Gottkomplex

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Gottkomplex (auch Gott-Komplex, Gotteskomplex oder Gottmensch-Komplex; englisch god complex) ist eine populärpsychologische Bezeichnung für die unerschütterliche Selbstwahrnehmung eines Menschen, der glaubt, aufgrund von persönlichen Fähigkeiten, Privilegien oder seiner Unfehlbarkeit gottgleich zu sein oder gottgleich zu handeln.

Gottkomplex ist kein medizinischer Begriff.

Begriffsbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff wurde 1913 von dem britischen Psychoanalytiker Ernest Jones (1879–1958) in dem Aufsatz The God Complex: The Belief That One is God and the Resulting Character Traits (deutscher Titel: Der Gottmensch-Komplex: Der Glaube, Gott zu sein, und die daraus folgenden Charaktermerkmale) geprägt.[1] Jones bezog diesen Begriff u. a. auf Personen, die sich in dieser Rolle sehen und deshalb einen besonderen Drang haben, als Psychologe und/oder Psychiater in das Leben anderer einzugreifen.[2][3]

Ernest Jones schrieb: „Eine solche megalomanische Phantasie wäre kaum verständlich, wenn wir nicht wüßten, wie eng die Vorstellungen von Gott und Vater zusammenhängen, so eng, daß, vom rein psychologischen Standpunkt aus, die erste einfach als vergrößerte, idealisierte und projizierte Form der zweiten angesehen werden kann.“[1] Eine Identifizierung des eigenen Ich „mit dem geliebten Objekt“ begegne „in einem gewissen Ausmaß bei jeder Neigung“ und sei „ein regelmäßiger Bestandteil des Verhaltens eines Knaben seinem Vater gegenüber“. Der stelle sich vor, der Vater zu sein und ahme ihn nach, so dass es „nur natürlich“ sei, wenn „ein ähnliches Verhalten sich in bezug auf den vollkommeneren himmlischen Vater“ entwickle. Das werde „direkt eingeschärft sowohl in der religiösen Lehre, daß man danach streben soll, dem göttlichen Vorbild so ähnlich als möglich zu werden (d. h. es nachzuahmen), als auch in dem Glaubenssatz, daß jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist und den göttlichen Geist in sich“ trage. „Der Übergang von gehorsamer Nachahmung zur Identifizierung“ gehe oft schnell vor sich und im Unbewussten komme „praktisch beides auf das Gleiche hinaus“.[1]

Später wurde die Begriffsverwendung verallgemeinert.[4]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Person mit Gottkomplex kann sich beispielsweise weigern, die Möglichkeit ihres Irrtums oder Versagens zuzulassen oder zuzugeben, sogar angesichts unwiderlegbarer Beweise, unlösbarer Probleme oder unmöglicher Aufgaben. Eine solche Person ist auch extrem dogmatisch in ihren Ansichten, was sich darin äußert, dass diese Person von ihren persönlichen Meinungen spricht, als ob sie zweifellos richtig seien.[5] Jemand mit einem Gottkomplex zeigt beispielsweise keine Rücksicht auf die Konventionen und Forderungen der Gesellschaft und kann besondere persönliche Erwägungen oder Privilegien verlangen.[5]

Dabei sind in dem Charakter und Verhalten oft Narzissmus, vermeintliche Unfehlbarkeit im Denken und Handeln, Selbstüberschätzung, Realitätsverlust (bzw. fehlender Realitätsbezug) und dogmatisches Denken, also der allgemeine Glaube, die einzigen, richtigen Werte und Ideale zu vertreten, zu erkennen.[6][7]

Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gottkomplex stellt keinen medizinischen Begriff oder diagnostizierte psychische Störung dar und wird auch nicht im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) erwähnt.

Verwendung in der Popkultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Gottkomplex wird in dem Song Sugar, We’re Going Down von Fall Out Boy erwähnt: „A loaded god complex, cock it and pull it“.[8]
  • God Complex ist der Titel einer Comic-Geschichte (Iron Man/Thor Nr. 1–4; 2011) mit den Marvelhelden Thor und Iron Man.
  • Gottkomplex ist der Titel eines Albums des deutschen Rappers 3Plusss.[9]
  • Der Charakter Light Yagami aus Death Note entwickelt durch das Benutzen des Death Notes einen Gottkomplex.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ernest Jones: The God Complex: The Belief That One is God and the Resulting Character Traits. In: Essays In Applied Psycho-Analysis (= The International Psycho-Analytical Library. Nr. 5). The International Psycho-Analytical Press, London, Wien 1923, S. 204–226 (archive.org [abgerufen am 17. Januar 2023] zuerst unter dem Titel: Der Gottmensch-Komplex: Der Glaube, Gott zu sein, und die daraus folgenden Charaktermerkmale. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 1913, Nr. 4, Band 1, S. 313–329 online).
  • Horst-Eberhard Richter: Der Gotteskomplex. Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen. Psychosozial-Verlag, Gießen 2012, ISBN 978-3-8379-2214-1 (erste Auflage: Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1979, ISBN 978-3-498-05687-2).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • McLemee.com (Memento vom 24. Juni 2015 im Internet Archive) – The Shrink with a God Complex. Ronald Hayman: A Life of Jung, Newsday, 22. April 2001.
  • News-Service.Stanford.eduDid Caligula have a God complex? Stanford, Oxford archaeologists find evidence that depraved tyrant annexed sacred temple, John Sanford, 10. September 2003.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Ernest Jones: The God Complex: The Belief That One is God and the Resulting Character Traits. In: Essays In Applied Psycho-Analysis (= The International Psycho-Analytical Library. Nr. 5). The International Psycho-Analytical Press, London, Wien 1923, S. 204–226 (archive.org [abgerufen am 17. Januar 2023] zuerst unter dem Titel: Der Gottmensch-Komplex: Der Glaube, Gott zu sein, und die daraus folgenden Charaktermerkmale. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 1913, Nr. 4, Band 1, S. 313–329 online).
  2. Judd Marmor: Psychiatry in Transition. Transaction Publishers, 1994, ISBN 978-1-4128-3225-0, S. 279 (google.com).
  3. Bryan M. Knight: Love, Sex & Hypnosis: Secrets of Psychotherapy. The Chessnut Press, 1992, ISBN 978-0-919848-08-5, S. 41 (google.com).
  4. Salman Akhtar: Comprehensive Dictionary of Psychoanalysis. Karnac Books, 2009, ISBN 978-1-78049-303-9, S. 123 (google.com).
  5. a b Benjamin J. Sadock: Modern Group Book, volume 4: Sensitivity through encounter and marathon. J. Aronson, 1972.
  6. Ernest Jones: Der Gottmensch-Komplex: Der Glaube, Gott zu sein, und die daraus folgenden Charaktermerkmale. In: Eine Zeitschrift für Psychologische und Medizinische Menschenkunde. Band 12. Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1958, S. 17.
  7. Kaplan, Harold I.; Benjamin J. Sadock: Sensitivity through encounter and marathon. In: Modern Group Book. Band 4, 1972.
  8. Fall Out Boy: Sugar, We’re Going Down (5. April 2005)
  9. Alexander Austel: 3PLUSSS – Gottkomplex. In: laut.de. 11. November 2016, abgerufen am 9. Juni 2017.
  10. Death Note in der Animenacht. ProSieben MAXX, abgerufen am 9. Juni 2017.