Herr Paul

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Herr Paul ist ein Drama von Tankred Dorst, das am 16. Februar 1994 unter der Regie von Jossi Wieler mit Peter Roggisch in der Titelrolle im Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt wurde.[1]

Herr Paul, als Gegenfigur zu Arno im Mosch und zu Heinrich auf dem Chimborazo bekannt, rückt in den Mittelpunkt von Dorsts psychologischer Analyse.[2] Der Autobiograph Tankred Dorst schreibt zudem ein Kapitel seiner Familiengeschichte: In den 1950er Jahren scheitert er beim Wiederaufbau der Wuppertaler Fabrik seines Großvaters und wird fortan „Schreibender“.[3] Unter dem jungen ostdeutschen Helm (siehe unten) muss sich der Zuschauer also den Verfasser vorstellen.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bewohner des Vorderhauses – allen voran Frau Pisulski – haben zwei alte Leute, den Herrn Paul und dessen Schwester Fräulein Luise Paul, in das Hinterhaus, eine stillgelegte alte Seifenfabrik, verdrängt. Herr Paul ist verheiratet, lebt aber seit dem Tag der Hochzeit von seiner Gattin getrennt. Der junge Helm, Erbe dieser Fabrik, tritt einer Terminsache wegen auf den Plan. Helm hat einen Geldgeber – Herrn Schwarzbeck – an der Hand, der den Ausbau des alten Fabrikgebäudes zu einer Wäscherei finanzieren will; vorausgesetzt, die beiden Pauls ziehen schleunigst aus der Fabrik aus. Herr Paul sträubt sich und unterschreibt den vom jungen Helm vorbereiteten diesbezüglichen Vertrag nicht ohne Weiteres. In seinen Ausflüchten kommt Herr Paul immer wieder auf die Historie zurück; auf Helms Großvater, den früheren Inhaber der Seifenfabrik. Herr Paul ist dem Anschein nach nie bei der Sache, sobald Helm die Sprache auf das Wesentliche bringt. Der junge Helm hat über weite Strecken mit Herrn Paul eine Engelsgeduld. Helms Tante, so bringt der gut unterrichtete künftige Jungunternehmer in Erinnerung, habe Herrn Paul mitsamt Schwester jahrzehntelang mietfrei wohnen lassen. Der junge Mann muss Herrn Pauls Unterschrift rasch haben, weil sonst Herr Schwarzbeck das Geld anderweitig anlegen könnte. Schwarzbeck nennt die alte Fabrik zwar eine Klitsche, liebäugelt aber mit ihrer günstigen Lage.

Als Herr Paul, starrsinnig, wie er ist, wieder einmal in seiner Manier vom Thema ablenkt, platzt dem jungen Helm zum ersten Mal der Kragen. Helm wirft Herrn Paul vor, er, der Alte, nehme ihm, dem Jungen, den Platz weg. Herrn Paul und dessen Schwester nennt der junge Fabrikbesitzer auf einmal Schmarotzer. Luise Paul kann sich nicht wehren. Während eines Großteils der Handlung – fast über einen ganzen langen Abend hinweg – hat sie eine Freikarte für eine Aufführung der Oper „Aida“. Luise kommt also recht spät heim. Ihre Bemerkungen dann – in Unkenntnis der Vorgänge während ihrer Abwesenheit – erheitern den Zuschauer.

Bis zur Ankunft seiner Schwester bleibt Herr Paul in jeder Hinsicht ein unbequemer Verhandlungspartner. Als Helm auf das leidige Thema „Ihre Unterschrift noch an diesem Abend bitte“ zurückkommt, fällt ihm Herr Paul herrisch mit seinem Standardspruch ins Wort: „Wer lebt, stört!“[4] und verlässt seinen engeren Wohnbereich. Mit einem Stuhl in der Hand droht er einen Marsch durch das Regenwetter zum Bahnhof an und will die Nacht im Wartesaal verbringen. Das erweist sich als eine weitere Ausflucht Herrn Pauls. Während der vergangenen Jahrzehnte hat er nämlich sein Domizil nie verlassen. Der schlaue Herr Paul bleibt auch diesmal seiner Gewohnheit treu; hält sich in einem Nebengelass des unübersichtlichen Wohnumfeldes auf und wartet ab.

Als Luise endlich heimkommt, unterschreibt Herr Paul zu Luises Entsetzen doch, verzehrt aber das Vertragspapier bis auf den letzten Fetzen, bevor Helm einschreiten kann. Helm zerhackt darauf Herrn Paul mit dem Beil und wirft die Stücke in einen dunklen Nebenraum. Als Herr Paul dann – wie von Geisterhand ordentlich zusammengesetzt – in der Tür erscheint, fällt Helm in Ohnmacht. Der Gegner ist partout nicht kleinzukriegen.

Herr Schwarzbeck und Helm hatten während Luises Opernbesuch die Wohnungseinrichtung bei ihren abendlichen Vermessungsaktionen ein wenig umsortiert. Luise bringt alles rasch wieder in Ordnung und erklärt Helms Wäschereiprojekt für de facto gescheitert. Das alte Fräulein macht sich ernsthaft Gedanken über Helms berufliche Karriere. Etwa Fremdenführer oder auch Schaffner wären Berufe, bei deren Ausübung man sicherlich nicht sehr viel falsch machen kann.

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das archaische Finale – Herr Paul lässt sich durch seinen Widerpart Helm selbst als Hackstück nicht aus seiner Behausung vertreiben (siehe Eintrag Absurdes Theater: Sarrazac und Schneilin) – sticht von der Monotonie des ziemlich umfänglichen Restes merkwürdig grell ab.

Herr Paul sagt zu Helm ab und zu „Jüngling“. Helm verwahrt sich gegen den Ausdruck. Herr Paul verspricht Besserung, kann das Versprechen aber nicht immer einhalten.

Tankred Dorst zeichnet mit dem alten Herrn Paul ein facettiertes Bild vom guten Menschen. So duldet zum Beispiel die 13-jährige geistig behinderte Anita Pisulski aus dem Vorderhaus Herrn Paul als einzigen „Fremden“ in ihrer Nähe.

Relationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dem Tankred-Dorst-Zuschauer ist Herr Paul kein Unbekannter. Dieser Verfasser einer Evolutionstheorie[5] kommt – wie oben angedeutet – im „Mosch“ vor. Auch „Auf dem Chimborazo“ ist die Rede von jenem studierten Herrn aus Wuppertal, der sich beharrlich-erfolgreich jeglicher Innovation verschließt. Adele heißt im „Mosch“ die Schwester des Müßiggängers Paul und Helm ist dort der DDR-Flüchtling Arno Frühwaldt. Seine begüterte Tante, auf die sich Helm im „Herrn Paul“ gesprächsweise bezieht, heißt im „Mosch“ Frau Kapellmann. Tankred Dorsts Verwirrspiel geht noch mindestens einen Schritt weiter. Wird der Name Arno Frühwaldt durch Heinrich Merz ersetzt, entsteht eine neue Sicht auf die Wuppertaler „Seifenklitsche“. Dorothea Merz – das ist Heinrichs rheinländische Mutter in den sechs „Deutschen Stücken“ von Tankred Dorst – ist Herrn Pauls Cousine[6]. Langer Rede kurzer Sinn – „Herr Paul“ gehört eigentlich als siebter in die „Deutschen Stücke“.

Inszenierungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörspiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Textausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verwendete Ausgabe, S. 375, dritter Eintrag
  2. Erken im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 368, 7. Z.v.u.
  3. Sich im Irdischen zu üben. Frankfurter Poetikvorlesungen. S. 381–394 in Tankred Dorst. Prosperos Insel und andere Stücke. Mitarbeit Ursula Ehler. Werkausgabe 8.
  4. Verwendete Ausgabe, S. 174, 21. Z.v.o.
  5. Verwendete Ausgabe, S. 186
  6. „Auf dem Chimborazo“, verwendete Ausgabe, S. 593, 15. Z.v.u.
  7. berliner-schauspielschule
  8. Theater Aachen
  9. Theater Witikon
  10. Kulturlotse
  11. HörDat
  12. Erken im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 368 Mitte – S. 369