Kohnstein

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Kohnstein
Der Kohnstein aus Richtung Niedersachswerfen (1945)

Der Kohnstein aus Richtung Niedersachswerfen (1945)

Höhe 334,9 m ü. HN
Lage nahe Nordhausen, Landkreis Nordhausen, Thüringen (Deutschland)
Gebirge Harz
Koordinaten 51° 32′ 26″ N, 10° 44′ 6″ O51.54044444444410.735055555556334.9Koordinaten: 51° 32′ 26″ N, 10° 44′ 6″ O
Kohnstein (Thüringen)
Kohnstein

Der Kohnstein ist ein 334,9 m ü. NN[1] hoher Berg im Sulfatkarst des südlichen Harzvorlandes nahe Nordhausen im Landkreis Nordhausen[2] von Thüringen.

Auf dem Kohnstein befand sich eine Wallanlage, und es wurden insbesondere auch Wollnashorn- und Mammutknochen gefunden. Im Berg entstand durch den Gesteinsabbau ein umfangreiches Stollensystem, das zur Zeit des Nationalsozialismus durch KZ-Häftlinge erheblich ausgebaut wurde. Häftlinge des KZ Mittelbau-Dora mussten im so genannten Mittelwerk von Januar 1944 bis zum März 1945 in dem größten untertage gelegenen Rüstungsbetrieb des Zweiten Weltkrieges hauptsächlich die als Vergeltungswaffen bezeichnete Flugbombe Fieseler Fi 103 "V1" und die Großrakete A4 "V2" produzieren.

Geographische Lage[Bearbeiten]

Der Kohnstein liegt im Südharz im Naturpark Südharz. Sein überwiegender Teil mit dem Berggipfel zählt zum Stadtgebiet von Nordhausen, deren Kernstadt etwa 5,5 km südöstlich des Gipfels liegt, ein kleiner Teil im Nordosten zu Niedersachswerfen, einem nordöstlich des Bergs liegenden Ortsteil der Gemeinde Harztor, und ein Stück im Nordwesten zur Stadt Ellrich mit dem Ortsteil Woffleben nordwestlich des Bergs. Der Kohnstein ist Teil des Geoparks Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen.

Geologie[Bearbeiten]

Das aus Gips, Anhydrit, Alabaster und Marienglas bestehende bis zu 200 Meter mächtige Gesteinsvorkommen des Kohnsteins wurde seit dem Mittelalter abgebaut und ab 1860 in Fabriken verarbeitet.[3] Das Gestein entstand im Perm vor 299 bis 251 Mio. Jahren in der von Geologen so genannten Werra-Folge, die in den Oberen und Unteren Werra-Anhydrit sowie das Werra-Salz unterschieden wird.[4] In diesem Berg wurde dieses Gestein abgebaut und wirtschaftlich vor allem für Mörtel und Bausteine verwendet. Gegenwärtig wird es hauptsächlich für die Estrich- und Gipskartonplatten-Herstellung verwertet.

Es finden sich bekannte und typische Karsterscheinungen wie Dolinen, Höhlen, Ponore, Quellen sowie diverse Felsformationen, die in einem Zuge zu erwandern sind.

Bergbau und unterirdisches Treibstofflager[Bearbeiten]

Ab 1917 ließ die Badische Anilin- & Soda-Fabrik (BASF) durch das Ammoniakwerk Merseburg Sulfatgestein im Kohnstein abbauen. Da der Abbau dieser Gesteine Mitte der 1930er Jahre nicht mehr wirtschaftlich rentabel war, schlug die Leitung des Werkes dem Reichswirtschaftsministerium vor, ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen. Die bislang hauptsächlich übertage vorgenommene Förderung des Gesteins sollte auch untertage durch Stollenvortrieb vorangetrieben werden und das daraus entstehende Stollensystem dem Deutschen Reich als unterirdisches Treibstofflager dienen. Dieser Vorschlag wurde durch das Reichswirtschaftsministerium positiv aufgenommen und die Umsetzung desselben der neugegründeten Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft mbH (WiFo) übertragen. Ab dem 16. Juli 1936 wurde durch 250 Fachkräfte mit den Arbeiten für ein Stollensystem begonnen. Bis September 1937 wurden zwei Fahrstollen, die durch zwölf Querstollen verbunden waren, fertiggestellt. Durch dieses Projekt erhielt die WiFo günstig untertage gelegene Lagerflächen und das Werk kostengünstig das abgebaute Gestein, das in Merseburg weiterverarbeitet wurde. Bis zum Herbst 1942 war das Stollensystem provisorisch fertiggestellt. Bereits ab 1938 konnte die WiFo Treibstoffe und andere Chemikalien in den fertigen Bereichen des Stollensystems einlagern. Im Sommer 1943 waren bereits 2500 Arbeitskräfte bei den Bauvorhaben im Kohnstein eingesetzt, darunter auch eine erhebliche Anzahl von Ostarbeitern. Die Bauvorhaben im Kohnstein wurden ständig ergänzt und erweitert.[5]

Unterirdische Raketenfabrik Mittelwerk[Bearbeiten]

Nachdem die Peenemünder Heeresversuchsanstalt in der Nacht vom 17. zum 18. August 1943 durch die Royal Air Force (RAF) bombardiert worden war, beschlossen Adolf Hitler, Rüstungsminister Albert Speer und Reichsführer-SS Heinrich Himmler die Verlagerung der deutschen Raketenproduktion unter Tage und die Errichtung des "Arbeitslagers Dora". Als künftiger Produktionsstandort wurde die bereits existierende Stollenanlage im Kohnstein ausgewählt,[6] die anschließend zu einer unterirdischen Raketenfabrik ausgebaut wurde. Um einen Ausgang am Südhang des Kohnsteins zu schaffen, mussten KZ-Häftlinge zunächst den Fahrstollen A weiter ausbauen. Während der Großteil der Häftlinge des KZs Mittelbau-Dora auch weiter auf Baustellen, insbesondere zum Stollenvortrieb, im und beim Kohnstein eingesetzt war, produzierten die übrigen Häftlinge – nach Einrichtung des benötigten Maschinenparks und Verlegung von Fachpersonal nach Niedersachswerfen – in der Zeit von Januar 1944 bis März 1945 im "Mittelwerk" hauptsächlich Raketen vom Typ "V1" und "V2".[7]

Die Fahrstollen verfügten über einen Gleisanschluss für den Eisenbahnverkehr. Die Gesamtlänge aller Stollen betrug im Mai 1945 etwa 20 Kilometer, insgesamt wurden mindestens 120.000 m² ausgeschachtet bei geplanten 750.000 m².[8] Damit gehört das ehemalige Mittelwerk im Kohnstein noch heute zu den größten unterirdischen Anlagen der Welt.

Während des Lagerbestehens waren im KZ Mittelbau-Dora insgesamt etwa 60.000 Häftlinge inhaftiert, von denen etwa 20.000 aufgrund der inhumanen Arbeits- und Lebensbedingungen starben.[9]

Nach Kriegsende[Bearbeiten]

Heutiger Zugang zum Stollensystem im Kohnstein

Nach der Befreiung des KZ Mittelbau am 11. April 1945 und der Ausschlachtung des Mittelwerks durch die Alliierten plante die sowjetische Militärverwaltung, die am 1. Juli 1945 Thüringen von der US-Armee übernommen hatte, den Kohnstein zu sprengen. Die im Sommer 1948 vorgenommene Sprengung schlug jedoch fehl, daher wurden nur die Stollenzugänge zerstört.[10] Das Stollensystem war bis zur Deutschen Wiedervereinigung verschlossen.[11] Etwa 2 Mio. Tonnen Anhydrit jährlich wurden im Tagebau durch die Leunawerke zur Zeit der DDR abgebaut, was etwa 45 Prozent der damaligen Weltanhydritförderung entsprach. Die Hauptmenge des geförderten Anhydrits wurde für die chemische Industrie (z.B. Schwefelsäure- und Zement-Produktion) und auch zur Herstellung von Baustoffen (z.B. Anhydritbinder bzw. Fließanhydritestrich) verwendet.[12] Ab Ende 1991 wurde ein neuer Zugangsstollen zum Stollensystem angelegt, die Bauarbeiten waren 1994 beendet. Durch Mitarbeiter der Gedenkstätte des KZ Mittelbau-Dora sind seit 1995 Führungen durch einen kleinen Teil des Stollensystems möglich.[13]

Über die Treuhandanstalt kam der Kohnstein am 30. September 1992 in den Besitz der FBM Baustoffwerk Wildgruber GmbH & Co Anhydritwerke KG, Niedersachswerfen. Dabei erwarb Wildgruber nur den Berg, nicht aber das Stollensystem und die darin verbliebenen Überreste des Mittelwerks. Es war geplant, das Tunnelsystem unter Denkmalschutz zu stellen und das darin verbliebene Material (verrostete Raketenteile, etc.) zu inventarisieren. In dem Kaufvertrag wurde auch festgeschrieben, dass Wildgruber beim Anhydritabbau eine Schutzschicht von 50 m zum Stollensystem zu beachten hatte. Dieser Umstand führte zu Konflikten zwischen dem Betrieb, der um die Wirtschaftlichkeit seines Unternehmens besorgt war, und der Denkmalschutzbehörde sowie ehemaligen KZ-Häftlingen, die den Schutz des Stollensystems forderten.[14] Ab 1992 konnte der Unterwasserarchäologe Willi Kramer erstmals im Auftrag des Landes Thüringen provisorisch die Überreste des Mittelwerks im durch Grundwasser überfluteten Stollensystem sichten. Devotionaliensammler und Hobbyarchäologen stahlen zwischen 1993 und 1998 geschätzte 70 Tonnen Material aus dem ehemaligen Mittelwerk. Während dieses Zeitraums hatte der private Bergwerksbetreiber Helmut Wildgruber mit Hinweis auf sein Hausrecht jegliche Forschungstätigkeiten Kramers im Kohnstein untersagt, obwohl die Überreste des Mittelwerks thüringisches Eigentum sind. Seit 2003 ist der Hintereingang zum ehemaligen Mittelwerk versperrt, sodass es kaum noch Plünderungen gibt.[11] Im Dezember 2002 musste das bayerische Unternehmen Wildgruber (WICO) das Gipswerk am Kohnstein schließen. Im Februar 2004 übernahm die Firma Knauf Gips die WICO und damit auch 72 % der Anteile am Steinbruch im Kohnstein.[15]

Tourismus und Wandern[Bearbeiten]

Seit 1366 hatten die Hohnsteiner Grafen am Kohnstein die Schnabelsburg (später Ausflugsgaststätte) errichten lassen. Am Maienkopf gab es ab 1934 eine Freilichtbühne, die 500 Sitzplätze bot. In jüngerer Geschichte führte der Kaiserweg (alte Heerstraße) am Kohnstein entlang, auf dem nun wie auch auf dem vorbeiführenden Karstwanderweg gewandert werden kann. Rund 550 m östlich des Berggipfels und etwa 600 m nordwestlich der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora liegt der Komödienplatz (ca. 300 m ü. NN[1]51.5410.743611111111), auf dem mehrere Wald- und Forstwege aufeinandertreffen und der als Nr. 99[16] in das System der Stempelstellen der Harzer Wandernadel einbezogen ist; der Stempelkasten befindet sich neben einem überdachten Picknickplatz. Auf dem Komödienplatz feierte das 1835 gegründete Nordhäuser Gymnasium Maienfeste; hier führten Schüler auch lateinische Komödien auf[17].

Literatur[Bearbeiten]

  •  Tim Schäfer: Fotos, Fakten, Fanatismus: die Stollen des Mittelwerkes der SS im Kohnstein b. Nordhausen; vom WiFo-Auftrag des RKM-Reichskriegsministeriums & Lager für Reichsmarschall Hermann Göring, über SS-Brigadegeneral Dr.-Ing. Hans Kammler, Rüstungsverlagerung und zur Häftlingshölle des Arbeitslager und KZ Mittelbau-Dora in Nazideutschland (1918–1945). Iffland, Nordhausen-Salza 2005, ISBN 978-3-939357-00-1.
  •  Udo Breger: Der Raketenberg. Kohnstein, Dora und die V2. Peter Engstler, Ostheim/Rhön 1992, ISBN 978-3980177078.
  •  Hilmar Römer: Kleine Kohnsteinfibel. reproFactory, Nordhausen 2010.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kohnstein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Kartendienste des Bundesamtes für Naturschutz (Hinweise)
  2. Landkreis Nordhausen bei Freistaat Thüringen: Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie
  3. Die Karstlandschaft des Landkreises Nordhausen, auf karstwanderweg.de, abgerufen am 22. Dezember 2009
  4. Veröffentlichung des Fachbereichs Geologie an der Fu-Berlin über die Werra-Folge, abgerufen am 22. Dezember 2009
  5. Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes: Das KZ Mittelbau-Dora, Göttingen 2001, S. 146ff.
  6. Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945, Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 32f.
  7. Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945, Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 45ff.
  8. Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes: Das KZ Mittelbau-Dora, Göttingen 2001, S. 288
  9. Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945, Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 7
  10. Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945, Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 152f.
  11. a b Sebastian Christ: Spuren der Geschichte – Überreste eines Mordregimes, in: Der Spiegel Special, Ausgabe 3/2005 vom 9. Mai 2005
  12. F.Kaminski, G.Lungwitz: Einsatzmöglichkeiten von Anhydrit im Bauwesen, Studie; Bauakademie der DDR, Institut für Baustoffe; Berlin 1984
  13. Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945, Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 3180
  14. Hans Wagner: „Mittelbau-Dora“ – Tod in der Tiefe, in: Focus, Ausgabe 29 vom 19. Juli 1993, S. 36
  15. Aktuell: "Gipsmarkt-Nachrichten"
  16. Harzer Wandernadel: Stempelstelle 99 – Komödienplatz auf harzer-wandernadel.de
  17. Foto einer Infotafel auf jensunterwegs.de