Lorenzo Ghiberti

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Lorenzo Ghiberti, Selbstporträt
Die Paradiestür in Florenz

Lorenzo Ghiberti (* um 1378 in Pelago; † 1. Dezember 1455 in Florenz) war italienischer Bildhauer, Goldschmied, Erzgießer, Architekt und Kunsttheoretiker. Seine berühmtesten Werke sind das Nordportal und die sogenannte Paradiespforte des Baptisteriums der Kathedrale von Florenz. Seine wohl ab den 1430er oder 1440er Jahre bis zum Tod verfassten Commentarii gehören neben Schriften Cennino Cenninis und Leon Battista Albertis zu den wichtigsten frühen Kunstraktaten der beginnenden Renaissance.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ghiberti ging bei seinem Stiefvater, dem Goldschmied Bartolo Ghiberti in die Lehre und lernte, gemäß seiner Autobiografie, parallel dazu auch die Malerei. Laut Eigenaussage floh er vor 1400 vor der Pest nach Pesaro und arbeitete dort für Malatesta IV. Malatesta.

Im darauffolgenden Jahr ging er nach Florenz und bewarb sich mit einer Probe seines Könnens (Das Opfer Isaaks) um einen ausgeschriebenen Auftrag am Florentiner Baptisterium. Unter mutmaßlich sechs Mitbewerbern – u. a. Jacopo della Quercia und Filippo Brunelleschi – wurde er ausgewählt, die nördliche Bronzetür (2. Tür, die 1. Tür schuf Andrea Pisano.) zu fertigen. Die Arbeit dauerte mehr als 20 Jahre und entstand zwischen 1403 und 1423, bestehend aus insgesamt 28 teilweise vergoldeten Reliefs, die in Vierpässe eingefügt sind. Die 20 Hauptfelder der Tür enthalten Darstellungen aus dem Neuen Testament. Neben den Motiven von den vier Evangelisten und vier Kirchenlehrern ist die Tür durch reichhaltiges Ornament geschmückt.

Bald nach Beendigung der ersten Bronzetür erhielt er den Auftrag für die Gestaltung des Ostportals, der sogenannten Paradiestür (dritte Tür), an der er 27 Jahre (1425 bis 1452) arbeitete. Nach seinem Tod führte sein Sohn Vittorio die Arbeit am Rahmenwerk weiter. Die Tür lobte Michelangelo mit den Worten „... sie ist würdig, die Pforte des Paradieses zu schmücken“. In zehn quadratischen Feldern sind Szenen aus dem Alten Testament dargestellt, eingerahmt von reicher Ornamentik mit zahlreichen Figuren (z. B. Putten und Köpfe, darunter er selbst neben seinem Sohn Vittorio).

Als Architekt und Ingenieur wirkte Ghiberti ab etwa 1420 zusammen mit Filippo Brunelleschi als zweiter Dombaumeister in Florenz.

Außerdem schuf Ghiberti als Bronzegießer um 1414 für Nischen an der Kirche Orsanmichele die Bronzestatuen Johannes des Täufers und in den Jahren 1419 bis 1422 die des Matthäus und des heiligen Stephanus (vollendet 1428), die als erste Großbronzen der Renaissance gelten. Aus jener Zeit stammen auch die Bronzereliefs für das Taufbecken von San Giovanni in Siena mit der Taufe Christi (1424) und Johannes der Täufer vor Herodes (1427), sowie die Grabmäler des Leonardo Dati in Santa Maria Novella und des Ludovico degli Albizzi in Santa Croce zu Florenz. 1428 fertigte Ghiberti den Reliquienschrein des heiligen Hyazinth und um 1440 den mit Reliefs verzierten Sarkophag des heiligen Zenobius für den Dom Santa Maria del Fiore zu Florenz. Neben zwei kleinen Glocken für die Sakristei, welche Ghiberti 1445 fertigte, zeichnete er auch Entwürfe für dessen Glasfenster. Für den Dom von Arezzo schuf er ebenfalls mehrere Glasfenster.

Grabmal Ghibertis in der Basilika Santa Croce in Florenz

Im Alter von fast 77 Jahren starb Lorenzo Ghiberti am 1. Dezember 1455 in Florenz, nicht ohne seine Begabung an den Sohn Vittorio (1416–96) weiterzugeben.

Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Kunst zeigt eine Verbindung zwischen der Internationalen Gotik mit ihren schönläufigen Linien des weichen Stils und den Idealen der Renaissance mit ihrer Rezeption der Antike und steht somit am Übergang von der Gotik zur Frührenaissance. Ghibertis Werk zeichnet Ausgeglichenheit und Harmonie aus. Er verbindet einen gefälligen weichen gotischen Rhythmus mit den neuen Idealen der Renaissance. Die Ghiberti-Werkstatt konnte so zu einer bedeutenden Ausbildungsstätte für Renaissance-Künstler (u. a. Paolo Uccello) werden.

Ghiberti war eine vielseitig interessierte Person und betätigte sich angeblich auch als Maler von Tafelbildern und Fresken, von denen aber keine Werke mehr erhalten oder identifiziert sind. Als einer der ersten Künstler besaß er nachweislich auch eine Antikensammlung. Außerdem war er schriftstellerisch tätig und verfasste bis zum Ende seines Lebens den in drei Bücher unterteilten Traktat I Commentarii, der wertvolle Betrachtungen über Kunst und Künstler auch unter geschichtlichen Gesichtspunkten von der Antike bis zum 15. Jahrhundert enthält, sowie kunsttheoretische Gedanken formuliert. Es enthält beispielsweise zahlreiche Überlegungen zur Optik und Perspektive und rezipiert unter anderem Schriften Alhazens, Roger Bacons, Johannes Peckhams und Witelos.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgaben und Übersetzungen der Commentarii[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lorenzo Ghiberti: I Commentarii (= Biblioteca della Scienza Italiana. Bd. 17). Hrsg. von Lorenzo Bartoli. Giunti, Florenz 1998, ISBN 88-09-21280-0.
  • Lorenzo Ghibertis Denkwürdigkeiten (I Commentarii). Zum ersten Male nach der Handschrift der Biblioteca Nazionale in Florenz vollständig herausgegeben und erläutert von Julius von Schlosser. 2 Bde. Julius Bard, Berlin, 1912.
  • Denkwürdigkeiten des florentinischen Bildhauers Lorenzo Ghiberti. Zum erstenmal ins Deutsche übertragen von Julius Schlosser. Verlag Julius Bard, Berlin 1920.
  • Klaus Bergdolt: Der Dritte Kommentar Lorenzo Ghibertis. Naturwissenschaften und Medizin in der Kunsttheorie der Frührenaissance. Eingeleitet, kommentiert und übersetzt. VCH, Acta Humaniora, Weinheim 1989, ISBN 3-527-17610-1 (Zugleich: Heidelberg, Universität, Dissertation, 1986).

Forschungsliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Amy R. Bloch: Lorenzo Ghiberti’s Gates of Paradise. Humanism, History, and Artistic Philosophy in the Italian Renaissance. Cambridge University Press, New York, 2016.
  • Aldo Galli: Lorenzo Ghiberti. Gruppo Editoriale L'Espresso, Rom, 2005.
  • Carlo La Bella: GHIBERTI, Lorenzo. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 53: Gelati–Ghisalberti. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 1999.
  • Joachim Poeschke: Die Skulptur der Renaissance in Italien. Band 1: Donatello und seine Zeit. Hirmer, München 1990, ISBN 3-7774-5360-9, S. 61–62.
  • Alexander Perrig: Lorenzo Ghiberti, die Paradiestür. Warum ein Künstler den Rahmen sprengt (= Fischer-Taschenbuch. 3925 Kunststück). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-596-23925-7.
  • Richard Krautheimer, Trude Krautheimer-Hess: Lorenzo Ghiberti (= Princeton Monographs in Art and Archaeology. Bd. 31, ZDB-ID 419074-9). Princeton University Press, Princeton NJ 1956.
  • Julius von Schlosser: Lorenzo Ghiberti (= Künstlerprobleme der Frührenaissance 3–5 = Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse. Sitzungsberichte 215, 4, ISSN 1012-487X). Hölder-Pichler-Tempsky AG, Wien 1934.
  • Julius von Schlosser: Leben und Meinungen des florentinischen Bildners Lorenzo Ghiberti. Prestel, München 1941.
  • Leo Planiscig: Lorenzo Ghiberti. Anton Schroll, Wien, 1940.

Literarische Würdigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ernst A. Hagen: Künstler-Geschichten. Roman. Brockhaus, Leipzig, 1861 (der Roman orientiert sich nach Giorgio Vasaris Lebensbeschreibungen);
    • Bd. 1 Die Chronik seiner Heimatstadt, vom Florentiner Lorenz Ghiberti.
    • Bd. 2 Die Chronik seiner Heimatstadt, vom Florentiner Lorenz Ghiberti.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Lorenzo Ghiberti – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Meyers Dieser Artikel basiert auf einem gemeinfreien Text aus Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage von 1888 bis 1890.
Bitte entferne diesen Hinweis nur, wenn du den Artikel so weit überarbeitet hast, dass der Text den aktuellen Wissensstand zu diesem Thema widerspiegelt, dies belegt ist und er den heutigen sprachlichen Anforderungen genügt.
Um danach auf den Meyers-Artikel zu verweisen, kannst du {{Meyers Online|Band|Seite}} benutzen.