnetbandproduktion auf, die aus technischen Gründen von der BASF in Ludwigshafen am Rhein nach Wolfen verlegt wurde. Im Mai 1943 wurden 250 weibliche KZ-Gefangenen aus dem zentralen Frauen-KZ Ravensbrück in das neu errichtete KZ-Außenlager Wolfen der I.G. Farbenindustrie AG Filmfabrik verlegt.

Kriegsende und Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 20. April 1945 wurde die Filmfabrik durch die US-Streitkräfte übernommen. Es folgte eine systematische Durchsicht durch amerikanische und englische Experten. Bis zum Besatzungswechsel am 1. Juli 1945 wurden wichtige Dokumente wie Patentschriften, Rezepte, Direktionsakten und Forschungstagebücher, Spezialchemikalien und Edelmetalle beschlagnahmt. Das auf diese Weise gewonnene Fachwissen wurde der amerikanischen fotochemischen Industrie zur Verfügung gestellt. Wenige Jahre später bot Eastman Kodak einen Farbfilm an, der auf dem Wolfener Verfahren basierte. Per SMAD-Befehl Nr. 156 vom 22. Juli 1946 ging die Filmfabrik Wolfen in sowjetisches Eigentum über und wurde der Sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG) „Mineral-Düngemittel“ zugeordnet. Viele Mitarbeiter verließen die Sowjetische Besatzungszone in Richtung Westen, um sich in den dortigen Agfabetrieben eine berufliche Zukunft zu suchen. In Wolfen begannen 1946 die von der SMAD angeordneten Demontagen bei gleichzeitiger Beschlagnahme der Produktion aus Reparationsgründen. 50 % der Produktionsanlagen zur Herstellung des Farbfilms wurden demontiert und nach Schostka/Ukraine verbracht, um dort das Farbfilmwerk Nr. 1 der Sowjetunion zu errichten. Hierzu wurden Ingenieure und Meister aus Wolfen verpflichtet, die z. T. mit ihren Familien in die Sowjetunion reisten, um dort die Montage und das Anfahren der Produktion zu übernehmen.

Die Filmfabrik in der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fotopapier, hergestellt im Kombinatsbetrieb VEB Fotopapierwerk Dresden

Später erfolgte eine Einordnung in die SAG „Photoplenka“, in der sich die gesamte sowjetische Rohfilmindustrie befand. Zum 31. Dezember 1953 wurde die Filmfabrik aus der SAG entlassen und firmierte nun unter VEB Film- und Chemiefaserwerk Agfa Wolfen. Das 1958 von der DDR-Regierung beschlossene Chemieprogramm brachte für Wolfen einen Ausbau der Film- und eine Reduzierung der Fasersparte. Im selben Jahr wurde Wolfen Mitglied in der neu gegründeten Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB) Chemiefaser und Fotochemie.

Obwohl die Agfa-Leitung vor Kriegsende alle wichtigen Patente nach Leverkusen übertragen hatte, bereitete der Agfa AG Leverkusen das ostdeutsche Pendant große Probleme: Die Filmfabrik Wolfen verkaufte ihre Produkte ebenfalls mit dem Agfa-Markenzeichen, was die Kunden verwirrte. Zunächst stellte sich die ostdeutsche Seite auf den Standpunkt, Rechtsnachfolger von Agfa zu sein. Vor Gericht hatte diese Strategie jedoch keine Chance, weil eine Sowjetische Aktiengesellschaft kein Nachfolger sein konnte. Überraschenderweise bestand die Regierung der DDR später jedoch nicht darauf, am Markennamen Agfa festzuhalten. Sie war vielmehr der Meinung, die Produkte aus sozialistischer Fertigung seien von solch hoher Qualität, dass sie nicht eines großen Namens bedürften, um Absatz zu finden. In Wolfen wollte man dennoch nicht auf den Namen verzichten. Ohne eine Einigung bestand jedoch die Gefahr, dass die Rechte an einen Dritten fielen. So kam es 1956 zu einem Warenzeichen-Abkommen, das bis 1964 gelten sollte. Demnach durfte die Filmfabrik Wolfen den Markennamen im Ostblock benutzen, Leverkusen in der restlichen Welt mit Ausnahme von Frankreich und Jugoslawien. Über diese beiden Länder sollte ein internationales Gericht entscheiden. Dennoch gelangten immer wieder ostdeutsche Agfa-Produkte auf die westdeutschen Märkte. 1964 erfolgte die Warenzeichenumstellung von Agfa auf ORWO, um sich deutlich von der Agfa AG Leverkusen, seit 1964 Agfa-Gevaert, abzugrenzen.

Mit der Gründung des VEB Fotochemisches Kombinat Wolfen im Jahr 1970 wurde die Filmfabrik Wolfen dessen Stammbetrieb.[2] Gründungsmitglieder des neuen Kombinates waren die Fotopapierwerke Dresden, Fotopapierwerke Wernigerode, Gelatinewerke Calbe, Fotochemische Werke Berlin und das Lichtpausenwerk Berlin.

Nach 1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Wende 1990 wurde das Fotochemische Kombinat aufgelöst und der Wolfener Stammbetrieb zum 13. Juni 1990 in die Filmfabrik Wolfen AG umgewandelt. Deren gesamtes Aktienkapital in Höhe von 230 Mio. DM hielt die Treuhandanstalt. Es folgte 1992 eine Aufspaltung der Filmfabrik Wolfen AG in die Wolfener Vermögensverwaltungsgesellschaft AG und die Filmfabrik Wolfen GmbH. Die Privatisierung der Filmfabrik Wolfen GmbH scheiterte. 1994 wurde die Liquidation des Unternehmens eingeleitet.

Neuer Eigentümer der Liquidationsmasse der Filmfabrik Wolfen GmbH wurde im Herbst 1994 der Fotoindustrielle Heinrich Manderman. Er gründete die ORWO AG, die jedoch im November 1997 ebenfalls insolvent wurde. Teile der Filmfabrik strukturierten sich daraufhin 1998 neu.

Die ORWO Media GmbH stieg in die digitale Fotodienstleistungsbranche ein. Die Herstellung chemischer Farbfilme hingegen wurde eingestellt. Am 25. September 2002 wurde die ORWO Net GmbH gegründet. Sie übernahm am 1. Oktober 2003 das operative Geschäft der Vorgängergesellschaften (PixelNet AG und deren Tochter ORWO Media GmbH) im Fotodienstleistungsbereich und hat die Markenzeichen ORWO und PixelNet erworben. Nach der Übertragung der Anteile auf drei GmbH (2004) wurde 2005 das Stammkapital auf 250.000 € erhöht. Die ORWO Net AG wurde durch Einbringung der Anteile der ORWO Net GmbH am 2. Oktober 2007 gegründet.[3] Am 27. November 2009 erwarb die ORWO Net AG die Vermögenswerte der insolventen Foto Quelle GmbH, darunter die Marke „Foto Quelle“ sowie „Revue“.[4] ORWO Net kooperierte bereits seit 2005 mit Foto Quelle. 2014 waren mehr als 300 Mitarbeiter bei ORWO Net beschäftigt.[5]

Die Herstellung von Filmmaterialien erfolgt seit 1998 durch die ORWO Filmotec GmbH. Produziert werden im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen technische Filme (wie Überwachungsmaterialien und Holografie) sowie schwarzweiße Kinefilme unter Nutzung der Marke ORWO.[6]

Andere weiterbestehende Betriebsteile sind die Feinchemiehersteller Organica Feinchemie GmbH Wolfen, Synthetica, FEW Chemicals GmbH, einige Folienhersteller als Zulieferer für die optische, Elektronik- und Filmindustrie und die Spezialmechanikfirma MABA.

Produkte und Verfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orwochrom UT21 – Filmpatrone

Sowohl ORWO in der DDR als auch die Agfa stellten Farbfilme nach dem in den 1930er Jahren entwickelten Agfacolor-Verfahren her (diffusionsfeste Farbkuppler). Agfa-Gevaert stellte seine Filmmaterialien und Fotopapiere von 1978 (Farbnegativfilme) bis 1985 (Amateur-Farbumkehrfilme) auf das sogenannte Eastman-Color- bzw. Ektachrome-Verfahren um (ölgeschützte Farbkuppler, zum Beispiel C-41, E-6 und deren Vorgänger), wonach die Filme kompatibel mit Kodak, Fuji u. a. wurden. ORWO bereitete eine Umstellung analog zu ähnlichen Erwägungen in der UdSSR vor, konnte die Umstellung aber bis zum Ende der DDR nicht mehr vollziehen,[7] was erhebliche Nachteile auf dem von Kodak dominierten Weltmarkt mit sich brachte. Das Agfa-Verfahren hatte gegenüber dem Kodak-Verfahren einige Nachteile. Die Farbstoffe (Farbkuppler) waren leicht wasserlöslich, was längere Wässerungszeiten nach der Fixage bedingte, darüber hinaus verlängerte eine aus den gleichen Gründen nicht auf das Kodak-Niveau anzuhebende Bädertemperatur die Entwicklung (25 °C gegen 37,8 °C). Beim Beguss der Materialien erlaubte das Agfacolor-Verfahren – wiederum der Eigenschaften der Kuppler geschuldet – nur geringere Laufgeschwindigkeiten der Maschinen. In den achtziger Jahren wurde an eigenen neuen Filmen geforscht, die nach dem Kodak-Verfahren arbeiteten. Diese wurden nach 1989 als Farbnegativfilm PR100 und QRS100 vertrieben, konnten sich jedoch trotz teils guter Testergebnisse nicht am Markt durchsetzen.

Die Schwarzweißnegativfilme trugen als Bezeichnung eine Kombination aus dem Kürzel NP (für Negativ Panchromatisch) und ihrer Empfindlichkeit in Grad DIN als nachgestellte Zahl. Angeboten wurden: NP10 (nur kurz im Handel), NP15, NP18, NP20, NP22, NP27 und NP30. Der NP30 (ASA 800) war bis 1989 nur als 120 Film erhältlich.[8] Die Farbnegativfilme wurden analog mit NC (Negativ Color) und die Farbumkehr bzw. Diafilme entsprechend ihrer Abstimmung auf Tages- oder Kunstlicht mit UT (Umkehr Tageslicht) bzw. UK (Umkehr Kunstlicht) gekennzeichnet. Fotofarbnegativfilme waren anfangs war der unmaskierte NC16 und etwas später der NC17 Mask, die beide durch den maskierten und mit DIR-Kupplern versehenen NC19 ersetzt wurden, welchem als letzter vor der Umstellung auf das C-41-Verfahren der NC21 folgte. Als Tageslichtdiafilme gab es UT18 und UT21, sowie später als Ergänzung den höherempfindlichen Typ UT23. Im Kunstlichtbereich gab es zunächst den Typ UK17, der später durch den UK20 ersetzt wurde. Neben den Fotofilmen gab es Kine-, Röntgen und Schmalfilme, die in den Spezifikationen und Empfindlichkeiten von den Fotofilmen abwichen. Weiterhin stellte ORWO Fotopapiere sowie Magnetband-/Tonbandmaterial für den Amateur- und den Profibedarf einschließlich Datenspeicherung (EDV) her.

Die Marke überlebte die Wende zwar nur in eingeschränkter Form, dafür aber bis heute.

Durch ORWO FilmoTec GmbH werden aktuell Aufnahmefilme (UN 54, N 74 plus), Kopier-, Duplikat-, Tonnegativ-, Überwachungsfilme sowie Leader- und Spezialfilme hergestellt.[9]

Firmen-Museum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Industrie- und Filmmuseum

Das Industrie- und Filmmuseum in Wolfen (51° 39′ 24″ N, 12° 15′ 45″ OKoordinaten: 51° 39′ 24″ N, 12° 15′ 45″ O) wurde ebenfalls ausgegliedert. Es berichtet über die Geschichte der Firma Agfa und ORWO und zeigt als einziges Museum der Welt an Maschinen aus den 1930er und 1940er Jahren die Herstellung von Rohfilm.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Angelika Behnk, Ruth E. Westerwelle: Die Frauen von ORWO, Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1995, ISBN 3-378-01004-5.
  • Rainer Karlsch/Paul Werner Wagner: Die AGFA-ORWO-Story – Geschichte der Filmfabrik Wolfen und ihrer Nachfolger, Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2010, ISBN 978-3-942476-04-1.
  • Sebastian Kranich: Erst auf Christus hören, dann auf die Genossen. Bausoldatenbriefe: Merseburg, Wolfen, Welzow 1988/89. Projekte-Verlag 188, Halle 2006, ISBN 3-86634-125-3.
  • Silke Fengler: Entwickelt und fixiert. Zur Unternehmens- und Technikgeschichte der deutschen Fotoindustrie, dargestellt am Beispiel der Agfa AG Leverkusen und des VEB Filmfabrik Wolfen (1945–1990). Klartext, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0012-7.[10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: ORWO – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Focus: Wolfen feiert 100 Jahre in Farbe
  2. Der Chemiepark: Historie. Chemiepark Bitterfeld-Wolfen GmbH, abgerufen am 26. September 2016 (deutsch).
  3. ORWO Net – Historie. Abgerufen am 27. Mai 2016 (deutsch).
  4. Heise Online: ORWO Net mit Umsatzplus und Ausbauplänen
  5. Orwo-Jubiläum in Wolfen, Mitteldeutsche Zeitung vom 14. November 2014
  6. Über FilmoTec | Orwo Filmotec. In: www.filmotec.de. Abgerufen am 26. Mai 2016.
  7. DEFA-Stiftung: Über Rohfilmproduktion in Wolfen
  8. Werner Wurst: Fotobuch für Alle. 16, verb. Auflage. VEB Fotokinoverlag, Leipzig 1989, ISBN 3-7311-0076-2, S. 70.
  9. ORWO FilmoTec GmbH – Produkte. Abgerufen am 30. Oktober 2016 (deutsch).
  10. Vgl. Manuel Schramm: Rezension zu: Fengler, Silke: Entwickelt und fixiert. Zur Unternehmens- und Technikgeschichte der deutschen Fotoindustrie, dargestellt am Beispiel der Agfa AG Leverkusen und des VEB Filmfabrik Wolfen (1945–1995). Essen 2009. In: H-Soz-u-Kult, 28. Januar 2010.