Institutiones Iustiniani

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Institutiones Iustiniani (häufig: Institutionen, kurz: Inst. oder I.)[1] sind Bestandteil des ursprünglich dreigliedrigen Gesetzgebungswerkes Kaiser Justinians, neben dem auf ihn zurückgehenden Codex und die Digesten. Ab 535 kamen zum später[2] so genannten Corpus iuris civilis noch Einzelgesetze Justinians hinzu, die novellae.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Institutionen in einer historischen Ausgabe des französischen Juristen und Schriftstellers Joseph-Louis-Elzéar Ortolan

Die Institutionen waren ein der Schriftensammlung der Digesten vorangestellter einführender Abschnitt in das Gesamtwerk des später so genannten Corpus Iuris Civilis. Sie gelten als maßgebliches Lehrbuch des römischen Rechts, das auf der Grundlage des im Titel gleichlautenden Anfängerlehrbuchs des hochklassischen Juristen Gaius aufbaute, den sogenannten Gaii Institutiones. Daneben finden sich Auszüge aus den Lehrwerken anderer Juristen,[4] wie Ulpian und Papinian.[5]

Auch die Institutionen dienten als Anfängerlehrbuch. Gleichzeitig kam dem Werk kaiserlich verordnete Gesetzeskraft zu.[6] Aus diesem Grund werden die formaljuristisch präzise verfassten Ausführungen gelegentlich von justinianischen Reformgesetzen unterbrochen, denen ein rhetorisch verschachtelter und geschwollener Sprachstil eigen ist.[5] Verfasser waren zwei römisch-griechische Rechtslehrer (antecessores), die an den Rechtsschulen Berytos und Konstantinopel lehrten, Dorotheos und Theophilos. Das Werk entstand – federführend von Tribonianus[7] vorangetrieben – nach Erscheinen der ersten Fassung des Codex Iustinianus im Jahr 529, aber zeitgleich mit den 533 promulgierten Digesten.[3]

Didaktisch deckten die Institutionen das 1. Studienjahr ab, die Digesten führten den Stoff für die Studienjahre 2 bis 4 fort.[6] 533 wurde im Annex zum Text eine neue Studienordnung eingeführt.[8] Das Werk umfasst vier Bücher, diese unterteilt in Sachtitel und Paragraphen. Auffällig anders als in den Digesten, präsentieren sich die Sachtitel textlich durchlaufend gestaltet, ohne Unterbrechung durch Quellenangaben, die an anderer Stelle gesetzt wurden.[9] Die Institutionen werden im Gegensatz zur vierzahligen Zitierweise der Digesten dreizahlig zitiert nach „Buch“, „Titel“ und „Paragraph“, etwa: Inst. 4,3,16.[8]

Die byzantinische Kodifikation Justinians fällt in die Zeit der maximalen Ausdehnung und Blüte Ostroms[10] und sollte die knapp einhundert Jahre zuvor lediglich in Teilen realisierte Gesamtdarstellung des römischen Rechts durch den Codex Theodosianus übertreffen und dabei erstmals zum Gelingen bringen. Anspruch an die und Aufgabe der Institutionen war es, die Prinzipien der Rechtsordnung den Studenten zu vermitteln, was durchaus klassischer Rechtstradition entsprach. Gleichzeitig sollten sie eine Orientierungshilfe für die kompilierten und deshalb nicht einfacher gestalteten Stoffgebiete der Digesten geben, worin es hieß, eine umfangreiche Zusammenstellung von Fragmenten aus Gutachten (responsae oder auch namengebend: digestae), Kommentaren und Lehrwerken bedeutender römischer Juristen aus der Zeit des 1. Jahrhunderts vor Chr. bis Mitte des 3. Jahrhunderts, vornehmlich der Spätklassiker Ulpian und Paulus zu vereinen.[8]

Im November 533 entstanden dabei die elementa (constitutio Imperatoriam maiestatem), ein zeitgemäßes, rundum modernes Lehrwerk. Es war von überholten Gesetzen befreit worden, dafür enthielt es eine Vielzahl von Quellenverweisen.[11] Dieses galt es als autorisiertes Lehrbuch anzuerkennen, weshalb Justinian ein Kommentierungsverbot aussprach.[12] Enthalten waren deshalb auch Reformgesetze des Kaisers.[8] Im möglicherweise zeitgleich, wahrscheinlich aber erst um 556 entstandenen Authenticum erfolgten Übersetzungen der Institutionen vom Lateinischen ins Griechische zunächst wörtlich („kata poda“ – „auf dem Fuß folgend“) was bei juristischen Texten meist konsequent ad verbum geschah,[13] später diktierten sie ihre anmerkenden Erläuterungen dazu (paragraphaí).[14]

Vorläufer des justinianischen Gesetzgebungswerks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spätantike Vorläufer der justinianischen Kodifikation waren die Privatsammlungen des Codex Gregorianus, der Konstitutionen von Hadrian bis Diokletian umfasste, und der Codex Hermogenianus, der sich auf die Erlasse Diokletians beschränkte. Aber auch die Zusammenstellungen von Juristenrecht (ius) und Kaisergesetzen (leges) flossen gedankeninhaltlich ein. Vornehmlich sind in diesem Zusammenhang die Fragmenta Vaticana und die lex Dei zu nennen. Überragende Bedeutung hatte allerdings der bereits genannte Codex Theodosianus, denn er prägte nicht nur die Rechtslandschaft ab Mitte des 5. Jahrhunderts als offizielle Zusammenstellung der Kaisergesetzgebung seit Konstantin, sondern verfolgte erstmals den (letztlich gescheiterten) Versuch einer umfassenden Sammlung von Juristen- und Kaiserrecht.

Erläuterungshandschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erläuterungen der Institutionen für den Rechtsunterricht lieferte die wohl zwischen 543 und 546 n. Chr. entstandene sogenannte Turiner Institutionenglosse.[15]

Stellen aus den Institutionen tauchten zudem in den erst gegen 900 n. Chr. in Griechisch abgefassten Basiliken auf, entnommen einer griechischen Paraphrase, die auch außerhalb der Überlieferung der Basiliken nahezu vollständig erhalten geblieben ist.[1] Manche Basilikenhandschriften weisen umfangreiche Randbemerkungen auf, sogenannte Scholien. Diese stellen für die Forschung wertvolle Zeugnisse dar, da sie etliche Vergleiche zwischen vorjustinianisch-klassischem Recht und den justinianischen Kodifikationen anstellen und ohne deren Existenz noch deutlich weniger bekannt wäre über die Rechtsentwicklung bis zum Ende 2. Jahrhunderts.[14]

Entwicklung und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem Hochmittelalter bis tief in das 19. Jahrhundert hinein standen die Institutionen an den europäischen Universitäten am Anfang und am Ende des Rechtsstudiums.[5] Verantwortlich waren vornehmlich die italienischen Rechtslehrer des 12. und 13. Jahrhunderts, die Glossatoren. Etwa 1240 veröffentlichte Accursius eine Textausgabe des Corpus iuris, die Glossa ordinaria.[14]

Im 14. Jahrhundert wurde die Methode der Glossatoren mit Randanmerkungen, Verweisen und Erläuterungen am Grundtext zu arbeiten, aufgegeben. Stattdessen wandte man sich dem Prinzip der Erstellung systematischer Großkommentare zu, deren Verfasser die so genannten Kommentatoren waren. Auch sie hatten das Gesamtwerk im Auge und stimmten die Bedürfnisse der Praxis mit den Lehren des römischen Rechts ab. Insbesondere die in Oberitalien wirkenden Rechtslehrer Bartolus und Baldus machten sich einen großen Namen, sodass unter Andauer eines blühenden Wirtschaftslebens vom mos italicus gesprochen wurde.[14]

Im 16. Jahrhundert traten die Experten der „humanistischen (eleganten) Jurisprudenz“ in Erscheinung, so Cujas, Donellus und Gothofredus. Sie prägten den französisch Stil des mos gallicus. Der usus modernus pandectarum bescherte – nachdem ein Vorläufer des deutsch geprägten gemeinen Rechts durch Ulrich Zasius gegen 1495 n. Chr. bereits einmal aufgeblitzt war – der justinianischen Gesetzgebung im 17. und 18. Jahrhundert letztlich auch in Deutschland eine Blütezeit, und erste zarte Anzeichen für die Entwicklung des überpositiven Rechts, der historischen Rechtsschule und der Pandektistik wurden spürbar.[6] So stand der Codex Maximilianeus Bavaricus Civilis von 1756 noch in der Tradition des usus modernus, wenngleich vernunftsrechtlich überlagert. Weit weniger auf dem römischen Recht und viel mehr auf Vernunftsrecht basierte das 1794 kodifizierte preußische Allgemeine Landrecht (ALR), Wegbereiter des Liberalismus und der Aufklärung.[14]

Text und Übersetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jan Dirk Harke: Römisches Recht. Von der klassischen Zeit bis zu den modernen Kodifikationen. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57405-4 (Grundrisse des Rechts), § 2 Rnr. 1–4 (S. 20–22).
  • Herbert Hausmaninger, Walter Selb: Römisches Privatrecht. Böhlau, Wien 1981 (9. Aufl. 2001), ISBN 3-205-07171-9, S. 55.
  • Heinrich Honsell: Römisches Recht. 5. Auflage, Springer, Zürich 2001, ISBN 3-540-42455-5, S. 17 f.
  • Caroline Humfress: Law and legal practice in the age of Justinian, in: Michael Maas (Hrsg.), The Cambridge Companion to the Age of Justinian, Cambridge 2005, S. 161–184.
  • Wolfgang Kaiser: Authentizität und Geltung spätantiker Kaisergesetze (= Münchener Beiträge zur Papyrusforschung und antiken Rechtsgeschichte. Heft 96). Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-55121-5, S. 251 ff.
  • Paul Koschaker: Europa und das römische Recht, 4. Aufl., München und Berlin, C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung 1966.
  • Wolfgang Kunkel, Martin Schermaier: Römische Rechtsgeschichte, 14. Auflage. UTB, Köln/Wien 2005, § 11, S. 208–223.
  • Detlef Liebs: Die Jurisprudenz im spätantiken Italien (260-640 n.Chr.) (= Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen. Neue Folge, Band 8). Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 195–220 (Die Rechtsentwicklung der Spätzeit bis auf Justinian).
  • Ulrich Manthe: Geschichte des römischen Rechts (= Beck'sche Reihe. 2132). Beck, München 2000, ISBN 3-406-44732-5, S. 117–122.
  • Franz Wieacker: Privatrechtsgeschichte der Neuzeit. Unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung (= Jurisprudenz in Einzeldarstellungen. Bd. 7, ZDB-ID 501118-8). 2., neubearbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1967.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Wolfgang Kunkel, Martin Schermaier: Römische Rechtsgeschichte, 14. Auflage. UTB, Köln/Wien 2005, § 11, S. 208–223 (213).
  2. Corpus Iuris Civilis ist kein zeitgenössischer Begriff, er entstammt der humanistischen Epoche des ausklingenden 16. Jahrhunderts und wurde durch Dionysius Gothofredus im Jahr 1583 geprägt.
  3. a b Jan Dirk Harke: Römisches Recht. Von der klassischen Zeit bis zu den modernen Kodifikationen. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57405-4 (Grundrisse des Rechts), § 2 Rnr. 1–4 (S. 20–22).
  4. Zitierte Juristen sind: Gaius Aquilius Gallus, Atilicinus, Gaius Cassius Longinus, entweder Marcus Porcius Cato der Ältere oder aber sein Sohn Marcus Porcius Cato Licinianus, Gaius Trebatius Testa, Servius Sulpicius Rufus, Quintus Mucius Scaevola (Zeit der römischen Republik), Publius Iuventius Celsus, Publius Salvius Iulianus, Marcus Antistius Labeo, Ulpius Marcellus, Aelius Marcianus, Iulius Paulus, Sextus Pomponius, Proculus, Masurius Sabinus, Quintus Cervidius Scaevola (Zeit des Prinzipats)
  5. a b c Okko Behrends, Rolf Knütel, Berthold Kupisch, Hans Hermann Seiler: Corpus Iuris Civilis. Die Institutionen., Text und Übersetzung, 3. Auflage, C.F. Müller Verlag, Heidelberg u.a. 2007, ISBN 078-3-8252-1764-8, Vorworte.
  6. a b c Heinrich Honsell: Römisches Recht. 5. Auflage, Springer, Zürich 2001, ISBN 3-540-42455-5, S. 17 f.
  7. anfänglich, nämlich in den Jahren 528 und 529, war er als bloßer magister officiorum (Vorsteher der kaiserlichen Kanzleien) beschäftigt, aufgrund seiner hervorstechenden Denk- und Arbeitsweise wurde ihm jedoch das Amt des Quaestor sacri palatii (Justizminister) und die Leitung des Gesetzgebungswerks übertragen.
  8. a b c d Herbert Hausmaninger, Walter Selb: Römisches Privatrecht. Böhlau, Wien 1981 (9. Aufl. 2001), ISBN 3-205-07171-9, S. 55.
  9. Am Anfang jedes Titels steht der Name des Autors und dahinter die Angabe, aus welcher Schrift dieses Autors nebst Buchs das Exzerpt entnommen ist (inscriptio).
  10. In der Außenpolitik war die Wiedereroberung von Nordafrika und Italien gelungen, und nachdem Theodosius I. die heidnischen Kulte bereits verboten hatte, war mit Justinian im 6. Jahrhundert eine kirchenpolitische Einigung erzielt: das Christentum war endgültig zur Reichskirche geworden (Cäsaropapismus).
  11. George Mousourakis: The historical and Institutional Context of Roman Law. 2003, ISBN 978-0754621089, S. 381–410 (hier: S. 390 f.).
  12. Constitutio Tanta 21
  13. Wolfgang Kaiser: Authentizität und Geltung spätantiker Kaisergesetze (= Münchener Beiträge zur Papyrusforschung und antiken Rechtsgeschichte. Heft 96). Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-55121-5, S. 251 ff.
  14. a b c d e Ulrich Manthe: Geschichte des römischen Rechts (= Beck'sche Reihe. 2132). Beck, München 2000, ISBN 3-406-44732-5, S. 117–122.
  15. Detlef Liebs: Die Jurisprudenz im spätantiken Italien (260-640 n.Chr.) (= Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen. Neue Folge, Band 8). Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 195–220.