Karl Ludwig Schneider

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Karl Ludwig Schneider (* 25. September 1919 in Hamburg-Wellingsbüttel; † 9. Juli 1981 in Hamburg) war als Mitglied der Weißen Rose Hamburg im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv, später Mitgründer und verantwortlicher Redakteur der renommierten Studentenzeitschrift Hamburger Akademische Rundschau, ab 1960 ordentlicher Professor für Philologie und Germanistik an der Universität Hamburg sowie Herausgeber mehrerer historisch-kritischer Werkausgaben deutscher Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Ludwig Schneider stammte aus einem Elternhaus, das dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstand. Bereits früh wurde er Mitglied der Bündischen Jugend. Ab 1935 besuchte er die Lichtwarkschule (heute Heinrich-Hertz-Schule) in Hamburg-Winterhude, welche sein Interesse für expressionistische Kunst förderte.

Mitglied der Weißen Rose Hamburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur, das er 1938 ablegte, wurde er noch im selben Jahr zum Reichsarbeitsdienst und dann zur Wehrmacht abkommandiert und nahm am Krieg gegen Polen, Frankreich und Russland teil. Mitte 1940 lernte er in Frankreich Hans Leipelt kennen und befreundete sich mit ihm. Leipelt begann im Herbst 1940 ein Chemiestudium an der Universität Hamburg, wechselte aber im Wintersemester 1941/1942 an die Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er nach der Hinrichtung von Christoph Probst, Hans und Sophie Scholl (1943) die Tätigkeit der Weißen Rose fortsetzte.

Ab dem Wintersemester 1941/1942 studierte Schneider in Hamburg Germanistik, Anglistik und Zeitungswissenschaft. Er besuchte zudem Pädagogik-Vorlesungen von Wilhelm Flitner, wo er auf Heinz Kucharski, Reinhold Meyer, Margaretha Rothe und Albert Suhr traf, die zum Teil, wie Schneider, von der Lichtwark-Schule kamen. Eine weitere Bekannte Schneiders, Traute Lafrenz, ebenfalls Lichtwarkschülerin, studierte in München und hatte engen Kontakt zur „Weißen Rose“. Sie brachte im Spätherbst 1942 das dritte Flugblatt der „Weißen Rose“ mit nach Hamburg, gab es ihrem ehemaligen Schulkameraden Heinz Kucharski, der es umgehend weiter verbreitete, so dass auch Schneider es erhielt. In der Buchhandlung Agentur des Rauhen Hauses am Jungfernstieg trafen sich Schneider, Kucharski, Rothe, Meyer und weitere NS-Gegner, um verbotene Literatur zu lesen. Sie diskutierten über den Nationalsozialismus, Hitler sowie die Sabotageaufrufe der Weißen Rose. Die aufgekommene Idee, die Lombardsbrücke über der Alster zu sprengen, wurde jedoch zugunsten passiven Widerstands aufgegeben. Der Widerstandskreis vervielfältigte die Flugblätter der „Weißen Rose“ und gab sie an Gleichgesinnte weiter.

Krankheitsbedingt aus der Wehrmacht entlassen, setzte Schneider sein Studium zum Wintersemester 1943/1944 an der Universität Freiburg im Breisgau fort. Am 20. November 1943 wurde er (wie bereits ab September fast dreißig weitere Personen aus den Hamburger Widerstandkreisen) von der Gestapo verhaftet und in das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel verlegt. Am 6. Juni 1944 brachte man Schneider in das KZ Neuengamme, später in das Landgerichtsgefängnis nach Stendal. Der Prozess gegen ihn wurde am 20. April 1945 vor dem in Hamburg tagenden Volksgerichtshof eröffnet, Karl Ludwig Schneider war jedoch bereits am 12. April 1945, wenige Tage vor dem Einmarsch der alliierten Truppen in die Stadt, aus der Haft in Stendal befreit worden.

Nach dem Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Kriegsende war Karl Ludwig Schneider als ehemaliger politisch Verfolgter Mitglied des ersten Zentralausschusses Hamburger Studenten, dem Vorläufer des Allgemeiner Studierendenausschuss. Wie bereits in seiner Hamburger Studentenzeit geplant, brachte Schneider zusammen mit seinem Freund Joachim Heitmann in dessen Hansischem Gildenverlag nach Kriegsende die Hamburger Akademische Rundschau heraus, die am 6. Juni 1946 als erste studentische Zeitschrift in der britischen Besatzungszone die Lizenz erhielt. Schneider war bis 1950 verantwortlicher Redakteur, Hans-Joachim Lang sein Vertreter und Hermann Tiemann als Vertreter der akademischen Lehrer das dritte Redaktionsmitglied. Zu den Mitarbeitern der Zeitschrift zählten unter anderem Conrad Ahlers, Jürgen Ponto und Ralf Dahrendorf. Mit Originalbeiträgen von Autoren wie Max Brod, Hermann Broch, Egon Friedell, José Ortega y Gasset, Bertrand Russell, Hermann Hesse und Thomas Mann war die Zeitschrift bald eine der renommiertesten ihrer Art im Nachkriegsdeutschland. Aus dieser Zeit stammt auch die seit Winter 1946/47 bestehende Freundschaft mit dem Schriftsteller Wolfgang Borchert.

1950 schrieb Schneider seine Dissertation über das Thema Der bildhafte Ausdruck in den Dichtungen Georg Heyms, Georg Trakls und Ernst Stadlers. Studien zum lyrischen Sprachstil des deutschen Expressionismus. 1960 habilitierte er mit dem Thema Klopstock und die Erneuerung der deutschen Dichtersprache im 18. Jahrhundert und erhielt eine planmäßige außerordentliche Professur für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Im selben Jahr wurde er Ordinarius für deutsche Philologie und Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg.

1962 war Karl Ludwig Schneider Mitglied der Jury des von der Zeitschrift Stern ausgelobten Deutschen Erzählpreises. Er gehörte zum so genannten „Stimbekhof-Kreis“ und war mit sechs anderen aus diesem Kreis Unterzeichner einer am 4. Dezember 1964 in der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichten „Erklärung der Sieben: Zum Beispiel Bonn“, mit der eine aktive und moralisch-wahrhaftige Auseinandersetzung mit der Rolle der deutschen Universitäten im Nationalsozialismus eingefordert wurde.[1] Beim Germanistentag 1966 in München wurde Schneider in den Vorstand des Verbandes gewählt, dessen neuer Vorsitzender der Stimbekhofianer Karl Heinz Borck wurde.[2] Die teils sehr pauschalen und heftigen Vorwürfe während der Studentenproteste der 1960er Jahre gegen eine NS-Vergangenheit der Professorenschaft trafen Schneider aufgrund seiner Biografie daher persönlich sehr.

Bekannt wurde Schneider zudem als Herausgeber einer Gesamtausgabe der Dichtungen und Schriften von Georg Heym, von der zwischen 1960 und 1968 allerdings nur Teile (Band 1–3; 6/4) im Verlag Heinrich Ellermann in Hamburg erschienen. Zusammen mit Adolf Beck und Hermann Tiemann begründete er eine historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Friedrich Gottlieb Klopstock und der Werke Ernst Stadlers. Letztere wurden fortgesetzt von Klaus Hurlebusch.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl Ludwig Schneider (Hrsg.): Georg Heym – Dichtungen und Schriften. Gesamtausgabe.
Band 1: mit Gunter Martens unter Mithilfe von Klaus Hurlebusch und Dieter Knoth. Lyrik. 1964.
Band 2: mit Curt Schmigelski: Prosa und Dramen. 1962.
Band 3: unter Mithilfe von Paul Raabe und Erwin Loewenson: Tagebücher, Träume und Briefe. 1960.
Band 4 (als Band 6 angekündigt): mit Gerhard Burkhardt unter Mitwirkung von Uwe Wandrey und Dieter Marquardt: Georg Heym. Dokumente zu seinem Leben. Ellermann, Hamburg 1960–1968.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Harald Müller, Joachim Schöberl: Karl Ludwig Schneider und die Hamburger „Weiße Rose“. Ein Beitrag zum Widerstand von Studenten im „Dritten Reich“. In: Eckart Krause, Ludwig Huber, Holger Fischer (Hrsg.): Hochschulalltag im „Dritten Reich“. Die Hamburger Universität 1933–1945. Teil I. Berlin und Hamburg 1991, S. 423–437.
  • Nina Schneider: Hamburger Studenten und Die Weiße Rose. Widerstehen im Nationalsozialismus. Begleitheft zur Ausstellung der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky. Hamburg 2003.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Mann: Zum Beispiel Bonn: Erklärung der Sieben. In: Die Zeit, Nr. 49/1964
  2. Jörg Schönert: Versäumte Lektionen? 1968 und die Germanistik der BRD in ihrer Reformphase 1965–1975. literaturkritik.de, Nr. 8, August 2008