Gender Bias

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Als Gender Bias oder Geschlechtsbezogenen Verzerrungseffekt (von engl. gender = soziales Geschlecht, bias = Ausrichtung, Voreingenommenheit, Tendenz, Vorurteil) bezeichnet man in der Forschung eine Verzerrung der Wirklichkeit durch Formulierungen, gedankliche Annahmen oder statistische Fehler, die zu falschen Darstellungen der tatsächlichen geschlechtsspezifischen Verhältnisse führt.[1]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stereotype Rollenzuweisungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Verzerrungen kann die Zuschreibung von Geschlechterstereotypen führen, deren Geltung im Einzelfall nicht überprüft wird. So werden zum Beispiel Unterschiede in der beobachteten Häufigkeit psychischer Erkrankungen (z. B. Depressionen, ADHS) bei Männern und Frauen auch auf stereotypen Rollenzuweisungen bei der Diagnostik zurückgeführt.[2] Beispielsweise könnte hyperaktives Verhalten bei Mädchen eher als Stärke wahrgenommen werden, während das gleiche Verhalten bei Jungen als Störung wahrgenommen werden könnte.

In patriarchalen Gesellschaften wird der Mann in vielen nicht zwingenden Zusammenhängen unkritisch als Norm wahrgenommen, was zu einer androzentrischen und dadurch zu einer fehlerbehafteten Betrachtungsweise führen kann.

Interferenz geschlechtsspezifischer Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Statistische Fehler im Vergleich der Geschlechter können durch andere, nicht berücksichtigte geschlechterspezifische Eigenschaften entstehen. So werden zum Beispiel epidemiologische Daten, die einen höheren Anteil depressiver Erkrankungen bei Frauen zeigen, auch dadurch erklärt, dass Frauen bei seelischen Problemen schneller professionelle Hilfe aufsuchten, während Männer solche Probleme eher versteckten. Ähnliche Verzerrungen durch einen geschlechtsspezifischen statistischen Deckeneffekt werden bei der unterschiedlichen Geschlechterverteilung von ADHS diskutiert: der biologische Wesensunterschied zwischen Männern und Frauen wird nicht berücksichtigt, somit erfüllen Männer leichter die diagnostischen Kriterien einer "Störung".[3] Auch der unbereinigte Gender-Pay-Gap ist in diesem Sinne von einem statistischen Fehler oder Gender-Bias betroffen.[4][5][6]

Geschlechterbezogene Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Sprachen benutzen kulturbedingt für Aussagen über Menschen und über Männer dieselben Formulierungen: So kann das Wort „der Leser“ sowohl als spezifisches als auch als generisches Maskulinum eingesetzt werden. Im letzteren Falle sind Leserinnen mitgemeint, im Fall eines spezifischen Maskulinums nicht. Ein Gender Bias kann im Deutschen also dadurch entstehen, dass eine als generisches Maskulinum intendierte Formulierung vom Leser oder Hörer als spezifisches Maskulinum interpretiert wird. Neben Bezeichnungen mit geschlechtsbezogener Begriffsgeschichte (der Schmied, die Hebamme) existieren Begriffe wie „man“ oder „dämlich“, die gleichermaßen geschlechtsbezogen interpretiert werden können. In vielen anderen Sprachen wird dieses Problem dadurch verschärft, dass es nur ein Wort für die beiden deutschen Wörter „Mensch“ und „Mann“ gibt.[7][8][9]

Andererseits kann eine Geschlechterinsensibilität häufig sogar positiv als Geschlechterneutralität beabsichtigt sein und tatsächliche Unterschiede bei den sozialen bzw. biologischen Geschlechtern ignorieren. Beispielsweise ist der Begriff „Normalarbeitszeit“ mit einem Genderbias behaftet, als dass er unterschlägt, dass es für die Mehrheit der Frauen mit Kindern in Kulturen mit traditioneller Rollenaufteilung nicht „normal“ ist, einer Vollzeiterwerbstätigkeit nachzugehen.

Übergeneralisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werden Ergebnisse oder Aussagen über ein Geschlecht auf die Allgemeinheit übertragen, kann es zu fehlerhaften Annahmen kommen. So wäre die Verallgemeinerung der Beobachtung, dass sich ein neues Medikament bei einer Stichprobe aus Männern als wirksam erwies fahrlässig, da der gleiche Stoff bei Frauen unwirksam oder gar schädlich wirken könnte. [10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutsche Literatur zum Thema[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Irmtraud Fischer: Gender-faire Exegese: Gesammelte Beiträge zur Reflexion des Genderbias und seiner Auswirkungen in der Übersetzung und Auslegung von biblischen Texten. LIT Verlag Münster, 2004, ISBN 3825872440

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Girod S, Fassiotto M, Grewal D, Ku MC, Sriram N, Nosek BA, Valantine H.: Reducing Implicit Gender Leadership Bias in Academic Medicine With an Educational Intervention. In: Academic Medicine. 91(8):1143–1150. 1. August 2016, abgerufen am 7. Dezember 2017 (englisch).
  2. Depressionen: Frauen erkranken weit häufiger als Männer. In: THIEME Magazin. Abgerufen am 7. Dezember 2017.
  3. Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes Gesundheitliche Lage der Männer in Deutschland. In: Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Robert Koch-Institut, Berlin, 2014, abgerufen am 7. Dezember 2017.
  4. Claudia Finke: Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen 2006 Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2010, vgl. 10.
  5. Gertraude Krell, Renate Ortlieb, Barbara Sieben (Hrsg.): Chancengleichheit durch Personalpolitik. Gleichstellung von Frauen und Männern in Unternehmen und Verwaltungen. 6. Auflage. Springer, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-8349-6838-8, S. 332 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Joachimiak, W.: Frauenverdienste – Männerverdienste: Wie groß ist der Abstand wirklich? Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2013
  7. Wendy Martyna: Beyond the "He/Man" Approach: The Case for Nonsexist Language. In: Signs. 5, Nr. 3, 1980, S. 482–493. doi:10.1086/493733
  8. Mykol C. Hamilton: Using masculine generics: Does generic he increase male bias in the user's imagery? In: Sex Roles. 19. Nr. 11–12, 1988, S. 785–799. doi:10.1007/BF00288993.
  9. Allyson Julé: A Beginner’s Guide to Language and Gender. Multilingual Matters, Buffalo (NY) 2008, ISBN 978-1-84769-056-2, S. 13.
  10. Brigitte Sellach. Uta Enders-Dragässer, Brigitta Kreß: Wissensnetz Gender Mainstreaming für die Bundesverwaltung. Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Frauenforschung e.V., Dezember 2003, abgerufen am 7. Dezember 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]