Kernenergie in der Schweiz

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Die Kernenergie trägt rund 37 Prozent zur Gesamtstromerzeugung in der Schweiz bei.[1] Derzeit (Stand: Ende 2019) werden in der Schweiz an drei Standorten vier Reaktorblöcke mit einer installierten Bruttogesamtleistung von 3'095 MW betrieben. Der erste kommerziell genutzte Reaktorblock ging 1969 in Beznau Betrieb.

Liste der Kernreaktoren in der Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Schweiz werden insgesamt vier Kernreaktoren (Beznau 1 und 2, Gösgen, und Leibstadt), 39 % des Stroms wird durch Kernenergie erzeugt, weitere 56,1 % mit Wasserkraftwerken und 4,9 % in konventionell-thermischen Kraftwerken bzw. auf der Basis anderer regenerativer Energien (2008). Überwacht werden sie vom Rat des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (ENSI) der Aufsichtsbehörde für die nukleare Sicherheit und Sicherung der schweizerischen Kernanlagen. Der Rat ist ein «unabhängiges» Gremium, das vom Bundesrat gewählt wird und nur diesem direkt unterstellt ist.

Liste der Kernkraftwerke in der Schweiz (Quelle: IAEA, Stand: November 2018)[2]
Name Block
Reaktortyp Modell Status Netto-
leistung
in MW
Brutto-
leistung
in MW
Baubeginn Erste Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
(geplant)
Abschal-
tung
(geplant)
Einspeisung
in TWh
Beznau 1 DWR WH 2LP In Betrieb 365 380 1968-09-01 01.09.1965 1969-07-17 01.09.1969[3] 1969-12-09 01.09.1969 119,40
2 DWR WH 2LP In Betrieb 365 380 1965-09-01 01.01.1968 1971-10-23 23.10.1971 1972-03-04 04.03.1972 125,74
Gösgen 1 DWR PWR 3 Loop In Betrieb 1010 1060 1973-12-01 01.12.1973 1979-02-02 02.02.1979 1979-11-01 01.11.1979 281,37
Leibstadt 1 SWR BWR-6 In Betrieb 1220 1275 1974-01-01 01.01.1974 1984-05-24 24.05.1984 1984-12-15 15.12.1984 265,95
Mühleberg 1 SWR BWR-4 Stillgelegt 373 390 1967-03-01 01.03.1967 1971-07-01 01.07.1971 1972-11-06 06.11.1972 20.12.2019[4] 116,37

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Schweiz gab es sechs Volksabstimmungen zum Thema Kernenergie.[5]

  • Die erste fand am 18. Februar 1979 statt (Titel: „Volksinitiative «zur Wahrung der Volksrechte und der Sicherheit beim Bau und Betrieb von Atomanlagen»“); 48,8 % stimmten für die Initiative. Sie verfehlte damit knapp die erforderliche Mehrheit.
  • Am 29. September 1984 gab es eine Abstimmung über die Initiative „Für eine Zukunft ohne Kernkraftwerke“ (45 % dafür).
  • Am 23. September 1990 gab es zwei weitere Volksabstimmungen über Kernenergie.
    • Die Initiative „Stoppt den Bau von Kernkraftwerken“, die eine zehnjährige Wartefrist für den Bau neuer Kernkraftwerke vorschlug, war mit 54,5 % erfolgreich.
    • Die Initiative für den Ausstieg bekam 47,1 %, also keine Mehrheit.
  • 2000 wurde ein Referendum über die Einführung einer Ökosteuer durchgeführt, deren Aufkommen in die Förderung der Sonnenenergie fließen sollte. Dieses blieb ebenfalls erfolglos.
  • Zwei weitere Volksentscheide – am 18. Mai 2003 – wurden beide abgelehnt:
    • „Strom ohne Atom“ bat um einen Ausstieg (33,7 % dafür),
    • „Für längere Wartefristen“ sah eine Verlängerung der Wartefristen vor (41,6 % Zustimmung), die beim Referendum „Stoppt den Bau von Kernkraftwerken“ festgelegt worden waren.
  • Die Atomausstiegsinitiative sah die Abschaltung von Kernkraftwerken nach maximal 45 Jahren Betriebszeit vor. Diese wurde am 27. November 2016 mit 54,2 % und Ständemehr abgelehnt.

Die Initiative „Strom ohne Atom“ hatte vorgesehen, bis 2033 alle Kernkraftwerke zu schließen. Hierbei sollte mit den beiden Reaktoren in Beznau begonnen werden; Mühleberg sollte 2005 folgen, Gösgen 2009 und Leibstadt im Jahr 2014. „Für längere Wartefristen“ plante eine Anhebung der Wartefristen um weitere zehn Jahre und zusätzlich eine Bedingung, die aktuellen Reaktoren nach einer Gesamtlaufzeit von vierzig Jahren zu schließen. Um genau diese vierzig Jahre um weitere zehn Jahre zu verlängern, wäre eine erneute Volksabstimmung notwendig. Das Scheitern von „Für längere Wartefristen“ war für viele sehr überraschend, da zuvor durchgeführte Meinungsumfragen eher das Gegenteil voraussagten. Die zum Zeitpunkt des Volksentscheids (Mai 2003) verschlechterte Wirtschaftslage der Schweiz wurde vielfach als Hauptgrund für die Ablehnung beider Initiativen betrachtet.

Da die Kernkraftwerke Beznau und Mühleberg ihre geplante Laufzeit in den nächsten Jahren erreichen werden, wurde über den Neubau zweier neuen Kernkraftwerke nachgedacht. Der Schweizer Energieversorger Atel favorisierte die Standorte Gösgen und Beznau und gab die Gründung einer Planungsgesellschaft für die beiden Anlagen mit einer Leistung von je 1.600 MW bekannt. Am 10. Juni 2008 hatte die Aare-Tessin AG für Elektrizität beim Bundesamt für Energie (BFE) ein Gesuch um eine Rahmenbewilligung für ein zweites Kernkraftwerk in Gösgen eingereicht, das Kernkraftwerk Niederamt heißen sollte. Dieses sollte ab 2025 Strom liefern.[6]

Aufgrund des niedrigen Börsenstrompreises in Europa ist die Ertragslage seit 2012 für die Schweizer Kraftwerksbetreiber generell schwierig; die Axpo Holding und Alpiq Holding schreiben mit ihren Kernkraftwerken Verluste, da die Gestehungskosten je kWh über den zu erzielenden Preisen liegen.

Am 21. Mai 2017 stimmte die Schweizer Bevölkerung der Energiestrategie 2050 mit 58,2 % Ja-Stimmen zu.[7] Dies hat zur Folge, dass der Bau neuer Atomkraftwerke verboten ist. Des Weiteren sollen erneuerbare Energien und die effizientere Nutzung von Energie gefördert werden.

Am 20. Dezember 2019 wurde mit dem Kernkraftwerk Mühleberg das erste kommerzielle Kernkraftwerk der Schweiz endgültig vom Netz genommen.[8]

Atomausstieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 30. November 2008 stimmten 76,4 Prozent der Abstimmenden der Stadt Zürich für einen Ausstieg aus der Kernenergie. In der Gemeindeordnung wird festgehalten, dass die Stadt sich an keinen Neubauten von Atomkraftwerken beteiligen darf und auf neue Bezugsrechte von Atomstrom verzichtet. Die Beteiligung am AKW Gösgen wird 2039 enden.[9]

Am 25. Mai 2011 gab der Schweizer Bundesrat bekannt, dass er sich für einen langfristigen Atomausstieg entschieden hat. Die derzeitigen Atomkraftwerke sollen bis zum Ende ihrer Betriebsdauer bestehen bleiben, danach jedoch nicht ersetzt werden. Das relativ jüngste Atomkraftwerk in Leibstadt würde, bei der Annahme einer Betriebsdauer von 50 Jahren, 2034 abgeschaltet.[10] Im September 2011 stimmte auch der Ständerat dem Ausstiegsbeschluss zu. Auch soll der Bau neuer Kernkraftwerke verboten werden.[11] Näheres siehe Schweizer Energiepolitik.

Die „Dokumentationsstelle Atomfreie Schweiz“[12] möchte ab 2015 den regionalen und nationalen Widerstand gegen AKW dokumentieren; ihr Kurator wird der Schweizer Liedermacher, Anti-Atom-Aktivist und langjährige Geschäftsführer des Trinationalen Atomschutzverband/TRAS und der Initiative Nie wieder Atomkraftwerke/NWA, Aernschd Born.

Eine im November 2015 veröffentlichte Studie der Universität St. Gallen erhob in der Ostschweiz eine Ablehnung von 77 Prozent zum Neubau eines Atomkraftwerks.[13]

Am 18. Dezember 2015 hatte die BKW die Stilllegung des Kernkraftwerks Mühleberg beschlossen. Am 20. Dezember 2019 wurde Mühlenberg endgültig heruntergefahren und befindet sich im Rückbau.[8]

Atommüll[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Bundesbeschluss zum schweizerischen Atomgesetz vom 6. Oktober 1978 wurde die Gültigkeit von Betriebsbewilligungen für Kernkraftwerke nach dem Jahr 1985 vom Nachweis der sicheren Entsorgung abhängig gemacht. Der Bundesbeschluss war befristet bis zum Inkrafttreten eines neuen Atomgesetzes, jedoch längstens bis zum 31. Dezember 1983. Am 18. März 1983 wurde er bis Ende 1990 und am 22. Juni 1990 bis Ende 2000 verlängert. In der Botschaft an das Parlament vom März 2000 wurde die Änderung des Bundesbeschlusses und dessen erneute Verlängerung bis zum 31. Dezember 2010 beantragt und am 6. Oktober 2000 beschlossen.[14]

Die Schweiz hat seit Juni 1999 ein neues Gesetz zur Entsorgung radioaktiver Abfälle. Es legt fest, dass der Erzeuger radioaktiver Abfälle für die dauernde, sichere Entsorgung und Endlagerung bzw. Beseitigung verantwortlich ist.

In der Schweiz ist die Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) von den Verursachern radioaktiver Abfälle beauftragt, Lösungen für die Lagerung des Atommülls zu erarbeiten und zu realisieren. Seit 2001 werden verbrauchte Brennelemente und sonstige radioaktive Abfälle sukzessive ins Zwischenlager in Würenlingen transportiert.

Für die Endlagerung wird gegenwärtig Opalinuston als Wirtsgestein favorisiert. Atomgegner kritisieren als nicht nachvollziehbar, nachdem jahrelang eine Endlagerung in Granitgestein favorisiert wurde. Außerdem sei die Tonschicht sehr dünn und die Folgen von Wärmeentwicklung auf das Gestein nicht ausreichend untersucht.[15]

Im Felslabor Mont Terri wurden Bakterien und (an anderer Stelle) aus dem Meer stammende Salzwasser-Reste im Gestein gefunden, was seine Undurchlässigkeit laut Labor-Direktor Paul Bossart „nach spätestens 100'000 Jahren“ in Frage stellt. Es gibt aber Nuklide im Abfall, die wesentlich länger strahlen.[16]

Folgekosten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine 2016 von SwissNuclear im Auftrag der Kommission für den Stilllegungsfonds und den Entsorgungsfonds durchgeführte Kostenstudie bezifferte die Kosten für die Stilllegung der Kernkraftwerke und die Endlagerung der radioaktiven Abfälle auf 22,8 Mrd. Franken. Eine 2017 durchgeführte Überprüfung dieser Studie durch unabhängige Forscher kam auf eine etwas höhere Summe von 23,5 Mrd. Franken.[17]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Strommix und Energiemix – Energie-Umwelt.ch. Abgerufen am 23. Dezember 2019.
  2. Switzerland. IAEA, abgerufen am 5. November 2018 (englisch).
  3. Beznau ist nicht mehr das älteste AKW der Welt – wie ist das plötzlich möglich? Abgerufen am 13. Januar 2020 (Schweizer Hochdeutsch).
  4. Stilllegungsverfügung für das Kernkraftwerk Mühleberg ist da. BKW Energie, 21. Juni 2018, abgerufen am 7. November 2018.
  5. www.swissvotes.ch
  6. Konkretes Begehren für ein zweites Kernkraftwerk Gösgen. auf: NZZ online. 11. Juni 2008.
  7. Vorlage Nr. 612. Schweizerische Bundeskanzlei, 21. Mai 2017, abgerufen am 21. Mai 2017.
  8. a b Das AKW Mühleberg war einmal. nzz.ch, 20. Dezember 2019, abgerufen am 20. Dezember 2019.
  9. Stadt Zürich macht Ernst mit dem Atomausstieg. Überraschend deutliches Ja zur energiepolitischen Vorlage. In: Neue Zürcher Zeitung. 1. Dezember 2008.
  10. Bundesrat entschliesst Atomausstieg. wirtschaft.ch, 25. Mai 2011, abgerufen am 25. Mai 2011.
  11. Ständerat sagt Ja zum Atomausstieg. In: NZZ. 28. September 2011. Abgerufen am 28. September 2011.
  12. atomfrei.ch
  13. Befragung der Anwohner von möglichen Windparks in der Ostschweiz, Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen, November 2015
  14. die Schweiz verschiebt ihr Atomgesetz seit 30 Jahren (PDF; 36 kB)
  15. www.global2000.at: Atomkraft in der Schweiz (Memento des Originals vom 10. November 2010 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.global2000.at
  16. Magazin der Schweizerischen Energie-Stiftung, Nr. 1, 2010.
  17. AKW-Stilllegung kostet über 23 Milliarden Franken. In: Handelszeitung. Abgerufen am 27. Dezember 2017.