Hinrich Baller

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Hinrich Baller (* 3. Juli 1936 in Stargard) ist ein Berliner Architekt.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hinrich Baller wuchs in einem Musikerhaushalt auf, seine Mutter war Pianistin. Das führte dazu, dass er sich nach der Beendigung der Schule an der Musikschule in Berlin einschrieb. Doch bald wechselte er auf die Technische Universität Berlin, um Musik und Architektur zu studieren. Nach 20 Semestern erwarb er das Diplom und sah sich nun nach Schaffensmöglichkeiten um. In der Schweiz fand Hinrich Baller einen Gönner, der ihm Bauland auf einem Plateau im Zürcher Oberland bereitstellte. So entstand Ballers erstes selbst entworfenes Haus im Jahr 1966 und prägte nach eigener Aussage seinen naturbezogenen Baustil.[1]

In Berlin wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Bernhard Hermkes.[2] Bei dieser Tätigkeit lernte er seine erste Frau Inken kennen und sie führten zwischen 1967 und 1989 in Berlin ein gemeinsames Architekturbüro. 1989 folgte die Scheidung und Hinrich Baller nahm eine Berufung an die Hochschule für Bildende Künste Hamburg als Hochschullehrer an. Obwohl er also in der Hansestadt unterrichtete, beteiligte er sich stetig an Wettbewerben in Berlin. Seit 1986 arbeitete Hinrich Baller mit der Architektin Doris Piroth zusammen, die er 1989 heiratete. – Bis zu seiner Emeritierung behielt er seine Professur in Hamburg.

Spezieller Baller-Stil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ballers Architektur ist sehr eigenständig und folgt keiner zeitgenössischen Hauptströmung. Sie erinnert in Zügen an den Jugendstil oder die Organische Architektur, stützt sich aber verstärkt auf moderne Konstruktionen, wie Beton, Stahl und Glas. Seine Wurzeln sieht Baller u. a. bei den Architekten Bruno Taut, Bernhard Hermkes und Hans Scharoun. Beschreiben lässt sich der Stil vor allem durch die Wahl organischer freier Formen mit Verzierungen, aufschwingende Balkonlinien, spitze Ecken, schiefe Winkel, tiefe Fenster und Räume, die sich ins Grüne hin öffnen.[3] Darüber hinaus werden fast alle äußeren Metallteile der Bauten in mintgrün (= Farbe von oxidiertem Kupfer) lackiert, alle seine Wohnungen besitzen offene Küchen.[1]

Als einem von wenigen Architekten gelang es Hinrich Baller an einigen Orten, die Berliner Stadtstruktur in ihrer hohen Baudichte und -schwere („steinernes Berlin“) aufzulockern. Er sieht seine Bauten auch als Beitrag des Konzeptes „Biotope City“, das in Großstädten weltweit Naturbereiche einzugliedern versucht. Die ebenso eindrucksvolle Landschafts- und Gartengestaltung vieler Bauten geht oft zurück auf seinen langjährigen Landschaftsarchitekten Raimund Herms.

Realisierte Bauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Baller-Wohnhaus am Winterfeldtplatz
Einkaufszentrum Castello in Berlin-Fennpfuhl
Spreewald-Grundschule in Berlin-Schöneberg

Zu den mehr als 100 realisierten Bauten von Hinrich Baller[1] gehören unter anderem (chronologisch):

In Berlin

  • 1981: Neubau des Philosophischen Instituts (mit Bibliothek) der Freien Universität Berlin an der Habelschwerdter Allee in Berlin-Dahlem (gemeinsam mit Inken Baller)
  • 1981–1985: Brandwandbebauung und Torhäuser Fraenkelufer Berlin-Kreuzberg im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Berlin (IBA)[4]
  • 1988: Doppelstöckige Turn- und Sporthalle für die Oppenheim-Oberschule am Nassen Dreieck, Berlin-Charlottenburg[5]
  • Wassertorplatz in Berlin-Kreuzberg
  • Hortgebäude mit aufgesetzter Sporthalle (später als Lilli-Henoch-Halle bezeichnet) für die Spreewald-Grundschule[6]
    Weil die Umzäunung des Gebäudes bisher eher schmückendes Zierrat im Baller-Stil darstellte, haben sich wegen Leerstand des Gebäudes seit 2017 immer wieder Vandalen und Obdachlose Zugang in das Haus verschafft. Der Leerstand hat seine Ursache in Baumängeln, die seit etwa dem Jahr 2000 bekannt geworden sind: das Dach der Turnhalle ist undicht und die Folgen führten zu einem jahrelangen Rechtsstreit, der den Verursacher klären soll. Laut Architekt ist das Dach mit dem falsch aufgeschäumten Glas die Ursache für eindringende Nässe. Zudem hat das Bezirksamt die Gebäudenutzung ab 2017 untersagt, weil ein zweiter Fluchtweg fehlt und weil Bauprüfungen ergeben haben, dass die Holzkonstruktionen unter den Fenstern marode sind und ausgebessert werden müssen. Das Bezirksamt beruft sich auf die Verantwortung eines Architekten für seinen Bau.[3]
  • 1999: Kindergarten und Wohngebäude am Winterfeldtplatz in Berlin-Schöneberg[5]
  • 1998–2000 (August): Einkaufszentrum Castello mit 200 Wohnungen und einer Gewerbe-Nutzfläche von 5500 Quadratmeter an der Landsberger Allee 171
    Der Bau dieses Wohn-Gewerbebaus hat 85 Millionen DM gekostet.[7] Im Jahr 2015 begann ein schleichender Wegzug von Nutzern, insbesondere gab ein großer Lebensmittelanbieter auf.[8] Bis zum Jahr 2018 nahmen Baumängel zu, sodass seither in kleinen Schritten Reparaturen und Erneuerungen stattfinden. Die Vermietung liegt weit unter 100 Prozent (Herbst 2019).[9]
  • 2000: 144 Wohnungen, ursprünglich für Bundesbedienstete, am Preußenpark in Berlin-Wilmersdorf[5]
  • 2002: Umbau der Rosenhöfe an der Rosenthaler Straße in Berlin-Mitte[10]
  • Wohnhaus in der Krausnickstraße 23 in der Spandauer Vorstadt im Berliner Bezirk Mitte
  • Wohnhäuser Gatower Straße, Berlin-Staaken
  • Wohngebäude in der Schlosstraße, Berlin-Charlottenburg[1]
  • Wohnhaus Potsdamer Straße 101, Berlin-Tiergarten
  • Umbau einer Scheune zum Wohnen[11] Das Gebäude bietet eine Nutzfläche von insgesamt 300 m².

Außerhalb von Berlin

  • 1979, 1980–1982: Wohnsiedlung documenta urbana in Kassel, städtebauliche Planung (gemeinsam mit anderen) und Gebäudeplanung (gemeinsam mit Inken Baller)
  • 1999: Oberursel, ein Wohnhaus mit 38 Wohnungen, gemeinsam von Hinrich Baller, Inken Baller, Volker Kranz, Barbara von Monkiewitsch geplant[12]
  • 1999–2002: Wohnhäuser an der Nuthestraße (stark befahrene Ausfallstraße) in Potsdam, bekannt unter dem Namen Nutheschlange.
    Hier wurden zwei- bis dreigeschossige Reihenhäuser (mit mehr als 200 Wohnungen) im Verbund auf insgesamt 200 Pfähle gesetzt und stehen so teilweise an, teilweise in einem künstlichen Wasserlauf. Seit der Fertigstellung treten immer häufiger gravierende Schäden auf, die auf Ausführungsfehler und/oder auf Planungsfehler zurückgeführt werden. Inzwischen bezeichnet der Bauherr und Verwalter (Pro Potsdam) die Nutheschlange als „totalen Sanierungsfall“, für den mehrere Millionen Euro ausgegeben werden müssten: Dächer werden undicht, Keller nass, Wände feucht oder Fenster blind. Dadurch ist eine hohe Fluktuation zu verzeichnen und das einstige Prestigeobjekt kann nur noch in Teilen oder befristet vermietet werden (alles Stand Anfang 2011).[13][14][15] Wohl erst ab Ende der 2010er Jahre werden die in typischem Baller-Stil (eiserne, grün gestrichene Geländer, Wasser als Dekoelement) errichteten Häuser wieder voll nutzbar sein.[16]
  • Um 1999: Terrassenhaus, am Humboldt-Ring in Potsdam Ost im Bereich der Nuthe-Schlange
    Auch hier gibt es Streit über die Ursache gravierender Baumängel, die laut den Architekten in der Bauausführung liegen. Das Gebäude muss sehr wahrscheinlich abgerissen werden.[17] Im Internet gibt es einen Aufruf zum Unterzeichnen einer Petition an den Potsdamer Bürgermeister, die eine aktive Bürgerbeteiligung im Zusammenhang mit einem möglichen Abriss fordert. Die Unterschriftensammlung ist jedoch bereits beendet (Stand September 2019), eine Entscheidung des Stadtparlaments noch nicht getroffen.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • U. Stark: Hinrich und Inken Baller, IRB zwischwn; 1998.
  • H. Fassbinder in A+U, 12/1986,195: Hinrich and Inken Baller, S. 75–130.
  • Sandra Wagner-Conzelmann (Hrsg.): Das Hansaviertel in Berlin und die Potentiale der Moderne – Wissenschaft und Zeitzeugen im Gespräch, Beiträge der Tagung gleichen Titels in der Akademie der Künste, Berlin, 28.–30. Sept. 2007.
  • Hinrich Baller im Gespräch, Verlag der AdK, Berlin 2008, ISBN 978-3-88331-120-3.

Baller-Gebäude in den Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Beitrag Joshua des Regisseurs Dani Levy in dem Film Deutschland 09 nutzt für entscheidende Szenen das Baller-Haus am Winterfeldtplatz.
  • Das Ramones Museum Berlin befand sich in den Jahren 2008 bis 2017 in dem von Hinrich Baller errichteten Haus in der Krausnickstraße 23.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hinrich Baller – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Interview mit Doris und Hinrich Baller in ihrem Architekturbüro, abgerufen am 17. April 2019.
  2. Schief oder rechtwinklig?, Einladung zu einem Vortrag von Hinrich Baller in Kassel; abgerufen am 17. April 2019.
  3. a b Martin Klesmann: Streit um Räuberleiter. In: Berliner Zeitung, 17. April 2019, S. 15.
  4. Simone Bogner: F-IBA * Block 70: Eckhaus, Torhäuser, Brandwandbebauung,. abgerufen am 17. April 2019.
  5. a b c Stein: Zwischen Gaudí und Hundertwasser…
  6. Foto auf Website der Schule
  7. Michael Brunner: Die widerspenstige Zähmung eines Architekten. Der Tagesspiegel, 22. Juni 2000, abgerufen am 23. September 2019.
  8. Karolina Wrobel: Mehr als ein Einkaufszentrum. Das Castello feiert 15jähriges Jubiläum. Berliner Abendblatt, 3. November 2015, abgerufen am 23. September 2019..
  9. Liste der im Castello eingemieteten Unternehmen, abgerufen am 23. September 2019.
  10. Presseschau, z. B. Nikolaus Bernau: ROSENHÖFE: Der ewige Architekturhippie. In: Berliner Zeitung vom 27. November 2002
  11. Laura Weissmüller: Bums! Der große Raumeffekt, Blick in den zum eigenen Wohnen umgebauten Dachstuhl der Ballers. Auf www.sueddeutsche.de, 1. Juli 2016; abgerufen am 17. April 2019.
  12. Hinrich Baller. Einige Bilder und Kurzinformationen von Ballers Bauten, Teile eines Interviews (posts tagged as #hinrichballer).
  13. Die Nuthe-Schlange – ein teurer Pflegefall: Sanierung kostet die Pro Potsdam Millionen auf www.maz-online.de, 19. August 2013.
  14. Schimmelige Sozialbauten in Potsdam: 36 Wohnungen sind saniert, der Rest wird generalüberholt auf www.maz-online.de, 11. März 2014.
  15. Hinrich und Doris Baller: Gartenparadies Potsdam Nuthesiedlung auf biotope-city.net.
  16. Jan Bosschaardt: Noch nicht alt, aber schon ein undichter Pflegefall. Die 'Nutheschlange' ist immer noch Sorgenkind/ Pro Potsdam erstritt knapp eine Million Euro Regress. In: MAZ, 8./9. Januar 2011, S. 8.
  17. Peter Degener: Architekt stellt Terrassenhaus-Gutachten infrage auf www.maz-onlinde.de; 1. April 2019, abgerufen am 17. April 2019.
  18. Transparenz und bürgernahe Mitbeteiligung vor Gebäudeabriss, abgerufen am 23. September 2019.