Gaullismus

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Das Lothringerkreuz – seit dem 1. Juli 1940 Symbol des Gaullismus – in Colombey-les-Deux-Églises

Gaullismus ist eine politische Strömung in Frankreich, die von Charles de Gaulle begründet wurde und die einen kulturell konservativen, wirtschaftlich aufgeschlossenen, aber zentralistischen Staat anstrebt. Heute vertritt ein Teil des Parteienbündnisses Les Républicains (bis Mai 2015 Union pour un mouvement populaire), dem auch der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy angehört, die Idee des Gaullismus.

Spricht man bei deutschen Politikern (historisch) vom Gaullismus, meint man damit eine außenpolitische Ausrichtung.

Politische Ideen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Charles de Gaulle 1963

Die politischen Ideen des Gaullismus entwickelte Charles de Gaulle in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ein wichtiger Punkt war zu diesem Zeitpunkt die Wiederherstellung der nationalen Größe des von Deutschland besetzten Frankreich. Von 1959 bis 1969 war de Gaulle der erste Präsident der Fünften Französischen Republik, deren Staatsform er maßgeblich bestimmt hatte.

Der Gaullismus ist grundsätzlich konservativ. Er strebt nach einem zentralistischen Staat und legt Wert auf die internationale Bedeutung Frankreichs. Gaullisten sind in der Regel gemäßigt rechts, sehr patriotisch und stehen der europäischen Integration ambivalent gegenüber.

Im Gaullismus verbinden sich zwei Gegensätze. Einerseits treten seine Unterstützer für soziale und kulturelle Traditionen ein, andererseits zeigen sie sich der wirtschaftlichen und technischen Modernisierung gegenüber aufgeschlossen. Nach dem Ende der Vierten Republik 1958 wurde der Gaullismus in Frankreich zur Gründungsideologie der Fünften Republik.

Parteien des Gaullismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wahlplakat des RPF 1947

Der Gaullismus brachte mehrere Parteien hervor:

  • 1947–1955: Rassemblement du Peuple Français (RPF). Nach der Befreiung gründete de Gaulle das Rassemblement (Sammlung), um das politische Programm umzusetzen, das er in den Reden von Bayeux vorstellt. Nach ersten Erfolgen schnitt die Partei bei den Wahlen schwächer ab als von de Gaulle erhofft, weshalb er sich 1953 zurückzog und das RPF zerfiel.
  • 1958–1962: Union pour la Nouvelle République (UNR). Am 13. Mai 1958 wurde sie auf dem Höhepunkt des Algerienkriegs zur Rückkehr von de Gaulle in Regierungsfunktionen gegründet. Ihre Mitglieder setzten sich hauptsächlich aus Anhängern eines algerischen Staates unter französischer Regie (Algérie Française) zusammen. Als de Gaulle schließlich eine Politik der Selbstbestimmung für Algerien vorstellte, kam es zu Meinungsverschiedenheiten mit Jacques Soustelle. Bedeutende Mitglieder waren Michel Debré und Jacques Chaban-Delmas.
  • 1958–1962: Union Démocratique du Travail (UDT). Diese neue Bewegung vereinigte die linksgerichteten Gaullisten, d. h. diejenigen, die de Gaulle zutrauten, in Algerien einen Frieden auszuhandeln. Bedeutende Mitglieder waren Henri Capitant, Henri Vallon und Léo Hamon.
  • 1962–1967: Nach den Abkommen von Evian und anlässlich der Präsidentschaftskampagne schlossen sich diese beiden Bewegungen unter der Bezeichnung UNR-UDT zusammen.
  • 1967–1976: Zur Wahl 1967 wurde die UNR-UDT durch die Union des Démocrates pour la Ve République (UD-Ve) ersetzt. Diese benannte sich nach den Maiunruhen 1968 in Union pour la défense de la République (UDR) um. Nach dem Rücktritt (1969) und Tod (1970) de Gaulles führte Georges Pompidou die Regierungspartei. Da die V. Republik nicht mehr neu war und auch nicht mehr bedroht erschien, wurde die Partei 1971 in Union des Démocrates pour la République umbenannt, das Akronym UDR blieb dabei erhalten.
Jacques Chirac, Führungsfigur der Neogaullisten (1990)

Zu den bedeutendsten Gaullisten in Frankreich gehören André Malraux (Kulturminister 1959–1969), Michel Debré (Premierminister 1959–1962), Georges Pompidou (Premierminister 1962–1968, Staatspräsident 1969–1974), Jacques Chaban-Delmas (Premierminister 1969–1972). Zu den bedeutendsten „Neogaullisten“ zählen Jacques Chirac (Premierminister 1974–76 und 1986–88; Staatspräsident 1995–2007), Alain Juppé (Premierminister 1995–1997), Dominique de Villepin (Premierminister 2005–2007) und Nicolas Sarkozy (Staatspräsident 2007–2012).

„Gaullismus“ in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland gibt es den Gaullismus im eigentlichen Sinne nicht, aber zu Zeiten de Gaulles hat man auch einige deutsche Politiker als „Gaullisten“ bezeichnet. Gemeint war damit, dass diese Politiker eine engere Anlehnung an Frankreich anstrebten. Das Gegenstück waren die „Atlantiker“, die den Beziehungen zu den USA Vorrang einräumten. Diese Unterscheidung betrifft fast ausschließlich die Unionsparteien. Gaullisten und Atlantiker waren sich einig, dass die USA der wichtigste Bündnispartner für die Bundesrepublik waren, es ging eher um taktische Fragen.

Die Unterscheidung hat auch eine wirtschaftspolitische Komponente. An Frankreich orientierte Gaullisten neigten zu einer Wirtschaftspolitik mit größerem staatlichen Eingreifen (Rheinischer Kapitalismus). Dazu gehörte eine Zollpolitik, die den europäischen Markt abschirmte. Die Atlantiker hingegen sympathisierten mit den Freihandelsideen, wie sie in Großbritannien und den USA stärker anzutreffen sind. Gaullisten waren meist Katholiken, Atlantiker Protestanten.

Ein Problem für die deutschen Gaullisten war es, dass sie ein Interesse an einer starken Europäischen Gemeinschaft hatten. In Frankreich jedoch war es gerade de Gaulle, der sich dagegen aussprach und lieber von einem loseren „Europa der Vaterländer“ sprach.

Bekanntester Gaullist war Bundeskanzler Konrad Adenauer, der sich um den Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrag von 1963 bemühte. Zu nennen sind auch Heinrich Krone und die bayerischen CSU-Politiker Franz Josef Strauß und Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg.[1] Bei den Medien standen die Springer-Blätter, der Rheinische Merkur, die Stuttgarter Nachrichten und die katholische Bildpost auf der gaullistischen Seite.

Dagegen werden Ludwig Erhard, Gerhard Schröder und Kai-Uwe von Hassel, Der Spiegel, der Stern, Die Zeit, das Sonntagsblatt und Christ und Welt eher den Atlantikern zugerechnet.

Der Konflikt zwischen Atlantikern und Gaullisten wurde gegen 1969 durch den Konflikt um die Neue Ostpolitik abgelöst. Zeitgleich trat in Frankreich de Gaulle als Staatspräsident ab.[2]

Peter Scholl-Latour war erklärtermaßen Gaullist (jedoch lehnte er diese Bezeichnung mit dem Verweis auf de Gaulles Tod ab[3]) und betrachtete die politischen Vorgänge auf dem Balkan, in Afrika, im Nahen Osten und Ostasien insbesondere aus der Sicht französischer Machtpolitik.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tim Geiger: Atlantiker gegen Gaullisten. Außenpolitischer Konflikt und innerparteilicher Machtkampf in der CDU/CSU 1958–1969. Oldenburg, München 2008, ISBN 978-3-486-58586-5.
  • Frédéric Turpin: De Gaulle, les gaullistes et l'Indochine 1940–1956, Paris 2005, ISBN 2-84654-099-3.
  • Matthias Waechter: Der Mythos des Gaullismus: Heldenkult, Geschichtspolitik und Ideologie, 1940–1958, Wallstein-Verlag, Göttingen 2006, ISBN 3-8353-0023-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. "Prospects for change in West German foreign policy". Central Intelligence Agency, 6. September 1966, archiviert vom Original am 31. Juli 2012; abgerufen am 29. November 2010.
  2. Peter Hoeres: Rezension: Tim Geiger: Atlantiker gegen Gaullisten, auf: sehepunkte.de..
  3. Phoenix: Unter den Linden vom 7. Mai 2007.