Hannah Höch

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Chris Lebeau: Porträt Hanna Höch (1933)

Hannah Höch, eigentl. Anna Therese Johanne Höch, (* 1. November 1889 in Gotha; † 31. Mai 1978 in West-Berlin) war eine deutsche Grafikerin und Collagekünstlerin des Dadaismus.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Höch war die Tochter eines Versicherungsangestellten, ihre Mutter war Hobbymalerin. Sie besuchte von 1896 bis 1904 die Höhere Töchterschule in Gotha. Mit 15 Jahren musste sie die Schule abbrechen, um sich um ihre Geschwister zu kümmern.

1912 immatrikulierte sich Höch an der Kunstgewerbeschule in Berlin und emanzipierte sich so von ihrem kleinbürgerlichen Elternhaus.[1] Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, reiste Höch nach Köln, um eine große Werkbund-Ausstellung zu besichtigen. Im darauf folgenden Jahr wurde sie an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin Schülerin von Emil Orlik. Dort lernte sie 1915 den bereits verheirateten Raoul Hausmann kennen und ging mit ihm eine Liebesbeziehung ein, die sieben Jahre dauerte. Lange wurde Höch als Frau in der Kunst vor allem als Dadaistin an Hausmanns Seite und nicht als eigenständige Künstlerin gesehen.[1] Mit ihm entwickelte sie stilistisch die Fotomontage. In den Jahren 1916 bis 1926 war sie für den Ullstein Verlag tätig, meist für die Zeitschriftenverlage. Über Hausmann lernte sie 1917 die dadaistischen Zirkel Berlins kennen. 1919 stand sie in einer Dada-Revue mit einer Kinderpistole und Topfdeckeln auf der Bühne.[1] 1920 nahm sie an der Ersten Internationalen Dada-Messe teil und wirkte ab diesem Jahr bei den jährlichen Ausstellungen der Novembergruppe mit. Im selben Jahr noch besuchte sie zusammen mit Hausmann die Dadaisten in Prag. Im Frühjahr 1921 trennte sich Höch von Hausmann. Dieser rief ihr nach der Trennung hinterher, sie sei nie „Mitglied des Clubs“ gewesen.[1] Höch sagte später, durchaus selbstkritisch: „Wenn ich nicht viel meiner Zeit dafür aufgewendet hätte, mich um ihn zu kümmern und ihn zu ermutigen, hätte ich selbst mehr erreicht.“[1]

Internationaler Kongress progressiver Künstler, 1922
Nelly van Doesburg, Piet Mondrian und Hanna Höch im Studio von Theo van Doesburg, April 1924
Berliner Gedenktafel, Büsingstraße 16, in Berlin-Friedenau
Berliner Gedenktafel an ihrem Haus in Berlin-Heiligensee

1924 reiste sie zum ersten Mal nach Paris. Auf der Rückreise besuchte sie Piet Mondrian und seine Gruppe De Stijl. Die Sowjetunion ermöglichte Höch 1924, an einer Ausstellung teilzunehmen. Die Deutsche Kunstgemeinschaft in Berlin lud sie 1925 zu einer Ausstellung ein. 1926 lernte sie die holländische Schriftstellerin Til Brugman kennen, in die sie sich verliebte und mit der sie 1929 in Den Haag und dann bis 1936 in Berlin zusammen lebte und arbeitete. Ihr gemeinsames erstes Buch Scheingehacktes erschien 1935 in der Rabenpresse von Victor Otto Stomps. Avantgardisten wie Theo van Doesburg und Kurt Schwitters äußerten sich teilweise ablehnend über diese gleichgeschlechtliche Beziehung.

Wohnhaus von Hannah Höch, 1939–1978, in Berlin-Heiligensee
Hanna Höchs Grabstätte

1932 bekam Höch die Möglichkeit, in den USA auszustellen. In den Jahren 1933 bis 1945 galt Höchs Werk als „entartet“ und war mit einem Ausstellungsverbot belegt. Bis 1938 bestritt sie ihren Lebensunterhalt mit Entwürfen zu Schutzumschlägen für Romane, die im Zeitschriftenverlag A.G. (Z.A.G.) erschienen. Der Verleger dieser Bücher war ihr holländischer Freund Anthon Bakels, der ihr auch eine lebensrettende Operation im Jahr 1934 bezahlte.

Irgendwann zwischen 1935 und 1937 trennte sich Höch von Brugman. 1938 heiratete sie den 21 Jahre jüngeren Handelsvertreter Kurt Heinz Matthies, von dem sie 1944 geschieden wurde; mit ihm war sie teilweise monatelang kreuz und quer durch das nationalsozialistische Deutschland, auch im benachbarten Ausland (z. B. Holland) unterwegs. Stationen, Erlebnisse usw. während dieser Autofahrten, teilweise mit einem Wohnanhänger, hat sie in Terminkalendern stichwortartig festgehalten und so u. a. ihr Erleben der Novemberpogrome 1938 oder des deutschen Überfalls auf Polen dokumentiert.[2]

Höchs späte Werke, darunter Am Tränenpfuhl (1956) und Ausmontierte Seelen (1958), „strahlen die grelle Künstlichkeit von Autolack, Folien oder Plastik aus.“.[1]

1965 wurde sie an die Akademie der Künste in Berlin berufen. Hannah Höch war Mitglied im Deutschen Künstlerbund.[3]

Am 31. Mai 1978 starb Hannah Höch im Alter von 88 Jahren in Berlin: beigesetzt wurde sie auf dem landeseigenen Friedhof Heiligensee. Die Grabstätte in der Abt. 19 UR-6-15 gehört zu den Ehrengräbern des Landes Berlin.

Nachlass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

H. Höch hinterließ ein umfangreiches künstlerisches Werk, das stilistisch sehr vielfältig ist. Ihr gesamtes Schaffen kommentierte Höch mit den Worten: „Ich habe alles gemacht und mich um Handschrift und Merkmal nie gekümmert.“

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke in der Berliner Dada-Messe 1920
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  • 1919: Schnitt mit dem Küchenmesser. Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands, Neue Nationalgalerie, Berlin. In diesem fast einen Quadratmeter großen, durchkomponierten Wimmelbild montierte Höch aus Schnipseln aus Magazinen und Zeitungen Buchstaben und Wortfetzen wie anti oder dada zwischen die abgebildeten Maschinen- und Körperteile.[1] So zerfällt das Ganze in viele Perspektiven.[1]
  • 1921: Mensch und Maschine, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Gm 1943, Öl auf Leinwand, 107 cm × 85 cm
  • 1922: Collage
  • 1926: Aus einem ethnographischen Museum, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hz 6899 (Leihgabe aus dem Nachlass), Collagen.
  • 1936: Herbst im Berliner Volkspark Jungfernheide, Öl auf Leinwand, Darmstadt, Hessisches Landesmuseum, Stiftung aus Privatbesitz 2012.[4]
  • 1945: Bilderbuch

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Der archaische Erzengel von Heiligensee“ von Siegfried Kühl zu Ehren Hannah Höchs am Großen Malchsee in Berlin-Tegel

Bei der nachmals berühmten „Dada-Messe“ von 1920 war die Künstlerin unter anderem mit der 1919 geschaffenen Montage Schnitt mit dem Küchenmesser. Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands vertreten. Dieses komplexe Tafelbild, später zu einer Art Ikone des Dadaismus avanciert, unterzog die Kunsthistorikerin Jula Dech sechzig Jahre später einer umfangreichen Untersuchung, indem sie nahezu alle einzelnen Montageelemente systematisch auf den Kontext ihrer medialen Herkunft zurückführte. Mit dieser ihrer Dekonstruktion, als Überarbeitung 1993 in der von Klaus Herding herausgegebenen Taschenbuch-Reihe Kunststück (s. Literatur) erschienen, setzte die Autorin einen neuen methodischen Standard für den Zugang zur Montage allgemein und für den zum dadaistischen Werk Hannah Höchs im Besonderen.

Von Erben der Künstlerin mit einer ersten Sichtung ihres bildnerischen Nachlasses betraut, veranstaltete Jula Dech (zusammen mit Ellen Maurer) aus Anlass von Hannah Höchs 100. Geburtstag Ende 1989 einen ersten Kongress zu ihrem Werk in der Berliner Akademie der Künste. Bei diesem Symposion setzten sich Höch- und DADA-Spezialistinnen und -Spezialisten aus Europa und den USA sowohl analytisch-kunsthistorisch als auch künstlerisch-praktisch mit dem Werk der Künstlerin auseinander – umfassend dokumentiert in dem von Dech/Maurer herausgegebenen Band Dada zwischen-reden zu Hannah Höch.

Seit 1996 wird vom Land Berlin der mit 15.000 EUR dotierte Hannah-Höch-Preis für ein hervorragendes künstlerisches Lebenswerk verliehen.[5]

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hannah Höch (= Kunstblätter der Galerie Nierendorf 33), Berlin 1975.
  • G. Jula Dech: Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands (= Form und Interesse. Band 3). Lit-Verlag, Münster 1981.
  • G. Jula Dech, mit Ellen Maurer (Hrsg.): Da-da zwischen Reden zu Hannah Höch, Dokumentation des Höch-Kongresses 1989 in der Akademie der Künste Berlin, in der Reihe Der andere Blick.
  • G. Jula Dech: Hannah Höch. Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-596-23970-2. Orlanda Frauenverlag, Berlin 1991, ISBN 3-922166-41-5.
  • Hannah Höch, Hrsg. Kamen Pawlow, Museen der Stadt Gotha. Verlag der Buchhandlung Ulenspiegel / Bücherstube Hannah Höch, Fulda/Gotha 1993. ISBN 3-9801740-7-7.
  • Ursula Peters, Andrea Legde: Moderne Zeiten. Die Sammlung zum 20. Jahrhundert (= Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum; Bd. 3). Nürnberg 2000, insbesondere S. 112–120 passim
  • G. Jula Dech: Sieben Blicke auf Hannah Höch, Edition Nautilus, Hamburg 2003, ISBN 3-89401-401-6.
  • Hannah Höch, Gunda Luyken: Album. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2004, ISBN 3-7757-1427-8 (Höchs Materialsammlung aus den Jahren 1925/26).
  • Wolfgang Maier-Preusker, in: Buch- und Mappenwerke mit Grafik des Deutschen Expressionismus, Ausstellungskatalog für die Hansestadt Wismar. Wien 2006, ISBN 3-900208-37-9.
  • Hanna Höch. Aller Anfang ist DADA! Hrsg. Berlinische Galerie. Hatje-Cantz, Ostfildern 2007.
  • Hanna Höch: Bilderbuch. mit einem Nachwort von Gunda Luyken. The Green Box, Berlin 2008, ISBN 978-3-908175-35-3.
  • Alma-Elisa Kittner: Visuelle Autobiographien. Sammeln als Selbstentwurf bei Hannah Höch, Sophie Calle und Annette Messager. Transcript, Berlin 2009, ISBN 978-3-89942-872-8.
  • Cara Schweitzer: Schrankenlose Freiheit für Hannah Höch. Das Leben einer Künstlerin. 1889–1978. Osburg-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-940731-64-7.
  • Karoline Künkler: Hannah Höch und Raoul Hausmann, in: Karoline Künkler: Aus den Dunkelkammern der Moderne, S. 402-509, Hrsg. Anne-Kathrin Reulecke und Ulrike Vedder. Böhlau Verlag Köln / Weimar / Wien, 2012. ISBN 978-3-412-18005-8.
  • Karoline Hille: Hanna Höch: Die Zwanziger Jahre: Kunst.Liebe.Freundschaft. edition ebersbach, Berlin/ Dortmund 2014, ISBN 978-3-86915-095-6.
  • Hannah Höch, Hrsg. Dawn Ades, Emily Butler und Daniel F. Herrmann, Whitechapel Gallery, London. Prestel Verlag München / London / New York, 2014. ISBN 978-3-7913-5343-2.
  • Thomas Hatry: Z.A.G. Hannah verdient sich ihre Brötchen. Bibliografie der im Zeitschriftenverlag AG erschienenen Romane 1932–1942. Heidelberg, 2015.
  • Vorhang auf für Hannah Höch, Katalog zur Ausstellung im Kunsthaus Stade, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2015, ISBN 978-3-7319-0313-0.
Hörspiel

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hannah Höch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: Hannah Höch – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h Catrin Lorch: Minas Manifest. Ausstellungen und Bücher feiern die Dada-Frauen. Endlich, denn erst so wird die ganze Bewegung sichtbar., in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 30, 6./7. Februar 2016, S. 17.
  2. a b Deutschlandfunk.de, 21. März 2015: Hörspiel am Samstag
  3. kuenstlerbund.de: Ordentliche Mitglieder des Deutschen Künstlerbundes seit der Gründung 1903 / Höch, Hannah (abgerufen am 26. August 2015)
  4. Abbildung des Gemäldes und Erläuterungen dazu, www.hlmd.de, abgerufen am 14. Februar 2016.
  5. Projektförderung und Künstlerförderung der Berliner Kulturverwaltung (Memento vom 15. Januar 2010 im Internet Archive)
  6. Mitteilung des Kunstmuseums Stade zur Ausstellung, www.museen-stade.de, abgerufen am 16. Februar 2016.
  7. Mitteilung zur Ausstellung, www.kunsthalle-mannheim.de, abgerufen am 14. Februar 2016.