Kaisersaal

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Kaisersaal der Neuen Residenz Bamberg

Der Kaisersaal ist ein zentrales Gestaltungselement der Architektur fürstlicher Residenzen im deutschsprachigen Raum. Als größter und am aufwendigsten ausgeschmückter Raum einer fürstlichen Residenz war er, wie schon der Name erkennen lässt, dazu bestimmt, den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches bei einem möglichen Besuch am Hof des Fürsten zu empfangen und ihm eine angemessene Stätte der Repräsentation sowie zur Beratung mit den versammelten Fürsten des Reiches zu bieten. Allerdings hat es Fälle gegeben, in denen ein Fürstensitz und mit ihm der Kaisersaal niemals von einem Kaiser besucht wurde. Dennoch erfüllte der Saal seinen Zweck als architektonischer Höhepunkt der fürstlichen Residenz, der Reichtum und Macht des Fürsten repräsentierte und auch dessen Herrschaft in einem aufwendigen Bildprogramm legitimieren sollte.

Historischer Kontext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gestaltung von Räumlichkeiten für einen „umherziehenden“ Kaiser lässt sich nur im Zusammenhang mit den Machtverhältnissen und dem Selbstverständnis des Reiches verstehen. Nominell war der Kaiser ein Herrscher, dessen Bedeutung gar nicht überschätzt werden konnte. Er war Oberhaupt eines staatenähnlichen Gebildes, das sich zeitweilig von der Nord- und Ostsee bis zur Südspitze Italiens erstreckte, ein vom Papst gekrönter Monarch und der Beschützer der abendländischen Christenheit, auf den zugleich die Tradition des antiken römischen Kaisertums übergegangen war. In der Realität jedoch war der Kaiser bisweilen nahezu machtlos, ein Spielball von Interessengruppen verschiedener Territorialfürsten und häufig einem Papst gegenübergestellt, der auch weltliche Machtbefugnisse für sich beanspruchte. Die Wahl des Königs und designierten Kaisers durch die Kurfürsten gab diesen die Möglichkeit, durch gezielte Wahl eines politisch schwachen Kandidaten die Ausbildung einer Zentralmacht oder eines erblichen Anspruchs auf Königs- und Kaiserwürde dauerhaft zu unterbinden.

Somit konnte der Kaiser keine eigene Hauptstadt als Zentrum seiner Administration und Repräsentation errichten, vielmehr war er ständig auf Reisen, auf der Suche nach Bündnispartnern und um durch persönliche Anwesenheit den eigenen Anspruch als Oberhaupt des Reiches zu untermauern.

Trotz seiner Schwäche stand dem Kaiser jedoch aus oben genannten Gründen der höchste Respekt zu, ein Besuch in einer fürstlichen Residenz war für den örtlichen Herrscher die größte vorstellbare Ehre und machte es erforderlich, Kaiser und Gefolge in einem unübertroffenen architektonischen Rahmen zu empfangen.

Verschiedentlich wird vor allem für die Frühe Neuzeit zwischen Reichssälen und Habsburgersälen unterschieden. Die Kaisersäle der habsburgischen Kaiser in ihren Erblanden haben einen dynastischen, diejenigen in anderen Territorien des Reich einen der Reichsidee entsprechenden Anspruch.[1]

Bauliche und künstlerische Gestaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Decke des Kaisersaals in der Münchener Residenz: Allegorie der Weisheit

Der Kaisersaal war die größte Räumlichkeit einer Residenz und übertraf die übrigen Räume in der Grundfläche um ein Vielfaches und bisweilen auch deutlich in der Höhe. Eine Kaisertreppe gewährte in vielen Fällen einen repräsentativen Zugang. Größe und Prunk der Ausstattung allein waren aber nicht genug: Ein ausgeklügeltes künstlerisches Gestaltungsprogramm sollte den Saal in seiner Rolle als temporärem Regierungssitz des Kaisers kennzeichnen, monarchische Herrschaft, speziell des Kaisers und des lokalen Fürsten, legitimieren, die versammelten Fürsten und den Kaiser jedoch zugleich an ihre Pflichten erinnern. Typisch sind groß dimensionierte allegorische Darstellungen der Tugenden (z. B. in der Residenz München). Das Bildprogramm des Kaisersaals der Neuen Residenz in Bamberg geht so weit, die Weisheit bzw. gerechte Herrschaft als eigentlichen Souverän des Reiches und den Kaiser als deren Gefolgsmann zu zeigen.

Die Fresken Giovanni Domenico Tiepolos, die den Kaisersaal der Würzburger Residenz schmücken, werden derzeit aufwendig restauriert und sollen ab 2009 wieder zu betrachten sein.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaisersaal in der Würzburger Residenz (1737–1752)

Heiliges Römisches Reich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutsches Kaiserreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im weitesten Sinne werden auch einzelne Prachtsäle im zweiten deutschen Reich Kaisersäle genannt. Sie stehen allerdings nur in einem dynastischen Zusammenhang.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Wüst: Reichsidee in der Ikonographie der „Suevia Sacra“. In: Rainer A. Müller (Hrsg.): Bilder des Reiches (= Irseer Schriften). Nr. 4. Sigmaringen 1997, S. 189–220.
  • Johannes Erichsen: Kaisersäle, Kaiserzimmer. Eine kritische Nahsicht. In: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962 bis 1806. Altes Reich und neue Staaten 1495 bis 1806 Essays. Band 2. Sandstein Verlag, Dresden 2006, ISBN 3-937602-63-1, S. 273–287.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johannes Erichsen: Kaisersäle, Kaiserzimmer: Eine kritische Nahsicht. In: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962 bis 1806. Band 2 Altes Reich und neue Staaten 1495 bis 1806 Essays. Sandstein Verlag, Dresden 2006, ISBN 3-937602-63-1, S. 273–287. S. 273.
  2. ein Zeitrafferfilm über die Verschiebung des Berliner Kaisersaals im Zusammenhang mit der Bebauung um den Potsdamer Platz