COVID-19-Pandemie in der Türkei

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Plakatierungen in den U-Bahn Stationen in Istanbul für die 14 Verhaltensregelungen für die Bekämpfung des neuartigen COVID-19.

Die COVID-19-Pandemie in der Türkei tritt seit März 2020 als regionales Teilgeschehen des weltweiten Ausbruchs der Atemwegserkrankung COVID-19 auf und beruht auf Infektionen mit dem Ende 2019 neu aufgetretenen Virus SARS-CoV-2 aus der Familie der Coronaviren. Die COVID-19-Pandemie breitet sich seit Dezember 2019 von der chinesischen Metropole Wuhan, Provinz Hubei ausgehend aus.[1][2] Ab dem 11. März 2020 stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ausbruchsgeschehen des neuartigen Coronavirus als Pandemie ein.[3]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste Infektionsfall in der Türkei wurde am 11. März 2020 berichtet[4] und der erste Todesfall am 17. März 2020.[5] Am 23. März 2020 berichtete Fahrettin Koca, Gesundheitsminister der Türkei, dass sich das Virus in der gesamten Türkei verbreitet hat.[6]

Mit Stand vom 26. März 2020 waren 3629 Infektionen und 75 Covid-Tote bestätigt.[7]

Am 31. März 2020 lehnte Staatspräsident Erdoğan eine allgemeine Ausgangssperre noch ab. Ekrem İmamoğlu, Bürgermeister von Istanbul, erklärte hingegen: „Istanbul ist einer der am dichtesten besiedelten Orte der Welt. Die Verbreitungsgeschwindigkeit ist sehr schnell. Daher sollte ein Ausgangsverbot beschlossen werden. Wenn wir jetzt nicht mutig sind, kann es morgen schon zu spät sein.“[8]

Am 2. April 2020 gab der türkische Gesundheitsminister Koca mittlerweile 18.135 positiv getestete Menschen bekannt; 356 seien gestorben.[9] Zu den Betroffenen zählten unter anderem Fatih Terim und Rüştü Reçber. Am 4. April 2020 wurde eine Ausgangssperre für alle unter 20-Jährigen verhängt. Eine Ausgangssperre für Personen über 65 sowie für chronisch Kranke trat bereits in Kraft.[10] Am 10. April 2020 verhängte die Regierung eine von Karsamstag bis Ende Ostermontag andauernde Ausgangssperre in 31 türkischen Städten.[11]

Bis zum 15. April 2020 wurden 477.716 COVID-19-Tests durchgeführt.[12]

Am 4. September 2020 gab es laut offiziellen Angaben 20.883 aktive Fälle, 249.108 Genesene und 6564 COVID-Tote (insgesamt 276.555).[13] Während der ersten Infektionswelle stieg die Zahl der Infektionen sehr stark an; die folgenden Daten skizzieren die damals kurzen Verdopplungszeiten: 30. März 10.497, 3. April 20.012, 9. April 42.282, 23. April 80.808, 28. Mai 160.979. Die relativ geringe Zahl der COVID-Toten in Relation zur Gesamtzahl der Infizierten ist der relativ jungen Bevölkerung zugeschrieben worden.

Am 30. September 2020 meldete Gesundheitsminister Fahrettin Koca 318.000 Infektionen seit Beginn der Pandemie, 8195 COVID-Tote und 1391 neu Erkrankte. Dabei räumte er ein, dass in der Türkei seit dem 29. Juli 2020 nur die Zahl von Corona-Erkrankten mit Symptomen gemeldet worden ist.[14][15] Am 11. Oktober kündigte Koca an, die Türkei werde ab dem 15. Oktober auch symptomlose Fälle erfassen und an die WHO melden.[16]

Ende November bis Mitte Dezember wurden täglich mehr als 30.000 Neuinfektionen registriert. Dann sank die Zahl stark (Mitte Januar 2021 waren es etwa 10.000). Anfang März hob die Türkei einen Teil der Corona-Beschränkungen auf. Seitdem steigen die Fallzahlen massiv (am Ostermontag (5. April) den vierten Tag in Folge über 40.000 – siehe unten). In bestimmten Regionen wurden wieder Ausgangssperren am Wochenende und andere Maßnahmen eingeführt. Restaurants und Cafés sollen aber erst zu Beginn des Fastenmonats Ramadan Mitte April wieder geschlossen werden.

Statistik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fallzahlen haben sich laut Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wie folgt entwickelt:

Infektionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bestätigte Infizierte nach Daten der WHO. Oben kumuliert, unten Tageswerte[17][Anm. 1]

Todesfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bestätigte Todesfälle nach Daten der WHO. Oben kumuliert, unten Tageswerte[17][18][Anm. 1]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Hier sind Fälle aufgelistet, die der WHO von nationalen Behörden mitgeteilt wurden. Da es sich um eine sehr dynamische Situation handelt, kann es zu Abweichungen bzw. zeitlichen Verzögerungen zwischen den Fällen der WHO und den Daten nationaler Behörden sowie den Angaben anderer Stellen, etwa der Johns Hopkins University (CSSE), kommen.

Wirtschaft der Türkei im Zuge der Pandemie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bruttoinlandsprodukt der Türkei schrumpfte im zweiten Quartal des Jahres 2020 um 9,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Nach Angaben des türkischen Statistikamts lag die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 2020 elf Prozent unter dem Niveau des ersten Quartals 2020.[19]

Im Tourismus brachen die Besucherzahlen aus dem Ausland in der Türkei im ersten Halbjahr 2020 um 75 Prozent auf 4,51 Millionen ein. Im August waren 25 % aller Türken unter 25 Jahren arbeitslos.[19]

Maßnahmen in der Türkei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über Ostern wurde in vielen türkischen Städten zweitägige Ausgangssperren angeordnet.[20] Eine Woche später wurde eine viertägige Ausgangssperre für die gesamte Türkei ausgesprochen.[20]

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Innenministerium leitete im April Ermittlungen gegen die Bürgermeister von Ankara und Istanbul, Mansur Yavas und Ekrem Imamoglu, beide Mitglieder der Oppositionspartei CHP ein, da sie zu einer Spendenaktion für bedürftige Bürger in der Corona-Krise aufgerufen hatten.[21][20] Mehrere hundert Menschen wurden wegen angeblich provokanter bzw. irreführender Beiträge in sozialen Medien mit Bezug zur Coronapandemie festgenommen.[20]

Im April billigte das türkische Parlament einen Gesetzentwurf zur Freilassung von etwa 90.000 Strafgefangenen aufgrund der Coronavirus-Pandemie.[22] Während für einen Teil der Freigelassenen ihre restliche Haftstrafe ganz oder teilweise aufgehoben wird, soll für andere Freigelassene ein Hausarrest gelten.[22] Menschenrechtsgruppen kritisierten die Gesetz gewordene Maßnahme, weil es politische Gefangene wie bspw. Journalisten und Oppositionspolitiker/innen nicht mit einschließt, dafür aber Sexualstraftäter und Mafiosi freikämen.[22][20]

Türkische Ärzte und deren Berufsorganisationen haben darauf hingewiesen, dass durch die Modalitäten des Meldesystems des Gesundheitsministeriums die tatsächliche Zahl der Infizierten und Verstorbenen deutlich höher ist als die der gemeldeten Fälle. Das System entspreche nicht internationalen Standards und Ärzte und Berufsorganisationen, die eigene Zahlen auf Basis ihrer klinischen Tätigkeit veröffentlichen, würden strafverfolgt.[23] Ebenso kritisierten die Spitzen der türkischen Fachgesellschaft für Thoraxerkrankungen die Regelung der türkischen Regierung, Studien zu COVID-19 nur mit Genehmigung des Gesundheitsministeriums zuzulassen. In einem offenen Brief an die Fachzeitschrift The Lancet beschrieben sie das Vorgehen als einen bisher nie dagewesenen Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit der türkischen Republik.[24]

Internationale Hilfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Länder, die medizinische Versorgung oder Hilfe aus der Türkei erhalten haben

Während der Pandemie leistete die Türkei 34 Ländern medizinische Hilfe bei der Bekämpfung des Coronavirus. Sie schickte Masken, Overalls, Testkits und Desinfektionsgele.[25][26]

Flüchtlingslager während der Corona-Pandemie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zuge des syrischen Bürgerkriegs ließ die türkische Regierung im Februar und März 2020 nach dem Bruch des EU-Türkei-Abkommens die Grenzen für Flüchtlinge nach Griechenland öffnen. Daraufhin schloss Griechenland seine Landgrenzen zur Türkei, sodass die gestrandeten Flüchtlinge nahe der Grenze, noch auf türkischem Territorium, ein Zeltlager errichteten.[27] Nach dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie im März 2020 wurde bei der Stadt Malatya ein aus Containern bestehendes Flüchtlingslager errichtet, in dem vor allem jene Flüchtlinge untergebracht wurden, die zuvor an der türkisch-griechischen Grenze in Zelten ausharrten.[28]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: COVID-19-Pandemie in der Türkei – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Pneumonia of unknown cause – China. Webseite der WHO, 5. Januar 2020, abgerufen am 14. Januar 2020 (englisch).
  2. Lungenärzte im Netz: Covid-19: Ursachen. Online unter www.lungenaerzte-im-netz.de. Abgerufen am 14. April 2020.
  3. Tagesschau: "Tief besorgt". WHO spricht von Corona-Pandemie. 11. März 2020. Online unter www.tagesschau.de. Abgerufen am 14. April 2020.
  4. Turkey confirms first coronavirus patient, recently returned from Europe. Daily Sabah. 11. März 2020. Abgerufen am 11. März 2020.
  5. Son dakika haberler: Sağlık Bakanı Koca açıkladı! Türkiye'de corona virüsü nedeniyle bir kişi hayatını kaybetti (Turkish) In: Hürriyet. 17. März 2020. Abgerufen am 18. März 2020.
  6. Sağlık Bakanı Koca: Son 24 saatte 7 kişi hayatını kaybetti, 293 yeni vaka görüldü. In: Euronews, 23. März 2020. Abgerufen am 24. März 2020. 
  7. Türkiye'de corona virüsten can kaybı 75 oldu. NTV. 26. März 2020. Abgerufen am 26. März 2020.
  8. FOCUS Online: Wachstumskurve steil wie eine Wand! Erdogan kann Corona-Ausbreitung in Türkei nicht stoppen. Abgerufen am 13. April 2020.
  9. (be): Türkei: 18.135 Coronavirus-Fälle, 356 Tote. Abgerufen am 13. April 2020.
  10. Corona-Krise in Frankreich: Ausgangssperre wird deutlich verlängert. 13. April 2020, abgerufen am 13. April 2020.
  11. spiegel.de: Türkei: Panikkäufe in Istanbul nach Ankündigung von zweitägiger Ausgangssperre. Abgerufen am 10. April 2020.
  12. Türkiye'deki Güncel Durum. Abgerufen am 15. April 2020 (türkisch).
  13. https://covid19.saglik.gov.tr (türkisch)
  14. Kritik an türkischer Regierung wegen Umgangs mit Fallzahlen
  15. spiegel.de 15. Oktober 2020: Manipulierte Zahlen und verzweifelte Mediziner
  16. Interview der Zeitung „Hürriyet“, Meldung (15:19)
  17. a b WHO Coronavirus Disease (COVID-19) Dashboard; oben rechts auf der Seite ist ein Link zum Download der Daten im CSV-Format
  18. Coronavirus disease (COVID-2019) situation reports. WHO, abgerufen am 2. Mai 2020 (englisch).
  19. a b DER SPIEGEL: Türkische Wirtschaft erleidet wegen Coronakrise historischen Einbruch - DER SPIEGEL - Wirtschaft. Abgerufen am 31. August 2020.
  20. a b c d e Maximilian Popp, DER SPIEGEL: Recep Tayyip Erdogan versagt in der Corona-Krise - DER SPIEGEL - Politik. Abgerufen am 21. April 2020.
  21. (dpa): Wegen Spendenaktion: Ankara ermittelt gegen Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu. Abgerufen am 21. April 2020.
  22. a b c Mörder und Journalisten bleiben aber eingesperrt. Abgerufen am 21. April 2020.
  23. Sezer Kisa, Adnan Kisa: Under‐reporting of COVID‐19 cases in Turkey. International Journal of Health Planning and Management, 3. August 2020, doi:10.1002/hpm.3031
  24. Hasan Bayram et al.: Interference in scientific research on COVID-19 in Turkey. The Lancet, 15. August 2020 doi:10.1016/S0140-6736(20)31691-3
  25. Turkey uses soft power to extend influence during COVID-19 (en). In: Ahval. Abgerufen am 22. April 2020. 
  26. Caroline Hayek: Face à la crise du Covid-19, la Turquie veut se poser en modèle. In: lorientlejour.com. 14. April 2020, abgerufen am 11. Mai 2020 (französisch).
  27. DER SPIEGEL: Nach Grenzöffnung der Türkei: Griechenland setzt Asylrecht für einen Monat aus - DER SPIEGEL - Politik. Abgerufen am 8. März 2020.
  28. Marion Sendker, Maximilian Popp, Steffen Lüdke, DER SPIEGEL: Flüchtlinge in der Türkei: "Die Welt hat euch vergessen". Abgerufen am 6. April 2020.