Ius gentium

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Ius gentium, lateinisch für „Recht der Völker“, wurden im römischen Recht die Bestimmungen bezeichnet, welche den Umgang mit Ausländern (peregrini) regelten. Im Gegensatz dazu stand das ius civile, das als nationales Recht für die Angehörigen des Römischen Reiches mit Bürgerrecht galt. Die Normierung des ius gentium war dem Umstand geschuldet, dass die Ausländer die lateinische Sprache nicht oder nur unzureichend beherrschten, und daher mit der römischen Formstrenge in Rechtsgeschäften (Obligationen) und im Rechtsstreit (Legisaktionenverfahren) überfordert gewesen wären. Das Nebeneinander der Rechtsschichten von ius civile, ius honorarium und ius gentium wurde Ende des dritten Jahrhunderts durch die diokletianische Gesetzgebung praktisch überwunden.[1][2]

Im gegenwärtigen juristischen Sprachgebrauch steht der Begriff des ius gentium für diejenigen Grundsätze und Normen im Privatrecht und im öffentlichen Recht, die den Rechtssystemen aller Völker gemeinsam sind und deshalb, bereits von Cicero und dann auch von den nachfolgenden Juristen, als „Recht aller Menschen“ oder als Völkergemeinrecht bezeichnet werden. Zum Teil wird der Begriff ius gentium aufgrund seiner sprachlichen Bedeutung auch als Synonym für das Völkerrecht verwendet, auch wenn dieses vor allem zwischenstaatliche Beziehungen regelt. Als ius civile wird demgegenüber heutzutage das Zivilrecht eines bestimmten Landes bezeichnet, das vor allem als kodifiziertes positives Recht in Form von nationalen Gesetzen besteht.

Eine Abgrenzung des ius gentium von dem als ius naturale bezeichneten Naturrecht ist über die Auffassungen des Kirchenlehrers Aurelius Augustinus und des römischen Rechtsgelehrten Ulpian möglich. Augustinus zufolge sei das ius gentium als Recht aller Vernunftwesen zu verstehen. Diese Vernunftwesen können durch den rechten Gebrauch ihrer Vernunft auf dieses Recht kommen. Das Naturrecht hingegen gehört gemäß Ulpian nicht nur dem Menschengeschlecht, sondern allen Lebewesen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Herbert Hausmaninger, Walter Selb: Römisches Privatrecht, Böhlau, Wien 1981 (9. Aufl. 2001) (Böhlau-Studien-Bücher) ISBN 3-205-07171-9, S. 24, 26, 30, 48.
  • Heinrich Honsell: Römisches Recht, 5. Auflage. Springer, Zürich 2001, ISBN 3-540-42455-5, S. 20.
  • Max Kaser: Das Römische Privatrecht. 2. Auflage. C.H. Beck, München/Würzburg 1971, ISBN 3-406-01406-2, § 50, S. 202–205.
  • Fritz Sturm: Ius gentium. Imperialistische Schönfärberei römischer Juristen, in: Römische Jurisprudenz – Dogmatik, Überlieferung, Rezeption / Festschrift für Detlef Liebs zum 75. Geburtstag, hrsg. von Karlheinz Muscheler, Duncker & Humblot, Berlin (= Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen. Neue Folge, Band 63), S. 663–669.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Herbert Hausmaninger, Walter Selb: Römisches Privatrecht, Böhlau, Wien 1981 (9. Aufl. 2001) (Böhlau-Studien-Bücher) ISBN 3-205-07171-9, S. 48.
  2. Fritz Sturm: Ius gentium. Imperialistische Schönfärberei römischer Juristen, in: Römische Jurisprudenz – Dogmatik, Überlieferung, Rezeption / Festschrift für Detlef Liebs zum 75. Geburtstag, hrsg. von Karlheinz Muscheler, Duncker & Humblot, Berlin (= Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen. Neue Folge, Band 63), S. 663–669.