Kohnstein

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Berg in Thüringen. Zu anderen Bedeutungen siehe Konstein.
Kohnstein
Der Kohnstein aus Richtung Niedersachswerfen (1945)

Der Kohnstein aus Richtung Niedersachswerfen (1945)

Höhe 334,9 m ü. NHN [1]
Lage nahe Nordhausen; Landkreis Nordhausen, Thüringen (Deutschland)
Gebirge Harz
Koordinaten 51° 32′ 26″ N, 10° 44′ 6″ OKoordinaten: 51° 32′ 26″ N, 10° 44′ 6″ O
Kohnstein (Thüringen)
Kohnstein

Der Kohnstein ist ein 334,9 m ü. NHN[1] hoher Berg im Sulfatkarst des südlichen Harzvorlandes nahe Nordhausen im Landkreis Nordhausen[2] in Thüringen.

Im Berg entstand durch den Gesteinsabbau ein umfangreiches Stollensystem, das während des Zweiten Weltkriegs durch Häftlinge des nahen KZ Mittelbau-Dora zur Produktionsstätte Mittelwerk für Rüstungsgüter umgebaut und erheblich erweitert wurde.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kohnstein liegt im Südharz im Naturpark Südharz. Sein überwiegender Teil mit dem Berggipfel zählt zum Ortsteil Salza (Stadt Nordhausen), ein kleiner Teil im Nordosten zu Niedersachswerfen, einem nordöstlich des Bergs liegenden Ortsteil der Gemeinde Harztor, und ein Stück im Nordwesten zur Stadt Ellrich mit dem Ortsteil Woffleben nordwestlich des Bergs. Der Kohnstein ist Teil des Geoparks Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen. Nordöstlich bis östlich vorbei am Berg fließt die Zorge, die hier die Bere aufnimmt. Am Fuße des Kohnsteinmassivs liegt der Hirschenteich, ein künstlich angestauter Weiher.

Naturräumliche Zuordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kohnstein liegt in der naturräumlichen Haupteinheitengruppe Thüringer Becken (mit Randplatten) (Nr. 48) auf der Grenze der Untereinheiten Liebenroder Hügelland (484.0) im Süden, die zur Haupteinheit Nordthüringer Hügelland (484) gehört, und Walkenrieder Zechsteinhügelland (485.0) im Norden, die zur Haupteinheit Südharzer Zechsteingürtel (485) zählt. Die Landschaft fällt nach Norden in den Westzipfel des zur Untereinheit Talfluren der südlichen Harzflüsse (485.3) gehörenden Naturraums Beretal (485.31) ab.[3]

Geologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anhydrit-Geröll am Fuße des Kohnstein

Das aus Gips, Anhydrit, Alabaster und Marienglas bestehende bis zu 200 Meter mächtige Gesteinsvorkommen des Kohnsteins wurde seit dem Mittelalter abgebaut und ab 1860 in Fabriken verarbeitet.[4] Das Gestein entstand im Perm vor 299 bis 251 Mio. Jahren in der von Geologen sogenannten Werra-Folge, die in den Oberen und Unteren Werra-Anhydrit sowie das Werra-Salz unterschieden wird.[5] In diesem Berg wurde dieses Gestein abgebaut und wirtschaftlich vor allem für Mörtel und Bausteine verwendet. Gegenwärtig wird es hauptsächlich für die Estrich- und Gipskartonplatten-Herstellung verwertet.

Es finden sich bekannte und typische Karsterscheinungen wie Dolinen, Höhlen, Ponore, Quellen sowie diverse Felsformationen, die in einem Zuge zu erwandern sind.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit der Jungsteinzeit siedelten Menschen im Tal der Zorge und nutzten den Kohnstein mit seinen steil zum Tal abfallenden Hängen als natürlich geschützten Platz. Auf dem Kohnstein wurden insbesondere auch Wollnashorn- und Mammutknochen gefunden.

In der Hallstattzeit wurde auf der Hochfläche mit dem Bau einer Wallburg begonnen, doch noch vor der Fertigstellung wurde die Anlage durch Feuer zerstört. Inzwischen hat der Tagebaubetrieb die Fläche der einstigen Wallburg restlos abgetragen.[6][7]

Ab 1366 ließen die Hohnsteiner Grafen am Kohnstein die Schnabelsburg errichten.

Anhydrit-Abbau am Kohnstein

Ab 1917 ließ die Badische Anilin- & Soda-Fabrik (BASF) durch das Ammoniakwerk Merseburg Sulfatgestein im Kohnstein abbauen. Als der hauptsächlich übertage vorgenommene Abbau dieser Gesteine Mitte der 1930er Jahre nicht mehr wirtschaftlich rentabel war, wurde die Förderung des Gesteins auch untertage vorangetrieben. Die daraus entstehende Stollenanlage im Kohnstein sollte dem Deutschen Reich in der Zeit des Nationalsozialismus als unterirdisches Treibstofflager dienen. Die Arbeiten am Treibstofflager begannen im Juli 1936 und wurden bis Sommer 1943 fortgesetzt.[8]

Nach der Bombardierung der Heeresversuchsanstalt Peenemünde im August 1943 fiel die Entscheidung, die Produktion der V2-Rakete sowie der V1-Flugbombe von Peenemünde unter Tage zu verlagern. Als künftiger Standort wurde die bereits existierende Stollenanlage im Kohnstein ausgewählt,[9] die anschließend durch Häftlinge des in der Nähe angelegten KZ Mittelbau-Dora zur Produktionsstätte für Rüstungsgüter umgebaut und erheblich erweitert wurde. In der Zeit von Januar 1944 bis März 1945 wurden im Mittelwerk hauptsächlich Vergeltungswaffen-Flugkörper vom Typ V1 und V2 produziert.[10] Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora wurde das Gebiet des Kohnsteins zunächst von amerikanischen Truppen besetzt und am 1. Juli 1945 in sowjetische Militärverwaltung übernommen, welche im Sommer 1947 die Stollenzugänge zerstören ließ.[11] Das Stollensystem war bis zur Deutschen Wiedervereinigung für Besucher verschlossen.[12]

Zur Zeit der DDR wurden durch die Leunawerke am Kohnstein etwa 2 Mio. Tonnen Anhydrit jährlich im Tagebau abgebaut, was etwa 45 Prozent der damaligen Weltanhydritförderung entsprach. Die Hauptmenge des geförderten Anhydrits wurde für die chemische Industrie (z.B. Schwefelsäure- und Zement-Produktion) und auch zur Herstellung von Baustoffen (z.B. Anhydritbinder bzw. Fließanhydritestrich) verwendet.[13]

Über die Treuhandanstalt kam der Kohnstein am 30. September 1992 in den Besitz des privaten bayerischen Bergwerksunternehmens Wildgruber (WICO), das die Anhydritvorkommen durch die FBM Baustoffwerk Wildgruber GmbH & Co Anhydritwerke KG mit Sitz in Niedersachswerfen ausbeuten ließ. Dabei erwarb Wildgruber nur den Berg, nicht aber das Stollensystem und die darin verbliebenen Überreste des Mittelwerks, was in den folgenden Jahren wiederholt zu Konflikten zwischen Unternehmen und Denkmalschützern führte. Im Dezember 2002 musste Wildgruber das Gipswerk am Kohnstein schließen. Im Februar 2004 übernahm die Firma Knauf Gips die WICO und damit auch 72 % der Anteile am Steinbruch im Kohnstein.[14]

Tourismus und Wandern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heutiger Zugang zum Stollensystem im Kohnstein

Am Kohnstein entlang führte der Kaiserweg (alte Heerstraße), auf dem nun wie auch auf dem vorbeiführenden Karstwanderweg gewandert werden kann. Bei der Schnabelsburg existierte lange Zeit eine populäre Ausflugsgaststätte. Am Maienkopf gab es ab 1934 eine Freilichtbühne, die 500 Sitzplätze bot.

Ab Ende 1991 wurde im Zuge der Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora ein neuer Zugangsstollen zur Stollenanlage im Kohnstein angelegt. Durch Mitarbeiter der Gedenkstätte sind seit 1995 Führungen durch einen kleinen Teil des Stollensystems möglich.[15]

Der Hirschenteich südlich des Kohnsteins

Etwa 600 m nordwestlich der KZ-Gedenkstätte und rund 550 m östlich des Berggipfels treffen mehrere Wald- und Forstwege auf dem Komödienplatz (; ca. 300 m ü. NHN),[1] aufeinander. Hier feierte das 1835 gegründete Realgymnasium des Nordhäuser Wilhelm-von-Humboldt-Gymnasiums Maienfeste und führten Schüler auch lateinische Komödien auf.[16] Der Komödienplatz war bis 2016 als Nr. 99[17] in das System der Stempelstellen der Harzer Wandernadel einbezogen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tim Schäfer: Fotos, Fakten, Fanatismus: die Stollen des Mittelwerkes der SS im Kohnstein b. Nordhausen; vom WiFo-Auftrag des RKM-Reichskriegsministeriums & Lager für Reichsmarschall Hermann Göring, über SS-Brigadegeneral Dr.-Ing. Hans Kammler, Rüstungsverlagerung und zur Häftlingshölle des Arbeitslager und KZ Mittelbau-Dora in Nazideutschland (1918–1945). Iffland, Nordhausen-Salza 2005, ISBN 978-3-939357-00-1.
  • Udo Breger: Der Raketenberg. Kohnstein, Dora und die V2. Peter Engstler, Ostheim/Rhön 1992, ISBN 978-3-9801770-7-8.
  • Hilmar Römer: Kleine Kohnsteinfibel. reproFactory, Nordhausen 2010.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kohnstein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Kartendienste des Bundesamtes für Naturschutz (Hinweise)
  2. Landkreis Nordhausen, bei Freistaat Thüringen: Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie
  3. Jürgen Spönemann: Geographische Landesaufnahme: Die naturräumlichen Einheiten auf Blatt 100 Halberstadt. Bundesanstalt für Landeskunde, Bad Godesberg 1970. → Online-Karte (PDF; 4,7 MB)
  4. Die Karstlandschaft des Landkreises Nordhausen, auf karstwanderweg.de, abgerufen am 22. Dezember 2009
  5. Werra-Folge (Memento vom 4. September 2012 im Webarchiv archive.is), in: Gesteine (Veröffentlichung des Fachbereichs Geologie an der Fu-Berlin), vom 22. Dezember 2009
  6. Hilmar Römer: Bodendenkmale in und Niedersachswerfen. In: Meyenburg-Museum (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt und Kreis Nordhausen. Heft 12. Nordhausen 1987, S. 32.
  7. Michael Köhler: Thüringer Burgen und befestigte vor- und frühgeschichtliche Wohnplätze. Jenzig-Verlag, Jena 2001, ISBN 3-910141-43-9, S. 98, 161.
  8. Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes: Das KZ Mittelbau-Dora, Göttingen 2001, S. 146ff.
  9. Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945, Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 32f.
  10. Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945, Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 45ff.
  11. Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945, Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 152f.
  12. Sebastian Christ: Spuren der Geschichte – Überreste eines Mordregimes, in: Der Spiegel Special, Ausgabe 3/2005 vom 9. Mai 2005
  13. F.Kaminski, G.Lungwitz: Einsatzmöglichkeiten von Anhydrit im Bauwesen, Studie; Bauakademie der DDR, Institut für Baustoffe; Berlin 1984
  14. Aktuell: Gipsmarkt-Nachrichten, auf naturschatz.org
  15. Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945, Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 3180
  16. Foto einer Infotafel zum Komödienplatz, auf jensunterwegs.de
  17. Harzer Wandernadel: Veränderte Stempelstellen seit 16.04.2016, auf harzer-wandernadel.de;
    siehe hierzu auch ehemalige Stempelstelle 99 – Komödienplatz (Memento vom 6. Februar 2013 im Webarchiv archive.is), aus harzer-wandernadel.de