Giovanni Preziosi

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Giovanni Preziosi (* 28. Oktober 1881 in Torella dei Lombardi, Provinz Avellino; † 26. April 1945 in Mailand) war ein italienischer faschistischer Politiker und einflussreicher Antisemit. Der Historiker Renzo De Felice nennt ihn „vielleicht den einzigen echten und kohärenten italienischen Antisemiten des 20. Jahrhunderts.“[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abschiedsbrief von Giovanni Preziosi, vor seinem Selbstmord verfasst.

Preziosi entstammte einer Familie von Landwirten. Nach seinem Schulabschluss wurde er Priester und wurde 1911 im Hinblick auf seine bevorstehende Heirat in den Laienstand zurückversetzt, blieb jedoch sein Leben lang ein Anhänger des konservativen Katholizismus. Er wurde ein Anhänger von Benito Mussolini und nahm 1922 am Marsch auf Rom teil. Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs verstärkte sich sein Antisemitismus, wobei er den Juden „doppelte Loyalität“ vorwarf. Er übersetzte als erster die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion ins Italienische. In der von ihm gegründeten Zeitschrift La vita italiana, die bis 1943 erschien, führte er heftige Angriffe gegen die Banca Commerciale Italiana, weil unter ihren Geschäftsführern Otto Joel und weitere Juden zu finden waren.

In seiner Jugend entwickelte er eine starke Germanophobie und veröffentlichte 1916 sogar ein Buch mit dem Titel Germania alla Conquista dell'Italia („Deutschland bei der Eroberung Italiens“). Er war zunächst auch ein Gegner des Nationalsozialismus, dem er Beschränktheit vorwarf und die Verantwortung zuschob, Europa in die Arme des Kommunismus zu treiben. Nach der Machtergreifung Hitlers befürwortete er jedoch eine enge Zusammenarbeit mit Nazideutschland und kritisierte gelegentlich den italienischen Faschismus wegen angeblich ungenügender antijüdischer Maßnahmen. Nach der Verabschiedung der italienischen Rassengesetze erschienen seine Artikel in landesweit vertriebenen Zeitungen und erreichten somit ein breiteres Publikum. Zu Beginn der Italienischen Sozialrepublik hielt er sich in Deutschland auf und beriet Adolf Hitler in italienischen Angelegenheiten. In dieser Zeit gab es auf dem Reichssender München auch ein Programm von ihm, das in Mussolinis Italien zu hören war und in dem Guido Buffarini-Guidi und Alessandro Pavolini als „Judenfreunde“ angegriffen wurden.

Im März 1944 kehrte Preziosi nach Italien zurück und errichtete als Ispettore Generale per la Razza (Generalinspektor für die Rasseangelegenheiten) ein System von Einschränkungen, das nach dem Vorbild der Nürnberger Gesetze aufgebaut war.[2] Führende Faschisten und Nationalsozialisten hielten Preziosi für unfähig, und Mussolini hegte seit langem einen persönlichen Hass gegen ihn, doch durch seine Bemühungen wurde sichergestellt, dass sich der italienische Marionettenstaat an den Maßnahmen des Holocaust beteiligte. Kurz vor Kriegsende beging er Suizid, indem er sich zusammen mit seiner Frau aus dem vierten Stock eines Hauses in Mailand stürzte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lutz Klinkhammer: Zwischen Bündnis und Besatzung: das nationalsozialistische Deutschland und die Republik von Salò 1943 - 1945. Verlag Niemeyer, Tübingen 1993, ISBN 3-484-82075-6
  • Thomas Schlemmer und Hans Woller: Der italienische Faschismus und die Juden 1922 bis 1945, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Heft 2/2005, S. 164–201, online auf: [1] (PDF; 8,2 MB)
  • Martin Finkenberger: Preziosi, Giovanni, in: Handbuch des Antisemitismus, Band 2/2, 2009, S. 654f.
  • Richard S. Levy: (Hrsg.): Antisemitism - A Historical Encyclopedia of Prejudice and Persecution. Santa Barbara: abc clio, 2005. Band 2, S. 556 f.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Renzo De Felice: Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo, Einaudi, 1961, S. 9.
  2. Giorgio Bassani: Die Brille mit dem Goldrand (Anmerkungen des Verlags Klaus Wagenbach), Berlin, 1. Auflage 2007, ISBN 9783803112422, S. 137.