Jürgen Ploog

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Jürgen Ploog (* 9. Januar 1935[1] in München) ist ein deutscher Schriftsteller und Publizist. Er studierte Gebrauchsgraphik und war 33 Jahre lang Linienpilot. Seit 1993 widmet er sich ausschließlich dem Schreiben. Er lebt in Frankfurt und Florida.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sein schriftstellerisches Werk umfasst an die 20 Monografien und über 50 kürzere Arbeiten, vorwiegend in den Organen der Underground-Presse publiziert, unter anderem in der politisch-satirischen Zeitschrift Der Metzger. Es steht ganz im Zeichen der von Brion Gysin „entdeckten“ und von William S. Burroughs weiterentwickelten Cut-up-Technik. Sie dient Ploog als adäquates Ausdrucksmittel für seinen Lebensrhythmus als Langstreckenpilot. Die konstanten Ortswechsel, das verschobene Zeitkontinuum, die Desorientierung und die ständigen Déjà-vus Leben erzeugen dieses Cut-up-Gefühl.

Jürgen Ploogs Werk lässt sich grob in drei Phasen einteilen. Die Frühphase um 1970 ist von stark fragmentierten Cut-ups geprägt, die sich in ihrer Sperrigkeit konventioneller Leserezeption deutlich verweigern. Die zweite Phase, ab Mitte der 70er Jahre, zeichnet sich durch formal gemäßigtere Arbeiten mit loser Episodenstruktur aus, mit der Ploog bis zum heutigen Tag experimentiert. In den 80er Jahren erschließt sich Ploog ein weiteres Schaffensfeld im Essay, in dem er sich im Wesentlichen mit Schreiben und Literatur beschäftigt. Zusammen mit Carl Weissner und Walter Hartmann war er Mitherausgeber der alternativen Literaturzeitschrift Gasolin 23.

Cut-up[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herausragendes Beispiel für Ploogs erste Schaffensphase ist sein Debütroman, Cola-Hinterland, 1969 im Darmstädter Melzer Verlag erschienen. Die Cut-up-Methode wird hier konsequent angewendet. Resultat ist ein stark fragmentierter und offener Text, dessen kausal-chronologische Bezüge weitgehend aufgelöst sind. Skizzenhaft entsteht ein Universum, das Cola-Hinterland, dessen Bewohner durch die verschiedensten Kommunikationsmedien und -kanäle kontrolliert und manipuliert werden. Zwänge, oftmals sexueller Natur, in grotesk-obszönen Szenen exerziert, sind die Folge der medialen Überwachung. Der Text insgesamt wird als Logbuch einer Raumfahrerfigur präsentiert, die als Forschungsreisender durch fremde Welten driftet. Dieser Rahmen legt nahe, Cola-Hinterland auch als Aufzeichnungen einer inneren Reise zu verstehen. Sie hat das Ziel, Bewusstsein unter massenmedialem Bombardement auszuloten. Die Diagnose ist finster: Persönliche Freiheit erscheint unter den medialen Gegebenheiten kaum noch möglich.

Zu den weiteren Cut-up-Veröffentlichungen von Ploog zählen Die Fickmaschine (1970), Sternzeit 23 (1975) und RadarOrient (1976), in denen die in Cola-Hinterland angelegten Themen variiert werden.

Logbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den späteren Texten von Ploog, wie Pacific Boulevard (1977), Nächte in Amnesien (1980) und Der Raumagent (1993) tritt das Cut-up-Verfahren zugunsten einer Episodenstruktur in den Hintergrund. Damit gestaltet Ploog individuelle Wirklichkeitserfahrung und -verarbeitung als fortrankende Wucherung aus Erinnerungen, Erlebnissen, Träumen und Phantasien zu privaten Logbüchern introspektiver Forschungsreisen.

Essays[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Bewusstseinserkundung setzt Ploog auf einer anderen Ebene in seinen Essays fort. Sie kreisen weitestgehend um Literatur und seine Tätigkeit als Schreiber, wie er sich selbst bezeichnet. So nähert sich Ploog in Strassen des Zufalls (1983) dem amerikanischen Schriftsteller William S. Burroughs, der immensen Einfluss auf sein Werk ausübte. In Rückkehr ins Coca & Cola Hinterland (1995) legt Ploog Rechenschaft über das eigene Schreiben ab, das er als Erkundungen eines „Raums hinter den Worten“ begreift. Dahinter stehen Bemühungen um die Erweiterung der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, denen er ausgehend von der Formel Sprache=Bewusstsein auch eine Expansion der geistigen Fähigkeiten zuschreibt.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ploogs Werk ist kultur- und literaturwissenschaftlich selten gewürdigt worden. Zu den Ausnahmen zählen Die Cut-up-Connection (Dokumentarfilm 1998) und Ploog – Tanker (Sammelband, herausgegeben von Florian Vetsch mit Texten von und über Jürgen Ploog 2005). Trotz dieser Bemühungen ist „Jürgen Ploog [...] im deutschsprachigen Literaturbetrieb immer der Fremde geblieben; einer allerdings dem anzunähern sich lohnt.“ (Arne Rautenberg: Im Hinterland der Worte. Jürgen Ploog – Deutschlands letzter Beatnik-Poet. In: Neue Zürcher Zeitung (16. Juli 2005))

Werke (in Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Cola-Hinterland (Darmstadt: Melzer Verlag 1969)
  • Die Fickmaschine. Ein Beitrag zur kybernetischen Erotik (Göttingen: Expanded Media Editions 1970)
  • Sternzeit 23 (Göttingen: Shark Editions/Verlag Udo Breger 1975)
  • RadarOrient (Berlin: Verlag Jakobsohn 1976)
  • Pacific Boulevard (Bonn: Expanded Media Editions 1977)
  • Nächte in Amnesien. Stories (Basel: Sphinx Verlag 1980)
  • Strassen des Zufalls. Über William S. Burroughs & für eine Literatur der 80er Jahre (Bern: Lichtspuren 1983)
  • Facts of Fiction. Essays zur Gegenwartsliteratur (Frankfurt: Paria Verlag 1991)
  • Der Raumagent. Erzählungen (Berlin: Druckhaus Galrev 1993)
  • Rückkehr ins Coca & Cola-Hinterland (Ostheim: Verlag Peter Engstler 1995)
  • Tanker. Texte von & zu Jürgen Ploog. Herausgegeben von Florian Vetsch. (Herdecke: Rohstoff Verlag 2004)
  • Undercover. Episodenroman (Wolfenbüttel: GP German Publishing 2005)
  • Unterwegssein ist alles - Tagebuch Berlin-New York (Aachen/Zürich: [SIC] – Literaturverlag 2011)
  • Word is Virus - Essays. 100 Jahre WSB (Luzern: Der Kollaboratör 2014)
  • Nächte in Amnesien (Molokoprint Verlag 2013-ISBN 978-3-943603-08-8)
  • Radar Orient und tapes von unterwegs 1971-1976 (Molokoprint Verlag 2015-ISBN 978-3-943603-17-0)

Rezensionen (in Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martin Jankowski: Halbschlafphantasien. Jürgen Ploog, der Meister klarer Sätze, führt gekonnt literarische Traditionen fort. In: Junge Welt. 21. Juni 2006.
  • Matthyas Jenny: Cut-up-Autor Jürgen Ploog. In: Basler Magazin. 21. Oktober 1978, S. 11.
  • Matthias Penzel: Hinter den Worten. Eine umfangreiche Textsammlung würdigt den Underground-Literaten Jürgen Ploog. In: Rolling Stone. 01/2005, S. 74–75.
  • Arne Rautenberg: Im Hinterland der Worte. Jürgen Ploog – Deutschlands letzter Beatnik-Poet. In: Neue Zürcher Zeitung. 16. Juli 2005.
  • Mark Tus: Jürgen Ploog – Straßen des Zufalls. In: Frankfurter Rundschau. 4. März 1998, S. 30.
  • Jamal Tuschik: Flaneur im Fluge. Eine Gedenkveranstaltung für Jörg Fauser mit Jürgen Ploog. In: Frankfurter Rundschau. 1. Oktober 1997.
  • Uwe Wandrey: Ozonschild und Underground. Auf Atlantikflug mit LH-Flugkapitän und Autor Jürgen Ploog. In: TAZ. 9. Mai 1992.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Florian Vetsch: Immer hart am Sexus, der Freitag, 9. Januar 2015