Hydroxychloroquin

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Strukturformel
Vereinfachte Strukturformel ohne Stereochemie
Allgemeines
Freiname Hydroxychloroquin
Andere Namen
  • (RS)-2-[{4-[(7-Chlor-4-chinolinyl)amino]pentyl}(ethyl)amino]ethanol
  • (±)-2-[{4-[(7-Chlor-4-chinolinyl)amino]pentyl}(ethyl)amino]ethanol
Summenformel C18H26ClN3O
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 118-42-3
EG-Nummer 204-249-8
ECHA-InfoCard 100.003.864
PubChem 3652
ChemSpider 3526
DrugBank DB01611
Wikidata Q421094
Arzneistoffangaben
ATC-Code

P01BA02

Wirkstoffklasse

Antiprotozoika

Eigenschaften
Molare Masse 335,87 g·mol−1
Schmelzpunkt

89–91 °C[1]

Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [2]

Achtung

H- und P-Sätze H: 302
P: ?
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Hydroxychloroquin ist ein zu Chloroquin analoger Arzneistoff zur oralen Therapie der rheumatoiden Arthritis und von Kollagenosen wie dem systemischen Lupus erythematodes sowie zur Behandlung von und Vorbeugung vor Malaria tropica. Chemisch ist es strukturell mit Chinin verwandt.

Pharmakologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hydroxychloroquin hemmt die Häm-Polymerase der Plasmodien und bindet an DNA. Es wird in Plasmodien in ihre Vakuolen aufgenommen. Hydroxychloroquin hemmt den Lebensabschnitt der Plasmodien in den Erythrozyten. Es ist weniger giftig für die Retina als Chloroquin.[3]

Chloroquin wirkt außerdem als Zink-Ionophor und bewirkt dadurch erhöhte intrazelluläre Zink-Konzentrationen. Zink wiederum wirkt hemmend auf die RNA-Polymerase von Coronaviren.[4][5]

Wie Chloroquin inhibiert Hydroxychloroquin die Autophagozytose.[6]

In pharmazeutischen Zubereitungen wird das Hydroxychloroquin-Sulfat[7], ein kristallines, in Wasser leicht lösliches Pulver,[8] eingesetzt.

Analytik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ähnlich wie Chloroquin kann die Substanz nach angemessener Probenvorbereitung in den unterschiedlichen Untersuchungsmaterialien durch Kopplung der HPLC mit der Massenspektrometrie qualitativ und quantitativ bestimmt werden.[9][10][11] Auch die Dünnschichtchromatographie und Gaschromatographie wurden erfolgreich zur Analytik eingesetzt.[12]

Nebenwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chloroquin- und Hydroxychloroquin-Retinopathie kann als Folge langfristiger Einnahme von Chloroquin oder Hydroxychloroquin auftreten.[13][14]

Unter der Behandlung mit Hydroxychloroquin sind schwere Hypoglykämien – einschließlich Fällen von Bewusstseinsverlust – aufgetreten, die lebensbedrohlich verlaufen können.[15]

Es wurde über Kardiomyopathien berichtet, die zu Herzinsuffizienz führen können, einschließlich Fällen mit tödlichem Ausgang.[15]

Hydroxychloroquin kann zu einer dosisabhängigen Verlängerung des QT-Intervalls führen. Bei Patienten mit Herzvorerkrankungen, oder bei gleichzeitiger Anwendung von Substanzen, die das QT-Intervall verlängern, kann das Risiko für ventrikuläre Arrhythmien erhöht sein.[15]

Eine im November 2020 vorgelegte Überprüfung sieht einen Zusammenhang zwischen der Verwendung chloroquin- oder hydroxychloroquinhaltiger Arzneimittel und dem Risiko für psychiatrische Störungen und suizidalem Verhalten.[16]

Therapeutische und experimentelle Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hydroxychloroquin ist zugelassen zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis und des systemischen Lupus erythematodes (SLE), wobei die Latenz bis zum Wirkbeginn relativ lang ist und die Wirksamkeit geringer als die von Methotrexat ist.[17] Hydroxychloroquin ist etwas besser verträglich als Chloroquin. Beim SLE gehört es zusammen mit den nichtsteroidalen Antiphlogistika zu den Mitteln der 1. Wahl. Es wird zudem in der adjuvanten Behandlung der juvenilen idiopathischen Arthritis verwendet.[17]

COVID-19[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland gibt es keine Zulassung des Medikaments für die Behandlung von COVID-19.

Eine am 7. Mai 2020 in der Fachzeitschrift The New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie des Irving Medical Center in Manhattan[18] kommt zu dem Schluss, dass Hydroxychloroquin bei Covid-19 Erkrankungen weder schadet noch nützt. Das Medikament wurde bei 811 Patienten eingesetzt (Kontrollgruppe: 565 Patienten), was es zur mutmaßlich bislang weltweit größten Behandlungsserie macht. Nach Einschätzung des Deutschen Ärzteblatts werden die Erfahrungen „vermutlich dazu führen, dass Hydroxychloroquin nicht mehr zur Behandlung von COVID-19 eingesetzt wird“.[19]

Die Arbeitsgruppe COVRIIN am Robert-Koch-Institut bewertet die Datenlage mit Stand September 2021 dahingehend, dass kein klinischer Vorteil nachgewiesen sei, es in Studien aber einen Trend zu erhöhter Sterblichkeit gegenüber der Standardtherapie gebe. Seitens des RKI wird vom Einsatz des Medikaments außerhalb von klinischen Studien abgeraten.[20] Die Leitlinie der Fachgruppe zur COVID-Therapie der National Institutes of Health rät (Stand September 2021) von der Behandlung von COVID-Patienten mit Hydroxychloroquin und Chloroquin sowohl bei ambulanten wie auch stationären Patienten ab.[21]

Handelsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monopräparate
Plaquenil (CH), Quensyl (D)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Hydroxychloroquine – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. The Merck Index. An Encyclopaedia of Chemicals, Drugs and Biologicals. 14. Auflage, 2006.
  2. Vorlage:CL Inventory/nicht harmonisiertFür diesen Stoff liegt noch keine harmonisierte Einstufung vor. Wiedergegeben ist eine von einer Selbsteinstufung durch Inverkehrbringer abgeleitete Kennzeichnung von Hydroxychloroquine im Classification and Labelling Inventory der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), abgerufen am 14. Januar 2020.
  3. emedicine.com
  4. Jing Xue, Amanda Moyer, Bing Peng, Jinchang Wu, Bethany N. Hannafon: Chloroquine Is a Zinc Ionophore. In: PLoS ONE. Band 9, Nr. 10, 1. Oktober 2014, S. e109180, doi:10.1371/journal.pone.0109180, PMID 25271834, PMC 4182877 (freier Volltext) – (plos.org [abgerufen am 21. März 2020]).
  5. Aartjan J. W. te Velthuis, Sjoerd H. E. van den Worm, Amy C. Sims, Ralph S. Baric, Eric J. Snijder: Zn2+ Inhibits Coronavirus and Arterivirus RNA-Polymerase Activity In Vitro and Zinc Ionophores Block the Replication of These Viruses in Cell Culture. In: PLOS Pathogens. Band 6, Nr. 11, 11. April 2010, S. e1001176, doi:10.1371/journal.ppat.1001176, PMID 21079686, PMC 2973827 (freier Volltext).
  6. Z. J. Yang, C. E. Chee u. a.: The role of autophagy in cancer: therapeutic implications. In: Molecular cancer therapeutics. Band 10, Nummer 9, September 2011, S. 1533–1541, doi:10.1158/1535-7163.MCT-11-0047, PMID 21878654, PMC 3170456 (freier Volltext) (Review).
  7. Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu Hydroxychloroquinsulfat: CAS-Nummer: 747-36-4, EG-Nummer: 212-019-3, ECHA-InfoCard: 100.010.927, PubChem: 12947, ChemSpider: 12410, DrugBank: DBSALT000096, Wikidata: Q27270879. Summenformel C18H26ClN3O·H2SO4. Molare Masse 434,0 g·mol−1.
  8. EDQM (Hrsg.): European Pharmacopoeia 9.0. Monografie „Hydroxychloroquine sulfate“. 2017, S. 2721 f.
  9. YS Chhonker, RL Sleightholm, J Li, D Oupický, DJ Murry: Simultaneous quantitation of hydroxychloroquine and its metabolites in mouse blood and tissues using LC-ESI-MS/MS: An application for pharmacokinetic studies. In: J Chromatogr B Analyt Technol Biomed Life Sci., 2018 Jan 1;1072, S. 320–327, PMID 29207305.
  10. AK Füzéry, AR Breaud, N Emezienna, S Schools, WA Clarke: A rapid and reliable method for the quantitation of hydroxychloroquine in serum using turbulent flow liquid chromatography-tandem mass spectrometry. In: Clin Chim Acta., 2013 Jun 5,421, S. 79–84, PMID 23485647.
  11. J Yeon Lee, J Lee, S Ki Kwok, J Hyeon Ju, K Su Park, SH Park: Factors Related to Blood Hydroxychloroquine Concentration in Patients With Systemic Lupus Erythematosus. In: Arthritis Care Res (Hoboken), 2017 Apr;69(4), S. 536–542, PMID 27390146.
  12. AV Kemmenoe: An infant fatality due to hydroxychloroquine poisoning. In: J Anal Toxicol., 1990 May-Jun;14(3), S. 186–188, PMID 2374409.
  13. Heimann, Heinrich et al.: Atlas des Augenhintergrundes. Kapitel 7: Makulaerkrankungen, Abschnitt 7.7: Chloroquin- und Hydroxychloroquin-Retinopathie. Thieme, 2010. doi:10.1055/b-0034-40509.
  14. Richard Bergholz: Chloroquin-Makulopathie: Risikofaktoren und Früherkennung. Habilitationsschrift. Medizinische Fakultät Charité - Universitätsmedizin Berlin, November 2017. PDF (PDF; 399 kB)
  15. a b c Fachinformation Quensyl®. Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, April 2019, abgerufen am 24. April 2020.
  16. Hydroxychloroquin und Chloroquin: Psychiatrische Störungen. In: bfarm.de. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 27. November 2020, abgerufen am 29. November 2020.
  17. a b G. Geisslinger et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen. 11. Auflage. WVG, Stuttgart 2019, S. 798.
  18. Neil W. Schluger et al.: Observational Study of Hydroxychloroquine in Hospitalized Patients with Covid-19. In: Massachusetts Medical Society (Hrsg.): New England Journal of Medicine. 7. Mai 2020, ISSN 0028-4793, doi:10.1056/NEJMoa2012410, PMID 32379955, PMC 7224609 (freier Volltext) – (nejm.org [abgerufen am 18. März 2022]).
  19. COVID-19: Hydroxychloroquin erweist sich in Studie erneut als … In: Deutsches Ärzteblatt. 12. Mai 2020, abgerufen am 18. März 2022.
  20. Fachgruppe COVRIIN am Robert-Koch-Institut: Medikamentöse Therapie bei COVID-19 mit Bewertung durch die Fachgruppe COVRIIN am Robert Koch-Institut. Stand: 7. September 2021; doi:10.25646/7743.12, S. 9
  21. COVID-19 Treatment Guidelines Panel: Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Treatment Guidelines. Stand 3. September 2021; covid19treatmentguidelines.nih.gov (PDF; 7,8 MB) abgerufen am 12. September 2021.