Otto Glagau

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Otto Glagau (Mitte) und weitere Antisemiten der „Berliner Bewegung“, ca. 1880

Otto Glagau (* 16. Januar 1834 im Kreis Fischhausen, Ostpreußen, Königreich Preußen; † 2. März 1892 in Berlin, Deutsches Reich) war ein deutscher Publizist in Berlin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Otto Glagau stammte aus einer Familie im Samland in Ostpreußen.[1] Er studierte Philologie und Philosophie wahrscheinlich in Königsberg und war danach als Hauslehrer tätig.[2]

1863 kam er nach Berlin und war dort als Publizist tätig. Er schrieb für die liberale Berliner Nationalzeitung bis 1871.

Börsenverluste 1873[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1873 verlor Otto Glagau eine große Summe Geldes, die er in Aktien des Lindenbauvereins angelegt hatte, durch den „Gründerkrach“. Danach recherchierte er intensiv zu diesen Ereignissen. Er verfasste zunächst ein Theaterstück zu diesem Thema, das jedoch von den meisten Bühnen abgelehnt wurde. 1874/75 veröffentlichte er eine Artikelserie in der bekannten Familienzeitschrift Die Gartenlaube, die eine große Resonanz fand. 1876/77 veröffentlichte er zwei Bände Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin. Darin analysierte er sehr detailliert einzelne Aktien-Unternehmen und ihre Rolle beim Börsencrash. Er suchte Schuldige und polemisierte stark.

Antisemitismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einen erheblichen Teil der Schuld trügen seiner Meinung nach dabei jüdische Unternehmer, über die er in einigen wenigen Formulierungen scharf urteilt.

„dass ein heimatloses Volk, eine physisch wie psychisch entschieden degenerierte Race, blos durch List und Schlauheit, durch Wucher und Schacher, über den Erdkreis gebietet. (...) Vom getauften Minister bis zum polnischen Schnorrer bilden sie eine einzige Kette, machen sie, fest geschlossen, bei jeder Gelegenheit Front gegen die Christen.[3]

Bereits 1869 hatte er sich abfällig über Ostjuden in Litauen geäußert.[4] Seine Einstellung zu Juden in der Geschäftswelt hatte sich nach seinen finanziellen Verlusten 1873 noch erheblich verschlechtert, da die Unternehmer des Lindenbauvereins wie auch die meisten anderen Verursacher der Spekulationen und des Börsenkrachs 1873 jüdisch waren. Er setzte sie seitdem mit Wirtschaftsliberalismus und Kapitalismus gleich und machte sie für die Wirtschaftskrise und den moralisch-kulturellen Verfall Deutschlands verantwortlich.

In späteren Veröffentlichungen sowie in seiner Zeitschrift Der Kulturkämpfer (1880–1888) setzte Glagau diese Angriffe fort. So prägte er den Slogan „die soziale Frage ist die Judenfrage“, der noch in den 1930er Jahren propagiert wurde. Im April 1883 leitete er den zweiten Internationalen Antijüdischen Kongress in Chemnitz.

Otto Glagau beförderte den Antisemitismus in seiner Zeit durch seine einfach verständlichen Schriften wahrscheinlich mehr als die bekannten Theoretiker Eugen Dühring, Wilhelm Marr und Paul de Lagarde.[5]

Otto Glagau starb 1892 im Alter von 58 Jahren in Berlin.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fritz Reuter und seine Dichtungen, Berlin 1866
  • Spaziergänge durch Lauenburg und Lübeck, Berlin 1866
  • Littauen und die Littauer, Tilsit 1869
  • Lied über den neuen deutschen Kaiser, Vahlen, Berlin, 1871, 16 Seiten
  • Die russische Literatur und Iwan Turgeniew, Gebrüder Paetel, Berlin 1872
  • Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin, 2 Bände, Leipzig 1876, 1877
  • Aktien, Historisches Schauspiel, Leipzig 1877
  • Der Bankerott des Nationalliberalismus und die ‚Reaction‘, Berlin 1878
  • Deutsches Handwerk und historisches Bürgerthum, Osnabrück 1879 Digitalisat
  • Des Reiches Noth und der neue Culturkampf, Wehlen Osnabrück 1879 Auszüge
  • Liberale Freiheiten, Osnabrück 1879 (Auszug aus Des Reiches Noth und der neue Culturkampf)
  • Der Kulturkämpfer. Zeitschrift für öffentliche Angelegenheiten, Berlin, 1880–1888

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Biographische Angaben
  • Daniela Weiland: Otto Glagau und "Der Kulturkämpfer". Zur Entstehung des modernen Antisemitismus im frühen Kaiserreich (= Dokumente, Texte, Materialien/Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin; 53), Metropol-Verlag, Berlin 2004. ISBN 3-936411-44-1, wichtigste Publikation über Otto Glagau
  • Petra Rentrop: Glagau, Otto, in: Handbuch des Antisemitismus, Band 2/1, 2009, S. 284 f.
  • Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten. Band 2. Leipzig 1913. S. 376, mit sehr kurzen biographischen Angaben

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wikisource: Otto Glagau – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Familie Glagau Gedbas; Otto Glagau wurde dort nicht erwähnt; Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten, Band 2, Leipzig 1913, S. 376, nannte als Geburtsort Fischhausen, gemeint war wahrscheinlich der Kreis Fischhausen, da die gesamte Familie in den Dörfern der Umgebung lebte, im Ort Fischhausen aber niemand
  2. Anna Rothfuss: Korruption im Kaiserreich. Skandale und Debatten zwischen 1871 und 1914. Göttingen 2009, S. 94f., mit einigen kurzen biographischen Angaben
  3. Micha Brumlik: Antisemitismus. 100 Seiten. Reclam, Ditzingen 2020, S. 53; es müsste überprüft werden, ob dieses Zitat aus diesem Werk oder aus einer späteren Schrift stammt!
  4. Litauen, 1869, vgl. Richard S. Levy: Antisemitism: A Historical Encyclopedia of Prejudice and Persecution. Band 1, Santa Barbara 2005, S. 276
  5. Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 6. Publikationen. Walter de Gruyter 2013. S. 225; betont die erhebliche Rolle, die Glagau wahrscheinlich für die Verstärkung dieser Ideen hatte, der Vergleich mit den Theoretikern ist aber aus einem anderen Buch