Institutiones Iustiniani

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Die Institutiones Iustiniani (häufig: Institutionen, kurz: Inst. oder I.)[1] sind ein Gesetzeswerk Kaiser Justinians. Sie sind Bestandteil des später so genannten Corpus iuris civilis, zu dem auch der Codex und die Digesten gehören. Ab 535 kamen noch die Novellae hinzu, eine Sammlung des Kaisers von eigenen Einzelgesetzen.[2][3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Institutionen in einer historischen Ausgabe des französischen Juristen und Schriftstellers Joseph-Louis-Elzéar Ortolan

Die Institutionen dienten als vorangestellter einführender Abschnitt in die Schriftensammlung der Digesten. Sie gelten als maßgebliches Lehrbuch des römischen Rechts. Sie bauten auf der Grundlage des im Titel gleichlautenden Anfängerlehrbuchs des hochklassischen Juristen Gaius auf, den so genannten Gaii Institutiones. Daneben finden sich Auszüge aus den Lehrwerken weiterer Juristen,[4] wie Ulpian und Papinian.[5]

Gleichermaßen waren beide Anfängerlehrbücher für die Juristenausbildung. Gleichzeitig verordnete Justinian dem Werk Gesetzeskraft.[6] Das ist auch der Grund dafür, dass die formaljuristisch präzise verfassten Ausführungen gelegentlich von justinianischen Reformgesetzen unterbrochen werden, deren Sprachstil etwas verschachtelt und geschwollen wirkt.[5] Die Verfasser waren zwei römisch-griechische Rechtslehrer (antecessores), die an den Rechtsschulen Berytos und Konstantinopel lehrten, Dorotheos und Theophilos. Das Werk entstand – federführend von Tribonianus[7] vorangetrieben – nach Erscheinen der ersten Fassung des Codex Iustinianus im Jahr 529, aber zeitgleich mit den 533 promulgierten Digesten.[3] Didaktisch deckten die Institutionen das 1. Studienjahr ab, die Digesten führten den Stoff dann für die Studienjahre 2 bis 4 fort.[6] 533 wurde im Annex zum Text eine neue Studienordnung eingeführt.[8]

Das Werk umfasst vier Bücher, diese unterteilt in Sachtitel und Paragraphen. Auffällig anders als in den Digesten, präsentieren sich die Sachtitel textlich durchlaufend gestaltet, ohne Unterbrechung durch Quellenangaben, die an anderer Stelle gesetzt wurden.[9] Die Institutionen werden im Gegensatz zur vierzahligen Zitierweise der Digesten dreizahlig zitiert nach „Buch“, „Titel“ und „Paragraph“, etwa: Inst. 4,3,16.[8]

Die byzantinische Kodifikation Justinians fällt in die Zeit der maximalen Ausdehnung und Blüte Ostroms[10] und sollte die knapp einhundert Jahre zuvor lediglich in Teilen realisierte Gesamtdarstellung des römischen Rechts durch den Codex Theodosianus übertreffen und dabei erstmals zum Gelingen bringen. Anspruch an die und Aufgabe der Institutionen war es, die Prinzipien der Rechtsordnung den Studenten zu vermitteln, was durchaus klassischer Rechtstradition entsprach. Gleichzeitig sollten sie eine Orientierungshilfe für die kompilierten und deshalb nicht einfacher gestalteten Stoffgebiete der Digesten geben, worin es hieß, eine umfangreiche Zusammenstellung von Fragmenten aus Gutachten (responsae oder auch namengebend: digestae), Kommentaren und Lehrwerken bedeutender römischer Juristen aus der Zeit des 1. Jahrhunderts vor Chr. bis Mitte des 3. Jahrhunderts, vornehmlich der Spätklassiker Ulpian und Paulus zu vereinen.[8]

Im November 533 entstanden dabei die elementa (constitutio Imperatoriam maiestatem), ein zeitgemäßes, rundum modernes Lehrwerk. Es war von überholten Gesetzen befreit worden, dafür enthielt es eine Vielzahl von Quellenverweisen.[11] Dieses galt es als autorisiertes Lehrbuch anzuerkennen, weshalb Justinian ein Kommentierungsverbot aussprach.[12] Enthalten waren deshalb auch Reformgesetze des Kaisers.[8] Im möglicherweise zeitgleich, wahrscheinlich aber erst um 556 entstandenen Authenticum erfolgten Übersetzungen der Institutionen vom Lateinischen ins Griechische zunächst wörtlich („kata poda“ – „auf dem Fuß folgend“) was bei juristischen Texten meist konsequent ad verbum geschah,[13] später diktierten sie ihre anmerkenden Erläuterungen dazu (paragraphaí).[14]

Vorläufer des justinianischen Gesetzgebungswerks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spätantike Vorläufer der justinianischen Kodifikation waren die Privatsammlungen des Codex Gregorianus, welcher Konstitutionen von Hadrian bis Diokletian einschloss und der Codex Hermogenianus, der sich allerdings auf die Erlasse Diokletians beschränkte. Juristenrecht (ius) bestand genauso wie Kaisergesetze (leges); beides wurde zusammengestellt und floss gedankeninhaltlich ein. In diesem Zusammenhang hatten vornehmlich die Fragmenta Vaticana und die lex Dei Bedeutung.

Überragend war aber der Einfluss des bereits genannten Codex Theodosianus, denn er prägte nicht nur die Rechtslandschaft ab der Mitte des 5. Jahrhunderts als offizielle Zusammenstellung der Kaisergesetzgebung seit Konstantin, er verfolgte darüber hinaus sogar erstmals den (letztlich gescheiterten) Versuch der Erstellung einer umfassenden Sammlung von Juristen- und Kaiserrecht.

Erläuterungshandschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für den Rechtsunterricht erläutert wurden die Institutionen wohl durch die so genannte Turiner Institutionenglosse, die wohl zwischen 543 und 546 n. Chr. entstanden war.[15]

Textstellen aus den Institutionen tauchten auch in den gegen 900 n. Chr. in Griechisch abgefassten Basiliken auf, entnommen einer griechischen Paraphrase, die auch außerhalb der Überlieferung der Basiliken nahezu vollständig erhalten geblieben ist.[1] Manche Basilikenhandschriften enthalten umfangreiche Randbemerkungen, sogenannte Scholien. Für die Forschung sind sie wertvolle Zeugnisse, denn sie lassen an zahlreichen Stellen Vergleiche zwischen vorjustinianisch-klassischem Recht und den justinianischen Kodifikationen zu. Ohne deren Existenz wäre noch deutlich weniger über die Rechtsentwicklung bis zum Ende 2. Jahrhunderts bekannt.[14]

Entwicklung und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab dem Hochmittelalter und bis tief in das 19. Jahrhundert hinein standen die Institutionen an den europäischen Universitäten sowohl am Anfang als auch am Ende eines Rechtsstudiums.[5] Dafür waren vornehmlich die italienischen Rechtslehrer des 12. und 13. Jahrhunderts, die Glossatoren, verantwortlich. Im Jahr 1240 veröffentlichte Accursius eine Textausgabe des Corpus iuris, die Glossa ordinaria.[14]

Die systematische Methode der Glossatoren bestand darin, in den Grundtext eigene Randanmerkungen zu setzen beziehungsweise Verweise zu machen und dazu Erläuterungen zu geben. Im 14. Jahrhundert wurde dieser Stil aufgegeben. Stattdessen wurden systematische Großkommentare erstellt, deren Verfasser waren die so genannten Kommentatoren. Auch sie hatten das Gesamtwerk im Auge und stimmten die Bedürfnisse der Praxis des römischen Rechts mit dessen Lehren ab. Insbesondere die in Oberitalien wirkenden Rechtslehrer Bartolus und Baldus machten sich einen großen Namen, sodass unter Andauer eines blühenden Wirtschaftsalltags vom mos italicus gesprochen wurde.[14]

Im 16. Jahrhundert traten die Experten der „humanistischen (eleganten) Jurisprudenz“ in Erscheinung, so etwa Jacques Cujas, Hugo Donellus und Dionysius Gothofredus. Sie alle prägten den mos gallicus, einen französischen Rezeptionsstil. Der usus modernus pandectarum bescherte – nachdem mit Ulrich Zasius ein erster Vorläufer des deutsch geprägten gemeinen Rechts gegen 1495 n. Chr. schon mal aufblitzen konnte – der justinianischen Gesetzgebung im 17. und 18. Jahrhundert endlich auch in Deutschland eine Blütezeit. Erste zarte Anzeichen für das Entwicklungspotential von überpositivem Recht konnte genauso wahrgenommen werden wie die sich dagegen stellende Dogmatik der der Pandektistik verpflichteten historischen Rechtsschule.[6] So stand der Codex Maximilianeus Bavaricus Civilis von 1756 noch in der Tradition des usus modernus, wenngleich er vernunftsrechtlich überlagert war. Weit weniger auf dem römischen Recht und viel mehr auf Vernunftsrecht basierte das 1794 kodifizierte preußische Allgemeine Landrecht (ALR), Wegbereiter des Liberalismus und der Aufklärung.[14]

Text und Übersetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jan Dirk Harke: Römisches Recht. Von der klassischen Zeit bis zu den modernen Kodifikationen (= Grundrisse des Rechts.). Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57405-4, § 2 Rnr. 1–4, S. 20–22.
  • Herbert Hausmaninger, Walter Selb: Römisches Privatrecht. Böhlau, Wien u. a. 1981, ISBN 3-205-07171-9, S. 55, (9., völlig neu bearbeitete Auflage. ebenda 2001, ISBN 3-205-99372-1).
  • Heinrich Honsell: Römisches Recht. 5., ergänzte Auflage. Springer, Berlin u. a. 2001, ISBN 3-540-42455-5, S. 17 f.
  • Caroline Humfress: Law and legal practice in the age of Justinian, in: Michael Maas (Hrsg.), The Cambridge Companion to the Age of Justinian, Cambridge 2005, S. 161–184.
  • Wolfgang Kaiser: Authentizität und Geltung spätantiker Kaisergesetze. Studien zu den Sacra privilegia concilii Vizaceni (= Münchener Beiträge zur Papyrusforschung und antiken Rechtsgeschichte. Heft 96). Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-55121-5, S. 251 ff., (Zugleich: München, Universität, Habilitations-Schrift, 2001).
  • Paul Koschaker: Europa und das römische Recht. 4., unveränderte Auflage. Beck, München u. a. 1966.
  • Wolfgang Kunkel, Martin Schermaier: Römische Rechtsgeschichte (= UTB. 2225). 14., durchgesehene Auflage. Böhlau, Köln u. a. 2005, ISBN 3-8252-2225-X, § 11, S. 208–223.
  • Detlef Liebs: Die Jurisprudenz im spätantiken Italien. (260–640 n.Chr.) (= Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen. Neue Folge, Band 8). Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-06157-8, S. 195–220 (Die Rechtsentwicklung der Spätzeit bis auf Justinian).
  • Ulrich Manthe: Geschichte des römischen Rechts (= Beck'sche Reihe. 2132). Beck, München 2000, ISBN 3-406-44732-5, S. 117–122.
  • Franz Wieacker: Privatrechtsgeschichte der Neuzeit. Unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung (= Jurisprudenz in Einzeldarstellungen. Bd. 7, ZDB-ID 501118-8). 2., neubearbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1967.
  • Bastian Zahn: Einführung in die Quellen des römischen Rechts. In: JURA - Juristische Ausbildung, 2015, S. 449.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Wolfgang Kunkel, Martin Schermaier: Römische Rechtsgeschichte. 14., durchgesehene Auflage. 2005, § 11, S. 208–223, hier S. 213.
  2. Corpus Iuris Civilis ist kein zeitgenössischer Begriff, er entstammt der humanistischen Epoche des ausklingenden 16. Jahrhunderts und wurde durch Dionysius Gothofredus im Jahr 1583 geprägt.
  3. a b Jan Dirk Harke: Römisches Recht. Von der klassischen Zeit bis zu den modernen Kodifikationen. 2008, § 2 Rnr. 1–4, S. 20–22.
  4. Zitierte Juristen sind: Gaius Aquilius Gallus, Atilicinus, Gaius Cassius Longinus, entweder Marcus Porcius Cato der Ältere oder aber sein Sohn Marcus Porcius Cato Licinianus, Gaius Trebatius Testa, Servius Sulpicius Rufus, Quintus Mucius Scaevola (Zeit der römischen Republik), Publius Iuventius Celsus, Publius Salvius Iulianus, Marcus Antistius Labeo, Ulpius Marcellus, Aelius Marcianus, Iulius Paulus, Sextus Pomponius, Proculus, Masurius Sabinus, Quintus Cervidius Scaevola (Zeit des Prinzipats)
  5. a b c Okko Behrends, Rolf Knütel, Berthold Kupisch, Hans Hermann Seiler: Corpus Iuris Civilis. Die Institutionen. Text und Übersetzung. 3., überarbeitete Auflage. 2007, Vorworte.
  6. a b c Heinrich Honsell: Römisches Recht. 5., ergänzte Auflage. 2001, S. 17 f.
  7. anfänglich, nämlich in den Jahren 528 und 529, war er als bloßer magister officiorum (Vorsteher der kaiserlichen Kanzleien) beschäftigt, aufgrund seiner hervorstechenden Denk- und Arbeitsweise wurde ihm jedoch das Amt des Quaestor sacri palatii (Justizminister) und die Leitung des Gesetzgebungswerks übertragen.
  8. a b c d Herbert Hausmaninger, Walter Selb: Römisches Privatrecht. 1981, S. 55.
  9. Am Anfang jedes Titels steht der Name des Autors und dahinter die Angabe, aus welcher Schrift dieses Autors nebst Buchs das Exzerpt entnommen ist (inscriptio).
  10. In der Außenpolitik war die Wiedereroberung von Nordafrika und Italien gelungen, und nachdem Theodosius I. die heidnischen Kulte bereits verboten hatte, war mit Justinian im 6. Jahrhundert eine kirchenpolitische Einigung erzielt: das Christentum war endgültig zur Reichskirche geworden (Cäsaropapismus).
  11. George Mousourakis: The historical and Institutional Context of Roman Law. Ashgate, Aldershot 2003, ISBN 0-7546-2108-1, S. 381–410, hier S. 390 f.
  12. Constitutio Tanta 21
  13. Wolfgang Kaiser: Authentizität und Geltung spätantiker Kaisergesetze. Studien zu den Sacra privilegia concilii Vizaceni. 2007, S. 251 ff.
  14. a b c d e Ulrich Manthe: Geschichte des römischen Rechts. 2000, S. 117–122.
  15. Detlef Liebs: Die Jurisprudenz im spätantiken Italien. (260–640 n.Chr.). 1987, S. 195–220.