Gaswerk Augsburg

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Gaswerk Augsburg
Gaswerk Augsburg
Gasbehälter des Gaswerks Augsburg
Standortdaten
Staat: Deutschland
Region: Bayern
Stadt: Augsburg
Baudaten
Bau: 1913–1915, mit späteren Ergänzungen
Stilllegung: 2001
Nachnutzung: Klangkunstwerk und Aussichtsplattform
Technische Daten
Typ: Scheibengasbehälter
Betriebsdruck: 2,3 kPa
Höhe: 84,1 m
Durchmesser: 45 m
Nutzvolumen: 100.000
Grundriss: 20-eckig
Sonstiges

Veranstaltungs- und Konzertsaal im Fundament

Westlicher Teil des Gaswerks

Das Gaswerk Augsburg wurde Ende 1915 im Augsburger Stadtteil Oberhausen in Betrieb genommen. Seit 2001 ist das gesamte Gaswerk mit dem Gaskessel stillgelegt.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die bis 1915 erbauten Gebäude überstanden den Zweiten Weltkrieg unbeschadet und stehen heute unter Denkmalschutz. Zum Gaswerk gehören Ofenhaus, Behälterturm (neben Wasserbehälter noch Behälter für Nebenprodukte Teer und Ammoniak), Elektro-Zentrale, Werkstättentrakt, Saugerhaus, Apparatehaus und Reinigergebäude, Beamtenwohnhaus, Angestelltenwohnhaus, Bürogebäude, drei Arbeiterwohnhäuser sowie zwei Teleskop-Gasbehälter und der 1954 gebaute weithin sichtbare Scheiben-Gasbehälter – auch Gaskessel genannt.

Das acht Hektar große Gelände hat zum Teil park- und schlossähnlichen Charakter. Es gilt als Denkmal von europäischem Rang und ist einzigartig in Bayern. Es sind noch fast alle Gebäude erhalten und zwei verschiedene Gasbehälterarten (Teleskop- und Scheibengasbehälter) zu sehen. Auch die Umhüllung des ersten Scheibengasbehälters von MAN (Baujahr 1914/15, also ein Pionierbau) steht noch auf dem Gelände.

Geschichte der Augsburger Gaswerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Luftbild vom Gaswerk Augsburg (etwa 1932)

Es gab bereits zwei Vorgänger. Das Gaswerk I (ursprünglich Leuchtgasanstalt genannt) wurde im Dezember 1848 zur Versorgung der Straßenbeleuchtung in Augsburg an der Johannes-Haag-Straße in Betrieb genommen. Augsburg war somit nach Nürnberg die zweite Stadt in Bayern, die ein Gaswerk besaß. 15 Jahre später, im Jahr 1863, ging das zweite Gaswerk in Betrieb.

1907 erwarb die Stadt Augsburg die zwei privat betriebenen Gaswerke (sogenannte Kommunalisierung). Sie wurden 1915 vom neuen Gaswerk abgelöst. Dieses entstand in den Jahren 1912 bis 1915 nach den Plänen der Münchner Architekten Gebrüder Rank. Der 1.600 m³ fassende Gasbehälter war der erste vom MAN-Werk Gustavsburg verkaufte Scheibengasbehälter weltweit![1]

Wie durch ein Wunder wurde das Gaswerk im Zweiten Weltkrieg nicht angegriffen und blieb somit unzerstört. 1954 errichtete die MAN den weithin sichtbaren Gaskessel neben den beiden älteren Teleskop-Gasbehältern. Bis 1968 wurde im Gaswerk aus Kohle Stadtgas hergestellt, das dazu diente, Haushalte und Firmen nicht nur in Augsburg, sondern sogar in Kaufbeuren mit Energie zu versorgen.

Von 1963 bis 1978 wurde eine Erdgas-Spaltanlage betrieben, in der Erdgas in Stadtgas umgewandelt wurde.[2] Im Jahr 1978 wurde Augsburg komplett von Stadtgas auf Erdgas umgestellt. Bis 2001 dienten die Gasbehälter zur Spitzengasspeicherung. Seit 2001 ist das Gaswerk, das den Stadtwerken Augsburg gehört, stillgelegt.

Um die Bewahrung des historischen Erbes des denkmalgeschützten Gebäudeensembles und die anschauliche Vermittlung der Industriegeschichte kümmert sich der 2005 gegründete Verein Gaswerksfreunde Augsburg e. V., der regelmäßig Werksführungen anbietet und im Gaswerk ein kleines Museum zur Geschichte der Augsburger Gasversorgung betreibt.

Der Gaskessel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Gaskessel mit vorgelagertem Gasbehälter

Der Augsburger Gaskessel ist ein Scheibengasbehälter. Aufgrund seiner Bauhöhe ist er eine ebenso dominante Landmarke im Norden von Augsburg wie der Augsburger Hotelturm im Süden des Stadtzentrums und das vierthöchste Gebäude der Stadt.

Er besitzt ein Speichervolumen von 100.000 Kubikmeter Gas bei etwa 23 Millibar Druck. Der 20-eckige Gaskessel ist 84,1 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 45 Metern (Umfang 140 m). Die Firma MAN musste in den Jahren 1953 und 1954 rund 1.800 genietete Eisenbleche (Mantelbleche) für den Bau zusammensetzen. Jedes Blech ist 810 mm hoch und zusammengefügt aus 20 Feldern mal 7 m. Für den Bau wurden rund 70.000 Arbeitsstunden benötigt und ca. 60 Personen beschäftigt.

Als Besonderheit wurde das Fundament des eigentlichen Gasbehälters erhöht gebaut, so dass darunter ein großer Raum zur Verfügung steht. Dieser wurde früher als Lager für das Gaswerk verwendet. Heute finden darin immer wieder Veranstaltungen und Konzerte statt.

Um den Außenaufzug herum führt eine Treppe mit 392 Stufen auf das Dach des Gasbehälters. Neben dem Außenaufzug gibt es einen (Seil-)Innenaufzug im Zentrum des Behälters, um zu Wartungs- und Kontrollzwecken auf die Scheibe zu gelangen.

Das Gewicht der Scheibe beträgt mit Abdichtöl 219 Tonnen. Um den notwendigen Gasdruck zu erhalten, ist die Scheibe mit 1.820 Betongewichten belegt, so dass sie brutto 356 Tonnen wiegt. Nach Stilllegung ist die Scheibe auf den Grund des Behalters gelegt worden.

Seit September 2008 ist im Inneren des Gaskessels ein 70 Meter langes Foucaultsches Pendel installiert. Im Sommer 2009 kam die Klanginstallation Bach_10k dazu. 58 Orgelpfeifen geben im extrem langsamen Takt des Pendels Bachs C-Dur-Präludium wieder und machen so den ganzen Gasbehälter zum begehbaren Klangkunstwerk.

Im Sommer 2009 wurde auf dem Gaskessel eine Aussichtsplattform für Besucher eröffnet. Den Besuchern bietet sich beim geführten Aufstieg ein 360°-Rundblick über den Großraum Augsburg. Seit August 2010 kann man sich auch vom Gaskessel abseilen lassen.

Die weiteren Gasbehälter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben dem großen Scheibengasbehälter sind noch zwei Teleskop-Gasbehälter (Glockenbehälter) aus den Jahren 1910 und 1913 erhalten. Diese stehen in von MAN patentierten wassergefüllten Wölbbassins, welche nur noch äußerst selten zu finden sind.

Ebenso existieren noch stillgelegte Hochdruck-Röhrenspeicher sowie die Umhüllung des ersten, 1915 von MAN gebauten Scheibengasbehälters mit 1600 m³ Volumen – sozusagen der kleine Bruder des Gaskessels.

Gaswerksmuseum Augsburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein Gaswerksfreunde Augsburg e.V. (48° 23′ 14″ N, 10° 51′ 56″ O) hat in der ehemaligen Elektro-Zentrale einen Ausstellungsraum über die Geschichte der Augsburger Gasversorgung eingerichtet. Auch zu sehen sind MAN-Dieselmotoren von 1922 und 1958. Die „Ölmaschine“ von 1922 steht ebenfalls unter Denkmalschutz.

Das Museum kann bei Führungen oder auch nach Absprache mit dem Verein besichtigt werden.

Führungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein führt nach Absprache interessierte Gruppen durch die Gebäude des Gaswerks. Zwischen April und Oktober findet jeden Sonntag eine kostenlose Führung durch das Gaswerk statt.

Seit August 2009 ist das Dach des Gaskessels mit einem Zaun gesichert, sodass dieser für Besucher gefahrlos zugänglich ist. Zwischen April und Oktober finden bei gutem Wetter an Sonntagen geführte Aufstiege statt.

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den vergangenen Jahren war das Gelände des Gaswerks immer wieder Ort für verschiedene Veranstaltungen, wie etwa 2005 und 2006 die Musikveranstaltung Popcity oder seit 2011 das Grenzenlos-Festival.

2011 bewarb sich die Stadt Augsburg mit dem Gaswerk als Standort für das Museum der Bayerischen Geschichte, das 2018 eröffnet werden soll.[3][4][5]

Der Umzug des Kulturparks West auf das Gaswerkgelände wird außerdem angedacht. Seit 2008 befinden sich auf diesem Areal unter anderem zwei Liveclubs bzw. Bars, das Kulturhaus Abraxas, sowie diverse vermietbare Räume, die von Künstlern als Proberäume, Ateliers, etc. genutzt werden können. Im Laufe der Jahre entstand so ein sozio-kulturelles Projekt. Da das Areal des Kulturparks West jedoch nur befristet bis Mitte 2017 genutzt werden kann, wird momentan über die alternative Nutzung des Gaswerkgeländes ab diesem Zeitpunkt diskutiert. Mehrere Faktoren werden dabei die Entscheidung beeinflussen: Mögliche Altlasten im Boden und Grundwasser, Schallschutz, Ertüchtigung der Statik oder auch die Umbaukosten für eine kulturelle Nutzung.[6][7]

Im Juni 2014 hat der Kulturausschuss der Stadt Augsburg außerdem die Zukunftswerkstatt Gaswerk beschlossen. Dort können Bürger ihre Wünsche und Bedürfnisse in Bezug auf das Gaswerkareal äußern. [8]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der (ehemalige) kleine Scheiben-Gasbehälter mit 1.600 m³, abgerufen am 31. Januar 2015
  2. Erdgas-Spaltanlage zur Erzeugung von Stadtgas aus Erdgas
  3. Augsburger Allgemeine vom 20. Juli 2011: Ein teurer Schatz – mitten in Augsburg, abgefragt am 4. August 2011
  4. Bewerbungsschrift für das Museum der Bayerischen Geschichte (PDF; 2,8 MB), abgefragt am 4. August 2011
  5. Süddeutsche Zeitung vom 25. Juli 2011: Verkommenes Erbe, abgefragt am 4. August 2011
  6. Augsburger Allgemeine vom 17. Juli 2013: Kulturpark West: Politik treibt den Umzug voran, abgefragt am 12. November 2014
  7. Augsburger Allgemeine vom 21. Januar 2014: Kann der Kulturpark das Gaswerk zu neuem Leben erwecken?, abgefragt am 12. November 2014
  8. Zukunftswerkstatt Gaswerk, abgefragt am 12. November 2014

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gasbehälter Augsburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 48° 23′ 14″ N, 10° 51′ 57″ O